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Full text of "Die Krankheiten des Herzens systematisch bearbeitet und durch eigne Beobachtungen erläutert (Volume 1)"

VVfe 



K 




THE 

ABNER WELLBORN CALHOUN 

MEDICAL LIBRARY 

1923 




Class 



Book. 



PRESENTED BY 



"\{/ 



I? i e 

Krankheiten des Herzens 

systematisch bearbeitet 

und f 

durch eigne Beobachtungen erläutert 

t o n 

D. Friedrich Ludwig Krcysig, 

K.önigl. Sächsischem Leibarzt und Hofrath, der Leipziger Ökonom, 

Societär, der Kaiserl. naturforschenden Gesellschaft zu Moscovy und 

der physikalisch -medizinischen zu Erlangen Mitgliede. 



• Erster allgemeiner Theil 
welcher die Pathologie und Diagnostik enthält. 



Berlin i 8 i 4> 

in der Maurerschen Buchhandlung«. 

Poststralse Nro. ag. ( , 



Man wird vielleicht sagen: man kann in der Kenntnifs der 
Krankheiten des Herzens ein Laye seyn, ohne dafs daraus Gefahr für 
die Kranken erwächst. Aus den genauesten Forschungen über 
diese Uebel sind allerdings noch keine Heilmittel dagegen als Re- 
hat hervorgegangen. Indefs sind diese Versuche nicht ohne Nu- 
tzen gewesen. Für fiele von den Uebeln, denen das Herz unter- 
worfen ist, giebt es Heilraittel, welche Linderung geben und sie 
erleichtern, oder auch die Fortschritte derselben aufhalten. Ue- 
brigens ist es schmachroll, die Krankheiten irgend eines Theils 
nicht zu kennen ; kennt man sie nicht, so wird man über unzäh- 
lige Fälle unbesonnen und verkehrt urtheilen ; rcan wird die Kran- 
ken durch schädliche oder unnütze Mittel ermatten; man wird den 
todlichen Ausgang derselben beschleunigen, indem man sie wie an- 
dre wesentlich verschiedene behandelt} man wird Gefahr laufen, 
durch Leichenöffnungen zu Schanden zu werden; man wird end- 
lich die Gefahr für noch fern erklären, wenn sie schon vor der 
Thüre ist. 

Senac sur la structure du Coeur, 
£. IV. Chäp. VII. §• 3« f. 39a. 



Vorbericht nebßt Inhaltsanzeige. 



• 



I Jie Lehre von den Krankheiten des Herzens 
ist noch im höchsten Grade verworren. Es wird 
davon äußerst wenig in den Schulen gelehrt und 
der gröfste Theil der praktischen Aerzte kennt 
sie weder in Hinsicht auf Diagnostik, noch in 
Betracht ihrer Natur und Wichtigkeit. Es sind 
zwar viele Beobachtungen darüber bekannt ge- 
macht worden und mehrere Schriftsteller haben sich 
besonders in den neuesten Zeiten nach Senac vor- 
zugsweise mit ihnen beschäftigt; siehaben auch in 
der That höchst schätzbare Entdeckungen darüber 
mitgetheilt, welche theik die Diagnostik, theils die 



— iv — 

pathologische Anatomie, theils die eigentliche 
Krankheitslehre betreffen, Niemand kann die 
Verdienste eines Gorvisart, Testa und Burns um 
die Aufklärung dieser Krankheitsfamilie höher 
achten und anerkennen als der Verfasser, wel- 
cher seit 20 Jahren sich bemüht hat, diese Krank- 
heiten sorgfältig zu beobachten und ihnen sein 
Nachdenken zu widmen, nachdem er entdeckt 
hatte, dafs sie sehr häufig vorkommen, dafs sie 
auf andre zufällige Krankheiten einen so mächti- 
gen Einflufs haben, dafs clie besten Schriftsteller 
darüber noch immer in den wichtigsten Theilen 
derselben die Wifsbegierde unbefriedigt lassen. 
Die Gründe nun, welche den Verfasser bestimm- 
ten, nach so ehrwürdigen Vorgängern es zu wa- 
gen, die Hand an das Werk zu legen und diesen 
Gegenstand ebenfalls zu bearbeiten, liegen theils 
in der Idee, welche ihm schon längst von einem 
Plane vorschwebte, nach welchem diese Krank- 
heiten bearbeitet werden müfsten, wenn die Ver- 
wirrung der Begriffe, und der Widerspruch der 
Meinungen über einzelne gehoben und umgekehrt 
Klarheit, Ordnung und Zusammenhang in die 
Kunde derselben gebracht werden solle; theils in 
der Auffindung der Ursachen, welche, nach des 
Verfassers Ueberzeugung die Fortschritte in der 



nähern Kenntnifs dieser Krankheiten aufgehalten 
haben. Der Hauptgrund davon ist nämlich kein 
anderer, als dafs alle bisherige Schriftsteller nur 
zusammengereihte Beobachtungen über die Herz- 
krankheiten in der Form eines Systems, aber kein 
System der Kunde yon den Herzkrankheiten uns 
mittheilten, und so zwar schätzbare Bemerkungen 
über einzelne Gruppen und "Formen derselben 
aufstellten, aber doch keineswegs den innern Zu- 
sammenhang der verschiedenen Arten von abnor- 
nen Verhältnissen des Herzens unter sich und mit den 
Krankheiten aller andern Theile betrachteten, kurz, 
dafs sie diese Krankheiten nicht in ihrer Gesammtheit 
aufgriffen, das Gemeinschaftliche aller und das 
Besondre einzelner absonderten, eben so wenig 
aber das eigenthümliche Verhältnifs des Herzens 
zu dem ganzen Körper und zu den einzelnen Sy- 
stemen und Organen desselben, namentlich zu 
dem System der Blutgefäfse und der Nerven, fer- 
ner zu den Lungen, der Haut und den Eingewei- 
den des Unterleibes, und umgekehrt das Verhält- 
nifs dieser Systeme und Organe zu dem Herzen 
auffafsten. Die erste Folge davon mufste seyn, 
dafs sie die eigentlichen charakteristischen Sym- 
ptome der Herzkrankheiten schon nicht scharf 
genug beobachteten, und ähnlich scheinende, aber 



in Hinsicht ihrer Natur und äufseren Criterien 
gar sehr verschiedenartige Krankheiten mit ein- 
ander verwechselten, wovon meine Erörterung der 
Lehre von dem Herzklopfen und den Zufällen 
des Athemholens hinlängliche und, wie ich hoffe, 
belehrende Belege geben wird;, eine zweite Folge 
war, dafs sie sich über die Existenz einer bestimm- 
ten Form von Herzkrankheit, z. B. der Brust- 
bräune überhaupt, oder um die nothwendige Ge- 
genwart dieses oder jenes Symptoms bei einer 
Form, z. B. des Herzklopfens bei Verwachsung 
des Herzbeutels mit dem Herzen, stritten, welche 
Widersprüche nur durch Vergleichung aller ab- 
normen Zustände des Herzens mit einander oder 
durch Untersuchung der Bedingungen, wovon ein 
Symptom abhängen kann und bei welchen Zu- 
ständen des Herzens es nicht Statt finden kann, 
gehoben werden können, worüber in diesem 
Werke die nöthigen Aufklärungen gegeben seyn 
dürften. Eine dritte Folge war, dafs sie vorzugs- 
weise auf eine besondre Art von Abnormität auf- 
merksam waren, deren Einilufs auf die Verrich- 
tungen des Körpers sie etwas näher kannten und 
die Beachtung einer andern, vielleicht weit wich- 
tigem übersahen, weil es ihnen nicht bekannt 
war, dafs dieselbe einen mächtigen Einilufs auf 



— VII — 

die Thatigkeiten des Körpers habe; so ist es den 
altern Aerzten gegangen, welche von dem An- 
blick, der Polypen im Herzen geblendet und er- 
griffen, ihnen alles Unheil zu&chrieben, was der 
Kranke gelitten hatte, und bei ihren Berichten 
über den Befund bei der Section nur diese poly- 
pösen Substanzen heraushöben, aber andre wich- 
tige Abnormitäten, z, B. Auswüchse an den Klap- 
pen, Erweiterungen einer Höhle oder Verknöche- 
rungen der Kranzgefäise des Herzens höchstens 
nennen, übrigens als sehr gleichgültige Gegen- 
stände behandeln; gewifs sind bei solchen schon 
in den Köpfen der Untersuchenden vorhandenen 
einseitigen Vorurtheilen sehr viele wichtige Ab- 
weichungen gar nicht bemerkt und nicht aufge- 
zeichnet worden und wir können uns nun auf 
solche Berichte nicht verlassen und nichts aus 
ihnen schliefsen, wenn die anatomische Untersu- 
chung nicht mit grofser Genauigkeit und Saeh- 
kenntnifs gemacht worden ist. Diese Lehre von 
den Polypen, deren krankmachender Einflufs, oder 
deren Existenz im Leben als Hauptmoment von 
Krankheiten von den Neuern wieder theils verwor- 
fen, theils behauptet worden ist, erforderte daher 
eine neue allgemeine Prüfung und diese kann nur bei 
der Forschung über die Natur und den Einflufs aller 



VIII 

abnormen Herzzustände zu einem befriedigenden 
Resultate führen, so wie der Mangel einer allge- 
meinen Umsicht eben Schuld ist, dafs auch das, 
was die neuesten Schriftsteller darüber gesagt 
haben, nicht befriedigen kann. Eine vierte und die 
allerwichtigste Folge jener Behandlung der Herz- 
krankheiten mufste aber nothwendig Einseitigkeit 
seyn in der Beurtheilung, sowohl der Art der 
Entstehung gewisser Herzkrankheiten, als auch 
des Hervortretens gewisser Zufälle bei ihnen, so 
wie in. der Analyse der Factoren einer gegebe- 
nen Herzkrankheit, nämlich irgend einer natürli- 
chen Abnormität im Herzen und der allgemeinen 
Anlagen des Körpers, der Constitution und ge- 
wisser natürlicher oder schon kränklicher Dispo- 
sitionen, durch deren Zusammentreffen in ver- 
schiedenartigen Verhältnissen die Krankheit her- 
vortritt. Eine Folge davon ist z. B. die höchst 
einseitige mechanische Vorstellungsart der Bil- 
dung von Erweiterungen des Herzens und Aneu- 
rismen der Arterien; ferner die irrige Vorstel- 
lungsart, als ob organische Krankheiten sich gleich- 
sam in einem Augenblick bilden konnten, z. B. 
die nur genannten, weil sie oft unvermuthet 
schnell, in der ganzen Starke ihrer Zufälle her- 
vortreten, oder umgekehrt, dafs eine Krankheit 



keine organische seyn könne, eben weil sie mit 
einemmale und unerwartet sogleich beim Eintritt 
durch starke Symptome sich äufserte ; so auch die 
Idee, dafs die gröfsten Abnormitäten im Herzen 
oft gar nicht so wichtig in ihren Folgen auf die 
Gesundheit seyn und folglich ihre Kuride für den 
praktischen Arzt auch nicht so wichtig seyn könn- 
te, da man dergleichen oft bei Sectionen antreffe, 
wo sie sich im Leben durch gar keinen Zufall 
verrathen haben. Der Verfasser schmeichelt sich 
die Bedingungen der Bildung dieser Krankheiten 
und des Hervortretens derselben in Allgemeinlei- 
den auf eine Weise erörtert zu haben, die es 
leicht begreiflich macht, warum man bei grofsen 
Fehlern im Herzen anscheinend gesund seyn 
kann, und wie es zugehe, dafs bei anscheinend 
geringern Graden von Herzfehlern doch schlim- 
me Zufälle, ja der Tod erfolgen kann und mufs. 
Die Idee, welche sich der Verfasser von ei- 
nem Plane zu einer gründlichen Bearbeitung der 
Herzkrankheiten machte, setzte voraus, dafs wir 
vor allen Dingen über allgemeine Grundsätze ei- 
nig seyn müfsten, aus denen die Entstehung der 
Abnormitäten des Herzens und die der Symptome 
derselben, auf eine dem gegenwärtigen Zustande 
des medizinischen Wissens angemessene Weise, 



abgeleitet werden könnte; diese können nirgends 
anders woher als aus der Physiologie und aus der 
allgemeinen Pathologie genommen werden. Da 
das Herz nun ein wichtiges Gentralorgan und nebst 
dem Hirn der wesentlichste Vorsteher des Lebens 
ist, folglich auf alle Theile des Körpers einen 
namhaften Einflufs äufsert, so wie umgekehrt alle 
Vorgänge im Körper, folglich alle abnorme Ver- 
hältnisse des Körpers auf das Herz einen wichtig 
gen Rückeinflufs haben müssen; so glaubte er, es 
sey vor allen Dingen eine Uebersicht der eigen- * 
thümlichen Verhältnisse des Herzens zu dem gan- 
zen Körper, so wie der einzelnen Theilorgane 
des Herzens, seiner Häute, seiner Fleischsubstanz, 
seiner Nerven und eigenthümlichen Gefäfse theils 
zu einander, theils zu dem übrigen Körper noth- 
wendig; er schickte daher 

im ersten Abschnitt 
allgemeine physiologisch * pathologi- 
sche Betrachtungen über das Herz voraus, 
im ersten Gapitel desselben werden die na- 
türlichen Anlagen zu Abnormitäten aus der 
Natur der einzelnen Theilorgane, die das Herz 
ausmachen, nachPrincipien entwickelt, welche 
eine gesunde auf Erfahrung beruhende Phy- 
siologie uns darbieten kann; 



XI 

im zweiten Capitel des ersten Abschnitt's 
wird hierauf der Begriff einer Herzkrankheit 
entwickelt; zugleich werden die Hauptbedin- 
gungen, unter denen eine Abnormität örtlich 
ist und bleibt, oder als sinnliche Krankheit 
durch Störung der Functionen des ganzen Kör- 
pers hervortritt, angegeben und die Fehler der 
Schriftsteller bei Aufstellung der Herzkrankhei- 
ten nach einem nosologischen System gerügt. 
Der zweite Abschnitt 
beschäftigt sich mit der Path og enie der Herz- 
krankheiten in f ünf Gapiteln, 

Das erste Capitel giebt ein Art von tabella- 
rischer Uebersicht aller am Herzen vorkom- 
menden Abnormitäten, um eine Vorstellung 
der höchst mannigfaltigen Abweichungen zu 
geben, die am Herzen vorkommen können ; 
Das zweite Capitel reducirt alle gefundenen 
Abnormitäten am Herzen auf drei Gattungen, 
nämlich auf vitale, organische und mechani- 
sche Abnormitäten und lehrt, wie die organi- 
schen zwischen den beiden andern inne stehen 
und eine vitale undmechanische Betrachtungs- 
weise darbieten, wie, dafs bei allen die vitale 
Seite als die wichtigste angesehen werden müsse. 
Das dritte Capitel geht nun in die Pathoge- 



. _ XII _ 

nie selbst ein und betrachtet nach einem 
Gange, wie. er in der allgemeinen Pathologie 
eingeführt ist, die Entstehung der einfachen 
Abnormitäten des Herzens und zwar 
in der ersten Abtheilung die Bildungs- 
weise der vitalen Abnormitäten nach den 
Theilorganen des Heizens, seiner Fleisch- 
substanz, seinen äufsern und innern Häuten, 
(von denen die letztern ebenfalls einer ge- 
nauem Beachtung, als bisher geschehen ist, 
gewürdigt werden ) seinen eigentümlichen 
Blutgefäfsen und seinen Nerven. Bei je- 
dem Theilorgan wird das eigpnthümliche 
Leben desselben und sein Verhältnifs zu 
den übrigen Theilorganen des Herzens und 
deren Krankheitszuständen erwogen; bei Be- 
trachtung der Herznerven aber der Zusam- 
menhang des Herzens mit dem Hirn und 
die Beziehung der Affecten auf das Herz 
zugleich mit abgehandelt. 
In der zweiten Abtheilung wird die Bil- 
dung organischer Fehler aus den vi- 
talen oder dynamischen erörtert: 

A) die Bedingungen der normalen Ernäh- 
rung werden vorausgeschickt; 

B) dann aus der Natur der Entzündung, 



v XUI 

als eines gesteigerten innern Lebens ei- 
nes Organs die Möglichkeit abnormer 
Bildung entwickelt; 

C) wird der Einflufs den allgemeine 
Krankheitszustände der Assimilationsor- 
gane und ihrer Producte, der Säfte, auf 
Afterbildung haben, erfahrungsmäfsig dar- 
gethan und zwar 
a\ aus den Hautkrankheiten, welche von 

einem speciellen Stoff abhängen ; 
b) aus Assimilationskrankheiten der 
Blutgefäße, als 
aa) aus der Gicht, über welche der 
Verfasser seine eigne Ansicht beson- 
ders vorträgt; 
hh) aus einigen besondern kranken 
. Zuständen des Venensystems; der 
Verf. theilt auch hier seine eignen 
Ansichten über das kranke Venenle- 
ben, über erhöhte Stimmung dessel- 
ben, über die Werlhofische Fleck- 
krankheit, über Petechialfieber mit. 
c) Aus dem Einflüsse gewisser Krankhei- 
ten des Lymphensystems, besonders der 
Skropheln und der Rhachitis auf die 
Ernährung, wobei namentlich die Aus- 



— XIV 

artung der Muskelsubstanz in eine Art 
von Speck nach einigen merkwürdi- 
gen Fällen erläutert wird. 
Das vierte Capitel handelt den Einfluß ab, 
den die Abnormitäten der Theilorgane des 
Herzens wiederum gegenseitig auf einander 
haben. 
Das fünfte Capitel endlich beschäftigt sich 
mit den Bedingungen, von denen der Ueber- 
gang örtlicher Abnormitäten des Herzens in 
sinnlich wahrnehmbare Krankheit oder in 
Störung der Verrichtungen, so wie endlich 
in den Tod abhängt, bei welcher Gelegen- 
heit der Gang der chronischen Herzkrank- 
heiten im allgemeinen auseinander gesetzt 
wird. 

Der dritte Abschnitt 
handelt die Phänomenologie oder die eigen- 
thümlichen Symptome der Herzkrankheiten und 
ihre Deutung als Zeichen derselben ab. 

Das erste Capitel lehrt, dafs diese Lehre bis- 
her höchst unvollkommen, nachlässig und einsei- 
tig bearbeitet worden ist, und stellt zugleich die 
wichtigsten anatomischen Momente auf, die uns 
geläufig seyn müssen, wenn wir über Symptome 
des kranken Herzens richtig urtheilen wollen. 



XV 

Das zweite Capitel betrachtet die Sym- 
ptome des Athemholens, und zeigt, dafs 
die Art von Beklemmung der Brust und des 
Athems, welche den Herzkrankheiten eigen 
ist, wesentlich sowohl in Hinsicht ihres Cau- 
sal Verhältnisses, als in Hinsicht sinnlich wahr- 
nehmbarer Criterien von den Symptomen des 
gestörten Athemholens unterschieden ist. 
welche aus Krankheiten der Piespirationsor- 
gane selbst entspringen. Es werden diese 
Criterien nach verschiedenen abnormen Zu- 
ständen des Herzens, die man als Cardinal- 
fehler ansehen kann, nachgewiesen und die 
innern Vorgänge entwickelt, durch welche 
% Störungen des Athemholens bei den Herz- 
krankheiten vermittelt werden. — Die Zu- 
fälle des Athemholens werden als die wich- 
tigsten angesehen. 
Das dritte Capitel handelt eben so die Zu- 
fälle ab, welche aus den Abweichungen des 
Herz- und Pulsschlags entlehnt werden. 
Es wird gezeigt, dafs sich Herzkrankheiten 
Weit weniger deutlich durch Störungen des Herz- 
und Pulsschlags charakterisiren, als durch andere, 
und dafs umgekehrt dem Herzen fremde Krank- 
heiten weit häutigere und weit stärkere Unord- 



— XVI — • 

nungen im Herz- und Pulsschlage herbeiführen ; ^ 
dann diese Lehre in 4 Artikeln besonders erör- 
tert; nämlich 

i) von der notwendigen Unterscheidung ver- 
schiedener Arten von Klopfen in der Brust, 
die man alle Herzklopfen genannt hat* das 
aber bei vielerlei Krankheitszuständen des 
Herzens, wo man es angenommen hat, gar 
nicht möglich ist, sondern in einer ganz an- 
dern Art von Klopfen besteht; 

2) von dem eigentlichen Herzklopfen und an- 
dern Abänderungen des Herzschlags; 

3) von den Abänderungen des Pulses bei Herz- 
krankheiten; 

4) von dem Klopfen am Halse und in der Ober- 
bauchgegend. 

Entwicklung der Entstehung dieser verschie- 
denartigen Zufälle nach ihren verschiedenen Ur- 
sachen, und Deutung derselben bei Herzkrank- 
heiten. 

Viertes Gapitel. Von den Zufällen bei 
Herzkrankheiten, welche das Gemeinge- 
fühl darbietet. 
Hier wird 1) genauer von der Ohn- 
macht und dem Ohnmachtsgefühl gehandelt; 
2) von der Angst; 3) von dem Trübsinn und 

der 



— XVII 

der melancholischen Stimmung der Herz- 
kranken; 4) von den eigentlich schmerzhaf- 
ten Gefühlen, welche bei Herzkrankheiten so- 
wohl im Herzen und in der Herzgegend als auch 
an andern Theilen des Körpers vorkommen. 
Das fünfte Capitel handelt die Zufälle des 
Gehirns und des Nervensystems ab, 
welche die Herzkrankheiten zu begleiten 
pflegen. 

Aus dem eignen Verhalten des Schla*;flus- 
ses, der bei Herzkrankheiten eintritt, werden Fol- 
gerungen gezogen, welche für die Beurtheilung 
der Natur des primitiven Schlagflusses Winke ent- 
halten. 

Das sechste Capitel erläutert die Symptome 
des Verdauungssystems, besonders des 
Magens, der Leber und des Halses, wel- 
che von Herzkrankheiten abhängen. 

Das Verhältnifs der Leber zu den Herz- 
krankheiten und die täuschenden Symptome ih- 
res Herabtretens oder auch ihres Anschwellens 
werden besonders beherzigt. 

Das siebente Capitel endlich unterwirft 
noch einige Symptome der Herzkrankheiten, 
die sich auf der Oberfläche des Körpers vor- 
züglich äufsern, besonder* das blau« An- 

1*3 



m* XVill 

sehen oder die Blausuchj, die Neigung 
zu Bhitflüssen, die Aufgedunsenheit 
des Gesichts und der Knöchel, so wie 
.die Wasseransammlungen auf derHaut 
und in den innern Höhlen des Kör- 
pers, endlich den Brand der Glieder 
einer ätiologischen und semiotischen Unter- 
suchung. 

Aus dieser Darstellung erhellt, dafs dieser 
erste Theil die Principien über die Entstehung 
der Herzkrankheiten im allgemeinen und die Ent- 
wicklung der begleitenden Symptome derselben 
theils aus anatomischen und physiologischen, theils 
aus Grundsätzen der allgemeinen Krankheitslehre 
enthalte. Dafs der Verf. in Hinsicht der allge- 
meinen Principien allgemeinen Beifall erhalten 
werde, will und darf er sich nicht schmeicheln; 
er ist belohnt, wenn man ihm einräumt, er habe 
empirische oder aus Erfahrung entlehnte, aber 
jedermann verständliche Principien aufgestellt und 
consequent durchgeführt; dies war seine Haupt- 
absicht; mag ein jeder die Erscheinungen sich 
auf seine eigne Weise deuten; der Verf. glaubt 
zwar, dafs das System von leitenden Grundsätzen 
in der Praxis, welches er sich durch eignes Den- 
ken, durch Beobachten am Krankenbette und 



XIX — » 

durch das Studium der Schriften anderer Aerzte 
eigen gemacht hat, unvollkommen sey> und er 
verschweigt sich selbst die Lücken desselben nicht- 
allein er ist auch der Ueberzeugung, dafs ein voll- 
endetes System der Heilkunde nicht existiren 
könne, und dafs diejenigen, welche es zu besitzen 
wähnen, im umgekehrten Verhältnisse ihrer Ue- 
berzeugung von der Vollkommenheit ihres Wis- 
sens, glücklich heilen werden; der Verf. hält sich 
im allgemeinen an dynamische Grundsätze, wel- 
che durch gesteigerte Erfahrung hervorgegangen 
sind, und hält ein System solcher Grundsätze, an-^ 
gewendet auf die einzelnen Systeme und Organe 
des Körpers und gehalten an die Heil oder Krank- 
heit bringenden äufsern Einflüsse, für dasjenige, 
was jedermann zu allen Zeiten verstehen wird, 
nnd was der sicherste Führer in der Ausübung 
der Kunst ist. 

Der zweite Theil, welcher unmittelbar auf 
diesen ersten folgen wird, soll die concreten kran- 
ken Zustände des Herzens enthalten; der Verf. 
wird im allgemeinen die Eintheilung in vitale, 
organische und mechanische nach seiner eignen 
Ansicht wählen; die vitalen werden in solche des 
innern Lebens des Herzens oder die Entzündung 
desselben, in die seines Muskellebens und in die 



XX 



seines sensiblen Lebens eingeteilt werden; die 
organischen aber in zwei Hauptgattungen, je nach- 
dem die vitale oder die organische Seite bei ih- 
nen vorwaltend ist; endlicn die mechanischen, je 
nachdem angeborner unzweckmäfsiger Bau, oder 
abnorme Lage das Hauptmoment ausmacht. 

Obgleich die Entstehung der organischen 
Herzkrankheiten im allgemeinen schon vorausge- 
gangen ist, so wird er doch bei der Betrachtung 
der concreten abnormen Zustände dieser Art 
theils das Verhältnifs der verschiedenen Arten zu 
einander ? z. B. der Erweiterungen, Verengerun- 
gen, Verhärtungen, theils die Entstehungsweise ei- 
ner jeden besonders noch erörtern, überhaupt 
aber alle wesentlich verschiedene Abnormitäten 
der Organisation des Herzens, welche eben dar- 
um als Hauptmomente einer Herzkrankheit be- 
trachtet werden können, als besondere Arten von 
Örtlichen Krankheiten des Herzens aufstellen, und 
nach Aufstellung allgemeiner diagnostischer Merk- 
male, wodurch erst die drei Hauptgattungen von 
einander so wie von den Schein- und Afterkrank- 
heiten des Herzens zu unterscheiden sind, die 
specielle Diagnostik jener abnormen Hauptmo- 
mente zu einer bessern Uebersicht in einer all- 



XXI 



gemeinen tabellarischen Uebersicht vor Augen 
legen. 

Die Grundsätze der Behandlung werden je- 
der Classe folgen; bei den organischen glaubt der 
Verf. nicht unwichtige Winke, wie sie am sicher- 
sten zu verhüten sind, so wie andere, Welche die 
Möglichkeit eines Einflusses der Kunst auf die 
Rückbildung derselben, nach der Norm der Na- 
tur, enthalten, endlich aber auch manche wohl- 
thätige Regeln zur Erleichterung der Qualen die- 
ser unglücklichen Kranken und zur möglichst 
längsten Erhaltung ihres Lebens in einem leidli- 
chen Zustande aus eignen glücklichen Erfahrun- 
gen mittheilen zu können. Eigne Fälle wird er, 
besonders zur Bestätigung der Diagnose und sei- 
ner pathologischen Ansichten dem Ganzen an- 
hängen, und vorzüglich das ausführlich beschrei- 
ben, was ihm zu jenem Behuf das wichtigste zu 
seyn schien. Ob derselbe viele Herzkranke ge- 
sehen und ob er sie genau beobachtet habe, mag 
das Werk selbst lehren; er bedauert, dafs er 
manchmal die Section nicht machen konnte, oder 
wegen öfterer Veränderung seines Aufenthalts in 
den letzten sieben schweren Jahren sie andern 
überlassen mufste; auch dafs er nicht von jedem 
abnormen Zustande eigne Fälle aufweisen kann; 



— . XXII — 

allein welcher Arzt trifft auf alle mögliche Fälle, 
als etwa in grofsen Hospitälern; die Aerzte dieser 
Anstalten sehen aber wiederum dergleichen Kranke 
erst in den letzten Zeiträumen und lernen diese 
Krankheiten nicht so gut von ihrem ersten Keime 
an kennen. Ich habe, so viel ich konnte, auch 
fremde Beobachtungen genutzt, sobald sie nur 
genau und vollständig waren, wie die der Eng* 
länder gröfstentheils sind, nur dafs ich oft etwas 
ganz anderes in ihnen gefunden habe, als was 
die Beobachter daraus schliefsen zu können glaub- 
ten. Ich suchte Klarheit und Ordnung in diese 
Lehre zu bringen, und mufste daher ohne Ansehn 
der Person die Verirrungen aufdecken, welche 
ich an meinen Vorgängern zu entdecken glaubte; 
ich hoffe, die noch lebenden werden mir dies 
nicht als Tadelsucht auslegen, sondern, wie es 
sich in der That verhält, als FoUe meines Stre- 
bens nach Wahrheit, für die sie selbst so viel 
thaten. Auch ich werde vielseitig geirrt haben, 
und scheue freimüthigen Tadel nicht; ich bitte 
vielmehr um gründliche Prüfung und Zurechtwei- 
sung von Sachverständigen; gleichzeitig aber auch 
um billiges Urtheil, wenn mein Werk vielleicht 
hin und wieder die Spuren eines gedrückten 
Geistes an sich tragen sollte, was kaum fehl« 



ien 



— • XXIII 

1 kann, denn es war.d zwar in einer freundlichen 
' Stadt, die mich freundlich beherbergt hat, aber in 
deiner Lage, wie die Epistolae ex Ponto grofs- 

tentheils in einer düstern GemüthsstimmuDg, und 
^selbst bei körperlichen Leiden ausgearbeitet. 
( Zum Schluk kann ich nicht unterlassen, mei- 

nen verdienten Herren Collegen und hochgeehr- 
iten Freunden in Berlin, welche mich durch ihre 
I Büchersammlungen und Rath gütigst bei dieser Ar- 
ibeit unterstützt haben, namentlich dem Herrn 
[Staatsrath Hufeland, den Herren geh. Räthen 

Forme y und Heim, und dem Herrn Professor 

Rudolph* meinen verbindlichsten Dank abzu- 

statten. 

Berlin, den 3* Mai iß 14, 



Druckfehler. 



Seite 50- Z. 28. statt sinkt lies sieht. 

S. 35. Z. 30 u. a. m. Sr. statt Senak 1. Senac 

S. 87- Z. 5. st. rechlten I. rechten. 

S. 96. Z. 5. Der Titel von Bums Schrift, die der Verf. während 
des Drucks erst erhielt, ist hier vergessen worden anzuführen : 
Von einigen der häufigsten und. wichtigsten Herzkrankheiten 
it. s. w. Aus dem Englischen. Nebst einer ergänzenden Ab- 
handlung des Herausgebers über die blaue Krankheit (von D. 
Nasse). Lemgo 1813. 

S. 243. Z. 5i. st. er 1. sie. 

S. 247. Z. 34. st. Lungen 1. Herz. 

S. 566- Z. 9 ist nicht wegzustreichen. 



<ooo o oo« 



Einleitung. 



Jjei der unglaublichen Häufigkeit der Fälle, bei wel- 
chen die Leichenöffnung eine krankhafte Ausartung 
der verschiedenen innern Theile des menschlichen Kör- 
pers als Ursache des Todes documentirt, und bei der 
höchsten Mangelhaftigkeit unserer Kenntnisse nicht 
nur in Hinsicht der Entstehung und allmähligen Ent- 
wickelung dieser, an sich selbst wieder sehr mannig- 
faltigen, Ausartungen der Substanz innerer edler Theile, 
sondern auch, und ganz vorzuglich in Hinsicht der 
Diagnose derselben, könnte es erlaubt scheinen, an der 
Perfectibilität der Arzneikunde überhaupt zu zweifeln. 
In der That findet man auch, dafs die erfahrensten 
Aerzte in umgekehrtem Verhältnisse mit dem Umfange 
und der Ausbreitung ihrer Erfahrung bescheidener, 
vorsichtiger, ja schüchterner in ihren Aussprüchen über 
die Ausgänge der ihnen zur Heilung dargebotenen 
Krankheiten werden: je öfter sie nämlich bei der 
aufmerksamsten und gewissenhaftesten Beobachtung ih- 
rer Kranken ein unvermutheter Todesfall überrascht, 
und ein nicht erwarteter Befund inj Leichnam von der 
Unvollkommenheit unsrer Kunst belehrt; desto bedenk- 

i [ i ] 



lieber müssen sie sich nothwendig in ihrem Unheil 
über jeden irgend schwierigen Krankheitszustand fin- 
den. Diese Unvollkommenheit unsrer Kunst, welche 
kein acht erfahrner Arzt ableugnen wird, begründet 
jedoch keine absolute Unmöglichkeit, dieselbe allmäh- 
lig zu einer höhern Vollkommenheit zu erheben. Wenn 
es nämlich auch sehr g- wifs ist, dafs kein Künstler mit 
mehreru Schwierigkeiten zu kämpfen hat, als der Arzt, 
U m aus dem Chaos der Symptome am kranken Kör- 
per, die er obendrein grofstenth^ils erst von dem 
Kranken durch mühsames und genaues Ausfragen er- 
forschen mufs, so wie aus der Untersuchung der äus- 
sern Einflüsse, welch eine Krankheit vermittelt haben, 
den obersten Rit g herauszufinden, an welchem die 
ganze Kette der Krankheitszufälle geknüpft ist, z. B. 
ein idiopathisches Leiden eines einzelnen Organs; so 
lehrt doch die Erfahrung, und ein frohes Bewulstseyn 
mufs es wohl jed rn Arzt sagen, der mit Eifer und 
Treue seinem Beruf in einem ausgebreiteten Wirkungs- 
kreise eine bedeutende R ihe von Jahren hindurch ge- 
lebt hat, dafs der Gesichtskreis in dem anfangs ganz 
dunk 'In Labyrinthe der Krankheitszufälle im gleichen 
Verhältnisse mit der sorgfältigen Uebung des geistigen 
Blicks > sich erweitert und erhitert, eben so wie bei 
Betrachtung eines Panorama's die grofse Masse der 
Gegenstände anfangs fast erblindet, • und wie gleich- 
wohl nach und nach dem daran gewöhnten Auge je- 
der einzelne Gegenstand desselben, abgesondert, klar 
und deutlich sich darstellt. Zum Theil wären also die 
Schwierigkeiten, die der Vervollkommnung der Arznei- 
kunst entgegen stehen, subjeetiv, und in sofern durch 
sehr mühsame Erwerbung der Fertigkeit, alles, was 
Bezug auf eine gegebene Krankheit hat, genau zu er- 
forschen, alle Zufälle scharf zu würdigen und Einheit 
in dieselben zu bringen, zu überwinden. Wer diese 



durch tausend Klippen unterbrochenen Untiefen der 
Kunst aus eigener Erfahrung hat kennen lernen, der 
kann nicht anders, als den Rückgang dt-r Kunst, 
wenigstens in Deutschland, beklagen, wo seit nun- 
mehro 20 Jahren die grofse Wichtigkeit der Kunst, 
zu beobachten, ganz verka-nt, und die Ausbildung 
dieses für den praktischen Arzt höchst wichtigen Ta- 
lents ganz vernachlässigt worden ist, indem umgekehrt 
grölstentheils unerfahrne J ,nglinge , deren Unheil 
selbst über die blofse Forin irgend einer schwierigen 
Krankheit durchaus keinen Werth haben ann neue 
Systeme der theoretischen und praktischen Arzmikunde 
aufgestellt haben und noch aufstellen, und die Wahr- 
heit derselben durch selbst beobachtete Krankheitsfälle 
bestätigen zu können, sich einbilden. 

Andere Schwierigkeiten, die sich der Vervoll- 
kommnung der Arzneikunst widersetzen, sind aber al- 
lerdings objectiv, und folglich noch schwerer zu be- 
seitigen. Woran liegt es, dafs wir z. B. Verhärtungen 
des Pancreas, Ausartungen der Nieren, manc mal 
selbst der Lungen, ganz vorzüglich aber der Substanz 
des Herzens und der grofsen Gefäfse nur erst dann, 
wenn sie schon ausgebildet sind, und dann auch nur 
mit grofser Schwierigkeit entdecken? Liegt es allein 
an dem ganz versteckten Gange der Krankheitszustän- 
de, deren Folgen jene Veränderungen sind, und an 
der Unfähigkeit der Sinne und des Scharfsinns der 
Aerzte, dafs wir sie nicht früher ergründen, und dafs 
unsere Vorfahren uns so wenig reelle Kenntnisse über 
die Entstehung und Erkenntnifs derselben mitgetheilt 
haben? 

Dafs diese Gegenstände in ein sehr schwieriges 
Dunkel gehüllt seyn müssen, läfst sich allerdings schon 
aus ihrer medicinischen Geschichte abnehmen; allein 
wenn man in den altern medicinischen Schriften bis 



' — 4 — 

fast gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts ihrer 
fast t>los historisch, und wie gewisser wunderbarer Sel- 
tenheiten {s.ActanaturaeCuriosorum) erwähnt findet, 
ohne dafs ein Arzt seinen Scharfsinn an ihnen geübfc 
hätte, so beweist dies, daHs die Arzneikunde in Hin- 
sicht dieser U. bei bis dahin sich leider! noch im Zu- 
stande des Kindesalters befand, so dafs keinem Arzt 
noch die Möglichkeit vorschwebte, bis zur Einsicht 
der Naturgesetze Vorzudringen, nach welchen Meta- 
morphosen organischer Theile und Afterorgane sich 
bilden. Unter solchen Verhältnissen konnte naturlich 
auch in keinem Arzte ein heifses Streben erwachen, 
die Natur in dem Act der kranken Bildung zu be- 
lauschen, und nebst der Diagnos e diePathogenie 
dieser Zustände aufzuhellen. Beides aber mufs in Ver- 
bindung bearbeitet werden, um diese Krankheiten auf 
eine für die Ausübung der Kunst wahrhaft nützliche 
Weise aufzuhellen. 

Es fragt sich nun i) werden wir überhaupt fähig 
seyn, die Gegenwart solcher Krankheiten in ihren 
frühen Epochen und gleichsam im Keime schon zu 
entdecken, oder liegen in der Art, wie sie sich 
bilden, für unsere Sinne unbesiegbare Schwierigkei- 
ten, ihr Entstehen zu belauschen, und müssen wir ver- 
zweifeln, die Diagnostik dieser wichtigen Krankheits- 
momente zu vervollkommnen? 

a Sind wir in der Theorie des Lebens so weit 
vorgerückt, oder dürfen wir uns wenigstens schmei- 
cheln, dieselbe bis zu einem solchen Punkte steigern 
zu können , dafs wir zu einer klaren Einsicht in die 
Prozesse der Afterbildungen im Organismus gelangen 
dürften? 

Was die erste Frage anlangt, so sind die Schwie- 
rigkeiten allerdings grois, und liegen zum Theil in 
dem heimlichen Gange der wichtigsten Krankheiten, 



wovon^ innere edle Theile befallen werden; allein 
zum Theil liegen sie auch in dem Mangel an Auf- 
merksamkeit der Menschen auf ihre eignen innern Ge- 
fühle, wenn sie erkranken. 

Zum Beweis des erstem dient, dafs selbst Aerzte 
zuweilen von organischen Krankheiten innerer edler 
Theile befallen werden, ohne zu wissen, wie sie sich 
nach und nach ausgebildet haben. Der Grund liegt 
ohnstreitig in der eignen Umemphndlichkeit vieler der 
innern Organ ■, die ihr Leiden nur selten und am we- 
nigsten durch Schmerz, meistens nur durch consen- 
suefle Zufalle aussprechen; z. B. der Nieren durch un- 
vermutnet kommendes Erbrechen. Was den zweiten 
Punkt anlangt, so ist wohl die Lebensart vieler Per- 
sonen, so besonders auch des sehr beschäftigten Prak* 
tikers am wenigsten geeignet, auf seine Gesundheit ge- 
nau Acht zu haben, und auf die innere Stimme der 
Natur zu horchen, theile auch mäTsig, scheinende Stö- 
rungen seiner Gesundheit abzuwarten. Eben so geht 
es vielen sonst gebildeten Personen, die von schweren 
Berufsgeschäften gedrückt sind . noch weit mehr unge*- 
bildeten Personen, die keinen Begriff von Gesundheits- 
künde haben, und bei harten Arbeiten so sehr an 
schmerzhafte und unbehagliche Gefühle gewöhnt sind, 
data sie nicht leicht den ersten Anfang eines mit nur 
mäfsigen unbequemen Empfindungen verbundenen in- 
nern Leidens beachten werden. Mit welchem Leicht- 
sinn aber der Mensch so oft in seine- Gesundheit 
stürmt, wie leicht er höchst schädliche Gewohnheiten 
annimmt, die ihm ohne allen EinHufs zu sevn dünken, 
weil nicht sc nell sichtbarer Schaden daraus entspringt, 
wie wenig der Mensch an die körperlichen Folgen 
denkt, wenn er in einer heftigen anhaltenden Leiden- 
schaft bf fangen ist, z. B. Kummer, v/odurch so oft 
der Grund zu organischen Leiden g legt wird, ist be- 



— 6 — 

kannt genug. Es können sich daher organische Fehler 
bilden und zu einem bedeutenden Grade anwachsen, 
ohne dafs d*r Kranke von dem ersten Keime, oder 
dem Zeitpunkte, wo er zuerst Spuren eines Leidens 
in einem einzelnen Theile bemerkt hat, auch nur im 
geringsten R chenscbaft zu geben im Stande ist. Aber 
wenn ein innerer bereits ausgebildeter Fehler auch 
wirklich schon gewisse Störungen der Geschäfte des 
Körpers verursacht, so hält es doch sehr oft äufserst 
schwer, da's der sorgfältigste Arzt ihn entdeckt. Nicht 
nur rohe Menschen erschweren demselben die genaue 
Untersuchung aller Umstände durch ganz irrige und 
verworrene Angaben ihrer Gefühle, sondern auch ge- 
bildete Personen nehmen sich selten die Muhe, sich 
selbst zu beobachten, um ihre kranken Gefühle scharf 
nach Ort, Qualität und Stärke zu schildern; sie ver- 
schweigen oft die wichtigsten Gefühle, blos weil sie 
ihnen zur Gewohnheit geworden sind, und von gar 
keinem EinHufs auf das Unheil des Arztes zu seyn 
scheinen; viele Menschen belehren ihn fehlerhaft, weil 
sie aus Mangel an Uebung, sich und ihre innern Em- 
pfindungen zu beachten, durchaus unfähig sind, eine 
richtige und genaue Beschreibung davon zu machen. 

Ich will davon nichts erwähnen, dafs viele Kranke 
auch absichtlich theils ihre kranken Gefühle, theils die 
Veranlassungen ihrer Krankheiten dem Arzte Verheim- 
lichen, vorzüglich wenn Leidenschaften und Affecte im 
Spiele sind, und dafs der Arzt schon um deswillen auf 
die Kunst, den psychischen Menschen aufzufassen und 
zu beurtheilen, sich wohl verstehen müsse. 

Aus allem bish r Vorgetragenen folgt, dafs die 
Unterscheidung innerer kranker Zustände, welche den 
Keim zu organischen Ueleln legen, so wie dieser 
selbst, in ihrem Ursprünge und Wachsthume bis zu ei- 
nem bedeutenden Grade vielen und grolsen Schwierig- 



keiten an sich unterworfen ist, welche in sehr vielen 
Fällen von dem Arzte nicht beseitiget werden können, 
und fiafs nur im Beobachten sehr geübte Aerzte sich 
an das Weik machen können, die Kenntnifs der Ent- 
stellung und Unterscheidung innerer organischer Feh- 
ler weiter zu fördern. Ist diese Aufgabe auch schwer, 
und lassen sich auch nur ganz langsame Fortschritte 
in de; Aufhellung dieser Uebel hoffen, so dürfen wir 
doch so wenig davon abstehen, dafs die Schwierigkei- 
ten vielmehr ein vereintes Bemühen achter Beobachter 
bewirken sollten, eine Krankheit>familie näher aufzu- 
hellen, die in HinsTcJiI der schrecklichen Leiden, wo- 
mit sie verbunden ist, zu den allertraurigsten gezählt 
werden mufs. 

Was die zweite Frage anlangt, so gesteht der Ver- 
fasser gern, dafs er nicht den Wahn hege, die theore- 
tische Arzneikunde habe ihren Gipfel erreicht, allein 
er ist der Meinung, die Arzneikunde habe seit Hallers 
Bemühen, die Gesetze der Wirksamkeit des Organis- 
mus zu ergründen, ungemein gewonnen, und sey in 
der Würdigung der vitalen oder dynamischen Krank» 
heitsverhältriisse , so wie in der Aufstellung sicher lei- 
tender Grundsätze für die Be andlung derselben be- 
deutend vorwärts geschritten. Fast scheint es ihm 
aber, man habe über die dynamische Ansicht des Or- 
ganismus die materielle Seite desselben späterhin zu 
sehr versäumt, so wie diese vorher und noch zu Böer- 
have's Zeiten die einzige war, welche man auffaßte, 
um die Erscheinungen des Lebens und der Krankhei- 
ten zu erklären. Während der Brownischen Epoche 
ward die Würdigung dieser Seite, z. B. des Einflusses 
der Säfte und ihrer Mischung auf das Leben, sogar 
verspottet. Die grofsen Anstrengungen vorzüglich 
deutscher Aerzte in den letzten 20 Jahren, der Arznei- 
kunde einen festen Grund zu geben, entweder auf 



— $ — 

dem empirisch -rationellen Wege, oder durch Anwen- 
dung der höchsten Principe der neuern Naturphiloso- 
phie , haben diesen grofsen Zweck nun wohl bei wei- 
tem noch, nicht erreicht ; indefs sind das Leben und 
seine Modificationen auf so verschiedenen Seiten be- 
leuchtet worden, dafs man aus den Reibungen der 
entgegengesetztesten Ansichten und Meinungen doch 
ein vortheilhaftes Resultat für die Arzneikunde zu 
erwarten berechtigt seyn dürfte, um so mehr, da die 
neuern Bearbeitungen der Theorie der Arzneikunde 
den einstimmigen Zweck haben, den Organismus nicht 
einseitig, z. B blos von seiner dynamischen Seite, 
sondern in seiner Gesammtheit und in seiner Be- 
ziehung auf die gesammte Natur aufzufassen, woraus 
in Beziehung auf die Krankheitslehre die Tendenz 
hervorgeht, die dynamischen Mißverhältnisse mit den 
materiellen zugleich aufzuhellen. 

Der Verfasser, welcher jede Aufklärung unsrer 
edeln Kunst dankbarlichst erkennt, von welcher Seite 
sie auch kommen möge, ohne gerade einem System 
vorzugsweise zu huldigen, konnte sich in einer Schrift, 
welche praktischen Nutzen zum Hauptzweck hat, an 
keine der jetzt gerade gangbaren Theorieen anschlies- 
sen, und hält sich im Ganzen an, solche dynamische 
Grundsätze, welche auf dem Wege der Beobachtung 
entstandene Regeln und Gesetze der thierischen Na- 
tur ausdrücken, und hofft sich so wenigstens hinläng- 
lich verständlich zu machen. Er schmeichelt sich so 
wenig, den Beifall aller zu erhalten, als er sich ein- 
bildet, diesen höchst schwierigen Gegenstand er- 
schöpft zu haben ; er ist aber der Ueberzeugung, 
dafs nur nach einem solchen Plane der Weg zu einer 
bessern Einsicht der Krankheiten des Herzens geebnet, 
die Verwirrung vieler in Hinsicht derselben gang- 
baren Begriffe aufgehellt , die Widersprüche und 



einseitigen Urtheile der Schriftsteller über mehrere 
derselben aufgedeckt, die ächten Zufälle der Herz- 
leiden richtig erkannt und gewürdigt, die Diagnose 
vervollkommnet, und so Einheit in die Lehre über 
die Krankheiten eines Organs gebracht werden kön- 
nen, dessen Einflufs auf die Fortdauer des Gebens 
mit dem des Hirns an Wichtigkeit wetteifert. 



Erster Abschnitt. 

Allgemeine physiologisch - pathologische Be- 
trachtungen über das Herz. 



Erstes Capitel. 
Allgemeine Betrachtungen. 



JL/as Herz ist ein hohles Organ von sehnicht-häutiger 
muskulöser Structur, bestimmt, das in den Gefäfsen des 
Körpers befindliche Blut, in Quantitäten, die seinem in- 
nern Räume angemessen sind, in zwei sich schnell und 
regelmäfsip; folgenden Zeitmomenten in sich aufzuneh- 
men und durch sich hindurch zu leiten. Es bildet den 
Mittelpunkt und gleichsam den Heerd des Kreifslaufs, 
Wohin alles Blut aus dem ganzen Körper strömt und 
von wo aus es demselben wieder zugeführt wird. Es 
ist bei den Menschen und bei allen Thieren, welche 
durch Lungen Athem schöpfen, ah ein Doppel-Or- 
gan anzusehen, aus zwei verbundenen Hälften beste- 
llend, um in einerlei Zeitmomenten einem doppelten 



— II — 

Kreifslaufe vorzustehen; gleichzeitig empfangen die bei- 
den obern Höhlungen (Vorkammern) durch die beiden 
großen Venenstämme, nämlich die der Lungen und 
die der Hohladern, den Blutstrom, um ihn im zweiten 
Moment den untern Höhlen, d n Kammern zu über- 
geben, und gleichzeitig mir dtr Erweiterung jener trei? 
bea die letztern die erhaltenen Blutwellen theil in die 
grofse Srhlagader des Körpers (Aorta), theils in die 
Liuig«nafterie. So wie die linke Vorkammer durch 
die Lungenvenen ein gesäuertes Blut empfängt und 
ein solches weiter durch die linke Kammer in die 
Aorta leitet, um es durch den ganzen Körper zu fuh- 
ren, so empfängt die rechte Hälfte des Herzens ein, 
gekohltes Blut aus den Hohlvenen vermittelst der rech- 
ten Vorkammer und fuhrt ein solches durch seine 
Kammer den Lungen zu. Beide Hälften des Herzens 
werden also durch ein sehr verschieden gemischtes 
Blut zu einer gleichzeitigen und gleichförmigen Thä- 
tigkeit aufgeregt. 

Das Herz ist ein sehr kunstlich zusammengesetztes 
Werkzeug; seine Bestimmung, in einer gleichförmigen 
und ununterbrochenen Folge das ganze Leben hin- 
durch rastlos thätig zu seyn, um den Umlauf des Le- 
benssaftes — die nothwendige Bedingung der Kortdauer 
des organischen Lebens — zu unterhalten, machte ei- 
nes Theils die Anordnung einer Menge von mecha- 
nischen Einrichtungen nothwendig, um das freie 
Spiel der Thätigkeit dieses so wichtigen Theils mög- 
lichst zu fördern; andern Theils aber auch die Herbei- 
führung von vielen organischen Veranstaltun- 
gen, sowohl um dem Herzen den hohen Grad von 
Kraft mitzutheilen, welcher zur Bewirkung der Circu- 
lation nothwendig erfordert wird, als auch, um den 
grofsen und ununterbrochenen Kraftaufwand des Her- 
zens immerfort durch Ersatz zu erneuern. 



12 — 

Zu den mechanischen Einrichtungen gehört die 
Anordnung der Klappen, welche de ; Eintritt des Bluts 
aus den Venenstämmen und Vorkammern in die Kam- 
mern, und aus diesen in die Arterienstämme leicht 
verstatten, aber den Rücktritt der Blutwelle in die 
Vorkammern und Venenstämme, so wie in die Herz«* 
kammern verhüten; die im Fötus noth wendige Eusta- 
chische Klappe, nebst dem nachher sich schliefsendeii 
eiförmigen Loche und dem ßotallischen Gange; die 
balkenartige Gestaltung des innern Muskelgewebes im 
Herzen, so wie die starken Muskel dachten der äus- 
sern Schale; die Klappe,nringe zwischen den Kammern 
tmd Vorkammern ; die freie Lage und der Spielraum, 
der dem in einem eignen häutigen Sacke eingehüllten 
und nur mit den weichen nachgebenden Lungen in 
einige Berührung tretenden Herzen gegeben ist; sein 
Schutz hinter dem knöchernen Gehäuse des Brustka- 
stens; die zweckmäfsige Einrenkung der grofsen Ve- 
nenstämme in d»e Vorkammern, so wie die gehörige 
Einmündung der Arterienstämme in die Kammern; 
die regelmäßige Vertheilung der nahen und selbst 
schon entferntem großem Stämme der Gefäfse und 
die Freiheit der Thätikeit derselben, in so fern sie 
mit der' de* Herzens in einer mechanischen Verbin- 
dung stehen; endlich und ganz vorzüglich auch eine 
genaue Symmetrie der Weite der verschiedenen Höh- 
len des Herzens, so wie der Stärke ihrer Mtfskel- 
schichten. 

Wie leicht kann die Natur in der zweckmäfsigen 
Ausbildung eines dieser Theile oder nur in Hinsicht 
ihrer Zusammenstmimung zu einem zweckmäfsigen 
Ganzen schon im Mutterleibe gestört und so der Keim 
zu Krankheit des Herzens gelegt werden, ehe der 
Mensch zum selbstständigen Leben erwacht? Wie leicht 
kann während des Lebens eine von diesen blos me- 



— 13 — 

ehamschen Bedingungen verletzt, und wie vielseitig, 
in dieser Hinsicht allein, die wichtige Verrichtung des 
Herzens eingeschränkt und unvollkommen gemacht 
Werden ? 

Zu den organischen oder vitalen Veranstaltungen 
rechne ich einmal die besondre Art wie die Natur 
das Herz mit eigenthümlichen Arterien versorgt hat, 
welche ihr Blut zu allererst von dem- aus den Lungen 
zurückkehrenden erhalten; denn sie liegen über den 
Klappen der linken Herzkammer; das Herz empfängt 
also das ganz neu gesäuerte Blut aus der ersten Hand 
und vorzugsweise rein vor allen andern Theilen und 
zwar im Verhältnifs seiner Gröfse in sehr bedeutender 
Menge; dann ist die Anordnung der Nerven, welche 
das Herz versorgen, eben so merkwürdig; sie stammen 
gröfstentheils von dem sympathischen Nerven, den man 
als ein eignes einzelnes System von Nerven ansehen 
kann, weil er auf eigne Weise entsteht und vorzugs- 
weise die Organe der BrusJ und des Unterleibes, viel- 
leicht blos die Gefafse derselben versorgt; die Herz- 
nerven gehören folglich zu dem Ganglien System ; sie 
nmspinnen erst mit dünnen einzelnen Fäden und Ge- 
flechten die grofsen Blutgefäfse, und gehen erst mit 
diesen zu dem Herzen; in demselben aber begleiten 
sie blos die eigenen Göfäfse des Herzens und ver- 
schwinden endlich auf den Häuten derselben. Sie sind 
ferner schon weich von ihrem Ursprünge an und längst 
ihrer Verbreitung auf den eignen Getäfsen des Her- 
zens, und unterscheiden sich dadurch von den Nerven 
der willkührlichen Muskeln, welche in festen Strängen 
bestehen und nur erst kurz vor ihrem Verschwinden 
weich werden, sich auch nicht so deutlich blos in den 
Häuten der sie ebenfalls begleitenden Schlagadern 
verbreiten. Ueberdies haben die willkührlichen Mus- 



— i4 — 

kein meistens Weit stärkere Nerven*). Wenn diese 
Art von NervenvertheiJung in dem Herzen nun auch 
Vielleicht Von der in willkührlichen Muskeln sonst ge- 
wöhnlichen nicht so wesentlich verschieden ist, als es 
scheint, so liegt doch in ihr unstreitig der Grund, dafs 
eines Theils zwar die Bewegungen des Herzens der 
Willkühr entzogen und die Leiden desselben de n Ge- 
rnüth weniger, als die von andern Theilen unter der 
Form von Schmerzgefühl mitgetheilt werden sollten, 
andern Theils aber das Herz dennoch an allen grofsen 
Ereignifsen in dem menschlichen Organismus Theil 
nehmen und so von moralischen Aufwallungen des 
Gemüths sowohl, als von krankhaften körperlichen Zu- 
ständen, welche d^m svmpathischen Nerven vorzugs- 
weise angehören, in Mitleidenheit gezogen werden 
sollte, wiewohl die Erklärung dies r lftz;en Erschei- 
nungen noch Schwierigkeiten unterworfen ist 

Die Einrichtung der dem Herzen eigentüm- 
lichen Blutgefäfse zeugt ganz deutlich von der 
Absicht der Natur, die Reproducti vität dieses Or- 
gans zu fördern und d<n Prozefs des Lebens in dem- 
selben eben so intensiv stark, als fähig zu einer langen 
Ausdauer zu machen; bei der so starken und ununter- 
brochenen Thätigkeit des Herzens und folglich bei dem 
so schnellen Wechsel der Materie seiner Substanz, war 
auch eben so rascher Umtausch der Stoffe und Ersatz 
nothwendig; allein eben diese Einrichtung begründet 
auch die so grofse und nicht genug zu würdigende 
Anlage zu topischen Entzündungen dieses Or- 
gans (so wollen wir den Krankbeitszustand im allge- 
meinen nennen, welcher in erhöhter Thätigkeit der 
kleinsten Gefäfse eines Theils besteht und durch die 



*J v. Soemmring et Behrends Dissert. qua demonstratur cor 
nervis carere- Mogunc 179a. 



— i5 — 

Tendenz zu einer Abänderung des Bildungsprocesses 
sich ausspricht) in allen möglichen Graden mit allen 
ihren Folgen, als Vermehrung, Auflockerung, Verdun* 
nung, Umwandlung der Substanz des Herzens. Ich 
kann auf diese Anlage, die in der Natur der Herzsub- 
stanz selbst so deutlich begründet ist, nicht genug auf- 
merksam machen, um die Entteliung so vieler orga- 
nischer Uebei des Herzens leicht begreiflich zu finden, 
die man ehemals gröfstentheils wie eine Art von Wun* 
der angestaunt hat. 

Was die Anordnung der Nerven des Herzens an- 
langt, so ist einmal wohl nicht zu bezweifeln, dafs sie 
in Verbindung mit den Blutgefässen, welche 4e unver« 
rückt in ihrem Laufe begleiten, dem chemisch -anima- 
lischen Prozesse dieses Theils wesentlich mit vorstehen, 
wäewohl uns die Art und Weise ihres Beiwirkens noch 
nicht ganz klar geworden ist; allein aufserdem und 
in so fern sie Leiter der Erregungen *) sind, die theils 
zunächst in dem Gehirn, theils in den peripherischen 
Enden des Nervensystems Statt finden, und durch Ver* 
mittelung des sympathischen Nerven auf das Herz re- 
fiectirt werden können, bekommt die Ansicht ihres 
Antheils an den Störungen der Function des Herzens 
eine ganz neue Seite. Es ist nämlich hieraus begreif- 
lich, wie bei erhöhter Receptivität des Hirns so- 
wohl als der Nerven, sey es durch Aufwallungen des 
Gemüths und anhaltende Leidenschaften, oder durch 



*) Ich sage der Erregungen, nicht der Reitze; denn die Herz- 
nerven haben -wenig Leitungsfähigkeit der Reitze, wie wir 
weiter unten sehen werden; aber da das Nervensystem in sei- 
nen einzelnsten Fäden zusammenhängt, so müssen sich Stirn» 
mungen eines Theiles desselben allen übrigen mittheilen kön* 
neu, und die Herznerven folglich an grofseu Veränder- ngea 
des ganzen Nervensystems oder einzelner wichtiger Äbtheilun- 
gen desselben und des Gehirns selbst Tbeil nehmen durch Gleich? 
setzung mit denselben in ihrer Stimmung. 






i6 



physische Krankheiten, die das Hirn zunächst afficiren, 
oder sey es durch Krankheitszustände solcher Organe, 
Welche mit dem sympathischen Nerven in sehr naher 
Beziehung stehen, z. B» der Unterleibs Organe — es 
ist begreiflich, sage ich, wie unter solchen Umständen 
das Herz in Mitleidenheit gezogen werden, und wie 
sich aus dieser Quelle Krankheitszufälle entwickeln 
können, die das Gepräge der gestörten Function des 
Herzens tragen und die Krankheiten desselben täu- 
schend nachahmen werden. 

Um der richtigen Auffassung der Idee, was Krank- 
heit des Herzens sey, und auf wie mancherlei Art sie 
möglich werde, näher zu kommen, ist es vor allen 
Dingen nöthig, die Bedingungen kennen zu lernen,, 
wovon überhaupt und im Allgemeinen die regelmäßige 
Circulation des Blutes abhängt und wie sie durch 
Abänderungen dieser Bedingungen gestört werden 
kann. 

Regelmäfsig oder normal wird man den 
Kreifslauf des Blutes nennen müssen, wenn derselbe 
nicht nur gleichförmig und ungehindert, sondern auch 
in einem solchen Verhältnifs von Geschwindigkeit und 
Kraft von Statten geht, welches den besonderen Ver- 
hältnissen des Individuums entspricht, so dafs die Har- 
monie aller Verrichtungen, Gesundheit, dabei bestehen 
kann. 

Die Verrichtung des Kreifslauf.« des Bluts ist eine 
der wichtigsten des organischen Lebens, nicht nur, 
weil das demselben vorstehende System von Organen 
durch alle Theile des Körpers verbreitet ist, sondern 
auch, weil eine Menge anderer Verrichtungen, beson- 
ders Absonderungen und Ernährung von ihr abhängen, 
und überdies die freie Nerventhätigkeit ein gleichzeiti- 
ges freies Wirken des Blutumlaufs erfodert. Denn die 
Unterbindung einer Schlagader, z. B. der Arm- Schlag- 
ader 



— 17 — 

ader hat Unempfindlichkeit des Arm's so gut zur Folge, 
als ob der Nerve unterbunden wäre. 

Die Bedingungen des Kreislaufs beruhen auf nor- 
maler Beschaffenheit des Herzens und der Gefäfse auf 
der einen, so wie des Blutes, als des specifiken Reitzes 
derselben und anderer, die Wirksamkeit des ßlutreitzes 
unterstutzender und vermehrender Einflüsse, auf der 
andern Seite. Die normale Beschaffenheit des Herzens 
und der Gefäfse setzt regelmäfsigen Bau und einen 
mittlem Grad von Erregbarkeit und Energie dersel« 
ben voraus. 

Was das Blut anlangt, so mufs es in einer der 
Weite und der Energie jenes Systems entsprechenden 
Menge vorhanden und von guter, den gehörigen Grad 
von reitzender Beschaffenheit besitzenden Mischung 
seyn. Die Harmonie dieser Bedingungen begründet 
den gleichförmigen, der Gesundheit gemäfsen Gang 
des Kreislaufs. Abänderungen dieser Bedingungen 
müssen nothwendig den Kreislauf stören, und der Mo- 
mente, wodurch eine oder mehrere derselben normwi- 
drig abgeändert werden können, giebt es nur zu viele* 
Einmal nämlich kann der diesem System zunächst be- 
stimmte Reitz, das Blut selbst, zu Folge von Störun- 
gen des Geschäftes der Blutbildung oder durch un- 
leugbar vor sich gehende Beimischungen fremdartiger 
Bestandtheile in seiner reitzenden Eigenschaft die be- 
deutendsten Abänderungen erfahren, wodurch Störung 
des gleichförmigen Umlaufs des Bluts die Folge seyn 
tnufs. Ich will mich, um dieses zu beweisen, weder 
auf besondere Krankheiten, in welchen man den ver- 
stärkten FUutreitz als Ursache betrachtet, berufen, weil 
ich mich leicht in Hypothesen verwickeln könnte, 
noch auch den Tumult anführen, den wenige Tropfen 
Wasser, in ein Blutgefäfs gespritzt, in der Circulation 
veranlassen; ich erinnere nur an die schnell erhöht© 

I. [ 2 ] 



' - i8 - 

Thätigkeit des Blutsystems nach dem Einathmen des 
Sauerstoff- oder des übersauern Stickstoff- Gases, und 
es wird hinreichend seyn zu zeigen, wie die reitzende 
Eigenschaft des Blutes selbst gesteigert werden könne* 

Dies führt mich auf die Betrachtung andrer Po- 
tenzen, welche durch ihre erregende Eigenschaft auf 
die Circulation des Bluts einen nahmhaften Einflufs 
haben. Die Erfahrung lehrt nämlich, dafs nicht nur 
die Thätigkeiten des Gemuths und der willkührlichen 
Muskeln den Umtrieb des Bluts zu befördern und bei 
gehörigem Maafse die Gesundheit selbst zu erhalten 
im Stande sind, sondern dafs vorzuglich auch das Ge- 
schäft des Athemholens mit dem des Kreislaufes in der 
engsten, und zwar nicht etwa blos mechanischen, son- 
dern vorzugsweise vitalen Verbindung steht. So wie 
daher übermäfsige Piuhe des Geistes und des Körpers 
Trägheit des Kreislaufs , Uebermaafs der Thätigkeiten 
derselben aber Beschleunigung desselben zur Folge 
hat, so verändern auch alle Abänderungen des Athem- 
holens, z. B. Sprechen, Singen, Blasen auf musikali- 
schen Instrumenten, Husten, kurz alle Anstrengungen 
der Athemwerkzeuge, folglich auch deren Krankhei- 
ten, den gleichförmigen Gang der Circulation. 

Allein die Abstammung der Herznerven von dem 
sympathischen vermehrt die Anzahl der erregend wir- 
kenden Einflüsse auf das Herz, und folglich auf die 
Circulation um ein sehr grofses. Daher die wunder- 
bar heftigen Wirkungen der Gemüthsbewegungen auf 
die Herzbewegung, daher die Veränderungen dersel- 
ben bei Reitzung oder Druck des Gehirns, bei krank- 
halten Ereignissen in den Organen des Unterleibes, 
so wie bei allgemeinen Krankheiten des gesammten 
Nervensystems, und von specifiken Nervenreitzen, 
z. B. gewissen Gerüchen, oder der Ausdünstung selbst, 



— ig — 

z. B. der Katzen, deren Nähe manchen Personen Ohn- 
mächten zuzieht 5 ''). 

Ohnstreitig stehen auch viele äufsere Einflüsse mit 
der Erregbarkeit des Herzens und der Blutgefäfse in 
einer besondern Verbindung und können die Thätig- 
keiten derselben abändern,, z. B. der Kaffee, der Wein 
und alle geistigen Getränke, die Gewürze und alle 
Arzneimittel die man gewöhnlich reitzende zu. nennen 
pflegt. 

In so fern das Herz mit den Elutgefäfsen ein zu- 
sammenhängendes Ganze ausmacht und seine Nerven 
mit dem gangliÖsen Nervensystem in einer sehr nahen 
Verbindung stehen, ist es auch begreiflich, dafs kranke 
Zustände, welche in verschiedenen Theilen des Kör- 
pers Statt finden, eben so auf das Herz und seine 
Thatigkeit zurückwirken müssen, wie das Blutsystem 
in alle Functionen des Körpers eingreift. 

Wir werden bei Gelegenheit der Lehre von der 
Entstehung und Bildung der Krankheiten des Herzens, 
auf diesen Gegenstand wieder zurückkommen ; hier 
war der Ort nur zu zeigen, wie durch Vermehrung 
oder Verminderung der reitzend wirkenden Einflüsse 
auf das Herz, das Geschäft des Kreislaufs abgeändert 
und innormal gemacht werden könne, ohne dafs noch 
von einer eigenthümlichen Krankheit dieses Organs di^e 
Rede seyn kann. • 

Noch mufs ich aber* hinzufugen, dafs die Störun- 



*) Ich nehme hier die Verbindung des Herzens mit dem Hirn 
durch den sympathischen Nerven als eine Thatsache. an, ohne 
mich in eine Erklärung der verschiedenen F.jsc'ieinungen ein- 
zulassen, v/elche eines Theils eine Unabhängigkeit dieses Or- 
gans von dem Hirn und den Cerebral- und Rückenmarksnerven, 
andern Theils aber eine Abhängigkeit ~ beider Gentralorgane 
von einander beweisen. Wir werden weiter unten etwas mahr 
davon sagen. 



20 

gen der Circulation, welche zu Folge der genannten, 
so höchst mannichfaltigen Einflüsse entstehen können, 
nach Verschiedenheit des Grades, so wie auch der 
qualitativen Beschaffenheit derselben bald nur als ver- 
stärkte oder beschleunigte, bald als unregelmäfsige 
Thätigkeit in verschiedenen Abänderungen, bald end- 
lich selbst als aufgehobene Thätigfoeit des Herzens und 
der Arterien, sich aussprechen; es ist genug dies hier 
nur anzudeuten, da jeder Arzt sich erläuternde Bei- 
spiele aus der alltäglichsten Erfahrung hinzudenken 
wird ; eben so ist die Art und Weise, wie der Einüufs 
vermehrter Reitzung, nach den verschiedenen Graden 
derselben, diese drei verschiedenen Modificationen des 
gestörten Kreislaufs zur Folge haben könne, von selbst 
leicht einzusehen. 

Vielleicht wäre die Frage noch aufzuwerfen, ob 
es nicht vielleicht negative oder reitzverminderndo 
Einflüsse, gebe, d. h. solche, durch deren Einwir- 
kung die Thätigkeit des Herzens unmittelbar vermin- 
dert und geschwächt werden könne? Ich erinnere daran, 
theils wegen der besonderen Wirkung mancher Arz- 
neien, z.B. des rothen Fingerhutes auf das Herz, 
indem von dem Gebrauch desselben der Puls bekannt- 
lich retardirt zu werden pflegt, sondern auch wegen 
der in Deutschland nur unvollständig bekannt gewor- 
denen, in Italien aber jetzt aufs erordentlich stark vor- 
herrschenden Theorie des sogenannten Contrastimu- 
lus des Dr. Rasori*), nach welcher alle Einflüsse 



•*) Es sind darüber in Italien eine grofse Menge yon Schriften 
gewechselt worden; ja die gegenwärtige medicinische Literatur 
in Italien schränkt sich fast blos auf das für oder wider die- 
se Theorie ein , die eine Ausgeburt der Brownischen und eben 
so einseitig ist. Man sehe des verstorbenen Prof. Lodert 
Briefe über den gegenwärtigen Zustand der Medlcin in Italien ; 
indefs »cheint diese neue Lehre nicht gani scharf und befrie- 



21 

auf den lebendigen Organismus die Erregbarkeit ent- 
weder erhöhend oder dieselbe vermindernd wirken, 
folglich auch alle Krankheiten diese Duplieität besitzen 
und durch die eine oder die andre Gattung von heil- 
samen Potenzen geheilt werden müssen. Ohne mich 
in eine nähere Ansicht dieser Lehre, welche in Deutsch- 
land unmöglich noch ein Glück machen kann, weiter 
einzulassen, will ich nur bemerken, dafs aufser der 
Entziehimg des Blutes, welche begreiflicher Weise nicht 
anders als reitzvermindernd wirken kann, von keiner 
andern Potenz mit Sicherheit ausgesagt werden könne, 
dafs sie reitzm.indemd auf das Herz wirke. Was den 
rot hen Fingerhut anlangt, so denke ich in der Folge 
zu erweisen, dafs dessen Wirksamkeit gerade von den 
Aerzten ganz verkannt worden und dieselbe eine die 
Energie des Herzens ganz ungemein vermehrende ist; 
wollte man mir die Wirksamkeit des Salpeters noch 
entgegen stellen, so antworte ich, dafs dieses Salz nur 
unter gewissen Umständen abspannend auf das Gefäfs*- 
system, in grofsen Gaben aber leicht feindselig, reitzend 
und Entzündung erregend auf den Magen wirke, seine 
Wirksamkeit folglich auf das Blutsystem so wenig aus 
einem so einseitigen Gesichtspunkte aliein erklärt wer- 
den dürfe, als die von irgend einem andern Arznei- 
mittel. , 

Hingegen ist die Beachtung der Wirkung einer 



digend darin abgehandelt zra seyn» Rasori, der Erfinder dar« 
»elben, hat sie in der zweiten Ausgabe seiner Geschichte der 
epidemischen Fieber in Genua in den Jahren 1799 — 1S00, 
Mailand iSo5 und in seiner Uebersetzung von Darwins Zoo- 
nomie, Mailand 1803» so -wie in zwei von ihm herausgegebe- 
nen Zeitschriften, dun Annali dt medici'na und Annali delle 
scienze e lettere entwickelt. Eine mehr heftige als tief ein- 
dringende Gegenschrift hat ein französischer Arzt in M.iiland 
darüber herausgegeben: D. J. F. Ozanam, Cenni sulla teoria 
m la yratica della dottrina medica del contrasumulo iSi?-- 



22 

grofsen Blutverminderung auf das Herz und 
die Circulation in Hinsicht unsers Gegenstandes von 
der gröfsten Wichtigkeit. Wir sehen nämlich, daß 
grofser Blutverlust die gröfsesten Störungen in der 
Thätigkeit des Herzens veranlagt. Thiere, die man 
verbluten läfst, und Frauen, welche im Wochenbette 
sich verbluten, sterben unter Zufällen von Erstickung 
und einer unerträglichen Angst, eben so wie viele 
Kranke, welche an Herzübeln sterben-'-). Es beweifst 
dieses, dafs zu grofse Verminderung des Blütreitzes in 
dem Herzen und in den Arterien einen convulsivischen 
Zustand erweckt, und es erkläit ganz natürlich und 
überzeugend (was ich hier vorläufig zu beherzigen 
bitte, weil kein Schriftsteller darauf geachtet hat), 
warum in Krankheiten des Herzens grofse Angst und 
Beklemmung entsteht, sobald die Herzbewegung schnell 
gehemmt wird, es mag der Grund davon in der vordem 
oder in der hintern Hälfte des Herzens liegen, es mag 
folglich entweder die Entladung des Blutes aus den 
Lungen in das hintere Ohr, oder das Ausströmen des 
Blutes aus der rechten Kammer in die Lungenarterie 
gehemmt seyn, in welchem letztern Falle die Lunge 
plötzlich des habituellen Blütreitzes beraubt wird. 
Eben so zeichnen sich niedere Grade von Blutverlust 
durch Herzklopfen, Beschleunigung des Pulses und 
periodische Wallungen aus, welche die Kranken zu- 
weilen noch von Blutfülle herleiten, welche aber nichts als 
unregelmäfsige convulsivische Bewegungen sind, und dar- 
aus erklärlich werden, dafs das Schema zu abwech- 
selnder Erweiterung und Contraction dem Herzen und 
den Arterien natürlich, und von dem Blutreitz in ge- 
wisser Art unabhängig ist: denn auch so eben aus dem 



*) 31. Senac traite de la structure du eoeur, de son action 
et de ses malaaies. Paris 1749. Tom. I. et II. pag. 506. 



— 23 — 

lebendigen Körper geschnittene Stucke von Arterien- 
stämmen machen diese entgegengesetzte Thätigkeits- 
acte noch einige Zeit lang nach der Trennung von 
dem Körper fort. Die kurze Aufzählung der Einflüsse, 
welche die Thäti^keit des Herzens erregen und auf die 
mannichfaltigste Weise unordentlich machen können, 
zeigt zur Gnüge, wie so sehr leicht diese Verrichtung 
innormal werden und dafs kein Theii des Körpers von 
so vielen Seiten her feindselig angegriffen werden 
kann, als das Herz. Indefs, ich wiederhole es, die 
Wirkungen dieser Einflüsse begründen noch keine 
Krankheiten des Herzens an sich, sondern nur Passi» 
onen (wie ich die von ihnen herrührenden Störun- 
gen der Herzthätigkeit nennen möchte), die sich ent- 
weder vorübergehend selbst im gesunden Zustande 
einstellen können, oder in gegebenen Krankheiten als 
Zufalle derselben eintreten. 

Ich komme auf die normale Beschaffenheit 
des Herzens als die zweite Bedingung, welche 
zur gesundheitsgemäfsen Vollbringung der Circulation 
er f oderlich ist, und zwar zunächst in Hinsicht der Vi- 
talität desselben. Das Herz wird nur dann mit 
dem gehörige:! Grade von Wirkungsvermögen und 
Reitzbarkeit versehen seyn können, wenn eine voll- 
kommene Integrität seiner Substanz Statt findet, in 
welcher die Bedingungen des Ersatzes seiner Kraft lie- 
gen. Wir haben oben bereits gesehen, dafs die Natur 
zur Erhaltung der Kräfte des Herzehs, bei dem bestän- 
digen grofsen Aufwände derselben, ausserordentliche 
organische Veranstaltungen getroffen bat, und haben 
zugleich vorläufig einen Wink über die dadurch in dem 
Herzen mehr, als in irgend einem andern Theile des 
Körpers begründete Anlage zu Veränderungen seines 
eignen innern Lebens gegeben. Ich fühle mich um so 
mehr veranlafst, hier etwas genauer von diese-m eigen- 



— 2 4 — 

thümlichen Leben des Herzens zu sprechen, da die 
Schriftsteller über Herzkrankheiten so wenig die eigne 
innre Haushaltung des Herzens zu beachten sich be- 
müht haben, um daraus Schlüsse für die Pathologie 
ku ziehen, und diese Untersuchung doch den Grund 
tu allen weitern Forschungen über die Krankheiten 
des Herzens legen mufs. 

Ehmals sah man das Herz fast blos als einen hoh- 
len Muskel an, und berechnete die Kräfte dieses Muskels 
nach den Resultaten seiner Wirkung, d. i. der Menge des 
in Bewegung gesetzten Blutes in Verhältnifs der Ge- 
schwindigkeit dieser Bewegung und der zu überwin- 
denden Widerstände. Bekanntlich fielen die Berech- 
nungen höchst verschieden aus, und stimmten nur darin 
überein, däls die Kraft des Herzens sehr grofs seyn 
müsse. 

Der unsterbliche Ha Her würdigte die Vitalität 
des Herzens einer nähern Untersuchung, und bemühte 
sich zuerst die Gesetze der Reitzbarkeit desselben (denn 
so nennte er das eigenthümliche lebendige Vermögen 
der muskulösen Theile), näher zu ergründen; die Phy- 
siologie überhaupt und die des Herzens insbesondere 
hat von diesen Bemühnngen aufserordeniliche Vortheile 
gezogen; auf die Krankheitslehre des Herzens aber 
hat man wenig Anwendung davon gemacht. 

Möge dann die Idee, das Herz sey ein starker 
hohler Muskel, die erste seyn, welche wir bei der 
Betrachtung seiner Natur ins Auge fassen wollen^ 
Vermöge derselben wird das Herz im Verhältnifs sei- 
ner Muskelsubstanz mehr oder weniger intensive Kraft 
zur Fprttreibung des Blutes besitzen. Es läfst sich nun 
denken, dafs in Hinsicht dieser Muskelstärke Mißver- 
hältnisse zwischen den verschiedenen Höhlen des Her- 
zens unter einander, so wie zwischen den Wändeü der 
Herzhöhlen und den Muskelhäuten der Arterien Statt 



— 2ö — 

' finden können; die Existenz solcher Mifs Verhältnisse 
1 bestätigt auch die Erfahrung sehr häufig bei Sectionen, 
l! selbst von neugebohmen Kindern und lehrt so, dals 
I dieselben häufig angeboren sind, Was mufs nolhwen- 
! dig die Folge davon seyn ? Unharmonische ThätJgkeit 
l der einzelnen Theile des Herzens untereinander, oder 
dieser und der grofsen Arterienstämme, v zu stänke närn- 
I lieh, im Verhältnis der weniger kräftigen Theile und 
folglich überwiegende zum Nachtheile der letztern. 
Das spätere Resultat mufs bei immer zunehmendem 
> Mifsverhältnifs immer gröfsere Schwächung der an- 
fangs relativ schwachen, .Nachgaben gegen den unver- 
hältnifsmäfsig starken Andi ang des Bluts, Ausdehnung mit 
.Verdünnung der Substanz seyn, wobei oftmals der 
relativ stärkere Theil auf Unkosten der schwächern 
stärker genährt wird, und immer noch gröfsern Zusatz 
von Muskelsubstanz erhält. Die Erfahrung bestätigt 
die Richtigkeit dieser Ansicht auf das vollständigste, 
und wir sehen so eine Art von Anlage zu Herzkrank- 
heiten aufgeschlossen, die in seiner Muskelsubstanz zu- 
nächst begründet ist. Wie diese Veränderungen der 
Muskelsubstanz sich nach und nach ausbilden, mufs in 
der Pathogenie näher nachgewiesen werden. 

Eine andere Seite, von welcher die eigne Oe- 
conomie des Herzens betrachtet werden mufs, ist ohn- 
streitig die, welche von seinem Repr o duetions- 
vermö gen ■hergenommen werden kann. Es ist nicht 
zu verkennen, dafs das Herz verhälmifsmäfsig mit den 
stärksten Blutgefrifsen zu seiner Ernährung versehen 
ist, und höchst wächtig, dafs dieses Blut so eben erst 
in der Lunge gereinigt und mit dem Princip des 
Sauerstoffs neu angeschwängert worden ist. Bedenkt 
man nun, dafs die Höhlen des Herzens ununterbrochen 
mit Blut, die rechte Hälfte mit gesohltem, die linke 
mit gesäuertem angef. 11t ist, und dafs in seine Substanz 



— . 26 — 

immerfort das vollkommenste Blut, was der Korper 
besitzt, einströmt, um es zu beleben und zu nähien; 
so sieht man auch ein, dafs sein organisches Leben 
an Intensität alle andere Theile des Körpers übertref- 
fen müsse. Immerfort von innen her zu anhaltender 
Thätigkeit aufgefordert, welche Aufforderung durch 
eine unendliche Menge von aufser demselben befind- 
lichen Reitzen erhöhet werden kann und so sehr häufig 
erhöht wird, mufs der beständig Statt findende Ver- 
lust an Substanz eben so schnell auch wieder ersetzt 
werden und wird ersetzt, selbst bei den übertrieben- 
sten Anstrengungen bisweilen. Es findet demnach in 
der Substanz des Herzens der höchste Grad von 
phlogistischem Prozefs und der schnellste Wechsel der 
Stoffe statt, und man kann annehmen, dafs derselbe 
den in den übrigen Theilen des Körpers Statt finden- 
den bei weitem übertrifft. 

Vergleichen wir diese Eigenthümlichkeit des Le- 
bens des Herzens mit dem Leben anderer muskulösen 
Organe, und zugleich die Bedingungen, von denen 
fin andern fehlerhafte Reproduction abhängt, so wird 
es klar, dafs diese weit öfter und stärker hervor- 
springend im Herzen Statt finden misse, als in allen 
andern Organen. Wiilkührliche Muskeln werden 
durch fortgeseizte stärkere Uebung stärker genährt 
und kräfliger, z. B. der rechte Arm bei den mehre- 
sten Menschen; zu heftige Anstrengung macht sie em- 
pfindlich, und, wenn sie fortgesetzt wird, vor der Zeit 
steif, d. h. durch fehlerhaften Ernährungsprozefs zur 
Contractu ">n untüchtig; öfters erfolgende Entzündun- 
gen, z. B. von Gicht, bringen dieselbe Wirkung her- 
vor.; andremale schwinden die Muskeln, ja gewisse 
Zustände von Cachexie sind vermögend, eine Umwand- 
lung der Muskelsubstanz in eine dem Speck ähnliche 
Masse zu befördern, wovon ich selbst ein Beispiel ge- 



27 — 

sehen habe, was ich weiter unten mitzutheilen ge- 
denke. Alle diese Arten von Metamorphosen kom- 
men in der Muskelsubstanz des Herzens, und zwar 
häufiger,, als in andern Muskeln vor, und das dunner 
oder auch mürber werden dieser Substanz ist nicht 
sowohl Folge der Dehnung und Streckung, als viel- 
mehr einer verminderten Ernährung, oder «ogar Zu* 
rückbildung derselben, wie wir an einem andern Orte 
sehen werden. 

Eine dritte Seite, das eigenthümliche Leben 
des Herzens zu beachten, bieten uns die häuti- 
gen Theile dar, welche die Muskelsubstanz 
von aufsen und innen überziehen und umkleiden. 
Aufser der allgemeinen Bedeckung nämlich, welche 
den Herzbeutel bildet, setzt sich das innere Blatt des- 
selben an das Herz fort, und bildet die äufsere Haut 
desselben. Diese Haut aber ist reich an Gefäfsen, und 
gehört nach Bichat's *) Untersuchungen zu der wich- 
tigen Klasse der serösen absondernden Häute. Allein 
wird die Muskelsubstariz des Herzens nicht auch von 
innen durch eine ' Membran von gleichem Bau und 
von gleicher Natur umfafst? Allerdmgs; Arterien und 
Venen besitzen eine eigne innere feine durchsichtige 
Haut, welche in ihrem Bau den serösen Häuten 
gleicht, und nach Bichat einen vollkommen vom An- 
fange bis zu Ende zusammenhängenden, nirgends 
durchbohrten Cylinder ausmacht, was den fibrösen 
Häuten zukommt; sie haftet sehr fest auf der fibrösen 
Haut der Arterien, ohne durch Zellgewebe damit ver- 
bunden zu seyn, bei den Venen aber scheint nach 



*) Allgemeine Anatomie, angewandt auf die Physiologie und 
Arzneiwissenschafr ron Xa?ier Bichat ; aus dem Französ. über- 
setzt und mit Anmerk. versehen von L. H. Piaft". Leipz. 1802. 
a Theile. 



— 28 — 

Bichat Zellstoff von den äufsern Zellenhäuten bis zu 
ihr durch die mittlem durchzudringen. Diese ganz 
besondre Einrichtung des Gefäfssystems erinnert ganz 
ünwillkührlich an eine Analogie der Knochen bei 
denen die Beinhaut eine so wichtige Rolle spielt, in- 
defs die innere Fläche der Knochen ebenfalls mit ei- 
ner sehr gefäfsreichen feinen Haut ausgekleidet ist, 
wovon zunächst die Absonderung des Knochenmarks 
abhängt; allein beide Membranen sind für das Leben 
des Knochen weit wichtiger; wenn Bichat die Wieder- 
ersetzung der Knochen allein von der innern herleitet, 
so geht er ohnstreitig zu weit, die äufsere oder B ein- 
baut hat gewifs sehr grofsen Antheil daran; allein 
seine Versuche beweisen, dafs auch die innere Kno- 
chenstoff absetze, was man früher nicht so genau 
wufste. 

Dafs die das Herz unmittelbar und fest umgebende 
Membran, und folglich auch die innere Lamelle des 
Herzbeutels eine absondernde sey, leidet keinen Zwei- 
fel ; sie ist die Quelle der Feuchtigkeit, welche zwi- 
schen dem Herzen und dem Herzbeutel abgeschieden 
wird, folglich auch die Quelle des Wassers', was. bei 
der Wassersucht dieses Theils sich ansammelt. Allein 
sie ist auch der Sitz der Entzündungen der Oberfläche 
des Herzens und des Herzbeutels ; dies lehrt nicht nur 
das rotne Ansehen derselben, sondern auch die Resul- 
tate der Entzündung, nämlich Ausschwitzung plastischer 
Lymphe, wodurch das Herz mit dem Herzbeutel 'bald 
eng und innigst verbunden, bald durch lange einzelne 
laden, die sich wunderbar durchkreuzen, vereinigt, 
bald auf seiner Oberfläche mit Schichten einer neu- 
erzeugten Haut bedeckt, bald angefressen wird, oder 
wodurch, wenn die Ausschwitzimg nach der Muskel- 
snWanz zu vor sich gieng, Abtrennung derselben von 
dieser Haut, und allmählig Verdichtung der ergossenen 



— 29 — 

Kaut bis zur Knochensubstanz, manchmal weifse Flecke, 
i manchmal Geschwülste von der Gattung der Balg- 
i geschwülste, manchmal auch sehr starke Verdichtung 
des Herzbeutels als Folgen entstehen. 

Wie weit sich der Einflufs dieser Membran, und 
ob er sich selbst bis auf die Muskelsubstanz des Her- 
zens und deren Reproduction erstrecke, läfst sich wohl 
nicht mit Gewifsheit noch bestimmen; es verdiente 
aber gewifs einer genauem Untersuchung; in der Re- 
gel dringen allerdings die von dieser Membran aus- 
gehenden Metamorphosen nicht bis in die Muskelsub- 
stanz selbst, andere Male indefs scheint dies der Fall 
zu seyn, bei Verwandlungen der Herzsubstanz nämlich 
in eine Art Speck oder in Knochen selbst. Indefs ist 
es immer zweifelhaft, ob jene Verwandlung von der 
Muskelsubstanz ausgegangen, bis an die äufsere Be- 
deckung des Herzens fortgeruckt ist, und so eine Ver- 
änderung in dieser erzeugt , oder ob der umge- 
kehrte Fall Statt gefunden habe. 

Bichat giebt zwar den Bau der innern Haut der 
Blutgefäfse als analog dem der serösen Häute an, al- 
lein er glaubt nicht, dafs sie zu ^en absondernden ge- 
höre. Nun sind die innersten Häute der Därme und 
der Luftröhre, wenn auch Schleimhäute, aber doch im- 
mer absondernde Häute, und der Analogie der hohlen 
Organe zu Folge sollte man wohl schon von deii Blut- 
gefäfsen vermuthen dürfen, dafs die innere Flächa 
derselben und des 1 l erzens der Ausdünstung ebenfalls 
bedürfe ; wirklich findet man auch diese innere Haut 
der Arterien in Leichnamen meist mit einer schmieri- 
gen Feuchtigkeit überzogen, und öffnet man eine 
grofse Arterie bei einem lebendigen Thiere der Läng© 
nach, so sieht man, nachdem man die innere Fläche 
abgewischt hat, doch immer wieder einen wässerigen 
Dunst ausschwitzen; auch diese Erscheinungen dürften 



— 3a — " 

gegen Bichat beweisen, dafs die innere Arterienhaut 
zu den serösen und ausdünstenden gehöre. Die vitale 
Verbindung dieser innern Haut des Herzens und der 
Gefäfse mit der eigentlichen Haut des Körpers, führt 
auch auf die Idee, dafs sie eine ausdünstende sey; 
denn die Natur der letztem sey welche sie wolle, so 
ist so viel gewifs, dafs sie mit allen zellichten Orga- 
nen in genauer Verbindung stehe, und dafs die Krank- 
heiten der letztern sich sehr oft den erstem mitthei- 
len, z. B. die Lustseuche; eben diese und sowohl fie- 
berhafte als chronische Häutausschläge pflanzen sich 
aber zuverlässig sehr oft auf die äufsere und innere 
Fläche des Herzens und der grofsen Gefäfse fort, und 
man mufs also eine bestimmte Verbindung zwischen 
diesen häutigen Organen annehmen, wie man sich 
auch ihre eigenthümliche Natur denken möge. Die 
vollkommene Uebereinstimmung der pathologischen 
Umwandlungen auf der äufsern und innern Fläche des 
Herzens und der Blutgefäfse läfst kaum noch einen 
leisen Zweifel übrig, dafs die innere Hülle derselben 
mit der äufsern von ganz gleicher Natur sey. Man 
findet nämlich in beiden, und vorzüglich nicht selten 
in den Herzhöhlen, Knochenlamellen und Knochen- 
stückchen von der verschiedensten Form, und zwar 
befinden sich dieselben meist zwischen der innern 
Membran und der JYluskelsubstanz, manchmal aber 
auch auf der Flache dieser Membran, welche nach 
den Höhlen des Herzens zu sinkt ; am allerhäufigsten 
findet man dergleichen Verknöcherungen an den Klap- 
pen, die durch eine Duplicatur dieser innern Haut ge- 
bildet werden, an den Ringen der Oefifnungen zwi- 
schen den Ohren und Kammern, und an den Scheide- 
wänden der Herzhöhlen. *) Sie sind folglich offenbar 

*) Corvisart führt die entgegengesetzten Meinungen der Ana- 



— 3i — 

das Werk der Abscheidung aus den Gefäfsen der innern 
Membran des Herzens oder der Häute der Blutgefäfse. 
Aufser den Knochenbildungen findet man aber auch 
die innere Fläche des Herzens manchmal an einzelnen 
Stellen excoriirt, andremale kleine weifse Flecke, wel- 
che eine mehlichte Substanz enthalten, andremale wirk- 
liche Auswüchse wie von Fleisch an den Wänden der 
Herzhöhlen und an den Klappen, welche nicht anders 
als aus dieser innern Membran entsprungen seyn kön- 
nen. Allein selbst die kleinern Arterien haben die* 
selbe Organisation, d. h. ihre innerste Membran ist 
eine absondernde; dies wird schon aus den Ver- 
stopfungen derselben durch plastische Lymphe wahr- 



tomen über den Bau der Klappen, der weifsen Bänder, welche 
die Ringe zwischen den Oeffnungen der Herzhöhlen bilden, 
und der Stränge an, welche ron den Fleischbündeln des Her- 
zens ausgehen und sich bis in die obern Ränder der Klappen, 
erstrecken, entscheidet aber nicht über die Natur dieser Thei- 
le; doch nennt er sie fasernartig serös, ohne damit etwa* 
entscheiden zu wollen. Ich glaube, man kann, ohne der Na- 
tur Gewalt anzuthun, die weifsen Ringe sowohl, als die Klap- 
pen selbst für nichts anders als für Entwickelungen und Ver- 
doppelungen der innern Haut halten, welche in den obern 
Rändern mit etwas dichtem Zellgewebe ausgestopft ist; die 
Ton den Fleischbündeln des Herzeus aus- und nach den Klap- 
pen gehenden Fäden und Stränge aber mögen teudinös seyn. 
Dafs die innere Haut des Herzens aber wirklich eine abson- 
dernde sey, glaube ich erwiesen zu haben. Auffallend ist es 
übrigens, dafs Corvisart mit Bichat behauptet, der Sitz der 
Verknö'therungen seyen am häufigsten die fasernartigen Häute, 
fast nie die serösen, da doch in der Pleura, im Herzbeutel 
und auf der Oberfläche des Herzens, a^so in serösen Mem- 
branen, die Verknöcherungen so häufig vorkommen, ganz so 
wie in der innern Haut des Herzens und deren Fortsetzungen. 
Entweder also müssen auch in den serösen Häuten Ergiefs.n- 
gen von Knochen.stoff geschehen können, oder die innere 
Haut des Herzens und der Arterien ist eine eigne, welche die 
Natur der serösen und fibrösen in sich vereinigt. Aber bei 
Verknöcherungen der Muskeln wird ja der Knochenstoff auch 
blos in das die Muskelfaser umgebende Zellgewebe abgesetzt 1 
warum^soll dies in dem Zellgewebe der serösen Häute nicht 
geschehen können ? 



■' — 3a — 

scheinlich, welche man nach Entzündungen der Einge- 
weide in ihnen findet, und woraus sich die skirrhösen 
Verhärtungen derselben erzeugen; man könnte viel- 
leicht meinen, diese Anpfropfungen der kleinen Ge- 
fäfse in entzündeten Eingeweiden seyen blofse Gerin- 
nungen des in sie geprefsten Blutes; allein, da blos 
weifse feste Substanz in ihnen befindlich ist, dieselbe, 
welche auch auf der äufsern Fläche der Gefäfse aus- 
schwitzt und ins Zellgewebe selbst eindringt, so läfst 
sich wohl nicht zweifeln, dafs diese Anpfropfungen 
der Geiäfse bei Entzündungen durch Ausschwitzungen 
plastischer Lymphe aus ihrer innern Membran ent- 
stehen. Noch weit einleuchtender wird dieses aus der 
Betrachtung der Metamorphosen der eignen oder Kranz- 
gefäfse des Herzens; diese findet man am häufigsten 
im Znstande von Verknorpelung, Verknöcherung und 
meistens ist zugleich Erweiterung dabei; diese Zustände 
müssen nun wohl offenbar nach denselben Gesetzen 
und durch dieselben Organe bewirkt werden, wie 
ähnliche Zustände in dem Herzen und in den grofsen 
Geläfsen, also durch einen krankhaften Abscheidungs- 
prozefs der äufsern und innern Membran derselben; 
man findet aber in den Höhlen dieser Kranzgefäfse 
manchmal noch einen besondern Zustand, welcher für 
meine Ansicht noch beweisender ist, nämlich, sie sind 
manchmal angepfropft von einer klümprichten teig-^ 
pder unvollkommenen fettähnlichen Substanz, die mit 
der Substanz des Croups oder der häutigen Braune 
ganz übereinkommt. *) Der Zustand, in welchem man 

die 



*) Parry über die Syncope anginosa, übers, t. Friese, Breslau 

1801, wo ein Beispiel von Jenner angeführt wird, eben so 

Cr eil Dissert. de artcria coroiuiria cordis instar ossis in- 
durata. Vitebergae 1740. 



— 33 — 

die Lungenarterien bei Subjecten findet, deren eine 
Lunge gaaz zerstört worden ist, erläutert die Natur 
der innersten Arterienhaut und ihr Absonderungsver- 
mögen ebenfalls sehr gut. Man findet hier nämlich 
die frei in den leeren häutigen Sack hineinragenden 
Arterien- Enden mit ganz offnen Mündungen; allein sie 
sind entweder verknorpelt, oder mit geronnenen Pfro- 
pfen angefüllt, die mit den Wänden der Arterie in 
der engsten Verbindung stehen, und auf keine andere 
Weise als durch Ausschwitzung aus der innern Haut 
entstanden seyn können, indem die mit der eiternden 
Fläche Statt «findende Entzündung sich den Arterien- 
häuten mittheilte. Dasselbe geschieht gewifs auch 
nach Amputationen von Gliedmafsen ■ in den Enden 
der Arterien und so auch bei Unterbindungen von 
Aneurismen; und deshalb verschliefst sich auch in dem 
letzten Falle die unterbundene Arterie so schwer, wenn 
sie verknöchert ist. 

Wir sehen daher, dafs, welches auch die nächste 
Bestimmung dieser das Herz und die Blurgefäfse von, 
aulsen und innen umgebenden Membranen seyn möge, 
ihr pathologischer Zustand auf die \ italität des Her- 
zens einen äufserst wichtigen EinHufs haben müsse, in- 
dem sie mehr als irgend ein Theil zu Metamorphosen 
Gelegenheit geben, welche die freie Thätigkeit des 
Herzens stören. 

Eine vierte Ansicht, die eigne Oeconomie des 
Herzens zu betrachten, gewährt die Wechselver- 
bindung desselben mit dem System der Ar- 
terien und Venen. Das Herz ist der Heerd, in 
welchen alles aus dem Körper zurückfließende Blut 
aufgenommen, und von wo aus es wieder in alle 
Theile versendet wird. So wie von seiner Integrität 
die Möglichkeit der freien Thätigkeit des Gefäfssystem« 
abhängt, so ist die Integrität des letztern wiederum 
i [3] 



— 34 — 

eine nothwendige Bedingung des innern Wohlseyns 
des Herzens. Es mufs nothwendig eine Harmonie des 
Baues und der Kräfte dieser zu unmittelbarer Wechsel- 
wirkung verbundenen Systeme Statt finden, wenn das 
Geschäft des Kreislaufes gleichförmig und naturgemäfs 
von Statten gehen soll. Betrachten wir den Bau der 
Arterien und Venen, so finden wir sogleich, dafs die 
erstem in Hinsicht ihres Baues dem Herzen sehr analog 
sind indem zwei Membranen eine muskulöse Schicht 
eins chli eisen; dafs hingegen die Venen aus 'einem 
schlaffern Gewebe bestehen, in dem man keine Mus- 
kelfasern unterscheiden kann; daher die Arterien auch 
einen dem Herzschlag ähnlichen Schlag, den Puls, als 
Zeichen ihrer Thätigkeit besitzen, welcher den Venen 
fehlt. In welchem Verhaltnifs stehen nun aber die Ar- 
terien und Venen zu dem Herzen, und wie bewirkt 
die Natur durch Gefäfse von verschi edener Beschaffen- 
heit, welche sie mit dem Herzen in Verbindung ge- 
setzt hat, Harmonie der Function? Ohne uns in eine 
weitläuftige physiologische Erörterung der Gesetze des 
Kreislaufes einzulassen, glauben wir für unsern Zweck 
den Satz aufstellen zu müssen, dafs das System der 
Arterien und Venen, obgleich, wie alle Theile im 
Körper, auf der einen Seite abhängig von dem Herzen, 
doch auf der andern ihre eigne Selbstständigkeit be- 
sitzen; ohne diese liefse sich schon kein Rückffufs des 
Blutes durch die Venen denken, denn auf diese kann 
das Herz nicht unmittelbar wirken. Allein auch die 
Arterien sind nicht so abhängig vom Herzen, dafs sie 
nicht ohne dasselbe, wenn auch unvollkommen den 
Kreislauf bewirken könnten. Wir sehen dies in Fällen 
von Herzkrankheiten, wo das Herz fast still steht, we- 
nigstens die Bewegung desselben nicht bemerkt wer- 
den kann, und doch der Puls fort schlägt. Wir sehen 
es aus den Fällen, wo der Puls nicht mit dem Herz- 



— 35 ~ 

ichlag zusammenstimmt, aus den örtlichen Fiebern und 
örtlichen Entzündungen, aus der Crispation der klei- 
nen Arterien auf der Oberfläche von Gemüthsbewegun- 
gen, aus dem langsamen Puls gelähmter Glieder, aus 
den unregelmäfsi^en, offenbar krampfhaften Bewegun- 
gen einzelner Arterienstämme, die mit der Empfindung 
verbunden sind, als ob etwas in den Gliedern hüpfe; 
eine häufige Erscheinung bei Vollblütigkeit; endlich 
aus den Erscheinungen bei Vivisectionen, wo nach Un- 
terbindung der Aorta das BInt rückwärts nach dem 
Herzen getrieben wird, durch eine Art von convulsi- 
vischer Action der Arterie. Die Arterien sind dem- 
nach als selbstständige Organe zu betrachten, welche 
dem Herzen am Bau ähnlich sind, auch dieselben Kräfte 
und dieselbe Art von Thätigkeit besitzen. Ihre Thä- 
tigkeit ist also nicht als eine blos durch das Herz ih- 
nen aufgedrungene, sondern als eine fortgesetzte gleich- 
artige und selbstständige zu betrachten; die Thätigkeit 
des Herzens ist blos Bedingung und erster Hebel des 
Kreislaufs, nicht die bewirkende Kraft desselben; 
durch sie wird das System der Arterien blos in gleich- 
förmiger Anfüllung erhalten, indem es den grofsen 
Stammen derselben bei jeder Systole des Herzens eine 
neue Blutwelle mittheilt in dem Zeitmoment, wo diese 
Stämme in dem Zustand der Diastole begriffen sind; 
diese neue Blutwelle giebt nun den Arterienstämmen 
einen neuen Impuls zur Contraction, die sich von den 
Stämmen aus unmerklich schnell bis in die letzten En- 
digungen fortsetzt, und vielleicht nicht mit Unrecht 
nach Senak *) mit der perisjaltischen Bewegung der 
-Därme oder der Speiseröhre beim Schlingen einiger- 



k J Am angef. O. Livre 111. Chap. VI, %. IL pag. iGq, und 
Chap. VII. %. III. p. aa8. 



— 36 — 

xnafsen verglichen werden kann. Das System der Ve- 
nen ist viel schlaffer gebaut, als das arteriöse, was 
vorzuglich auf der Abwesenheit der Muskelfasern in 
den Venen beruht, demohngeachtet sind auch die Ve- 
nen selbstständige lebendige Kanäle, die durch eigne 
Kraft das Blut aus den Aesten nach den Stämmen und 
so zu dem Herzen zurückführen; die Ansicht der Na- 
tur belehrt uns darüber auf eine sehr einfache Weise, 
denn in dem System der Pfortader sehen wir den Ve- 
nenbau benutzt, einmal das Blut, welches durch Ar- 
terien nach den verschiedenen Organen des Unter- 
leibes geführt worden ist, durch feine Aestchen auf- 
zunehmen und aus diesen allmählig in gröfsere Aeste 
und Stämme zurück zu leiten, bis diese mit einemmale 
wieder in der Leber die Function der Arterien über- 
nehmen und ihr Blut nach den Aesten hinführen, die 
sich in der Leber vertheilen. Die Venen pulsiren 
nicht, weil sie weder den Widerstand gegen das an- 
dringende Blut leisten, wie die Arterien, noch auch, 
wie diese, das aufgenommene Blut durch starke 
schnelle Contraction weiter fördern; die Bewegung 
des Blutes in ihnen ist mehr gleichförmig und lang- 
sam, und was ihnen an Kraft zur schnellen Fortbewe- 
gung des Blutes abgeht, hat ihnen die Natur durch 
die Einrichtung ersetzt, dafs der Raum in ihnen nach 
den Stämmen zu immer enger wird, und der Druck 
der Blutsäule nach den Aesten zu durch die ihnen ge- 
gebenen Klappen vermindert wird. 

Bei diesem Verhältnifs der Arterien und der Ve- 
nen zu dem Herzen wird also die normale Thätigkeit 
des Herzens von der Harmonie der Kräfte des Gefäfs- 
systems und dessen regelmäfsigem Bau abhängen, und 
umgekehrt wird das eigne Leben des Herzens durch 
Mifsverhältnisse des Baues und der Kräfte des Gefäfs- 
systems beeinträchtigt werden müssen. Dies ist auch 



— 37 — 

in der Erfahrung ganz gegründet, und es ist sehr 
nöthig, dieses Wechselverhältnifs des Herzens und des 
Gefäfssystems scharf ins Auge zu fassen, wenn man 
über die Natur der Herzkrankheiten richtig urtheilen 
und sich nicht in der Diagnose derselben unablässig 
täuschen will. Es erhellt nämlich hieraus, dafs bei 
fast vollständiger Unthätigkeit des Herzens, z. B. bei 
grofser Verknöcherung der Herzkammern selbst, der 
Kreislauf doch noch fortdauern kann, sobald nur 
noth dürftig etwas Blut durch die Herzhöhlen hindurch 
geprefst wird, und dafs man sich auf den Pulsschlag 
bei Herzubein nicht sonderlich verlassen darf; es er- 
giebt sich aber auch daher, dafs Mifs Verhältnisse des 
Gefäfssystems zu dem Herzen theils den Anschein von 
Krankheiten des Herzens, theils aber wirklich die An- 
lage zu solchen Uebeln werden erzeugen können.. 
Von diesen Mifsverhältnissen werden wir denn weiter 
unten ausführlich handeln. 

Ich inufs der Betrachtung des Wechselverhältnisses 
der Gefäfse zu dem Herzen noch dasjenige hinzrfügen, 
welches zwischen dem Herzen und den Lun- 
gen Statt findet; es ist dies einmal ein mechanisches, 
indem nur bei freiem Athemholen und folglich bei 
freier Entwickelung der Lungenzellen, der Ein- und 
RückHufs des Blutes aus dem Herzen in die Lungen 
und von da zurück frei und vollkommen erfolgen 
kann; aber es ist dieses Verhältnifs auch ein organi- 
sches und vitales, indem, das Blut in den Lungen ge- 
säuert und also sehr verändert aus denselben nach 
dem linken Herzen zurückkehrt. Alles, was das Athem- 
holen stört, seyen es äufsere mechanische Hindernisse, 
oder seyen es Krankheiten der Werkzeuge des Athem- 
holens, mufs nothwendig das Leben des Herzens ein- 
schränken, und entweder den regelmäfsigen Zu- und 
Rückflufs des Blutes, oder die nothwendige chemische 



— 38 — 

Veränderung des Blutes, oder auch beides zugleich 
stören. Die Beachtung auch dieser eignen und inni- 
gen Wechselverbindung des Herzens mit den Lungen 
ist für den Arzt, welcher Krankheiten des Herzens 
richtig beurtheilen will., von der äufsersten Wichtig- 
keit, nicht nur, weil Krankheiten der Werkzeuge des 
Athemholens auf den Herz- und Pulsschlag einen so 
bedeutenden, ich möchte fast sagen, einen gröfsern 
EinHufs haben, als die eigenthümlichen Krankheiten 
des Herzens und der. Gefäfse selbst , sondern auch 
weil die Krankheiten des Herzens umgekehrt sich vor- 
zugsweise in den Respirationswerkzeugen abspiegeln 
und sich besser aus der gestörten Verrichtung des 
Athemholens, als aus den Wirkungen der gestörten 
Circulation unterscheiden lassen; überdieses aber die 
krankhaften Zustände der Athemwerkzeuge nothwendig 
auf Erzeugung der Krankheiten des Herzens einen 
sehr nahmhaften Einflufs haben müssen. 

Fünftens müssen wir das eigne Leben des Her- 
zens auch in Hinsicht der Nerven betrachten, welche 
demselben gegeben sind. Wir haben oben bereits ge- 
sagt, dafs sie dem Herzen theils als Leiter der Erre- 
gungen des übrigen Nervensystems dienen, aber höchst 
Wahrscheinlich auch in den chemisch-animalischen Pro- 
iefs oder in das eigenthümliche innre Leben des Her- 
zens mit eingreifen , und müssen uns darüber noch et- 
was naher erklären. In Hinsiel t beider Ansichten 
nämlich bieten sich gewisse Schwierigkeiten bei Erklä- 
rung mancher Erscheinungen und scheinbare Wider- 
sprüche dar. Was die Leitungsfähigkeit der 
Herznerven anlangt, so scheint diese in der Hinsicht 
gering zu seyn, dafs- mechanische Reitzungen dein 
Herzgeflechte bei Vivisectionen gar keine vermehrten 
Zusammenziehungen des Herzens hervorbringen , so 
wie selbst auf den galvanischen auf diese Geflechte 



— 39 — 

angebrachten Reitz, manchmal gar keine, wenigstens 
durchaus nie plötzlich, wie es sonst auf Anwendung 
reitzender Potenzen auf die Nerven anderer Muskeln 
der Fall ist, vermehrte und beschleunigte Bewegungen 
des Herzens erfolgen. Gleichwohl giebt es keinen 
Theil im menschlichen Körper, auf welchen die Ner- 
ven einen so ausgezeichneten Einflufs hätten , als auf 
das Herz, wie wir oben schon durch Beispiele darge- 
than haben. Der Meinung, dafs das Nervenwesen der 
Substanz des Herzens wesentlich zukomme, und das 
eigne Muskelleben desselben .durch Zusatz von Ner-- 
vensubstanz, wenn auch ihm nicht mitgetheilt, doch 
in ihm erst dadurch vollendet werde, scheint die im 
Herzen nach der Trennung von dem Körper eine Zeitlang 
übrig bleibende Reitzbarkeit zu widersprechen, die 
sich durch Contra ctionen des Herzens äufsert, wenn 
man seine Substanz reitzt oder vorzüglich, wenn man 
ein solches Herz der Wirkung einer galvanischen Bat- 
terie aussetzt; hier entstehen nämlich von selbst und 
ohne Blutreitz oder einen andern angebrachten me- 
chanischen Reitz, periodische Zuckungen und Zusam- 
menziehungen, und diese erneuern sich von Zeit zu 
Zeit wohl einige Stunden lang nach dem scheinbaren 
Tode. Gleichwohl aber steht das Herz augenblicklich 
.still, wenn man bei einem Thiere das Rückenmark an 
den obersten Halsmuskeln zerschneraet, und es ent- 
stehen nach Unterbindung des herumschweifenden 
Nerven auf einer Seite heftiges Herzklopfen, Ohnmäch- 
ten und Tod. *) 

Wie lassen sich diese Widersprüche heben, und 
wie der Antheil der Nerven an dem Leben des Her- 



*) Lower de Corde, pag. 95. Heuermann Physiologie, 
Kopenh. 1765. 1. Th. p. 751. Boerhave in d, Sammlung 
für pr. Aerzte, 8. 8. S. 5 18 • 



— 4o- — 

zens sich der Natur gemäfs denken und erklären? 
Der vortreffliche und unbefangene Senak *) schämt 
sich nicht zu gestehen, wir wissen von dem Innern 
des Hirns und der Nerven nichts, und es geht uns 
mit den Erklärungen ihrer Wirksamkeit wie den Ge- 
schichtschreibern, welche die Geheimnisse der Fürsten 
nicht kennen; wir sehen nur Erscheinungen, und die 
Vermuthungen, welchen man sich über die Ursachen 
derselben überläfst, setzen unsre Unwissenheit nur in 
ein desto helleres Licht ; unsere Hypothesen sind 
nichts als ein leeres Scheinwissen , was blos schwache 
Geister befriedigen kann. Indefs hat er sich nicht ent- 
halten können, einige Gesetze, wie er es nennt, auf- 
zustellen, um die bei Beurtheilung des Nerveneinilus- 
ses auf das Herz sich darbietenden scheinbaren Wider- 
spruche zu heben; diese gehen darauf hinaus, dafs er 
glaubt, es seyen besondere Nerven der Empfindung, 
und wieder besondere der willkührlichen Bewegung 
gewidmet; noch andre ertheilten den Theilen Leben, 
wohin die Herznerven gehören, und eine vierte Gat- 
tung vermittle die Sympathie der Theile, dies seyen 
die sympathischen Nerven. Allein diese Vorstellungs- 
art ist, als unbegründet in derNatur, längst verworfen 
worden. 

Der durch Hallers Lehre von der Reitzbarkeit, 
als einer dem Muskelwesen eigenthümlichen und von 
den Nerven ganz unabhängigen Kraft, veranlafste lange 
und hitzige Streit ist den Aerzten hinlänglich bekannt; 
die Sache selbst aber ist dadurch immer nicht ent- 
schieden worden. Es scheint, die neuere Physiologie 
sey dem Ziele näher gerückt, wiewohl noch sehr viel 
fehlen dürfte, um sagen zu können, sie habe dasselbe 
beinahe erreicht. 

*) Livre IV. Chap. II. §. xx. p. ago. 



— 4z ~? 

Wenn man nämlich das ganze Leben und jede or- 
ganische Thätigkeit desselben sich als einen beständi- 
gen Wechsel der Stoffe denken mufs ; wenn man sieht, 
dafs Gefäfse und Nerven die beiden Systeme von Thei- 
len sind, welche nicht nur in allen Theilen des Kör- 
pers verbreitet sind, sondern sich auch überall gegen- 
seitig begleiten, namentlich die Arterien und Nerven; 
wenn man bedenkt , dafs Vernichtung der Thätigkeit 
eines von diesen Systemen in einem einzelnen Theile 
die Vernichtung der Thätigkeit des andern und so den 
Tod des Theils zur Folge hat; z. B. Unempfindlichkeit 
und Bewegungsunfähigkeit und später Brand in einem 
tJliede, es mag sein Nerve oder seine Hauptarterie 
unterbunden worden seyn, so mufs dies alles wohl 
die TJeberzeugung gewähren, dafs die Nerven den 
Theilen des Körpers mehr sind, als blofse Leiter der 
Reitze, und dafs beide Systeme in Verbindung mit 
einander, erst das Leben überhaupt und so auch das 
des Herzens begründen. Die Resultate der Forschun- 
gen über den Galvanismus aber., besonders die Ver- 
suche über den Einflufs desselben auf die lebendige 
Faser, welche wie chemische Experimente mit dem 
Lebendigen anzusehen sind, scheinen allerdings zu|be- 
weisen, dafs der Muskel nur in Vereinigung mit Ner- 
ven als lebendiges Bewegungsorgan existire, dafs seine 
Contraction nur Resultat eines chemischen Prozesses 
sey, der gleichzeitig im Nerven und in der Muskelfa- 
ser Statt findet, und dafs der Galvanismus an und für 
sich ganz und gar nicht wie ein Pieitz für den Muskel 
oder für den Nerven anzusehen sey, sondern dafs durch 
den wasserzersetzenden Prozefs desselben dem Ner- 
ven Wasserstoff, der Faser Sauerstoff, als die eigen- 
tümlichen belebenden Prinzipe dieser beiden Arten 
von Theilen zugeführt und so das Leben selbst in ih- 
nen angefacht und unterhalten werde. So läfst sich 



— 42 — 

dann begreifen, warum der Galvanismus, der auf den 
Nerven eines willkührlichen Muskels angebracht, au- 
genblicklich Zuckungen erregt, diese schleunige 
Wirkung nicht zur Folge hat, wenn er auf die Herz- 
nerven angewendet wird; warum aber gleichwohl das 
Herz die Fähigkeit, sich zusammenzuziehen, Stunden 
lang (und länger, als nach jeder andern Behandlung) 
behält und sich in abwechselnden Zeiträumen wirklich 
bewegt, wenn dasselbe aus dem Körper genommen, 
der Wirkung einer galvanischen Batterie ausgesetzt 
wird. Es werden diese Erscheinungen erklärlich, wenn 
man sich denkt, dafs durch den Einflufs des Galvanis- 
mus die innern Bedingungen des Lebens des Herzens 
selbst erneuert und ihm von neuem zugeführt werden. 
Wendet man diese Ideen auf die scheinbar sich wider- 
sprechenden Erscheinungen in dem Leben selbst an, 
so wird man in ihnen den Schlüssel zur Lösung der 
letztern finden. Obgleich nämlich die Herznerven nur 
wenige Leitungsfähigkeit für Reitze besitzen, 
so können darum doch Erregungen in andern 
T heilen des Nervensystems sich denselben mit- 
theilen, nicht sowohl als Fortpflanzungen 
von Reitze n, als vielmehr als Fortsetzungen 
innerer Veränderungen in ihnen, wodurch ihre 
Vitalität selbst abgeändert wird. So würde die heftige 
Einwirkung der Leidenschaften und der Hirnkrank- 
heiten auf die Thätigkeit des Herzens, und so auch 
der Einflufs örtlicher Krankheiten in nervenreichen 
Organen, z. B. in der Mutter, oder in den Därmen, 
nicht aus unmittelbarer Fortleitung der Reitze selbst 
aus diesen Organen zu dem Herzen, sondern aus der 
bei jenen Zuständen erhöhten Sensibilität des Hirns 
oder der einzelnen Nervenparthien jener Theile und 
Mittheilung dieses Zustandes, Ausbreitung desselben 
bis auf die Nerven des Heraens zu erklären seyn. 



- 43 - 

Warum nun aber das Herz so wie alle Theile, 
welche von dem sympathischen Nerven ihren Antheil 
bekommen, der Willkühr der Seele entrückt sind, 
dürfte wohl gewifs in der Einrichtung dieses Nerven, 
vermöge welcher die vielfachen Anfänge desselben 
auf das mannigfaltigste mit einander verbunden und 
in vielen Ganglien und Geflechten vermengt werden, 
zu suchen seyn. Diese Vorstellungsart gewährt zwar 
keine eigentliche Erklärung, sondern nur Erläuterung; 
allein die Entscheidung dieser Frage ist auch nicht ge- 
rade für unsern Zweck nothwendig. 

Wichtiger in Hinsicht unsers Gegenstandes ist die 
Einsicht, dafs die Nerven dem Herzen zur Unterhal- 
tung seines eigenthümlichen Lebens nothwendig" und 
als wesentliche Bedingungen des letzteren anzusehen 
sind. Daraus nämlich ergiebt sich eines Theils, warum 
bei organischen Krankheiten des Herzens, d. h. die in 
einer Metamorphose seiner Substanz bestehen, wobei 
nothwendig seine Vitalität ebenfalls als abgeändert 
gedacht werden mufs , so häufig Zufälle entstehen, die 
man den Nerven zuzuschreiben pflegt und Nervenzu- 
fälle nennt, so dafs Herzkrankheiten von Unkundigen 
sogar leicht mit Nervenkrankheiten verwechselt wer- 
den, z. B. Ohnmächten, Aengstlichkeiten, selbst con- 
vulsivische Zufälle; andern Theils aber auch, Warum 
krankhafte Zustände des Nervensystems, sobald sie 
ihre Richtung nach dem Herzen zu nehmen, schein- 
bare Herzkrankheiten darstellen, und bei langer und 
heftiger Einwirkung auf das~ Herz wahre Herzkrank- 
heiten veranlassen können ? -• '■) 



*) Die Naturphilosophie spricht sich über die Abhängigkeit des 
Herzens von dem Hirn ohngefähr in folgenden Sätzeu aus. 
(Siehe Physiologie des Menschen von Ph. Fr. Walther, i — a 
Band, Landshut 1807 u. 8), — erster Theil §. 77 u. folg. 

Alle Theile werden vermittelst der Nerven dem Hirn un- 



— 44 — 

So wie nun ferner Arterien und Nerven in Ver- 
bindung mit einander jedem Theile sein Leben ver- 



tergeordnet, denn alle edlere Theile bekommen Cerebral- oder 
Rückenmarks - Nerven ; die AffSctionen dieser Theile werden 
im Bewustseyn vorgestellt, nicht blos als solche des Organs, 
welches afficirt worden, sondern als Affectionen des ganzen 
Organismus, durch die Hirnfunction. — Nicht nur die Gröfse 
und Menge der Cerebral- und Rückenmarks -Nerven bestimmt 
die sensible Stimmung eines Organs, sondern auch die Umge- 
bungen dieser Nerven, indem jeder Nerve eine Atmosphäre um 
sich hat. §. 78. Das Hirn hat auf die Thätigkeit des Herzens 
einen weniger bestimmenden Einflufs. Der Tod des Hirns 
aieht den Tod des Herzens nur secundär nach sich, durch 
Stillstand der Respiration, und selbst dann stirbt es noch nicht, 
aufser wenn schwarzes Blut seine Kranzgefäfse durchdrungen 
hat. if-J Die blos gangliöse Nerven besitzenden Theile sind 
dem Hirn nicht, oder nur mittelbar, durch den Einflufs des 
Herzens unterworfen, welches letztere selbst aber nur durch 
die Respiration von dem Hirn abhängig ist. — §. 73. Der 
Darmkanal, die Blutgefäfse und die meisten,secernirenden Ein- 
geweide haben gangliöse Nerven von dem sympathetischen. 
In dem Lungengeflechte und dem Herzgeflechte 
dringen immer mehr die Rückenmarksnerven ein, 
und diese werden zuletzt als Bewegungsnerven für das irritable 
System abgesondert; einige nehmen wieder den sensitiven Cha- 
rakter an, z. B. die meisten Hautnerven. — In dieser Dar- 
stellung scheinen mehrere Widersprüche Statt zu finden ; denn 
1) wenn das Herz einige Nerven vom Rückenmark bekommt, 
wie es der Fall ist, so ist es ja schon unmittelbar dem Hirn 
untergeben; eben so vielleicht auch durch die Atmosphäre 
seiner Nerven; a) ferner wird einmal die Respiration als das 
vermittelnde zwischen Herz und Hirn angenommen und doch 
zugleich gesagt, dafs auch der Tod der Lunge erst mittelbar 
<las Herz tödte, wenn nämlich schwarzes Blut die Kranzoefäfse 
des Herzens durchdringe. Das letztere mag wohl als ein« 
der Bedingungen des Absterbens des Herzens anzusehen seyn, 
ja, sie dürfte den Tod des Herzens gleichsam vollenden ; aber 
so würde die Abhängigkeit der Theile, welche gangliöse Ner- 
ven besitzen, von dem Hirn ziemlich von weitem her vermit- 
telt und die Erscheinung, dafs Gemüthsbewegungen, z. B. au- 
genblicklich Secretionen stören können, dürfte sich schwer mit 
dieser Ansicht vereinigen lassen. — In dem §. 78 wird aber 
von dem Verhältnifs zwischen dem Herzen und Hirn noch 
Folgendes gesagt: — es sey dasselbe überhaupt ein weit hö- 
heres und nur aus den dynamischen Grundbeziehungen des 
Organismus bestimmbar, denn das Hirn habe als ursprünglich 
centrirende Bildung und die Identität aller Organe io sich tra- 



— 45 — 

leihen, so bedarf also auch das Herz und das Arte- 
riensystem selbst wieder seines besonderen Antheils an 



gend, einen Theil seiner Wesenheit dem Herzen. 
▼ erliehen und beherrsche mit ihm gemeinschaft- 
lich die Sphäre der übrigen Organe. Es sey al« 
Gegensatz des Herzens aber auch als die Einheit des Gegen- 
satzes in sich tragend zu betrachten und so sey das dun- 
kel zu erklären, -was auf der wechselseitigen Abhängigkeit 
und Unabhängigkeit beider liege etc. — Dieser Satz drückt 
nun wohl die längst bekannte Thatsache aus, welche auch im 
§. 79. noch aufgestellt wird, dafs das Hirn und das Herz die 
Heeide und Brennpunkte der Vitalität — oder die obersten 
Bedingungen des Lebens sind; aber er beweifst nicht die Ab- 
hängigkeit des Hertens von dem Hirn; er giebt das Gesetz 
nicht an, nach welchem dem Herzen ein Theil der Herrschaft 
über alle Organe von dem Hirn Terliehen werden soll, wie 
»ich der Verf. bildlich ausdrückt ; allein dieses zu wissen, ist 
uns ja eben Noih. 

Bei der Unwissenheit, in der wir uns noch in Hinsicht 
dieser wichtigsten Gegenstände derPhysiologie befinden, dürften 
vielleicht folgende Erfahrungssätze am geeignetsten seyn, uns 
in der Physiologie und Pathologie einigermaafsen zu leiten: 

Blutgefäfse und Nerven sind die gemeinschaftlichen Trä- 
ger des Lebens für alleTheile; Herz und Hirn sind die Brenn- 
punkt« dieser beiden Systeme und folglich auch aller Vitali- 
tät. Hirn und Nerven stehen zunächst den höheren Verrich- 
tungen des Thiei -Organismus, der Sinnlichkeit und willkühr- 
lichen Bewegung vor und sind in den dazu bestimmten Orga- 
nen die ersten Bedingungen ihres Lebens ; sie werden aber 
von dem System der Blutgefäfse unterstützt, als der Bedin- 
gung der Fortdauer ihres eigenen Lebens. In den niedern 
Verrichtungen des Thierorgaüismus in denen die Reproduction 
(durch welche denn am Ende auch die Irritabilität unterhalten 
wird), sind die Blutgefäfse die erste Bedingung des Lebens; 
allein die Organe dieser Verrichtungen bedurften der Nerven 
als zweiter untergeordneter Bedingung, nicht nur weil die Re- 
production im Thierorganisrous eine höhere ist, als im Pflan- 
zenorganismus, sondern auch und vorzüglich, um die Repro- 
duction in ihm an die höhern Bedingungen des Thierorganis- 
mus zu knüpfen Daher legte die Natur ein eignes System 
Von Nerven für diese Verrichtungen an, trennte diese Nerven 
von denen des Hirns und Jiefs sie die Blutgefäfse in ihrem 
.Verlaufe begleiten, so wurden sie zwar der Willkühr entrückt, 
aber durch dieses System treten die Organe der Reproduction 
mit dem Herzen in eine desto innigere Gemeinschaft und doch 
werden sie durch die Verbindung aller Nerven unter einander 
mittelbar dem Hirn untergeordnet und die Abtrennung dieses 
Systems ist keine absolute, sondern nur relative« 



— 46 — 

Arterien und Nerven. Merkwürdig ist in dieser Be- 
ziehung das Verhältnifs dieser beiden Träger des Le- 
bens, wie man sie nennen könnte, in dem Herzen und 
in den kleinsten Arterien. Das Herz hat sehr grofse 
eigenthümliche Arterien, und verhältnifsmäfsig zu die- 
sen und zu seiner Masse eine geringe Menge Nerven- 
wesen; umgekehrt besitzen die Capillargefäfse einen 
weit stärkern Antheil an Nervenwesen ( denn die Ner- 
ven umspinnen die gröfsern Arterien in einiger Ferne, 
sie nähern sich aber denselben rmmer mehr in dem 
Verhältnifs, wie die Arterien kleiner werden) und ihre 
feinen Häute selbst können wohl nur sehr schwache 
Arterien haben. Die Capillargefäfse' sind daher auch 
in der That höchst empfänglich für Eindrücke und zie- 
hen sich bei Reitzungen des Hirns sowohl, als bei un- 
mittelbarer Anwendung von Kälte u. s. w. leicht zu- 
sammen, so dafs die äufsern Theile kalt und blafs wer- 
den und dem Blute der Eintritt in sie verschlossen 
wird. Wozu dieses scheinbare Misverhältnifs? Kaum 
läfst sich zweilein, dafs diese Einrichtung nothwendig 
war ; nämlich bei dem mit einer so bedeutenden Menge 
neu gesäuerten Blutes beständig versorgten Herzen, 
würde ein verhältnifsmäfsig gleich grofser Antheil von 
Nervensubstanz den thierischen Combustionsprozefs die- 
ses Organs zu unmäfsig anfachen, und. eine vorschnelle 
Zerstörung begünstigen, wie man denn die Beispiele 
von ganz trockenen zerreiblichen Herzen, welche meh- 
rere Schriftsteller nach Entzündungen desselben gefun- 
den haben, dahin rechnen mufs; umgekehrt aber be- 
durften die Enden des Arteriensystems des belebenden 
Nervenantheils in einem höhern Grade, als das übrige 
Arteriensystem, weil das in ihnen enthaltene Blut schon 
sehr entsäuert worden, und folglich mit einer gröfse- 
ren Menge von Nervensubstanz in Berührung kommen 
mufs, um den nöthigen Grad von lebendiger Bewe- 






— 47 ~ 

gung in diesen kleinen Cefäfsen bewirken zu können; 
oder mit andern Worten, um Einheit oder gleichen 
harmonischen Grad von Thätigkeit in dem Herzen und 
in dem Capillarsystem zu bewirken, mufste die Natur 
dem letztem, da es ihm zu seinem normalen Reitze 
nur ein schon halb verkohltes, folglich weniger reit- 
zendes Blut geben konnte, eine höhere Stimmung sei- 
ner Erregbarkeit durch mehrere Nervensubstanz ver- 
leihen; umgekehrt mufste sie bei der Bildung des Her- 
zens, welchem die Mittheilung eines höchst gesäuerten 
Blutes zu seiner Thätigkeit nothwendiges Bedürinifs 
war, den hohen Grad der reitzenden Eigenschaft die- 
ses Blutes durch eine verhältnifsmäfsig verminderte 
Ausstattung desselben mit Nervensubstanz ausgleichen*). 
Es hat aber dieses umgekehrte Verhältnifs der Ver* 
theilung der Arterien und Nerven in der Substanz des 
Herzens und in den feinsten Arterien einen wichtigen 
Einflufs au* die Erscheinungen der gestörten Verrich- 
tung des Kreislaufs. Wir sehen nämlich, dafs Reitzur£ 
'gen der Capillargefäfse eine der häufigsten Veranlas- 
sungen zu Störungen der Thätigkeit des Herzens sind; 
Entzündungen der Haut sowohl als innerer Eingeweide 
ziehen bald Fieber nach sich ; ein heftiger Schreck ver- 
anlaft leicht Zusammenschnürung c}er feinen Gefäfsej 
-und als Folge Anhäufung des Bluts im Herzen und 
Herzklopfen u. s. w. und so dürften Störungen der 



*) Ueberhaupt scheint es Gesetz der Bildung im Organismus zu 
seyn, dafs die überwiegende Ausbildung eines Systems 
Ton Theilen in einem bestimmten Organ ein Zurückdrängen 
der übrigen Systeme bedingt ; besonders findet zwischen der 
Gefäfs- und Nervenvertheilung in den verschiedenen wichtigen 
Organen dieses gegenseitige Verhältnifs Statt. ' Z. B. im Hirn 
ist das Gefäfssystem ganz zurückgedrängt, es duldet dasselbe 
nicht einmal die ächte Venenform in sich. Wie wenig Nerven 
besitzt die gefäßreiche Milz oder Leber? Kaum kann die 
Mutter als Ansnahme angesehen werden. 



— 48 — 

Herzthätigkeir, die wir oft geneigt sind blos von un- 
mittelbarer Erregung von den Nerven aus herzuleiten, 
in vielen Fällen blos Folgen vermehrter Erregung in 
den sehr reitzbaren Endigungen des Arteriensystems 
seyn; z. B. viele Zufälle, die als Folgen von Affecten, 
eintreten. 

Das Resultat dieser Betrachtungen über das eigen- 
tümliche Lebendes Herzens wäre demnach folgendes: 
Pas Herz ist ein grofser hohler Muskel von be- 
sonderem Bau., und als solcher Abweichungen in den 
regelmäfsigen Verhältnissen der Stärke und Dichtig- 
keit seiner Fasern unterworfen, wodurch Störung des 
regelmäfsigen Ein- und Ausströmens des Blutes ver- 
anlafst werden kann — umgeben von innen und 
aufsen von Membranen, deren Natur die Ab- 
setzung von plastischer Lymphe und deren Folgen, 
Verknöcherung, Auswüchse begünstigt, so bald sie 
krankhaft afficirt werden — belebt durch verhält- 
Dlifsmäfsig sehr grofse Arterien, welche ein neu gesäu- 
ertes Blut führen und durch weniger Nervensubstanz 
aus dem Ganglien- System der Nerven, wodurch einer- 
seits Geneigtheit zu Excessen des thierischen Combu- 
stionsprozesses in sich selbst, andern Theils Anlage zu 
regelwidrigen Bewegungen desselben in Folge m i t g e- 
theilter krankhafter Erregungen des Hirns oder des 
Nervensystems gesetzt wird; — verbunden zu einem 
vereinten Geschäft in Ansehung seiner beiden Hälften 
mit zwei Systemen von Arterien und mit 
zwei Systemen von Venen, von denen ein jedes 
sein eigenthümliches Vermögen besitzt, das ihm zuge- 
führte Blut weiter zu forden, so dafs das Herz nur 
als die erste Instanz, wovon der Kreislauf ausgeht und 
als wesenüiche Bedingung, nicht als alleinige bewir- 
kende Kraft des Kreislaufs angesehen werden darf, 
und folglich von Störungen in diesen verbundenen 

Sjr- 



— 49 ~ 

Systemen nothwendig mit ergriffen und in seiner Funcr 
tion gestört werden mufs. 

Wir sagten im Eingange dieser Betrachtungen, 
dats eine zweite im Herzen selbst liegende Bedingung 
der naturgemäfsen Vollbringung der Circulation in 
dem normalen Bau des Herzens und der Gefäfse 
gegründet sey, und sollten diese nun noch näher be- 
trachten. Nun habe ich oben schon die verschiedenen 
Abweichungen angedeutet, welche möglicher Weise ur- 
sprünglich in dem Baue des Herzens und der grofsen 
Gelafse vorkommen können, und mufs hier hinzufü- 
gen, dafs die pathologische Anatomie alle diese als 
nur mögliclr^angegebenen Abweichungen in der Natur 
wirklich gefunden habe, und zwar theils als ange- 
borne, theils als nachher entstandene Fehler des 
Baues-'). Allein wir müssen die nähere Betrachtung 
derselben auf andre Stellen dieses Werkes verschieben; 
eben weil sie schon wirklich ausgebildete Fehler und 
in dieser Hinsicht schon als Krankheitszustände zu be- 
trachten sind, wir werden sie daher füglicher in dem. 
Capitel der Pathogenie abhandeln. 



*) J. Fr. Mekel de cordis condit. abnormibus, Halan 1802, 
und pathologische Anatomie, erster Theil, Leipzig 1812, von. 
Ebendemselben. 

M. Baillie, Anatomie des krankhaften Baues von einigen 
der wichtigsten Theile im menschlichen Körper. Aus dem 
Engl, mit Zusätzen von Sömmering. Berlin 4794. 

Carl Bell 's Zergliederung des menschlichen Körpers, 
Aus dem Eng!. Leipzig 1800. 2 Theile. 

Bonnets, 'Morgagni'« , Lieutaud's, Portals, 
Voigteis und Vetters Schriften sind bekannt genug. 



C 4 3 



— 5o 



Zweites Capitel. 

Feststellung und Begründung eines Realbegriffs von Herzkrank- 
heit und Einleitung in die Krankheitslehre des Herzens. 



Nennt man Krankheit überhaupt den Zustand der 
Disharmonie der Functionen, welcher auf im Körper 
selbst befindlichen ursachlichen Momenten beruht, und 
mit dem Zweck des Lebens — Erhaltung — Repro- 
dttction im Widerstreite ist, so würde man diejenigen 
Formen von Störung der Functionen des Körpers 
Krankheiten des Herzens nennen müssen, deren Haupt- 
moment in abgeänderten Eigenschaften des Herzens 
überhaupt und seiner einzelnen Theilorgane insbeson- 
dere besteht. 

Die Gesundheit, das zwe'ckrnäTsige Zusammenwir- 
ken aller Systeme und Organe des Körpers zur Selbst- 
erhaltung, kann nur dann Statt finden, wenn jeder 
einzelne Theil des Körpers, nach dem ihm zukommen- 
den Verhältnisse von Energie, die ihm eigenthümliche 
Action verrichtet, und diese Fähigkeit beruht auf der 
Integrität seiner Substanz, d. h\ seines Baues und sei- 
ner Vitalität. 

Da aber im organischen Körper alle Theile zu- 
sammenhängen und nur in dieser Vereinigung ein 
Ganzes bilden, da folglich alle auf einander wirken 
und die Action der einzelnen nothwendig zum" Theil 
wieder bestimmt wird von der Action der übrigen; so 
folgt daraus, dafs die Action eines einzelnen Theils 
abgeändert und innormal werden kann, zu Folge ver- 
kehrter ihm mitgetheilter Thätigkeiten andrer Theile, 
ohne dafs die innern Prinzipe seiner Thätigkeit eine 
Veränderung erlitten hätten. Formen des Uebelseyns, 
welche in Störungen gewisser Verrichtungen bestehen, 



— 5i — 

deren nächster Grund nicht in Abänderungen der 
Grundeigenschaften des Organs liegt, dessen Action 
gestört ist, sondern in einem andern, dessen innor- 
male Beschaffenheit nur in das andre eingreift und 
seine Action abändert, nennen wir sympathische 
und unterscheiden sie dadurch sehr richtig von idio- 
pathischen, -deren vera lassendes Moment in dem 
Theile selbst Hegt, an welchem innormale Thätigkeit 
wahrgenommen wird. Zufälle also, welche von ge- 
störter Action des Herzens zeigen, bezeichnen darum 
noch keine Herzkrankheit, sondern in den mehresten 
Fällen, wie wir früher schon andeuteten, wird die Stö- 
rung dieser Action Folge von anders woher dem Her- 
zen mitgeteilter fehlerhafter Erregung seyn. Ich mufs 
hier eine Bemerkung einschalten, welche das Resultat 
einer von mir im Grofsen gemachten und sorgfältig 
geprüften Erfahrung ist (und welche, ob sie gleich bei 
der Ausübung der Heilkunde von der allergröfsten 
Wichtigkeit ist, doch von den Aerzten bei weitem 
nicht in ihrem ganzen Umfange gewürdigt und als 
Maxime in ihrem Heilverfahren benutzt zu werden 
scheint), dafs überhaupt gestörte Action einzelner Or- 
gane weit öfter Folge und Wirkung von Störung in 
andern entfernten Theilen ist, als von veränderten Ei- 
genschaften des ein Leiden aussprechenden Organs 
zunächst veranlaft wird, und dafs wahrhaftes Grund- 
leiden, oder innormal abgeänderte Eigenschaften eines 
Systems oder Organs, welche das Hauptmoment von 
Krankheit, Disharmonie der Functionen ausmachen, 
sich weniger in der Störung der eignen, als vielmehr in 
Zerriutung der Functionen fremder und entfernter Or- 
gane abspiegeln, und so sich folglich dem Kranken 
und dem Arzte versinnlichen. Die Erfahrung hat mich 
darüber so häufig und vielseitig belehrt, dafs ich die- 
sen Satz als eine Regel der organischen Natur aufm- 



stellen und zu bemerken rathen möchte» Ich selbst 
bin durch diese Erfahrung dahin gekommen, dafs es 
mir längst zur Gewohnheit und Fertigkeit geworden 
ist, bei allen Fällen von Störung der Function eines 
ganzen Systems oder Organs, sogleich bei der ersten 
Untersuchung, wo nicht mehrere, doch eben so viele 
Aufmerksamkeit auf alle in irgend einer Beziehung mis 
dem Organ der gestörten Verrichtung stehenden Theile 
zu wenden, als auf die Eigenschaften des zunächst ein 
Leiden aussprechenden Organs selbst, und ich ver- 
danke dieser Maxime, die ich hier nicht weitläufiger 
auseinander setzen kann, die Heilung vieler hartnäcki- 
ger langwieriger Krankheiten ; gewifs hat man von 
der Anwendung derselben zwei grofse Vortheile, ein- 
mal, dafs .man sich nicht von dem Schein blenden und 
verleiten läfst, seinen Blick allein auf das leidende Or- 
gan zu wenden, welche Richtung des Geistes die Er- 
zählungen der Kranken an sich gemeiniglich zu be- 
günstigen geeignet sind ; zweitens, dafs man gegen 
alle Täuschung auf seiner Hut und gegen sein eignes 
Urtheil so lar^e mifstrauisch ist, bis man, nach genauer 
Umsicht nach allen Verhältnissen, einen festen Grund 
zu seinem Urtheil gefunden hat. Die Geschichte der 
mannichfaltigen Herzfehler bestätigt diesen Satz auf 
das vollkommenste und wir werden ihn in dem Fort- 
gange dieses Werks an denselben genauer auseinander 
setzen; für jetzt erinnere ich nur nochnn die verschie- 
denen Formen der sogenannten Nervenkrankheiten, an 
das Erbrechen und die schlechte Verdauung überhaupt, 
an die habituelle Leibesverstopfung, an das chronische 
und periodische Kopfweh, an den langwierigen Husten 
nnt Abmagerung, um auf die Vielseitigkeit dieser Ue- 
bel, in Hinsicht ihrer veranlassenden Momente und auf 
die Wahrheit des Satzes aufmerksam zu machen, dafs 
gestörte Function eines Systems oder Organs, in der 



— 53 — 

I 

gröfsern Mehrheit der Fälle nicht ein idiopathisches, 
, sondern ein sympathisches Leiden bezeichnet; lerner 
erinnere ich an das periodische Erbrechen, als den 
wichtigsten, oft einzigen Verräther schwerer Nieren- 
fehler; an den periodischen Durchfall mit Verstopfun- 
gen abwechselnd, als den gewöhnlichsten Begleiter 
von Verengerungen der Därme; an-die Epilepsie oder 
Irgend einen einzelnen sich immer widerholenden 
Nervenzufall, als Wirkung der Würmer, vorzuglich des 
Bandwurms; an das Herzklopfen und den aussetzen- 
den Puls im Gefolge von reinem Nervenleiden; an 
die anhaltenden flxirten Brustschmerzen mit Beklem- 
mung zu Folge der Hypochondrie, welche mit er- 
schwerter Circulation durch das Pfortadersysterti ver- 
bunden ist ; an das heftige anhaltende Kopfweh von 
Hemmung des Bluts in eben diesem System, ohne dafs 
im Unterleibe nur eine entfernte Spur von Schmerz 
und unbehaglicher Empfindung sich äufserter — ich 
erinnere an diese Erscheinungen, um an Beispielen 
aus der täglichen Erfahrung zu zeigen, dafs sich die 
wichtigsten Leiden einzelner Systeme und Organe 
vorzugsweise durch Störung einer andern Verrichtung 
aussprechen. 

Bevor wir uns in eine weitere Entwickeln i^ der 
Zustände, welche den Namen yon Herzkrankheiten 
verdienen, einlassen, müssen wir zuvor die oben aufe 
gestellte Idee von Krankheit überhaupt rechtfertigen, 
und die Richtigkeit derselben durch die Anwendung 
auf die innormalen Zustände des Herzens erweisen. 
Ich sagte, Krankheit sey Disharmonie der Functionen 
des Organismus — also eine Entzweiung der Natur 
mit sich selbst. Dies besagt mehr, als wenn man 
Krankheit blos in Störung der Verrichtungen setzt, 
wiewohl mit Störung der einen Function auch Aufhe- 
bung der Harmonie des Ganzen gegeben ist; allein 



— 54 — 

der letztere Begriff ist zweckmässiger und characteri- 
stlscher, weil die Erhaltung des Organismus bei jeder 
Krankheit auf dem Spiele steht, die. Fortdauer seiner 
Existenz in Gefahr schwebt; dies ist selbst bei den 
Entwickelungs - und kritischen Krankheiten der Fall, 
wenn gleich die Tendenz der Natur bei Erweckung 
derselben gerade Herstellung einer vollkommenem Har- 
monie des Ganzen ist. Wenn ich hinzufüge, dafs die 
Disharmonie der Functionen gegründet seyn mufs auf 
im Körper selbst befindlichen Momenten, so werden 
dadurch Störungen von Verrichtungen, welche von 
äufsern und vorübergehenden Momenten veranlafst 
werden, von dem Begriff Krankheit ausgeschlossen; 
allein weit wichtiger ist dieser Zusatz um deswillen, 
weil durch die richtige Anwendung dieses Begriffs* in 
einzelnen Krankheiten, der Hauptpunkt, auf den es bei 
Heilung derselben ankommt, herausgehoben wird. Es 
Jäfst sich übrigens die Richtigkeit dieser Ansicht in 
der Natur nachweisen, und wenn bei der Anwendung 
, dieses Princips auf manche noch nicht hinlänglich ge- 
kannte Krankheiten sich auch noch Schwierigkeiten 
ergeben, so beweifst dies wohl unsre Unkunde in 
vielen Krankheiten im allgemeinen, aber nichts gegen 
die Zweckmäfsigkeit und Richtigkeit des Prinzips selbst. 
Jede Krankheit nämlich, wenn sie auch noch so sehr 
ganz allgemein zu seyn scheint, z. ß. das anhaltende 
Fieber, setzt immer Ungleichheit, Disharmonie der 
Functionen voraus, indem einige über die Gebühr er- 
höht und beschleunigt von Statten gehen, andre aber 
zurücktreten; und man kann auch immer gewisse Ab- 
weichungen von der Normalität entweder eines ganzen 
Systems, oder eines einzelnen Organs als das Haupt- 
moment angeben, w.ns den ersten Impuls zu der Ent- 
zweiung der Verrichtungen gab. Dieser Grund besteht 
z. B. in dem Hervortreten der Vitalität des Arterien- 



— 55 — • 

Systems überhaupt oder der absondernden Schleim- 
häute, oder der Leber, oder 'sonst eines* einzelnen Or- 
gans; die Tfiätigkeitejl dieser Theile verstärken sich 
gleichsam auf Unkosten der andern, bewirken dadurch 
Disharmonie des Organ smus, die nur durch Gleich- 
setzung jener Systeme oder Organe aufgehoben wer- 
den kann. Wollte man einwerfen, dafs bei solchen 
allgemeinen Krankheiten nach und nach alle Verrich- 
tungen gleichförmig gestört und allgemeine Unordnung 
im Organismus bewirkt werde, so ist dies zwar rich- 
tig und aus der Natur des Organismus sogar als noth- 
wendig zu deduciren, allein es beweifst dies nur um 
so mehr die Wichtigkeit des Prinzips und die Not- 
wendigkeit bei allen Krankheiten das Hauptmoment 
ausfindig zu machen, durch dessen Hebung die ganze 
Krankheit schwinden mufs*-). Man wende auch nicht 
dagegen ein, dafs eine und dieselbe Form von Krank- 
heit bald diesen,, bald jenen bestimmten Charakter 
habe, folglich nicht immer auf einerlei Hauptmoment 
gegründet sey. Gerade die Formen der Krankheiten 
sind es eben, weiche die Aerzte von jeher geblendet, 
in der richtigen Deurtheilung der Krankheiten gehin- 
dert und so noch immer das weiter Vorwärtsschrei- 
ten einer wahren acht praktischen Pathologie hinter- 
trieben haben. Ich meine nämlich der zu hohe Werth 
den man irriger Weise auf die Bedeutung der Formen 
der Krankheiten legte, hat der Pathologie Nachtheil 
gebracht. Die Formen der Krankheiten sind nichts 
anders als Gruppen von Symptomen, welche in Ver- 
bindung mit einander, theils gleichzeitig, theils in ge- 
wissen Successionen eintreten, sie sind der sinnliche 



*) Man sehe darüber des ächten Arztes Schiffers gehaltvolle 
kleine Schrift — über Unpäfslichkeit und Krankheitskeime. 
Kürnberg 1799. 



— &6 — 

Ausdruck bestimmter innerer Zustände, allein die In- 
nern Factoren einer und derselben rorm 
können gar sehr verschieden an sich seyn, 
und in sehr verschiedenen Verhältnissen 
zueinand erstehen. 

Das grofse Heer von Krankheiten, die wir Fieber 
nennen, sjfcid ja am. Ende alle eine und dieselbe Form 
und ind'die innern Verhältnisse, welche blos und al- 
lein die eine Art dieser Form, das Wechselfieber be- 
gründen, nicht schon in verschiedenen Fälien höchst 
verschieden? Die Formen der Krankheiten sind für 
den Arzt allerdings zu beachten nöthig, eben weil sie 
der sinnliche Ausdruck innerer Mifs Verhältnisse des 
Organismus sind, um das Chaos unendlich verschiede- 
ner und mannichfaltiger i rscheinungen einigermafsen 
zu ordnen und so übersehen zu können, und um an 
die Erscheinung einen Namen zu knüpfen; aber sie 
sind auch in so fern nur Nothbehelf der Vernunft, 
nicht aber ein Leisten für die Kunst ; sie geben keinen 
Aufschluß über die Natur einer Krankheit und dürfen 
für den ächten Arzt den Werth nicht haben, den ih- 
nen der Laye und der Quacksalber giebt. Für den 
Arzt können sie nur als entfernte Mittel angesehen 
werden, den einer Krankheit zu Grunde liegenden 
Mifsverhältnissen im Organismus leichter auf die Spur 
zu kommen ; der geübte und denkende Arzt wird eine 
gegebene Krankheit richtig beurtheilen und heilen, 
wenn auch kein Name einer bekannten Form auf die- 
selbe pafst, und unsre angehenden Aerzte würden bes- 
sere und ächte Aerzte werden, wenn man sie mit ei- 
ner auf ächte Erfahrung gegründeten Krankbeitslehre 
so vertraut als möglich machte, und nun sogleich am 
Krankenbette in der ßeurtheilung gegebener Krank- 
heften Gbte > ohne erst ihren Kopf mit einer Men^e 
tarnen von Krankheitsformen und bei jeder mit eint 



.— 57 — 

! "unendlichen Liste von sogenannten Arten anzufüllen. 
Wie wenig die Formen der Krankheiten geeignet sind, 
als Fuhrer in der Praxis zu dienen, lehrt auch schon 
"ein flüchtiger Blick auf die Handbücher der Nosolo- 
gie, in welchen man unter dem Namen von Kranlt- 
"heiten bald gewisse Gruppen von Symptomen oder 
sogenannte Formen, bald aber wieder blos einzelne 
'innere Momente, welche Störungen der Verrichtungen 
zu veranlassen im Stande sind, aufgestellt findet, z. B. 
'die Steinkrankheit, den Herzpolypen; hingegen wer- 
5 den eine Menge anderer Gegenstände blos darum, 
11 weil keine bestimmte Form von Krankheit aus ihnen 
11 zu resultiren pflegt, wenn ihre genaue Kenntnifs übri- 
gens auch für den praktischen Arzt noch so wichtig 
i ist, übergangen, und der Unterricht wird dadurch un- 
■ vollständig und einseitig. Hierin liegt denn vorzüg- 
i: lieh der Grund, dafs wir in der Kenntnifs der Krank- 
heiten der einzelnen Organe noch so gar weit zurück 
k sind, und dafs junge Aerzte kaum die oberflächlichsten 
i Begriffe von ihnen aus den Schulen mitnehmen, der 
i gröfste Theil derselben aber auch späterhin nie zu 
I einiger genauem Kenntnifs derselben gelangt. Denn 
u da in den Handbüchern der speciellen Therapie die 
i meisten der dahin einschlagenden Gegenstände nur 
1 höchst oberflächlich abgehandelt werden, andre aber 
ganz und gar nicht; und da der junge Arzt nur durch 
: Benutzung vieler Schriften, welche Beobachtungen ein- 
zelner Krankheitsfälle enthalten, zu einiger Kunde der- 
selben gelangen kann, wozu es vielen Aerzten an Ge- 
legenheit fehlt, so wird er auch durch eigne Beobach- 
tung nicht leicht weiter kommen ; er wird so viele 
innere innormale Zustände, welche das Hauptmoment 
von gewissen Krankheitsleiden ausmachen, überhaupt 
gar nicht, noch viel weniger aber ihren Zusammenhang 



— 58 — 

mit krankhaften Erscheinungen ahnden, geschweige 
einsehen lernen. 

Die Geschichte der Bearbeitung Ser Herzkrank- 
heiten giebt das einleuchtendste Beispiel von der Un- 
vollst ändigkeit unserer Nosologien und von der Un- 
möglichkeit, ein vollständiges nosologisches System zu 
gründen, welches ausschliefslich *auf den Formen der 
Krankheiten beruht. Daher beschäftigt sich das übri- 
gens klassische Werk von Senak nur mit der Entzün- 
dung des Herzens und des Herzbeutels , mit der Was- 
sersucht des letztern, mit den Aneurismen, Polypen, 
endlich mit dem Herzklopfen und der Ohnmacht, und 
dazwischen schaltet er im neunten Capitel die Betrach- 
tung einiger besonderen Zustände von verschiedener 
Qualität ein, z. B. der Steine, der Haare, Würmer, die 
man im Herzen gefunden haben will, und von meh- 
rern Zuständen, die er blos darum in ein Capitel ver- 
einigt, weil man sie durch keine besondern Zeichen 
ergründen könne. Wer sieht nicht auf den ersten 
Blick, dafs auf diese Weise die verschiedenartigsten 
Elemente, nämlich wirkliche Formen von Herzkrank- 
heiten, mehr oder weniger bedeutende organische 
Ausartungen des Herzens, dann zwei einzelne Symp- 
tome, die zwar oft bei Herzkrankheiten vorkommen, 
aber noch weit öfter die Begleiter ganz anderer 
Krankheiten sind, ferner ein, obendrein hypothetisches 
Moment zu Herzkrankheiten, nämlich der Polyp, end- 
lich mannichf altige organische Fehler von sehr ver- 
schiedenartiger Natur neben einander gestellt sind 
unter dem Namen von Herzkrankheiten? Der vorzüg- 
lichste Schriftsteller über die Herzkrankheiten nach 
Senak's Zeiten ist Corvis art *), dessen Verdienste 



*) Sur les Maladies et Ips Issions organiques du Coeur et des 



— 59 — 

um die genauere Beobachtung derselben dankbar zu 
erkennen sind Dieser, oder vielmehr der Herausgeber 
von des letztern Beobachtungen, hat zwar kein genau 
systematisches Werk über die Herzkrankheiten zu lie- 
fern im Sinne gehabt, sondern hat nur Beobachtungen 
und daraus gezogene Resultate mittheilen wollen; in- 
defs hat er dieselben nach einer eignen Ansicht, näm- 
li h nach der Verschiedenheit des Gewebes der ver- 
schiedenen Theile des Herzens an einander gereiht, 
und betrachtet nun in fünf Classen die Krankheiten 
des Herzens; nämlich i) die Krankheiten der Häute 
des Herzens — Entzündung und ihre Folgen, Ver- 
wachsung, Ausschwitzung, Vereiterung; 2) die Krank- 
heiten der Muskelsubstanz — die Aneurismen mit Ver^ 
dichtung und Verdiinnung der Wände, ferner die Ver- 
dickung dieser Substanz und ihre Verwandlung in 
Knorpel und Knochen öder Speckmasse; 3) die Fehler 
der sehnichten Theile, als der Klappenringe und der 
Klappen selbst; 4) die Fehler, welche die verschiede- 
nen Gewebe des Herzens zusammen betreffen — als 
die Entzündung desselben, die Zerreifsung der Pfeiler 
und sehnichten Stränge, die von ihnen ausgehen und 
sich mit dem Rande der Klappen verbinden, die Ge- 
schwülste an dem Herzen und andere widernatürliche 
Zustände an demselben, z. B. wenn eine Höhle in die 
andere ihr zur Seite liegende sich öffnet; 5) die Aneu- 
rismen der Aorta. Man sieht, dafs.es dem Verfasser 
bei dieser Abtheilung auf nichts so wenig als auf eine 
strenge systematische Anordnung ankam, und es liefsen 
sich vielerlei Ausstellungen dagegen machen; z. B. 
selten leidet ein Gewebe des Herzens allein, bei den 



gros Vaisseaux, Extrait des lecons clinicjues de J. N. Cor* 
■visart , etc. publie sous ses yeux par C. E. Horeau, Doct. 
etc. Paris igoß- P a §> 484« 8vo. 



_ 60 — 

Erweiterungen der Höhlen leiden alle, und doch sind 
sie in das zweite Capitel gedrängt; ferner sind die Me- 
tamorphosen der verschiedenen Theile des Herzen», 
als der äufsern und innern Fläche und der Klappen 
ihrer Natur nach unter sich übereinstimmend, nach 
dieser Abtheilung müssen aber Wiederholungen der 
Erklärungen eines und desselben Gegenstandes Statt 
finden; eben dies ist in Hinsicht der Entzündung der 
Fall, welche von ihm auch wirklich an zwei ganz ver- 
schiedenen Stellen seines Werks abgehandelt worden 
ist. Allein diese Unbequemlichkeiten abgerechnet, hat 
die Ansicht der verschiedenen Fehler des rlerzens, 
Welche von der Natur der dasselbe bildenden Theile 
hergenommen ist, gewifs ihren Nutzen, und wir selbst 
haben in andrer Beziehung schon oben das Herz von 
Seiten der Natur seiner Theilorgane betrachtet, um 
einen wichtigen Wink über die verschiedenartigen An- 
lagen zu Krankheiten des Herzens zu geben, die aus 
der verschiedenartigen Natur seiner Bestandtheile ent- 
springen. Ohnstreitig schwebte eine ähnliche Vorstel- 
lung dem Verfasser der nur genannten Schrift vor, 
und zugleich dürfte ihn die Einsicht der Unmöglich- 
keit alle Fehler des Herzens auf bestimmte Formen 
von Krankheit zurückzuführen, die Noth wendigkeit ei- 
ner andern Anordnung gelehrt haben; dies wird dar-, 
aus wahrscheinlich, dafs er von den sonst von den 
Schriftstellern aufgestellten eigentlichen Formen von 
Herzkrankheiten, z. B. Blausucht, Brustbräune nicht 
besonders handelt, die Entzündung des Herzens allein 
ausgenommen. 

Es erhellet also aus der Darstellung der Art und 
Weise, wie Corvisart die Gegenstände seiner Schrift 
anordnete, dafs er die Unvollkommenheit der Anord- 
nung .derselben bei seinen Vorgängern ahnete; ge- 
wifs würde aber sein Werk weit belehrender ausge- 



■ . ~ 6i — 

i fallen seyn, wenn es ihm gefällig gewesen wäre, tiefer 
in die Pathogenie dieser Zustände sich einzulassen, 
und wenn er bemüht gewesen wäre., die Gesetze und 
Bedingungen, nach und unter welchen die verschiede- 
nen Metamorphosen im Herzen sich sowohl bilden, 
als auch auf die Verrichtungen des Herzens , so wie 
der damit verbundenen Organe, und selbst der ent- 
ferntesten ihren EinHufs äufsern, näher zu erforschen. 
Ganz neuerlich hat ein uns längst bekannter 
und mit Recht hochgeachteter Schriftsteller Italiens, 
Testa *), die Welt mit einem eignen Werk über die 
Krankheiten des Herzens beschenkt. Er theilt diesel- 
ben in zwei grofse Classen, nämlich in die Entzündung 
und in Folge übel derselben, oder vielmehr, er be- 
trachtet alle innormale Beschaffenheiten des Herzens, 
welche als innere Momente zu Herzkrankheiten ange- 
sehen werden müssen, als Folgen vorhergegangener 
Entzündung, und als solche handelt er denn in einzel- 
nen Capiteln ab, die Wassersucht des Herzbeutels, die 
Ergiefsungen von Blut und gasförmigen Flüssigkeiten 
in derselben, die Polypen, die Fleischauswüchse, Ver- 
knöcherungen und Steine in dem Herzen, die Fett- 
ansammlungen um das Herz her, die Erweiterung des 
Herzens, die Kleinheit und Abzehrung desselben, und 
endlich die Zerreifsung. Man sieht schon daraus, dafs 
auch er die Eintheilung der Herzkrankheiten nach be- 
sondern Formen nicht bequem gefunden hat; daher 
hat auch er kein Capitel von der Blausucht > deren 
ursächliche Verhältnisse ihm fast unbekannt geblieben 



*) Anton Joseph Testa, Professor in Bologna, über die Krank- 
heiten des Heizens; ein auszog aus dem Italienischen mit 
Anmerkungen Ton Kurt Sprengel, erster Theil, welcher die 
drei ersten Bände der Urschrift umfafst. Halle i8i5> 4°4 Sei» 
ten, gr. 8. 



— 6% — 

zu seyn scheinen, und die Brustbräune handelt er als 
eine sehr unbestimmte und gar nicht anzuerkennende 
Form unter dem Capitel der Verknöcherungen ab. 
So schätzbare Bemerkungen er aber übrigens im zwei- 
ten Abschnitte über die äufsern und innern veranlas- 
senden Momente zu Herzkrankheiren vorgetragen hat, 
so hat er sich doch den Uebergang von der Entzün- 
dung zu den verschiedenen Abweichungen der Form 
des Herzens nur zu bequem gemacht; denn 1 er hat 
nicht nur die Art und Weise, wie die verschiedenen 
Fehler aus der Entzündung hervorgehen können, zu 
entwickeln ganz verabsäumt, sondern er hat auch die 
Bedingungen, unter denen diese Fehler eigentlich 
Krankheit — Störung der Verrichtungen erzeugen, gar 
nicht beachtet. 

Die Ausschweifung über den eigentlichen Werth 
der Formen der Krankheiten überhaupt und der des 
Herzens insbesondere, von der wir zurückkommen, 
schien uns zweckmäfsig zu seyn, um das Bedürfnifs ei- 
ner andern Behand ungsart derselben, "als bisher ge- 
bräuchlich war, fühlbar zu machen und uns den Weg 
zu derjenigen zu bahnen, die wir für die Krankheiten 
einzelner Organe überhaupt für die richtigste und be- 
lehrendste halten. 

Es liegt uns noch ob, die Richtigkeit des oben 
gegebenen Begriffs von Krankheit durch die Entwicke- 
lung der eigenen Krankheiten des Herzens selbst zu 
beweisen. Wenn wir nun oben sagten, Krankheit des 
Herzens bestehe in derjenigen Disharmonie der Func- 
tionen, welche auf innormalen Abänderungen des 
Baues und der Vitalität des Herzens, als ihren vorzüg- 
lichsten Momenten beruht, so werden wir nicht nur 
diese mannichfaltigen Abänderungen an sich selbst, 
und in Hinsicht ihrer Entstehung, ferner in Hinsicht 
der verschiedenen Grade deren sie fähig sind, so wie 



— 63 — 

d der mannichfaltigen Verbindungen unter einander, 
^ welche bei ihnen Statt finden können, sondern auch 
ö die Bedingungen, unter welchen Disharmonie der Ver- 
'« richlungen durch sie gesetzt wird, erfahrungsinäfsig 
H zu erörtern haben, um eine wahrhaft nützliche und 
» praktisch anwendbare Kenntnifs dieser Gegenstände zu 
!l erlangen. Diese nun genannten Gegenstände werden 
I denn der Vorwurf der folgenden Capitel seyn. Zu- 
i nächst aber haben wir nur die Idee, was Herzkrank- 
Ji heit sey, zu begründen, und das Verhältnifs, in wel- 
chem die an dem Herzen vorkommenden innormalen 
i Zustände zu dieser Idee stehen, scharf zu bestimmen. 
Wir stofsen nun aber bei diesen Erörterungen so- 
gleich wieder auf einen Einwurf, der aus dem so sehr 
versteckten und von uns auch anerkannten Gange der 
Herzkrankheiten '„erfliefst. Es fragt sich nämlich, wie 
i kann man Krankheiten des Herzens in Disharmonie 
der Functionen setzen, da ja das Herz sich entzünden 
kann, da selbst die größten organischen Ausartungen 
sich bilden können, ohne dafs Disharmonie der Func- 
tionen und folglich wahrnehmbare Krankheit entsteht? 
Dieser Einwurf hat seine wohlbegründete Seite, und 
bedarf einer gründlichen Beleuchtung; wir hoffen in- 
defs nicht nur unsern aufgestellten Begriff von Krank- 
heit gegen denselben zu rechtfertigen, sondern auch 
zugleich durch diese Piechtfertigung einen Schritt wei- 
ter in die Einsicht der Bedingungen zu thun, welche 
aufser der Existenz einer oder mehrerer innormalen 
Beschaffenheiten des Herzens selbst zum Hervortreten 
einer Herzkrankheit erfordert weiden. 

Es ist nämlich wahr, dafs die normale Beschaffen- 
heit des Herzens in sehr beträchtlichen Graden abge- 
ändert werden könne, ohne dafs grofse, sehr in die 
Sinne fallende, Störung- der Verrichtungen des 
ganzen Körpers daraus resultire. Allein die Be- 



— 04 — 

antwortung der Frage, worin liegt der Grund dieser 
Erscheinung, belehrt uns auch zugleich Über eine we- 
sentliche Bedingung, welche zum Hervortreten einer 
Herzkrankheit erforderlich ist. Die Natur eines orga- 
nischen Körpers bringt es mit sich, dafs ein Theil des- 
selben und seine Th itigkeit auf alle andere, so wie 
umgekehrt alle auf jeden einzelnen einen gegenseiti- 
gen Einflufs äufsern. Wenn vermittelst dieser Einrich- 
tung Störungen der Geschäfte eines Organs möglich 
weiden, ohne dafs ein Hauptmoment zu diesen Stö- 
rungen, in dem afficirten Or^an selbst existirt, wie wir 
oben bei der Entwicklung des Begriffs der sympathi- 
sehen Krankheiten gezeigt haben, so liegt umgekehrt 
in eben dieser Einrichtung ein Schutz für diejenigen 
Theile, in welchen Abänderungen normaler Eigen- 
schaften eingetreten sind, gegen den sinnlichen Aus- 
druck ihres innormalen Zustandes. Die Gesund- 
heit hat verschiedene Grade von Intensität 
und eine bedeutende Breite; jedes Organ ist 
mit einem Ueberschufs von Kraft ausgerüstet, der das- 
selbe zu ungewöhnlichen Anstrengungen fähig macht, 
ohne dafs Zerrüttung dadurch in ihm gesetzt würde; 
es kann folglich jedes einzelne Organ so viel von dem 
ihm zukommenden Vermögen verlieren, dafs dasselbe 
so eben noch, hinreicht, die ihm zukommende Ver- 
richtung bei dem stillen und ruhigen Gange des Le- 
bens zu vollbringen, aber nicht, um eine Anstrengung 
zu ertragen; in einem solchen Falle ist eigentlich 
schon Disproportion da mit den Kräften des Ganzen; 
das innere Moment ist beinahe ausgebildet, die Anlage 
zu Krankheit fast entwickelt; indefs rechnet man diese 
Zustände auch oft noch zu der Breite der relativen 
Gesundheit. Gewifs also hat jedes Organ Bedingungen 
in sich selbst, welche schnelle und jähe Ausbrüche von 
Krankheit bis auf einen gewissen Grad verhindern. 

So 



— 6B — 

So liegen aber in der Verbindung eines Jeden Organs 
mit allen andern ebenfalls Bedingungen, welche bis 
auf einen gewissen Grad das Hervortreten krankhafter 
Erscheinungen an ihm selbst hindern, wenn auch be- 
reits bedeutende Abnormitäten in ihm Platz genom- 
men haben. Diese Bedingungen gründen sich auf die 
Fähigkeit der verbundenen Organe , ein unvollkomme- 
nes z? übertragen, und so — jedoch nur bis auf einen 
gewissen Grad, •*■• die Disproportion, in welche ea 
nebst seiner Verrichtung zu dem übrigen Organismus 
nothwendig dadurch gesetzt würde, auszugleichen. 
So kann z. B. lange Zeit ein erträglicher Grad von 
Gesundheit bei bedeutender Ausdehnung einer Herz- 
höhle, also bei grofser Muskelschwäche des Herzens, 
bestehen, indem das Arteriensystem seine Thätigkeit 
verdoppelt. Aus dem Gesagten folgt demnach, dafs 
nur dann sinnlich wahrnehmbare Disharmo- 
nie der Verrichtungen des Körpers aus der: 
Veränderung gewisser normaler Eigenschaf- 
ten des Herzens hervorgehen wird, wenn 
diese natürlichen Schutz- und Ausglei- 
chungsmittel der Disharmonie aufgehobeil 
sind, und nun die Disproportion in ihrer 
ganzen Stärke sich äufsern kann, In welchen 
Verhältnissen aber jene beiden Bedingungen aufgeho- 
ben werden können, und Wie dadurch ein verschiede- 
nes Verhältnifs der Krankheit selbst resultiren müsse, 
werden wir weiter unten untersuchen. 

Wir haben auf diese Weise die Bedingungen im 
allgemeinen kennen gelernt , unter Welchen Abnormi- 
täten des Herzens Disharmonie in die Functionen des 
ganzen Organismus bringen > und so sinnlich wahr- 
nehmbare Krankheit begründen; es fragt sich nun aber 
immer noch, welchen Namen verdienen jene abnor- 
men Zustände, so lange noch kein Mifs verhältnifs der 
i. I 5 ] 



— 66 — 

Verrichtungen des ganzen Körpers durch sie gesetzt 
ist? Die Beantwortung ist leicht, sobald wir daran 
denken, dafs jedes Organ, und so ganz vorzüglich 
das Herz, wiederum als ein in sich geschlosse- 
ner Organismus, welcher die Bedingungen seines 
Lebens in sich selbst besitzt, angesehen werden mufs. 
Jede Abnormität der dem Herzen, als einem 
lebendigen und selbstständigen Organismus, zukom- 
menden Eigenschaften., mufs nothwendig 
Disharmonie in sein eignes Leben bringen, 
und als ein das Leben des Herzens unmittel- 
bar entzweiendes Moment angesehen wer- 
den. Bleiben wir bei dem oben angeführten Bei- 
spiele der Erweiterung einer Herzhöhle mit Verdün- 
nung seiner Substanz stehen, so ist durch die Existenz 
dieses Zustandes schon Disproportion der Kräfte der 
verschiedenen Höhlen des Herzens gegeben, wobei 
das harmonische Verhältnifs der Thätigkeit der ver- 
schiedenen Theile des Herzens nothwendig aufgeho- 
ben werden mufs. Wie sollen wir aber diesen Zu- 
stand nennen ? Ich meine , Krankheit des Herzens. 
Allein, so lange sich dieser Zustand noch nicht in der 
Disharmonie der Verrichtungen des ganzen Körpers 
abspiegelt und durch diese nicht erkannt werden 
kann, folglich für uns noch nicht existirt, verdient er 
vielleicht 'diesen Namen noch nicht. Ich antworte: 
wie ein solcher Zustand zu erkennen sey, ist eine 
andre Frage, deren Beantwortung nicht hieher gehört; 
die Leichtigkeit oder Schwierigkeit, ein Mifsverhältnifs 
im Organismus zu erkennen, kann nichts in der Natur 
desselben verändern, und wenn es gewifs ist, dafs 
das Herz, als ein selbstständiges Organ im Körper; 
zugleich auch als ein relativ für sich bestehender Or- 
ganismus angesehen werden mufs, so müssen auch 
alle Abnormitäten der Eigenschaften desselben, sobald 



— 6 7 — 

sie das Lebei\ dieses Organismus entzweien , als wirk- 
liche Krankheiten, — in Hinsicht der relativen Selbst- 
Ständigkeit dieses Organismus aber als örtliche 
Krankheiten angesehen werden. 

So glauben wir denn einen realen Begriff von 
dem, was Krankheit des Herzens sey, begründet, und 
so den Weg zu einer gründlichem Einsicht der patho- 
logischen Verhältnisse des Herzens eingeleitet zu ha- 
ben. Wir haben einen klaren Begriff von örtlicher 
Krankheit des Herzens, wir kennen die allgemeinen 
Bedingungen, von denen der Uebergang örtlicher 
Krankheiten des Herzens in Allgemeinleiden oder all- 
gemeine Krankheit abhängt, die sich durch Disharmo- 
nie der Verrichtungen des ganzen Körpers offenbart, 
und es wird uns leicht werden, aus diesen Vorder- 
sätzen auch den Uebergang dieser Zustände in totale 
Disharmonie und endliche Zerstörung des Ganzen zu 
entwickeln, oder die letzte, in den Tod selbst über- 
gehende Periode der Herzkrankheiten, in welcher sie 
leider! sehr oft erst dem Arzte zur Heilung darge- 
boten, leider! auch oft erst von nicht gehörig kundi- 
gen Aerzten nur zu spät als Krankheiten des Herzens 
erkannt werden. 

Im Grunde sind aber diese drei genannten Zu- 
stände nichts anders, als drei verschiedene Epo- 
chen einer und derselb en Krankheit, wovon 
die eine aus der andern sich nothwendig entwickelt, 
und zwar entweder in, der Zeit nach, langen Abstän- 
den, oder aber auch in schnell sich folgenden Zeit- 
fristen, ja manchmal in so schnellen, dafs alle drei 
Zeiträume in wenigen Wochen durchlaufen sind. So 
kann sich Entzündung in der bedeckenden Membran 
der Oberfläche des Herzens ohne grofse Störung der 
Verrichtungen des ganzen Körpers entwickeln, und sie 
wird, wenn sie nicht erkannt wird, in drei bis vier 



— 68 — 

Tagen Ausschwitzung plastischer Lymphe zur Folge 
haben; von diesem Moment an tritt AUgemeinleiden 
ein mit Zerrüttung der Herzthätigkeit und der damit 
enge verbundenen Respiration; wird aber jetzt nicht 
noch Hülfe geschafft, welche nun schon sehr grofsen 
Schwierigkeiten unterworfen ist, und ist die Vitalität 
des Herzens tief angegriffen, so verbreitet sich das 
Leiden sehr bald auf die Ab- und Ausscheidungen 
des Körpers, indem die Disproportion schnell zu- 
nimmt, und der Kranke unterliegt in wenigen Wochen 
unter den Zufällen von Wasserergiefsungen und all- 
mahliger Erlahmung des Herzens; ward die Vitalität 
des Herzens weniger tief angegriffen, so erlischt die 
Hauptkrankheit und verliert sich in Verwachsung des 
Herzbeutels; es ist nun aber so doch Krankheit, näm- 
lich secundäre örtliche Krankheit übrig, welche mehr 
oder weniger von dem Moment ihrer Ausbildung an 
in den mit dem Herzen verbundenen Organen Störung 
setzt, und unter den dazu erforderlichen Bedingungen 
früher oder später ausgebildetes Allgemeinleiden zur 
Folge hat. 

Die Entstehung und Bildung der einfachsten Ab- 
normitäten des Herzens, ihr Uebergang in allgemeine 
Störung der Verrichtungen, und endlich in den Tod 
selbst, bildet daher eine zusammenhängende Kette 
von Veränderungen, die gesetzmäfsig sich aus einander 
entwickeln, und wir dürfen uns folglich die einzelnen 
Glieder dieser Kette nicht als isolirt oder getrennt 
von einander in .der Natur vorstellen, wenn wir sie 
-auch, zum Behuf einer genauem Kunde einzeln und 
jedes für sich zu betrachten genöthigt sind. 

Wir werden dies in den folgenden Abschnitten 
thun, und fügen nur noch die Bemerkung hinzu, dafs, 
wenn die innormalen Beschaffenheiten des Herzens 
von ihrem ersten Keime an bis au ihrer tödlich wer- 



— 69 •— 

denden Epoche eine zusammenhängende Kette bilden, 
der Zeitpunkt allerdings nicht scharf bezeichnet werden 
kann, wo in den Theilen des Herzens selbst Dishar- 
monie — Krankheit in dem von uns angenommenen 
Sinne — eintritt — noch weniger aber ein Zeitpunkt 
angegeben werden kann, wo die örtliche Krank- 
heit für unsere Sinne erreichbar wird, und folglich 
erkannt werden kann. So wenig dies in der Natur 
der Sache etwas ändert, so wollen wir doch nichts da- 
gegen haben, wenn man die zu betrachtenden Zustände 
lieber mit dem Namen Abnormitäten, als mit dem 
von Krankheit bezeichnen will. Allein je schwieriger 
das Erkennen dieser Zustände in ihrem Entstehen ist, 
und je mehr gleichwohl von dem zeitigen Erkennen, 
der ersten Keime dieser Krankheiten, die Möglichkeit 
der Hülfe allein abhängt, um desto wichtiger wird es, 
diese Zustände selbst, theils in Hinsicht ihrer eigen- 
tümlichen Natur und ihres Einflusses auf die Functi- 
onen des Herzens und der damit in naher Verbindung 
stehenden Organe, besonders der Lungen und der 
grofsen Gefäfse, theils in Hinsicht ihrer verschiedenen 
Entstehungsweise, so weit eine auf Erfahrung gegrün- 
dete nüchterne Theorie uns nur immer darüber zu be- 
lehren im Stande ist, kurz in allen möglichen Bezie- 
hungen genau zu untersuchen und kennen zu lernen, 
um sie da schon in der Natur wieder zu erkennen, 
wo noch ein dichter Schleier sie unserm sinnlichen 
Erkennungsvermögen zu verdecken sucht. 



v 



Zweiter Abschnitt. 
P at h o g en i e. 



Erstes Capitel, 

Darstellung der verschiedenen Abnormitäten 
des Herzens, welche als Hauptmomente der Krankheiten des- 
selben zu betrachten sind, 



Um die Krankheiten des Herzens selbst näher kennen 
zu lernen, wollen wir zunächst i) eine Art von syste- 
matischer Aufstellung der einzelnen an demselben in 
der Natur vorkommenden Abnormitäten und Krankhei- 
ten versuchen, 2) diese dann in Hinsicht ihrer Natur 
näher würdigen und auf einige übereinstimmende Ar- 
ten zurückführen; 3) hierauf die Entstehungs weise die- 
ser Arten zu erörtern suchen; 4) Untersuchungen über 
das Verhältnils dieser einzelnen Arten zu einander, in 
Hinsicht der einzelnen Gewebe des Herzens anstellen, 
und endlich 5) den Uebergang der örtlichen Krankhei- 
ten in Allgemeinleiden darzuthun uns bemühen. 

Gewöhnlich theilt man die Krankheiten ein in dy- 
namische und organische; eine Eintheilung, welche 



— 7i — 

grofse Fehler hat, die wir indefs vorerst zum Grunde 
legen wollen, bios in der Absicht, um ein Gerüste zu 
haben, auf welchen die so höchst mannichfaltigen Ab- 
normitäten des Herzens, die wir näher kennen lernen 
müssen, dem Leser gleichsam in Pieihe und Glied ge- 
ordnet, vor Augen zu stellen. 

Dynamische Krankheiten nennt man diejenigen, 
welche in einer Abänderung der Vitalität oder der le- 
bendigen Kräfte begründet sind; organische, welche 
ihren Grund in einer Abänderung der normalen Ei* 
genschaften des Baues und der Substanz haben. 

Nach dieser Eintheilung könnte man als dyna- 
mische ansehen: 

i) die örtlichen Fieber des Herzens; nämlich die 
Entzündung der äufsern und innern Häute, der eignen 
Gefäfse desselben, so wie der Muskelsubstanz selbst, 
deren Hauptmoment auf relativ erhöhter Arteriellität 
oder disproportionirt erhöhter Stimmung der Reitzbar- 
keit der Capillargefälse in einem von diesen Theilen 
des Herzens besteht, die sich in ihrem Resultat durch 
Störung der Reproduction, als der zweiten Seite des 
Capillarsystems, ausspricht. 

2) Misverhältnifs des Muskellebens des Herzens, 
beruhend auf relativer Präponderanz der Muskelkraft 
des Herzens über das Arteriensystem, oder dieses über 
jene; im ersten Falle wird Sthenie, im zweite r n Ady- 
manie des Muskelvermögens des Herzens Folge seyn. 
Auch kann ein Theil des Herzens, z. B. eine 
Hälfte sich zu der andern in einem solchen Mifsver- 
hältnifse befinden. 

5) Misverhältnifs des sensiblen Lebens des Herzeis 
pder der Sensibilität; diese spricht sich aus: 
ä) wenn sie erhöhet ist, — als Krampfsucht ; 
b) wenn sie vermindert ist, — als Lähmung, dies 

Wort in einer weitern Bedeutung genommen. 



— 72 ~ 

In wie fern diese Einth eilung richtig sey und in 
welchem Sinne sie angenommen werden könne, wer- 
den wir weiter unten sehen, Sie soll zunächst blos 
zum Behuf einer Uebersicht der Gegenstände dienen. 

Was die zweite Classe, oder die organischen 
anlangt, so lassen sich denenselben Seiten abgewinnen, 
nach denen betrachtet, nicht nur der Zweck, eine Ue- 
bersicht derselben zu gewinnen, ganz vortheilhaft er- 
reicht, sondern zugleich auch eine praktisch -nützliche 
Ansicht derselben gegeben werden kann. 

Die organischen Krankheiten zeichnen sich näm- 
lich durch eins von folgenden Momenten aus: entwe- 
der, dafs ein Druck von aufsen oder von innen die 
Herzthätigkeit stört, oder dafs Trennung oder Verbin- 
bindung zwischen Theilen des rlerzens Statt findet, 
welche im ersten Falle verbunden, im zweiten aber 
getrennt seyn sollten, wohin auch angebome, unzweck- 
mäßige Verbindung der verschiedenen Theile des Her- 
zens und der gröfsen Gefäfse gehört; oder dafs der 
maschinenartige Bau fehlerhaft ist, in so fern das Herz 
aus Höhlen von bestimmter Weite bestehen soll; oder 
dafs die Substanz der verschiedenen Theile, welche das 
Herz zusammen bilden, ausgeartet ist; oder endlich, 
dafs das Herz eine Veränderung seiner Lage, eine Vei> 
rückung aus seiner Stelle erfahren hat. 

Wir wollen diese fünf verschiedenen Arten der organi- 
schen Uebel des Herzens jetzt etwas näher betrachten. 

i) Organische Krankheiten, welche auf einem m ei- 
ch ani sehen Druck beruhen. Dieser kann Statt finden: 
ä) von aufsen, wenn Blut, Eiter oder Lymphe sich 
in den Herzbeutel ergossen hat; oder wenn eine 
Speck- oder andre Geschwulst -am Herzbeutel oder 
am Herzen selbst, oder an einem von beiden Mittel- 
fellen (mediastinisj, oder an den Lungen das 
Herz wirklich zusammendrückt und seine Bewe» 



— 1% — 

gung hemmt; — oder wenn ein solches Ueber- 
maafs von Fett sich um das Herz herum angesetzt 
hat, dafs dasselbe eine Zusammendruckung davon er- 
fährt; oder der Herzbeutel sich verdickt und wie 
ein fremder Körper das Herz drückt oder ein- 
schränkt. Dahin sind ferner zu rechnen die Ge- 
schwülste, welche in den Häuten der grofsen Ar- 
terien sich erzeugen und Balgeschwülsten gleichen, 
so wie die eigentlichen, eine umschriebene Ge- 
schwulst bildenden Aneurismen der Aorta nahe am 
Herzen, in so fern sie auf letzteres nicht ander» 
als wie jene fremde "Körper wirken. 
b) von innen, wenn Geschwülste und Auswüchse 
in den Höhlen des Herzens die entgegengesetzten 
Wände drücken und die Höhlen mechanisch schlies- 
sen oder doch verengen ; dahin gehören theils 
weiche oder selbst knochenartige Auswüchse, theils 
die sogenannten Herzpolyp'en. 
2) Organische Krankheiten des Herzens, 
welche auf einem Fehler des Zusammen* 
hangs beruhen. Der Zusammenhang kann auf drei- 
fache Weise fehlerhaft seyn. 
a) Aufgehoben, zwischen Th eilen welche vereinigt 
seyn sollten; dahingehört: 
*) Verwundung des Herzens ; 

ß) Geschwüre auf der Oberfläche oder in den Höh- 
len desselben; 
y) Zerreifsung der Wände, oder auch innerer Th eile. 
z. B. der Klappen oder der Pfeiler, welche zu 
den Klappen gehen; 
£) eröffnete Communieation zweier Höhlen, z. B. 
der beiden Vorhole oder beider Kammern mit 
einander; die erstere kann von der Zeit der Ge- 
burt an, zwischen den Vorhöfen durch Offen- 
bleiben des eirunden Loch& zurückbleiben, oder 



— 74 — 

so kann auch eine Vermischung des Blutes des 
rechten und linken Herzens durch das Offenblei- 
ben des Botallischen Ganges bewirkt werden; 
in seltnen Fällen kann sogar krankhafter Weise 
sich eine dieser verwachsenen Höhlen wieder 
eröfnen; endlich giebt es Fälle, wo eine Oefnung 
in der Scheidewand der Kammern angeboren 
ist oder später sich bildet. 

b) Kann eine Verbindung zwischen Theilen sich bil- 
den, welche getrennt seyn sollten;- dahin gehört 
vorzuglich die Verwachsung des Herzbeutels mit 
dem Herzen, so wie mit den benachbarten Theilen 
desselben, z. B. dem Rippenfell. 

c) Unzweckmäfsiger Zusammenhang der verschiede- 
nen Theile des Herzens. Dahin gehören die man« 
nichfaltigen Fehler der ursprunglichen Bildung, wo 
die grofsen Gefäfse sich gegen den Zweck des 
Lebens mit den verschiedenen Höhlen des Herzens 
verbinden; z. B. wenn die Aorta aus beiden Kam- 
mern entspringt, wie ich selbst und wie Sandifort 
sähe, oder die eine Lungenvene in die obere Hobl- 
vene sich einsenkt, wie Mekel der' Vater sähe; 
oder wenn die Kranzvenen des Herzens sich in 
das linke Herzohr münden, wie ebenfalls Mekel 
beobachtete; wohin man auch die Fälle rechnen 
mul's, wenn ein menschliches Herz nur aus einem 
länglichen Schlauch, fast wie bei den Insekten, oder 
aus einem Ohr und aus einer Kammer, oder aus 
zwei Ohren und einer Kammer besteht. Diese und 
andere Abweichungen von dem zweckmäfsigen Bau, 
sind gar_ nicht selten angebohren. Es würde ganz 
unzweckmäfsig seyn, sie hier weitläuftig zu erör- 
tern; ich rnüfste die Schriftsteller über pathologi- 
sche Anatomie ausschreiben. Ich glaube mit einer 
Bemerkung genug über sie zu sagen; man denke 



— 75 — 

sich die Bildung des Herzens von der niedrigsten 
Stufe bei den Arachniden an bis zu jener der voll- 
kommenem Reptilien, und man wird sich einen 
Begriff von den höchst mannichfaltigen Mangeln 
. der Ausbildung des menschlichen Herzens machen 
können, welche man nach einzelnen Fällen be- 
schrieben findet. Mekel bat sie zuerst nach die- 
ser Ansicht in seinem klassischen Werke aufge- 
stellt; wir selbst werden bei dem Symptom der 
Blausucht und noch mehr bei der speciellern Ab- 
handlung im zweiten Theile Gelegenheit haben, 
auf diese Fehler zurück zu kommen. 
3) Fehler des maschinenartigen Baues 
des Herzens. Diese lassen sich auf innormale Er- 
weiterung oder Verengerung der verschiedenen 
Höhlen des Herzens und der damit verbundenen gro- 
fsen Gefäfsstämme zurückführen. Sie bestehen in ei- 
nem Mifsverhältnifs des innern Raumes der Höhlen zu 
der Menge der in abwechselnden Zeitmomenten auf- 
zunehmenden und durch sich hindurch zu lassenden 
Flüssigkeit, so wie zu gleicher Zeit zu der Weite der 
übrigen Höhlen des Herzens. 

Diese Fehler geben die häufigsten Fälle von Herz- 
krankheiten ab, und sind in Hinsicht der mannichfalti- 
gen Höhlen des Herzens sowohl, als in Hinsicht der 
verschiedenen Verbindungen mehrerer gleichzeitiger 
Veränderungen sowohl von einer und derselben Art, 
z. B. Erweiterung, als auch von Erweiterung und Ver- 
engerung zusammen, eben so mannichfaltig als ver* 
schieden. Sie können nämlich Statt finden 

a) in den Venensäcken und Vorhöfen, 

b) in den Uebergängen zu den Herzkammern, 

c) in diesen selbst, d) in den Anfängen der großen 
Arterienstämme, Es finden diese Fehler nur sel- 
ten rein und einfach Statt, sondern sind immer 



— 76 — 

mit einer Art von Veränderung der Substanz ver« 
bunden, manchmal nämlich mit einer Metamor- 
phose derselben, z. B. Verknöcherung, Verknorpe- 
lung, Ausartung der Substanz, andremale wenig, 
stens mit Veidünnung, oder umgekehrt, Verstär- 
kung der Substanz. 
4) Metamorphosen der verschiedenen 
Gewebe des Herzens. Kein Theil des menschli- 
chen Körpers scheint diesen mehr unterworfen zu seyn, 
als das Herz, und zwar nicht etwa blos seine Hüllen 
und Umkleidungen *, sondern auch die Muskelsubstanz 
selbst, und endlich selbst die ernährenden Gefäfse der- 
selben. Daher zerfallen diese Fehler 

a) in Ausartungen der Muskelsubstanz; — diese kann 
widernatürlich dicht und fest werden, oder in 
Knorpel, oder in Knochenmasse, oder endlich in 
eine Art von Speckmasse übergehen; 
h) der membranosen äulsern Bekleidung, so wie de,r 
innern und der aus letztern herstammenden Ver- 
längerungen, nämlich der weifsen bandartigen Ringe 
»wischen den Vorhöfen und Kammern' und der 
mit diesen in Verbindung stehenden Klappen, eben 
so der Klappen an den Einmündungen der Arte- 
rien.' Diese häutigen Theile sind sehr geneigt 
theils und vorzüglich 
*) in eine knorplichte oder wirklich knöcherne Auj- 
artung überzugehen; man findet sie nicht nur in 
dem Herzbeutel, und auf der Oberfläche des Her- 
zens, theils in der Form von Tafeln in den Zwi- 
schenräumen dieser Haut, sondern auch im Innern 
des Herzens theils als Tafeln von mehr oder we- 
niger Breite und Lange von unregelmäfsiger Form 
und mit einer feinen Hautschicht noch umgeben, 
theils aber auch als unregelmälsige Aggregate von 
Knochenstoff, oder als Schuppe/i in die Höhlen 



— 77 — 

hereinragend; am öftersten trifft diese Umwand- 
lung die Klappen und ihre Ringe; 

ß) arten diese Haute auch aus in eine Art von 
Fleischgewächsen von verschiedener Form und 
Gröfse, und zwar an den Klappen sowohl, als in 
den Höhlen selbst; ja man findet sie auch in den 
Höhlen der grofsen Blutgefässe ; 

y) zuweilen findet man besonders auf der äufsern 
Fläche kleine weifse Stellen, welche eine Art von 
mehlichter Substanz in den Zwischenräumen der 
äufsern Bedeckung enthalten, welche Substanz der 
Knochenmaterie ähnlich ist ; 

c) finden Ausartungen der Substanz auch in den 
Kranzarterien des Herzens selbst Statt; die Häute 
derselben verdichten sich zuweilen , gehen aber 
selbst nicht nur in Knorpel-, sondern sogar in 
Knochensubstanz über, so dafs man sie sogar durch 
das blofse Gefühl mit dem Finger auf der Ober- 
fläche des Herzens in ziemlich langen Strecken ver- 
folgen kann. 

5) Die letzte Reihe der organischen Krankheiten 
des Herzens nehmen endlich die Ortsveränd errin- 
gen dieses Organs ein. Diese ist zuweilen angeboren; 
man sab das Herz sogar ohne Herzbeutel in einem 
Falle aus der Brusthöhle, entblöfst von den allgemei- 
nen Bedeckungen, heraushängen. *) Anderemale wird 
das Herz im Verlaufe des Lebens durch krankhafte Be- 
schaffenheit der benachbarten Theile aus seiner Lage 
heraus, entweder auf die rechte Seite gedrängt, oder 
in eine Querlage, oder in eine entgegengesetzte Rich- 



•) Büttner anatom. Anmerkung Ton einem mit auswärts hänge»- 
dem Herzen lebendig gebornea Kinde. Königsberg 17 45. 



— 78 — 

tung gedrängt, wovon Boerhave *J ein merkwürdi- 
ges Beispiel sah, und der verdienstvolle Arzt Mai #*) 
an seinem eignen Schwiegersohne erlebte. 

Dies wäre denn eine kurze Uebersicht der so 
höchst mannichfaltigen Abnormitäten, welche theils ein- 
zeln und für sich, theils und weit öfter in verschie- 
dener Verbindung mit einander in dem Herzen ange- 
troffen werden; es soll dieselbe nichts als eine Skizze 
dieser Abnormitäten seyn, und mehr den Grund zu 
einer weitern Entwickeiung derselben legen, als selbst 
eine nähere Belehrung ihrer Natur und Verhältnisse 
geben, die in dem Verfolg des Werks erst gegeben 
werden kann. Wir haben indefs den Begriff' einer 
organischen Krankheit, einer so oft gebrauchten 
Benennung, ohne dafs bestimmte Begriffe daran ge- 
knüpft werden, noch näher zu erörtern. 

Der Ausdruck Organ bezeichnet zunächst ein 
Werkzeug, das gewisse, zu einem bestimmten Zweck 
erforderliche mechanische Eigenschaften besitzt; in 
der Physiologie aber und in Beziehung auf die Körper, 
welche wir organische nennen, wird er in der Bedeu- 
tung genommen, dafs man ein belebtes, d. h. die Kräfte 
und Bedingungen seiner Selbstconstruction und Erhal- 
tung in sich tragendes, und eine dem Zweck seines 
Daseyns in einem geschlossenen Organismus entspre- 
chende Form und Bildung besitzendes Werkzeug dar- 
unter versteht. Die zwei Begriffe von Leben und von 
zweckmäßiger Gestaltung sind in demselben innig ver- 
bunden, und insofern die letztere sich auf mechani- 



*) Boerhavei Historia altera atrocis morbi St. Albani. Lugduni 
Batav. 1728- 

**) Hufeland Journal der prakt. Ainneikuude XIX. Band, i- St. 
S. xi% — 159. 



— 79 — • 

1 sehe Eigenschaften bezieht, so könnte man alle Ab- 
" normitäten der Organe eines lebendigen Körpers, wel- 
che auf Abänderungen der ihnen zukommenden mecha- 
* nischen Eigenschaften beruhen, zu den organischen 
™ zählen. Indefs, da in dem Begriff einer organisch en 
111 Krankheit der des Lebens wesentlich verwebt ist, di© 
9 mechanischen Fehler der Organe aber auch für sich 
1{: bestehen können,- ohne dafs die Vitalitätsverhältnissa 
f desselben zunächst dabei abgeändert seyn müfsten, so 
*' scheint es richtiger zu seyn, wenn man die rein me- 
to chanischen von den organischen trennt, und 
I organische diejenigen vorzugsweise nennt, welche 
fi in einer Abänderung der Form und Bildung 
i bestehen, die durch einen abnormen Prozefs der 
i Reproduction vermittelt worden ist. Es werden 
nun wohl durch die Fehler der Form und Bildung al- 
lerdings auch mechanische Eigenschaften abgeändert, 
allein diese Qualität ist nicht ihre ursprungliche und 
wichtigste Seite, sondern eben, weil sie frolge ist, die 
weniger wesentliche; denn die mechanische Quali- 
tät des organischen Fehlers würde »ich mit Auf- 
hebung der Abnormität der Substanz verlieren, z. B. 
wenn eine Verknöcherung aufgehoben würde, welche 
eine mechanische Hemmung veranlafst hatte, insofern 
dadurch die Vitalitätsverhältnisse der Faser wieder her- 
gestellt werden könnten. Umgekehrt aber ist bei den 
mechanischen Fehlern die Abnormität der 
Gestaltung die wesentlichste und die ein- 
zige ihnen zukommende Qualität, daher auch 
ihre Wirkung zunächst rein mechanisch ist 
und in Hemmung der Thätigkeit des Werkzeugs be- 
steht; bei den mechanischen wird also den Orga- 
nen die Hemmung der Verrichtung gewaltsam 
von aufsen her aufgedrungen; bei den eigent- 
lich organischen hingegen wird die Hemmung, 



— 8o — . 

welche sie vermöge ihrer mechaniachen Neben, 
eigenschaft begünstigen, durch die zugleich mit ih- 
nen gegebenen Abänderungen ihrer Vitalitäts- 
.Verhaltnisse vermittelt. So mufs bei Verknöche- 
rung der Muskelsubstanz des Herzens oder der von 
der Innern Haut gebildeten Klappen notwendig da. 
Leben der Muskelfaser oder der inner« Haut eine 
grofse Abänderung erleiden, und beide Abänderungen 
zusammen machen erst das Wesen dieser organischen 
Krankheit aus; daher treten bei organischen Krankhei. 
ten mcht nur weit leichter die. Zufälle der Störung der 
Vernchtung hervor, sondern sie prägen sich auch weit 
remer und vollständiger aus, als bei mechanischen, 
welche zunächst blos die Actio« des kranken Or P an, 

«Th H am v im 1" nken ° der hemmen > ™ d folg««!« 

z b z ™ i T sen ' wekhe ™" ' enen aW 4e«. 

ZB das Offenbleiben des ovalen Lochs und des Bo- 
tische« Ga«ges i» dem Verlaufe de, Lebens außer 
der Gebarmutter stört zunächst den Kreislauf durch 
das Herz, laßt nur einen geringen Theil des i« das 
rechte Herz strömenden Blutes nach den Lungen Jl 
«■d bnngt dadurch zunächst unregelmäßigen HeZ 

l: S d U h' aCheBeeDgU ^ d6S A *«» "ei Bew. 
gung durch Störung der Säuerung des Blutes aber Z 

JTw h S ° eenannte B ' aUSnCht U " d Muskelschwäche 

K-T ;;r Di r Znmk trete - ™» - - « 

Leben beTe- '" beW ™ de ™«"«S, wie sich das 
i-eben bei emem so unzweckmäßig R„„ i 

erhalten kann. Umgekehrt en J^z B ^rch E T 
zundung der innern Haut in dem rechten oH, 
herzen eine Verhärtung V. I u oderLun g«n- 

veruartung, Verknocherune einpr ,!■.„• • 

»«« oder halbmondförmigen Klanne „ 7 T~ 
ßinge derselben wn.) k , 3ppe und der weißen 

g ersejoen, wodurch ebenfalls der Eintri.r A 
Bluts „ die Lunge erschwert, oder wenn d" n T 
«nuzenformigen KJappe an der #£**££ £ 

schiebt, 



. - 8i — 

schient, der Rucktritt des Bluts aus den Lungen er- 
schwert wird; die mechanischen Folgen dieses Zustan- 
des sind denen des erstem Falles gleich; allein die 
Zufälle der Krankheit im letztern Falle sind weit hef- 
tiger, oder bilden periodische Anfälle von weit hefti- 
gem Leiden, wovon der Grund in nichts an denn, als 
in einem zu dem mechanischen Hindernifs hinzukom- 
menden vitalen Miisverhältnifs gesucht werden kann," 
nämlich in einer Anlage zu Krampf, die mit der orga- 
nischen Ausartung zugleich und durch sie sich bildete. 
Diese Gründe geben ein Recht, die organischen 
und mechanischen Abnormitäten des Herzens von ein- 
ander zu trennen. Indessen kann es in m&nchen Fäl- 
len zweifelhaft scheinen, ob ein Uebel zu dieser oder 
jener Gattung zu rechnen sey. Z. B. die Erweiterungen 
der Höhlen des Herzens. Allein da sie, wie wir wei- 
ter unten sehen werden, Folgen eines abnormen Re- 
produktionsprozesses sind, so gehören sie zu den orga- 
nischen. Eben dies ist der Fall mit den wahren Poly- 
pen, von denen ich hier auch nur so viel sagen kann, 
dafs sie unmittelbar aus kranken Vitalitätsverhältnissen 
des Herzens hervorgehen, Product derselben sind und 
daher als organische Krankheit angesehen werden müs- 
sen, wiewohl das Krankheitsverhältnifs, woraus sie ent- 
stehen und weiches sie wiederum begründen, ein ganz 
anderes ist, als das von allen Schriftstellern bisher an- 
genommene. Allein angeborne Fehler der Bil- 
dung, welche ein mechanisches M ifs verhält- 
nifs der Theile des Herzens setzen, z. B. die Coinmu- 
nication zweier sich gegenüber befindlichen Herzhöh- 
len, ferner ein Mifsverhältnifs der Weite der Herzhöh- 
len und der grofsen Gefäfsstämme, die unzweckmäfsige 
Vertheilung der aus dem Herzen entspringenden und 
sich in dasselbe einsenkenden grofsen Gefälle gehören 
ganz zw den mechanischen Fehlern. Denn wenn auch 
I. [ 6 1 * 



— 8* — . .- ■ 

die angebornen und nachentstandnen Mifs Verhältnisse 
der Weite an Sich genommen von ganz gleicher Art 
zu seyn scheinen, und der Erscheinung nach auch sind, 
so findet doch zwischen beiden der wesentliche Unter- 
schied Statt, dafs bei der erstem Art die Vitalität des 
zu weiten oder zu engen Theils an sich und zunächst 
gar nicht abgeändert ist, bei der zweiten Art umge- 
kehrt das abnorme Vitalitätsverhältnifs bei weitem vor- 
' waltend ist vor der mechanischen Nebeneigenschaft. 
Daher, wenn die erstere Art lange Jahre last unge- 
straft ertragen wird (wie denn aus angebornen Miß- 
verhältnissen der Weite der Herzhöhlen und der gro- 
ßen Gefäfse sich meistens erst im Jünglings- oder 
männlichen Alter wahre Krankheit des Herzens ent- 
wickelt), so bringt die letztere, deren Haupteigenschaft 
Schwächung des Muskelvermögens ist, gar bald nach 
ihrer Ausbildung durch die zu Folge der unvollkomme- 
nen Contraclionen begünstig'te allmählige Anhäufung 
von in der Höhle zurückbleibendem Blute, periodisch 
«ehr schwere Zufälle, nämlich ein Stocken und fast ein 
Stillestehen des Herzschlags, eine Art von momentaner 
Lähmung, unter dem Gefühl der fürchterlichsten Angst 
hervor, worauf endlich heftige convulsiyische Thätig- 
keit eintritt, als Nothhülfe der Natur, das Gleichge- 
wicht wieder herzustellen, was auch für eine Zeitlang 
durch Entfernung der angehäuften Blutmasse gelingt. — 
So muß man denn auch die erste Art der ersten Gat- 
tung der von mir oben genannten Uebel, welche durch 
mechanische Compression von außen auf das Herz 
wirken, als Anhäufung von Feuchtigkeiten in dem 
Herzbeutel, Gewächse an demselben, oder an dem Mittel- 
fell oder sonst in der Brusthöhle, insofern das Herz 
dabei nicht zunächst eine Veränderung- seiner normalen 
Eigenschaften erleidet, zu den mechanischen; alle Ver- 
änderungen von ähnlicher Art aber, welche sich in 



— 83 — 

dem Innern des Herzens krankhafter Weise ausbilden, 
eben ihrer Entstehungsweise wegen, zu den organi- 
schen rechnen, wie ich bereits von den Polypen selbst 
gesagt habe. Endlich ist die Ortsveränderung des Her- 
zens schon an sich, und noch mehr, da sie wohl im- 
mer Folge von mechanischer Einwirkung ist, ganz zu 
den mechanischen Fehlern des Herzens zu zählen. Zu 
den organischen aber gehören wesentlich die Metamor- 
phosen als die vierte Gattung; die Fehler der Höhlen, 
als die dritte Gattung, unter der angegebenen Ein- 
schränkung ; ferner aufser den bereits angegebenen 
Fehlern' der ersten zwei Gattungen > aus der zweiten 
noch die. Verwachsungen des Herzbeutels mit dem Her- 
zen oder mit den benachbarten Theilen; so wie der 
aufgehobene Zusammenhang durch Verwundung, Ge- 
schwüre oder Zerreifsung auch ihre Stelle am- schick- 
lichsten unter den organischen Krankheiten werden 
bekommen müssen. 



Zweites Capitel. 

Von dem Verbältnifs der vitalen, organischen und mechani- 
schen Abnormitäten des Hertens g^gen einander. 



So hätten wir denn alle Abnormitäten, welche 
sich an dem Herzen einfinden können, auf drei ver- 
schiedene Gattungen zurückgeführt, nämlich auf vitale, 
organische und mechanische. Allein wir würden uns 
sehr irren, wenn wir*damit anzudeuten gemeint wären, 
als ob diese Ansicht eine natmgemäfse Einiheilung der 
Krankheiten des Herzens begründen könnte. Vielmehr 
sollen damit nur verschiedene Seiten bezeichnet wer- 



■ — 84 — • 

den, von denen die Krankheiten des Herzens betrach- 
tet werden können, um aus der genauem Kenntmfs 
ihrer einzelnen Bestandteile zu einem gründlichem 
Urtheil über die Natur der ausgebildeten Herzübel und 
Über ihre sinnlichen Wirkungen zu gelangen. Denn 
im Organismus kann nichts einseitig seyn oder - den 
allgemeinen Gesetzen desselben sich entziehen. Dem- 
nach ist jede Krankheit des Herzens wiederum von 
ihrer yitalen Seite zu betrachten, oder als eine solche 
anzusehen. - 

Die organischen Krankheiten 'nämlich sind schon 

Q 

Producte eines abnormen Reproduktionsprozesses, und 
folglich als Nachkrankheiten von vitalen Mifsverhält- 
nissen anzusehen, und es ist nicht denkbar, dafs bei 
ihrer Setzung die Vitalität des Herzens zu ihrer Nor- 
malität zurückkehren könnte. Wir baben schon oben 
gesehen, dafs sie alle eine doppelte Seite haben, eine 
vitale und eine mechanische, hemmende, dafs bei man- 
chen sich diese, bei andern jene Seite vorzugsweise 
ausspricht, und wollen nun noch durch einige Beispiele 
darthun, dafs sie auch dann, wenn sie schon ausgebil- 
det sind, noch ferner in die Vitalitäts Verhältnisse ein- 
greifen, und dadurch ihre nachtheiligen Wirkungen 
weiter verbreiten. Verknöcherungen z. B. der Klap- 
pen, oder Ringe sind meist mit Verengerungen, der 
Höhlen verbunden; sie wirken dann vorzugsweise hem* 
mend; allein dadurch müssen sie wieder auf die vor 
der Verengerung liegenden Höhlen zurückwirken, und 
können in diesen den Grund zu Erweiterungen legen, 
insofern sie Schwächung des Muskelvermögens des Her- 
zens nach sich ziehen müssen. 

Schwächend auf das ganze Herz mufs nothwendie 
auch die Verwachsung des Herzbeutels mit dem Her- 
zen wirken, weil sie schon Product abnormer Vita- 
litätsverhältnisse des Herzens ist, nämlich von Ent- 



-~ 85 — 

zundusg, welche nicht gehoben ward, sondern in ei- 
nem Producte nur erlosch. Eben dieie Wirkung mufs 
bei innern Gewächsen im Herzen, bei Geschwuren, 
bei Ausartung der Substanz des Herzens eintreten. 
Verknöcherung der Kranzarterien mufs durch Vermin- 
derung der nöthigen Versorgung des Herzens mit oxy- 
dirtem Blute der Ernährung und der Thatigkeit des 
Herzens grofsen Abbruch thun, und noch wichtiger 
wird dieser Fehler wegen der mit diesen Gefäfsen im- 
mer in Verbindung gehenden Nerven, wodurch theils 
mechanische Verletzung, Druck auf sie entstehen kann, 
theils auch die harmonische Zusammen Wirkung dersel- 
ben mit den Arterien aufgehoben werden mufs. Ja 
man kann noch weiter gehen und sagen, die organi- 
schen Fehler unterhalten unaufhörlich eine Anlage zu 
neuen Mifsverhältnissen der Vitalität, aus denen sie 
selbst hervorgegangen sind ; sie ziehen nämlich sehr 
leicht, d. h. auf leichte äufsere Veranlassungen, Ent- 
zündungen nach sich, und werden dadurch tödlich 
oder gehen wenigstens nun in eine neue schlimmere 
Epoche von Krankheit über, wie wir im Verlaufe die- 
ses Werks zu bemerken werden Gelegenheit finden. 

Was die mechanischen Abnormitäten, anlangt, so 
haben auch diese ihre vitale Seite; ihre nächste Wir- 
kung ist zwar mechanisch^ zum Theil geradezu hem- 
mend, zum Theil eine ungleiche oder eine unzweck- 
jnäfsige Vertheilung des Blutes bestimmend, wodurch 
nothwendig einmal Erschwerung des Blutumlaufs in 
und aus dem Herzen, dann Einschränkung derjenigen 
Verrichtungen herbeigeführt werden mufs, welche zu- 
nächst durch dip ungleiche Blutvertheilung beeinträch- 
tigt werden müssen, z. B. des Athemholens und der 
Säuerung des Blutes, wenn zu wenig Blut in die Lun- 
gen geführt wird,, oder gewaltige Palpitation des Her- 
zens mit kleinem schnellen irregulären Puls, wenn die 



— 86 — 

Hemmung das Aortenherz trifft, mit grofser Beklem- 
mung den Athems, indem die Lungen dann mit Blut 
überladen werden; allein die mechanischen Fehler grei- 
fen auf doppelte Weise in die Vitalitätsverhältnisse des 
Herzens ein; einmal indem die ungleiche und erschwerte 
Wirksamkeit der verschiedenen Herzhöhlen endlich 
Schwächung durch übermäfsige Anstrengung zur Folge 
haben mufs, dann indirect, indem die Einschränkung 
der von dem Blutumlauf der rechten oder linken Seite 
abhängenden Verrichtungen wieder auf den gesammten 
Organismus zurück wirkt; so verkettet sich, wie wir 
oben schon sahen, mit der Blausucht grolse Muskel- 
schwäche, jener bei dem Scorbut ähnlich, und so führt 
grolse Hemmung des Bluts durch das linke Herz früh- 
zeitiger als andre Fehler, und vorzugsweise Abmage- 
rung und Ergiefsung von wäfsrigen Feuchtigkeiten in 
das Zellgewebe und in die gröfsern Höhlen des Kor-, 
pers herbei. 

So existirt denn, wie es in einem organischen Kör- 
per nicht anders seyn kann, ein Zirkel in diesen drei- 
erlei Abnormitäten des Herzens und so treffen wir denn 
auch nicht selten alle drei zusammen in einem Falle 
vereinigt an; z. B. ursprüngliche zu geringe Weite der 
Lungenarterienstämme, daraus entstandene Erweiterung 
des rechten Herzens, und wieder durch diese Hemmun- 
gen bedingte Entzündung mit ihren Folgen, Ausschwi- 
tzung, Verwachsung einzelner Theile des Herzbeutels. 
Oft ist es leicht, den Gang der Verkettung dieser Zu- 
stände bei Sectionen zu entfalten; sehr schwer aber, 
oder unmöglich, im Leben, wenn man das einfacheüe- 
bel im Leben nicht erkannt hatte. Ja manchmal ist die 
Enträthselung selbst nach dem Tode schwer, wenn man 
auch die Data durch die Leichenöffnung gegeben vor 
sich hat, zumal wenn man, wie es von den Schriftstel- 
lern bisher meist geschehen ist, sich dieUebergänge eine 



• - 87 - 

Fehlers in den andern blos nach mechanischen Grund- 
sätzen denkt. Wir wollen zur Erläuterung ein paar 
Beispiele aufstellen. So führt Morgagni*) einen Fall 
an von Erweiterung der linken Herzkammer und zu- 
gleich des rechlten Ohrs; die erstere war als Folge 
einer Verengerung der Aorta leicht zu erklären; aber 
wie war hier Erweiterung im rechten Ohr entstanden? 
Das Uebel im linken Herzen konnte keinen directen 
Einfluls darauf haben, da überhaupt das Blut aus die- 
sem erst nach dem längsten Umwege zum rechten Ohr 
zurückkehrt und bei Verengerung der Aorta sogar ein 
dünnerer Strahl von Blut, als sich gehört, in das ganze 
System geworfen wird. Eben so hat Morgagni**) 
einen andern Fall von grofser Erweiterung des rechten 
Herzens und ungleich stattfindender Verengerung der 
Aorta. Die Verengerung der letztern hätte nun wohl 
durch Hemmung des Rücktritts des Bluts aus den Lun- 
genvenen Ausdehnung der letztern und des rechten 
Herzens zur spätem Folge haben können, aber zunächst 
hätte sich doch diese Rückwirkung im linken Herzen 
äufsern müssen. Wir sehen aus dergleichen zusammen- 
gesetzten Zuständen organischer Krankheiten, dafs wir 
uns wohl hüten müssen, die Bildung derselben aus ei- 
nem einseitigen Princip erklären zu wollen ; in diesen 
Fällen konnten die gefundenen Erweiterungen ohnmog- 
lich zunächst aus den Verengungen hervorgegangen 
seyn, welche gleichzeitig Statt fanden. Gleichwohl wird 
die Entstehung der Erweiterungen von mehreren Schrift- 
stellern z. B. von Pasta ***^, P a r r y £***) und Corvi- 



*) /. c. epistola XVIU. g. 

*•) /. c. epistola XVIII. 6. . 

***) Andr. l'astae Epistolae ad Aletophilum ßuae altera de motu 

sanguinis post mortem, altera de Cordis Poljpo in dubium 

■vocato. Bergami 1757. §. 7. pag. 25. 
****) UeberdittiSy/zco/7<? anginosa übers, v. Friese. Breslau 1801. 



— 88 — 

sart nicht nur als immer von Hemmungen hinter den* 
selben abhängend, sondern sogar als alleinig durch letz- 
tere bedingt angenommen; wenn aber auch Erweiterungen 
wirklich nicht selten die Folgen von Verengerungen 
sind, so steht noch zu untersuchen, ob sie zunächst 
aus ihnen hervorgehen, oder ob durch Verengungen 
einer Stelle Erweiterungen der darüber liegenden Höh- 
len durch andre besondre Vorgänge vermittelt werden, 
wie es uns allerdings am wahrscheinlichsten ist. Ge- 
wifs werden wir einseitig urth eilen, wenn wir jede Er- 
weiterung einer Höhle von einer unter oder hinter ihr 
Statt findenden Verengerung ableiten und die letz- 
tere als noth wendig setzend annehmen wollen. So 
mag in dem letzten von Morgagni erzählten Falle die 
Erweiterung des rechten Herzens zuerst, und die Ver- 
engerung der Aorta erst spät zu Folge eines Entzün- 
, dnngsprozesses gebildet worden seyn, wozu die Anlage 
durch den organischen Fehler des rechten Herzens schon 
gegeben war. Iu dem ersten Falle aber konnte die Er- 
weiterung des rechten Herzohrs bei Verengung der 
Aorta duzeh die letztere wohl auf eine dynamische 
Weise, närnheh durch mitgetheilte Erschaffung und ver- 
minderte Ernährung des rechten Herzohrs vermittelt 
worden seyn, 



Drittes Gapitel. 

Eatwickelung der Art und Weise, wie sich Abnormitäten im 
Herzen erzeugen, im allgemeinen. 



Indem wir nun zu der Betrachtung der Art und 
Weise, wie die dreierlei Arten von abnormen Verhält- 



. — 89 — | 

nissen des Herzens entstehen können, fortgehen wollen, 
müssen wir sogleich als Folgerung dessen, was wir von 
ihnen schon gesagt haben, bemerken, dafs die mecha- 
nischen, in so fern sie entweder angeboren sind oder 
durch blos mechanische Bedingungen herbeigeführt wer- 
den, keiner weitern allgemeinen Entwickelung bedür- 
fen; ferner, dafs die organischen, in so fern sie Pro- 
ducte von abnormen Vitalitätsverhältnissen sind, mit 
diesen zugleich in Hinsicht der Entwickelung der Art 
ihrer Bildung untersucht werden müssen. Wir werden 
daher in diesem Capitel nur von den Gesetzen zu spre- 
chen haben, nach welchen Mifs Verhältnisse der Vitali- 
tät des Herzens möglich werden, und zwar i) einmal 
in Hinsicht der verschiedenen einzelnen Theilorgane 
des Herzens, wovon ein jedes als für sich belebt anzu- 
sehen ist, an sich selbst, 2) in Beziehung dieser Mifs- 
verhältnisse auf die Folgen, die sich in der Pieproduc- 
tion offenbaren. 

Wir fügen nur noch die Bemerkung hinzu, dafs 
unser Zweck für jetzt nur ist, in diesem ersten Theile 
die Pathogenie der Herzkrankheiten im allgemeinen zu 
bearbeiten, nicht aber die Entstehung jeder einzelnen 
Abnormität des Herzens in Beziehung der verschieden- 
artigen Verhältnisse zu entwickeln, aus deren Verbin- 
dung sie hervorgehen kann', als welches erst im zwei- 
ten Theile geschehen kann. Daher betrachten wir denn 
hier die Abnormitäten der Herzkrankheiten aus dem 
Gesichtspunkte der verschiedenen Theilorgane des Her- 
zens, als dem allgemeinsten, und suchen die Enstehutfg 
der in ihnen möglichen Abnormitäten theils aus der ei- 
genthümlichen Natur und Beschaffenheit derselben, 
theils aus ihrem Verhältnifs zu den übrigen mit ihnen 
entweder nahe verbundenen oder entfernten Theilen, 
theils aus dem Einflüsse allgemeiner Krankheitszu- 
stände zu erweisen. 



— §o — 

Eine andre Seite,, von der die Pathogenie aus- 
gehen kann, nämlich die, dafs man die schädlichen 
Einflüsse durchgeht, wodurch Abnormitäten begünstigt 
werden, wird in Hinsicht der äufsern Potenzen, eben- 
falls im zweiten Theile eine zweckmäfsigere Anwen- 
dung finden ; nur in Hinsicht der Gemüthseinflüsse 
habe ich davon eine Ausnahme gemacht, die mir 
zweckmäfsig schien. 



Erste Abt h eilung. 

Entwickelung der Entstehungsweise vitaler Mifsverbältnisse an 
sich, nach den verschiedenen Theilorganen des Herzens. 

Wir sahen bei der Auseinandersetzung der eigent- 
lichen Natur der verschiedenen Theilorgane des Her- 
zens, dafs in demselben die Muskel- oder Fleischsub- 
stanz, die eignen Blutgefäfse, ferner die eignen Nerven 
des Herzens , und endlich eine äufsere und innere 
häutige Umkleidung zu unterscheiden wären, und dafs 
die äufsere und innere Haut nebst den Verlängerun- 
gen der letztern, wovon die Klappen und deren Ringe 
gebildet werden, ganz übereinstimmend in ihrem Bau 
und in ihren krankhaften Ausartungen sich verhalten. 
Wir wollen denn nun diese vier verschiedenen Theil- 
organe in Hinsicht der innern und äufsern Momente 
betrachten, wodurch Abnormität ihrer Vitalität gesetzt 
werden kann. 

a. In der Fleischsubstanz des Herzens. 

Das Herz ist ein starker Muskel, welcher die Be- 
dingungen seiner Reconstruction in einem ganz aus- 
gezeichneten Grade in sich trägt. Er besitzt die stärk- 
ster! Arterien unter allen Muskeln, und dies,e führen 
ihm ganz neu gesäuertes Blut unmittelbar aus den 



— 9i — 

Lungen zu. Diese Eigenheit mufs noth wendig in iJim 
einen äufserst hohen Grad von Irritabilität und eine 
grofse Neigung zu einem vermehrten phlogistischen 
Prozefs in seinem Innern begründen. Es liegt dem- 
nach in dem Herzen schon eine natürliche An- 
lage zu Excessen der Vitalität und bei der 
grofsen Verbindung, ,iri welcher dasselbe mit dein Ge- 
i'äfssystem, mit den Lungen und mit dem gesammten 
Nervensystem steht, ist es fast ein Wunder, wenn es nicht 
noch häufiger erkrankt, als es wirklich gescbieher. 
Kein Theil des Körpers ist nämlich auch den Einwir- 
kungen so vieler und so starker Reitze von allen Sei- 
ten her ausgesetzt, als das Herz, und doch sind Krank- 
heiten, welche ihren Grund in einer gesteigerten 
Stimmung der Irritabilität des Herzens haben, wenn 
auch w r eit häufiger, als man insgemein glaubt., doch 
nicht die alltäglichsten. Begreiflich aber wird es aus 
dem Vorgetragenen , wie durch das Zusammentreffen 
folgender auf erer erregender Momente, als heftiger 
Gemüthsbewegungen, grofser Anstrengungen des Athems 
durch Laufen, Singen, Blasen von Instrumenten, hef- 
tiger angestrengter Bewegung der willkührlichen Mus- 
keln, des'Mifsbrauchs reitzender Speisen und Getränke, 
oder Arzneien, oder auch äufserlicher Verletzungen 
der Brust durch- Stofs , Quetschung u. 's. w. mit jener 
Anlage das innere Leben der Muskelsubstanz des Her- 
zens auf den höchsten Punkt gesteigert "werden, und 
ein schneller Verkohlungsproz-e fs das Leben desselben 
vernichten, oder wenigstens mit dem Leben des Gan- 
zen in solche Disproportion setzen kann, dafs grofse 
Krankheit und Vernichtung des Lebens die Folge seyn 
mufs. Da das Herz aber zur Vollbringung seiner Ver- 
richtung und zur Ausdauer in derselben dieser beson- 
dern Einrichtung ausdrücklich bedurfte, so begreift 
man umgekehrt, wie von allen den Ursachen, welche 



— Q2 — 

aie Bedingungen seiner starken Reprodnction ein- 
schranken, z. B. Säfteverlust, lange Krankheiten, Ona- 
nie, langwierige Affecte u. s. w. das Muskelvermögen 
Iiothwendig vermindert werden mufs, und wie da- 
durch organische Uebel vermittelt werden können. 
Aufserdem aber kann die Substanz des Herzens a.uch 
in ein abnormes VerbäJtnifs von Seiten seiner Vitalität 
gesetzt werden durch angeborne oder nachentstandene 
Mißverhältnisse des mit ihm zunächst verbundenen 
Gefäßsystems und der Lungen. Wir haben darauf 
schon im ersten Abschnitt gedeutet, und müssen die- 
sen Punkt jetzt näher auseinander setzen. 

E»ne wesentliche Bedingung der Normalität des 
Kreislaufs ist gewifs die Harmonie des Baues und 
der Kräfte der verschiedenen Theile des Herzens 
unter einander, so wie des Herzens und des Geläfs- 
Systems; ganz vorzüglich zwar des Arteriensystems, als 
des, mit dem Herzen, im Bau und Kraft ganz überein- 
stimmenden, aber auch mit dem venösen, mit ihm 
eben so enge verbundenen und mit eignem Leben ver- 
sehenen Systeme. 

Es können nun Mifs Verhältnisse, welche diese 
zum Leben höchst nothwendige Harmonie stören, an- 
geboren seyn, oder es können sich dergleichen im 
■[Verlaufe des Lebens erst ausbilden. Das Mifsver- 
hältnifs aber kann in jedem dieser Fälle so beschaffen 
seyn, dafs entweder ein Excefs von Kraft auf Seiten 
des Herzens oder auf Seiten eines der verbundenen 
| Systeme Statt findet. 

Wenn ich bei Nennung dieser vitalen Mifsverhält- 
nisse den Bau der Herzhöhlen oder der Gefäfsstämme 
mit in Anschlag bringe, so geschieht es in so fern ei- 
nes Theils schon der Grad der Fähigkeit, Lebens- 
äufserungen hervorzubringen, oder' der Zustand der 
Energie eines Theils überhaupt von der Stärke und 



— ö3 — 

Ausbildung seiner Substanz abhängt, andern Theiis 
weil, wenn aus ungleicher Stärke im Bau auch ein, 
mechanisches Mifs verhäl nifs zunächst erwächst, doch 
nur erst durch Vermittelung der vitalen Seite dessel- 
ben wirkliche Krankheit daraus hervorgehen kann. 

Dafs nun aber Mifsverhäitnisse dieser Art wirklich 
und nicht selten angeboren sind, läfsr sich nicht be- 
zweifeln; es läfst sie i nämlich erweisen aus Sectionen 
von Kinder- Leichnamen, die an den Folgen derselben 
starben, z, B. an Vergröfserung des Herzens mit Ver- 
dünnung der Substanz, oder an einer Herzkrankheit, 
deren Grund in einer Verstärkung der Substanz einer 
Höhle und Verdünnung mit Erweiterung in einer an- 
dern gefunden wird, wovon ich selbst ein Beispiel an 
einem achtjährigen Kinde, und ein and.eres an einer, 
jungen Frau von 20 Jahren erlebt habe, ohne dafs im 
Verlaufe des Lebens eine veranlassende Ursache der 
Entstehung dieser Mifsverhäitnisse zu entdecken ge- 
wesen wäre. In der That findet man ja auch fehler- 
hafte Bildungen aller Art so häufig in den Herzen 
nengeborner Kinder, dafs man keinen Grund einsieht,. 
wie das Herz vor dieser Art von Mifsverhnltnifs ge- 
schützt seyn könne; das häufigste von allen, (wenig- 
stens wird dieses am häufigsten gefunden, vielleicht 
blos deshalb, weil es am meisten in die Sinne fällt), 
ist ein verhältnifsmäfsig zu kleines Herz bei gehörig 
starken Arterien; dies findet man in Leichnamen von 
allen Altern, und es läfst sich wohl auf keine Weise 
annehmen, dafs sich das Herz im Leben so gleichsam 
zurückgebildet bitte; allein auf das umgekehrte Ver- 
hältnifs auf relativ zu enge od>r zu' starke Arterien 
bei anscheinend normaler Gröfse und Stärke d s Her- 
zens pflegt man gemeiniglich nicht so scharf bei See- 
tionen Acht zu haben; ich mache aber die Aerzte dar- 
auf aufraerksam > in der Folge ihr Augenmerk bei See* 



— 94 — 

tionen von Körpern, die dem Anschein nach an einem 
Herzübel gestorben sind, auf dieses mögliche Mifwer- 
h-iltnifs vorzüglich mit zu richten, und glaube ein desto 
größeres Recht darauf zu haben, da schon Morgagni*) 
auf die Wichtigkeit -dieses Punktes aufmerksam, den 
Grund des anhaltenden Herzklopfens zuweilen ganz 
allein in einem solchen Mißverhältnisse fand. Höchst 
wahrscheinlich war die Anlage zu Fehlern der Stärke 
der Wände und der Weite der Höhlen in vielen Fäl- 
len, wo man sie fand, schon angeboren, besonders 
in denen Fällen, wo sich aus dem Zusammenhange 
der verschiedenen Höhlen des Herzens und der gro- 
fsen Gefäfsstämme die Entstehung der Erweiterung in 
einigen, gar nicht erklären läfst, wovon ich vor Kurzem 
zwei Beispiele aus Morgagni angeführt habe. Durch 
nichts aber wird die angeborne Disharmonie der 
Kräfte des Heizens und des Arteriensystems wohl ge- 
wisser documenürt, als durch die erbliche Anlage 
zu Krankheiten des Herzens und der Arterien, welche 
unglücklicher Weise in manchen Familien herrschten, 
z. B. z;u Aneurismen und Verknöcherungen der Aorta 
in einer grofsen Ausdehnung, oder zu Vergröfserungen 
und Erweiterungen des Herzens. 

Ich bin der Meinung, dafs gewisse Eigenheiten 
mancher Constitutionen sich allein aus solchen ange- 
bornen Mißverhältnissen der Stärke des Herzens^ und 
der verbundenen Systeme erklären lassen. Es mag 
dies der Fall z. B. oft seyn bei Personen, welche man 
gemeftiiglich als vollblütige ansieht, weil sie von ihren 
Kinderjahren an auf die geringsten äufsern Veranlas- 



*) l. c epistola. XVIII. art. 2. episc XXL a. 36. XXX. a. ijk, 
XL. a. 57- Ferner Mekel der eiste in den Memoirs de 
Berhn 1755. S. 163- »8«, und 1756. S. 65. i 7le JBeobach- 

tung. 



— Oö — 

snngen Herzklopfen, Blutandrang nach dem Kopf, und 
Kopfweh oder Nasenbluten bekommen, oder äufserst 
häufig und in grofser Menge Blut aus der Nase ver- 
lieren, ohne dafs sie sonst krank sind; ferner bei 
schon erwachsenen Personen, welche bei dem blühend- 
sten Ansehen und schöner gesund rother Gesichtsfarbe 
(nicht jener hochrothen der zur Lungensucht geneigten) 
sich immer unwohl fühlen, daher meist für einge- 
bildete Kranke angesehen und sehr unschicklich als 
Hypoehpndristen gescholten werden; man kann von 
ihnen sagen, es walte eine besondre Temperatur des 
Blutes in ihrer Gesundheit vor, die man sich nicht 
recht erklären kann, und welche mir in einem sol- 
chen Mifsverh iltnisse des Arteriensystems zu dem Her-, 
zen ihre vollständigste Erklärung zu finden scheint. 

Gehen wir' weiter und auf die Betrachtung ge- 
wisser schon halb krankhafter Zustände fort, welche 
offenbar mit einer periodischen Steigerung des Lebens 
des Blutsystems in Verbindung stehen, so gewinnt die 
Annahme, dafs Mifsverhältnisse der angezogenen Art 
auch oft angeboren sind, um so mehr Wahrscheinlich- 
keit, da die sinnlichen Wirkungen der erstem denen 
gleich sind, welche ich so eben von einem angebor- 
nen Mifsverhältnifs des Herzens und der Blutgefäfse 
hergeleitet habe. Zu diesen Zuständen rechne ich be- 
sonders die periodischen Evolutionen zur Zeit des 
Zahnens, der Mannbarkeit, der Schwangerschaft, und in 
den klimakterischen Jahren, welche ' den Männern so 
gut eigen sind, als den 'Frauen. Unter allen diesen. 
Verhältnissen sehen wir Zufälle von sogenannten Auf- 
wallungen des Bluts, ungleicher Verkeilung desselben 
oder Congestionen, wohlthätige Blutflüsse und vortheil- 
hafte Wirkungen von künstlichen 'Blutausleerungen; in 
eben diesen Zeiträumen leiden aber auch diejenigen 
weit mehr, welche schon eine Anlage 2u Herzkrank- 



— 96 — 

heiten in sich trugen; so sah ich dies bei Schwanger- 
schaft einigemal, wo die Zufälle der Herzkrankheit 
nach der Entbindung wieder nachliefsen und erst nach 
einigen Jahren entwickelte sich das Herzübel vollstän- 
dig; ein gleiches sah Testa, und Burns *) bei Kin- 
dern Anlagen zu Herzkrankheiten während der Puber- 
tät sich entwickeln und tödtlich werden. Wir kön- 
nen daher annehmen, daTs das Vorwalten der arteriel- 
len Thätigkeit in den zuerst von mir genannten Fäl- 
len angeboren, iu den zuletzt angeführten aber in den, 
periodischen Evolutionen der Natur gegründet sey. 

Eben so stark spricht sich diese Intemperatur des 
Gefäfssystems in dem kritischen Alter der Frauen aus, 
und bei Männern in den mittlem Jahren; bei erstem 
entstehen schon einige Jahre vor dem Aufsenbleiben 
der Regeln Zufälle von unregelmäfsiger Blutverthei- 
lung, Andrang nach einzelnen Organen, Aufwallungen 
des Bluts, und diese Zufälle sind gemeiniglich mit 
Herzklopfen und Aengstlichkeit gepaart oder abwech- 
selnd; ganz vorzüglich bilden sich jetzt Anlagen zu 
wirklichen Krankheiten des Herzens aus, und viele 
Todesfälle in dieser Lebens- Epoche sind Folgen der- 
selben. Ich sähe, in einem Falle unter diesen Um- 
ständen bei Erweiterung der rechten Herzhöhle aufser 
dem vielfachen anderweitigen Leiden auch häufige 
Blutausleerung durch den, Urin mit einiger Erleichte- 
rung erfolgen. Bei den Männern stellen sich in dem 
mittlem Alter am meisten jene hypochondrischen Be- 
schwerden ein, welche offenbar von einer Umänderung 
in dem Leben des Gefäfssystems herrühren, und mei- 
«tentheils in übermäfsige Anfüllung des Pfortadersystems 

über- 



•) am angef, O. S. 517. ». folg. 



— 97 — 

übergehen. Man nennt dann diesen Zustand Hämor- 
rhoidal- Anlage, und glaubt von derselben, dafs sie 
auf Schwäche dieses Venensysteiris beruhe; da indefs 
dieser Zustand und die Crisis desselben, Hamorrhoidal- 
flufs, sehr oft in den frühem Jahren schon eintritt bei 
Personen, welche die gesundesten Eingeweide haben, 
da der Bildung der Hämorrhoidal- Knoten meist be- 
deutende Störungen im arteriellen System vorher- 
gehen, und der endlich doch unvermuthet und stark 
erfolgende Blutilufs die offenbarste und schnellste Er- 
leichterung gewährt, so scheint, in vielen Fällen we- 
nigstens, nämlich in allen denen, wo nicht Lokal- 
ursachen in dem Verdauungssystem Statt finden, der 
Hauptgrund derselben auf erhöhter Thätigkeit des 
arteriellen Systems zu beruhen, welche sich in Ueber- 
ladung der an sich schwächern und nachgebenden Ve- 
nen verliert, aber in diesen doch nun verstärkte Thä- 
tigkeit setzt, welche sich durch endlich erfolgte active 
Blutentladung auflöst. Dieser Zustand von Disharmo- 
nie des Blutsystems , welcher in gewissen Perioden 
des Lebens als Regel eintritt, kann nun auch zuweilen 
krankhafter Weise sich bilden; z. B. nach unterdrück- 
ten naturgemäßen oder habituellen Blutflüss n und 
die Wirkung davon ist ganz den nur betrachteten Zu- 
ständen gleich, nämlich bedeutende Spannung des 
Arteriensystems und antagonistische Bewegungen ge- 
gen das Herz, durch Vermehrung des normalen Reitzes 
dieses Systems vermittelt. Vielleicht war diese erhöhte 
Spannung des Arteriensystems selbst schon Ursache 
der Unterdrückung des Blutflusses, und beides wirkt 
nachher vereint zusammen. 

Ich habe hier vorausgesetzt, dafs Herz und Arte- 
riensystem unter den verschiedenen angegebenen Um- 
ständen in ein antagonistisches Verhäitnifs treten, so 
dafs die Vitalität des letztern als prädominirend er- 

«• [ 7 ] 



— 99 — 

scheint, und glaube meine Annahme durch die im 
physiologischen Theile vorgetragene Ansicht von der 
eigentümlichen Natur des Herzens und seiner über- 
wiegenden Vitalität, so wie von der relativen Unab- 
hängigkeit beider Systeme von einander rechtfertigen 
zu können. 

Was das Venensystem anlangt, so wird dasselbe 
in der allgemeinen Pathologie meist als ganz passiv, 
und sein Verhältnifs zu dem Herzen fast gar nicht be- 
trachtet; gleichwohl ist auch dieses System als ein 
lebendiges und bis zu einem gewissen Grade selbst- 
ständiges anzusehen. Ich will jedoch diesen Gegen- 
stand hier übergehen , indem ich weiter unten Gele- 
genheit haben werde, an dem Beispiele einiger Krank- 
heiten der Assimilation, welche auf Herzkrankheiten 
einen nahmhaften Einflufs haben, auch die patholo- 
gische Wichtigkeit des Venensystems näher auseinan- 
der zu setzen. 

Die Wirkung einer erhöhten Vitalität des Arterien- 
systems auf das Herz kann keine andre; als eine 
schwächende seyn, und darin liegt auch der Grund, 
dafs schon vorhandene fehlerhafte Anlagen des Her- 
zens unter solchen Umständen als Krankheit desselben 
hervortreten durch Steigerung des schon früher vor- 
handenen Mifsverhältnisses' beider Systeme. Allein die 
Vitalität des Herzens kann unter andern Umständen 
ebenfalls das Uebergewicht über das Arteriensystem 
erlangen, und wird dann Schwächung dieses Systems 
veranlassen. Ganz vorzüglich wird wohl dieser Excefs 
durch die sogenannten erregenden Gemütsbewegun- 
gen uad Leidenschaften begünstigt, deren Einwirkung 
das Herz zunächst betrifft, z. B. der Freude, des Mu- 
thes, des Zornes u. s. w. Die Folge davon wird bei 
schon vorhandener relativer Schwäche des Arterien- 
systems Hervortreten einer Krankheit desselben z. B. 



— 99 — 

ein«» Aneurisma der Aorta seyn, oder bei vorher Statt 
gefundener Harmonie beider Systeme kann, wenn das 
Milsverhältnifs bleibend wird, nach und nach Verstär- 
kung der Substanz des Herzens mit oder ohne Erwei- 
terung seiner Höhlen sich dadurch ausbilden. > 

Dafs Mißverhältnisse der Starke der verschiedenen 
Theile des Herzens angeboren seyn könne, haben wir 
oben gesagt, und so auch an einem andern Orte be- 
reits erörtert, dafs die Folge davon ein allmähliges 
Wachsen dieses Mifsverhältnisses seyn müsse. v Es läfst 
sich auch wohl kaum zweifeln, dafs zwischen dem 
linken und rechten,^ oder dem Aorta- und 
dem Lungenherzen, sich dergleichen Mifs- 
verhältnisse im Verlaufe des Lebens erst bilden 
können; denn die beiden Hälften des Herzens sind 
gleichsam nur an einander gesetzt, und sind in gewis- 
ser Beziehung zwei verschiedene Herzen, beide hän- 
gen auch mit zwei ganz verschiedenen Systemen von, 
Arterien sowohl, als mit besondern Organen zusam- 
men, und so kann das Leben des einen vorzugsweise 
von dem System von Gefäfsen aus beeinträchtigt wer- 
den, mit Welchem es zunächst zusammenhängt, z. B. 
das rechte Herz von den Lungen und deren Arterie, 
das linke von der Aorta,, wie wir schon gesehen ha- 
ben , aber auch von allen Organen aus, welche von 
der Aoita versorgt werden. 

Die nun folgende nähere Betrachtung des Ein- 
flusses, den Störungen der Vitalität solcher 
Organe, welche, wie Pole des Heizens anzu- 
sehen sind, auf das Herz selbst haben, wird uns 
dies noch deutlicher zeigen. 

Was die Lungen anlangt, so wissen wir, wie 
alle Arten von Thätigkeiten des Körpers, die mit An- 
strengung des Atbemholens verbunden sind, als Lau- 
fen, Blasen von Instrumenten, Aufheben schwerer 



IOO 



Lasten, auf das Herz zurückwirken und seine Thätig- 
keit gleichzeitig anstrengen; die Erfahrung lehrt auch, 
dafs von diesen Ursachen gar häufig Krankheiten des 
Herzens ihren Ursprung nehmen. Krankheiten der 
Lungen nun, die in einem Hervortreten ihrer Vitalität 
begründet sind, z. B. die Entzündung derselben, ist 
für das Herz nicht gleichgültig; wir sehen, dafs auf 
der Hohe derselben der Herzschlag aussetzt, ein Zei- 
chen von Nachgeben und Hemmung seiner Thätigkeit; 
wir sehen ferner, dafs in dem Verhältnifs, wie die Ge- 
fahr zunimmt, Herz- und Pulsschlag immer schneller 
und unregelmäfsiger werden, und das Leben mit end- 
licher Vernichtung der Herzthätigkeit still steht. Oef- 
tere Lungenentzündungen haben auch in der That Er- 
weiterungen des rechten Herzens zur Folge, allein es 
geschieht dies nicht sehr häufig und nicht leicht nach 
einer einzelnen zufälligen Lungenentzündung, und wir 
können daraus abnehmen, wie wohlthätig die Natur 
für die Erhaltung des Organismus dadurch gesorgt 
hat, dafs sie jedem Organ einen Ueberschufs von Kraft 
verlieh, um nicht so leicht durch eintretende, selbst 
grofse Mifsverhältnisse der Vitalteät anderer mit ihm 
nahe verbundener Organe auf eine bleibende Weise 
geschwächt zu werden. Nehmen wir aber den umge- 
kehrten Fall, vorwaltender Energie des Herzens über 
die Lungen, so begreift man, wie diese dadurch ge- 
schwächt und die Anlage ,aum Bluthusten dadurch ge- 
bildet werden könne. 

Das Aortenherz steht mit einer weit gröfsern 
Menge von Organen in Verbindung, zwar in einer 
entferntem dem Räume nach, aber darum nicht in 
einer weniger sich sinnlich offenbarenden. Die Phy- 
siologie lehrt uns, dafs stärkere Erregungen aller ent- 
fernten Organe die Thätigkeit des Herzens verändern, 
z. B. die Entzündungen der Eingeweide. Wenn auch 



— 101 

der Emflufs derselben auf das Herz kaum so stark 
seyn mochte, dafs dadurch unmittelbar und allein 
wahre Krankheit, des Herzens begründet werden könn- 
te, es müfsle denn schon in dem Herzen eine Anlage 
zu Krankheit Statt finden, so ist es doch auf der an- 
dern Seite sehr merkwürdig, dafs Herzentzündun- 
gen, so schleichend sie auch einhergehen, gemeinig- 
lich Schmerzen in entfernten Theilen zu Be- 
gleitern haben. Sehr wahr hat dieses unter andern 
Burns *) durch Beispiele erwiesen* Vielleicht liegt 
der Grund dieser Mitleidenheit zwischen dem Herzen 
und entfernten Organen nicht sowohl in dem Baue 
der letztern, als vielmehr darin, dafs das Arterien- 
system in denselben sich endet, oder in dem polari- 
schen Verhältnifs der Capillargefäfse zu dem Herzen; 
es wird dies letztere vielmehr dadurch wahrschein- 
lich., dafs besonders auch die äufsere Haut des Kör* 
pers, in welcher das Aortensystem in der Form von Ca- 
pillargefäfsen erlischt, mit dem Herzen in einer so 
gar nahen Beziehung steht. Denn diese äufsert sich 
bei jedem Fieberfrost, bei jedem Hautkrampf von 
Schreck, Angst und noch mehr bei den eigenthümli- 
chen Krankheiten der Haut, z. B. den fieberhaften 
Hautausschlägen. Nicht nur ist damit Fieber wesent- 
lich verbunden, sondern, was sehr zu bemerken ist, 
einige derselben, als Scharlach und Masern sind 
in der Regel mit einem so sehr beschleunigten Puls 
verbunden, dafs ich bei einigem Verdacht, eine von 
diesen Krankheiten könne im Anzüge seyn, aus der 
in Verhältnifs der übrigen Zufälle ungewöhnlich gro- 
ssen Beschleunigung des Pulses mit desto gröfserer 



*) am angef. Orte im Capitel über die schleichende Herzent- 
zündung. 



— 102 

Wahrscheinlichkeit den Ausb uch eines solchen Aus- 
schlags erwarte. Ich will dies vor der Hand nur an- 
deuten, indem ich bei der Betrachtung der Mifsver- 
hältnisse der Vitalität der Häute des Herzens eine 
passendere Gelegenheit haben werde, das Verhält* 
nifs dieser Krankheiten zu denen des Herzens näher 
zu beleuchten. 

Die Vitalität der Mnskelsubstanz des Herzens 
kann auch ferner auf noch eine besondre Weise eine 
Veränderung erleiden, diese liegt nämlich in Momen- 
ten, welche für die Thätigkeit desselben als hemmend' 
anzuseilen sind. Dahin gehört jfde Art von Zusam- 
mendrückung der grofsen Gefäfsstämme, besonders 
der Arterien und des Herzens selbst; also Krankhei- 
ten anderer Theile, welche durch Druck den Kreis- 
lauf einschränken. Z. H; Geschwülste aller Art, be- 
sonders von lymphatischen Drüsen am Halse , welche 
tief liegen und die Carotis drücken, oder Speckge- 
schwülste in der Brüst, selbst die Brustwassersucht, 
Verkrümmungen des Rückgrates und der Ribben, 
grofse Verhärtungen in den Lungen und ausgebreitete 
Verwachsungen derselben mit dem Brustfell; mancher- 
lei Arten von Geschwülsten im .Unterleibe., als am 
Anlange des Gekröses in den Milchdrüsen oder auch 
Speckgeschwülste, ferner Verhärtungen und Ausartun- 
gen des Pancreas, der Milz und der Leber, sogar 
des Magenpförtners, sobald sie die Aorta zusammen- 
drücken. 

Alle diese Uelael hemmen durch Druck die Thä- 
tigkeit des Herzens, bringen Störung in den Kreislauf 
und ahmen so Herzkrankheiten nach, wozu sie aber 
nicht gehören. Sie tbun dieses nach dem früher schon 
ausgesprochenen Gesetz, dafs mechanische Uebel 
sich nur kund thun, durch Störung der Ver- 
richtung desjenigen Organs oder Systems, 



— 103 *-^ 

welches mit dem eigentlich leidenden am 
nächsten verbunden ist; und wir können uns 
dadurch noch mehr überzeugen, dafs sinnliche Störun- 
gen der Circulation die unsichersten Zeichen für die 
eigentlichen Herzkrankheiten sind. Zunächst also bil- 
den alle diese Uebel Afterkrankheiten des Herzens und 
hemmen die Thätigkeit desselben. Es ist aber begreif- 
lich, dafs sie nach und nach, in so fern sie eine an- 
gestrengte Thätigkeit des Herzens hervorrufen, die auf 
Uebervvindung der Schwierigkeiten gerichtet ist, wirk- 
liche Schwächung des Herzens und in Verbindung mit 
andern beiwirkenden Umständen, wahre Krankheit des 
Herzens herbeiführen können. Sie sind daher nicht nur 
in Hinsicht der Diagnose der Herzkrankheiten sehr 
wichtig, sondern auch in Hinsicht der Pathogenie. 
Auf ähnliche Weise dürfte denn auch der Einflufs chro- 
nischer Krankheiten entfernterer Organe und der 
Stockungen in dem Pfortadersystem, wenn diese 
nicht von erhöhter Stimmung des Lebens dieses Sy- 
stems, sondern von örtlichem Druck abhängen und als 
Krankheit von Erschlaffung angesehen werden müssen, 
zu erklären seyn, wiewohl derselbe an sich viel schwä- 
cher seyn dürfte, als der Emiluis der unmittelbar auf 
grofse Stamme des Gefäfssystems oder selbstauf das Herz 
drückender Geschwülste. Endlich mufs die Vitali- 
tät der Muskelsubstanz des Herzens auch 
durch krankhafte Zustände der übrigen 
Theilorgane des Herzens, als seiner Häute, 
seiner Nerven und seiner ei genth ümlichen 
Blutgefäfse verschiedentlich abgeändert werden kön- 
nen; von diesem Verhältnisse der schon wirklich in- 
normalen Zustände der verschiedenen organischen Be- 
standteile des Herzens auf einander können wir aber 
erst nach der Betrachtung der innormalen Zustände 
eines jeden einzelnen an sich sprechen. 



— io4 — 

b) In den äufsern und innern Häuten des 
H erz ens. 
Das Leben dieser Häute Vommt mit dem der Zel- 
lulosen überein, und es scheint, die Membranen des 
Herzens geboren zu den serösen Membranen, wie wir 
oben schon erörtert haben. So einfach das Leben 
derselben auch an sich ist, so wird dasselbe doch in 
pathol gischer Hinsicht dadurch höchst wichtig, dafs 
diese Meinbranen T heile der im ganzen Kör- 
per verbreiteten und verbundenen Me m b r a- 
nenvon gleichem Bau und gleicher Natur 
sind; ich meine der absondernden. ( Wir haben bereits 
gesehen, dafs die äufsere Membran des Herzens, welche 
von dem innern Blatte des Herzbeutels herstammt, eine 
rein seröse und ausdünstende Membran ist, und von 
der innern Haut des Herzens und der Gefäfse haben 
wir dasselbe behauptet, weil dieselbe ganz denselben 
Metamorphosen unterworfen ist, als die äufsere, und 
weil die Höhlen des Herzens, so wie der Gefäfse ei- 
ner ausdünstenden Fläche zu bedürfen scheinen. Wenn 
uns nun die Erfahrung überdies noch lehrt, dafs die 
innere Membran des Herzens und der Gefäfse, ganz 
unter denselben Verhältnissen nicht nur, sondern auch 
auf ganz gleiche Art unter denselben bestimmten Ver- 
hähnifsen erkrankt, wie die äufsere, so muls die über- 
einstimmende Natur beider, durch die Pathologie auf 
eine überzeugende Weise documentirt werden. Dafs 
aber beide Membranen nach denselben Gesetzen er- 
kranken, beweiset sich dadurch, dafs sie denselben 
Formen von Krankheiten und zwar aus glei- 
chen veranlassenden Momenten unterworfen 
sind. Die Erfahrung hat nämlich durch eine grofse 
Zahl aufgezeichneter Falle i) bewiesen, dafs Unter- 
drückung gewisser Krankheiten der Hautgebilde Krank- 
heiten des Herzens, oder bestimmter zu reden, ähnliche 



— io5 — 

Affectionen der Häute des Herzens zur Folge gehabt 
hat; sie hat dies an der Krätze, an den Flechten und 
an der Lustseuche, ja selbst an den Mercurial-Geschwü- 
ren bewiesen. Nämlich auf Unterdrückung, d. h. er- 
zwungene Heilung der Haut und Befreiung derselben 
von diesen specifiken und mit Zerstörung der Gebilde 
verbundenen Secrerionen, traten in einiger Zeit Herz- 
klopfen und Brustbeschwerden ein, welche den Tod 
nach sich zogen, und man fand in den Leichnamen 
eine Schwärung auf der äufsern oder innern Fläche 
des Herzens in einem gröfsern oder kleinern Umfange, 
also angehende Desorganisation dieser membranösen 
Gebilde. Man» mufs daher urth eilen, dafs die Haut- 
krankheit, deren veranlassendes Moment nicht gedämpft 
war, vermöge des Zusammenhanges i.nd der gleichen 
Natur beider Arten von Häuten auf die letztern fort- 
geleitet wurde. Wenn nun aber auf Unterdrückung 
habitueller Ausleerungen und sogenannte Hautschär- 
fen oft auch Aneurismen der Aorta gefolgt sind, so 
begreift man deren Entstehung aus der genannten Ur- 
sache sehr leicht, wenn man die so höchst wichtigen 
Entdeckungen Scarpa's über die eigentliche Natur 
dieser Uebel damit vergleicht, nach welchem das Aneu- 
risrna eine Corrosion der innersten Haut der Arterien 
voraussetzt, vermittelst w elcher nun Blut aus der Höhle 
des Gefäfses die Zwischenräume der Fasernhaut durch- 
dringt und die äufsere Haut in einen Sack ausdehnt. 
2) Hat die Erfahrung bestätigt, dafs solche Krankhei- 
ten, welche sich durch Abscheidung eines Stoffs ver- 
mittelst der Capillargefäfse auf der äufsern Haut ent- 
scheiden, z. B. die Masern, der Scharlachstoff, auch 
denselben Prozefs in den Häuten des Herzens und der 
grofsen Gefäfse machen können. Ich hatte dieses lange 
geahndet, weil ich mir sonst nicht erklären konnte, 
warum bei diesen beiden Krankheiten und am aller- 



IOß - — 

meisten bei der Scharlachkrankheit, Herz und Puls- 
schlag von Anfange ihrer Ausbildung an bis zur Crisis 
in einem so hohen Grade gereitzt und beschleunigt 
sind, dafs diese Beschleunigung mit der zugleich vor- 
handenen Halsentzündung und dem übrigen Benehmen 
des Kranken in keinem Verhältnisse zu stehen scheint, 
bis ich mich durch Sectionen überzeugte, dafs in sol- 
chen Fällen in den innern Häuten des Herzens und 
der grofsen Gefäfse eine bedeutende Entzündung Statt 
finden könnte. Und in der That wird sie bei 
diesen Krankheiten eben so gewifs in diesen innern 
H;mten sich ausbilden können, als wir auch die 
Luftröhrenbränne in Gefolge dieser Krankheiten manch- 
mal wahrnehmen; auch herrscht eine auffallende Mit- 
leidenheit zwischen dem Halse und dem Herzen oder 
dessen Häuten, die wir bei Herzkrankheiten aus der 
oft dabei veränderten Stimme noch me'hr aus der Rau- 
heit derselben hei Aneurismen, endlich und ganz vor- 
züglich aus der wirklichen Bräune oder Entzündung 
des Halses abnehmen müssen, welche sehr häufig die 
schleichenden Entzündungen der Herzmembranen be- 
gleitet. Ich will damit nicht sagen, als ob mit diesen 
Krankheiten immer und wesentlich Entzündung der 
Gefäfshäute verbunden sey, allein ich mufs glauben, 
dafs bei einem intensiv hohen Grade derselben dies 
mehr oder weniger der Fall sey, und ich glaube der 
Kenntnifs dieses Zustandes die Rettung manches Kran- 
ken in schweren Fällen zu verdanken; aber gewifs 
tritt Entzündung dieser Häute sehr leicht ein, sobald 
der Ausschlag durch irgend eine Veranlassung von 
dem Hautgebilde sich entfernt hat, z. B. durch schleu- 
nigen Wechsel der Wärme mit Kälte. Fälle dieser 
Art sind von mehrern aufgezeichnet worden. So sah 
Portal bei einem jungen Menschen nach dem Zurück- 
treten der Masern, Erstickungszufälle mit Herzklopfen 



— 107 — 

entstehen, unter denen derselbe in wenigen Tagen 
starb ; er fand bei der Section die Häute der Aorta 
aufgeschwollen und sehr roth in ihrem ganzen Ver- 
laufe; sogar waren die eignen Gefäfse derselben vari- 
cös *). Bums**) hat ebenfalls einige solche Fälle 
beschrieben. Bei diesen Krankheiten, so wie bei anr 
dern und namentlich der Gicht, von der ich weite* 
unten sprechen werde, dürfte die Mittheilung der Krank- 
heit an die Gefäfshäute durch die Capillargefäfse ver» 
mittelt werden, so wie in der ersten Nummer durch 
die gleichartigen Häute selbst. 

Das Leben der äufsern und innern Häute de» 
Herzens und der Gefäfse ist also der Entzündung und 
deren Folgen.,, nämlich Aftetbildungen und Desor- 
ganisationen unterworfen; da wir auf die Entstehung 
dieser Zustände wieder zurückkommen müssen, so will 
ich auch hier die Momente, wovon sie anhangen, nicht 
weiter verfolgen. 

c) In den eigentümlich en Gefäfsendes 
Herzens. 
Die Kranzarterien des Herzens sind in Hinsicht 
ihrer Vitalität mit allen Arterien des Körpers 'überein- 
stimmend und folglich auch grofsen Veränderungen 
und der Einwirkung derselben schädlichen Potenzen 
unterworfen; sie werden bei allen Zuständen, wo die 
Thätigkeit des Herzens gehemmt ist und dadurch zu 
vermehrter Anstrengung aufgefodert wird, ebenfalls 
mitleiden müssen und die Stimmungen der Häute, be- 
sonders der innern des Herzens, die auch sie von in- 
nen auskleidet, müssen sich ihnen ebenfalls mittheilen. 



*) Ceurs de anatomie medic, T. III p. 92. 

•*) am angef. Orte Wrisberg fand einmal Blattern auf dem 
Herzbeutel, (commentat. med. physiolog, anatotn. et obstetrt 
argumenti. Vol. I. N. IV.) und Stoll Petechien, (Heilungs- 
methode ar Theil 2r Band. Seite 197. 



— ie>8 — 

Sie sind daher ebenfalls zu Entzündungen geneigt und 
den Folgen derselben Ansschwitzung und Metamorpho- 
sen ausgesetzt, überdies den Erweiterungen, da die Cir- 
culation des Bluts durch dieselben so leicht und so 
häufig bei fast allen innormalen Zuständen des Her. 
zens und seiner Thätigkeit erschwert werden mufs. 

d) In den Nerven des Herzens. 
Man kann in mancher Hinsicht behaupten, die 
Nerven gehören dem Herzen wesentlicher an, oder 
sind zu seinem Leben ihm wesentlicher nothwendig, 
als den willkürlichen Muskeln, weil sie nämlich dem 
erstem zu etwas anderm dienen müssen, als zum Lei- 
ten der Reitze. Wir kennen indefs die Verrichtungen 
der Nerven so wenig, als die innern Veränderungen, 
die in ihnen Statt finden können, und so sind wir auch 
unfähig über ihren EinHufs auf die Krankheiten des 
Herzens ganz genau und gründlich zu urtheilen. Wir 
sehen allerdings, dafs durch die Nerven überhaupt die 
allergröfsesten Störungen in der Circulation vermittelt 
werden, indem wegen der allgemeinen Verbindung 
aller Nerven unter einander, und mit dem Hirn, theils 
die eignen kranken Stimmungen des Hirns und ein- 
zelner Theile des Nervensystems sich den Herznerven 
raittheilen, theils auch kranke Erregungen der verschie- 
densten Eingeweide vermittelst des Nervensystems auf 
«las Herz reflectirt werden; aber, wie wir oben sahen, 
so können wir schon nicht befriedigend erklären, warum 
alle innormale Erregungen, die im Körper Statt finden, - 
vorzugsweise auf das Herz zurückwirken und seine 
Thätigkeit mehr als die irgend eines andern Theils hv 
regulär machen. Die Erfahrung belehrt uns ferner 
wohl darüber mit Gewifsheit, dafs Krankheiten des 
Herzens äufserst häufig durch innormale Zustände des 
Nervensystems vermittelt werden. Denn wir sehen, - 



— iog — 

dafs diese Krankheiten sehr häufig als Folgen heftiger 
Gemüthsbewegungen und Leidenschaften entstehen, de- 
ren Einflufs auf den Körper nicht anders, als durch 
die Nerven erklärt werden kann. Aber die Art und 
Weise, wie Herzkrankheiten daraus entspringen, ist 
dadurch noch nicht gegeben. Wir wollen überdies auch 
als ganz ausgemacht annehmen, dafs die Nerven in 
Verbindung mit den Blutgefäfsen dem Lebensprozesse 
vorstehen, und zwar dadurch, dafs sie Träger von 
Stoffen sind, durch deren Zufuhrung das Leben der 
verschiedenen Theile des Körpers unterhalten wird; 
so lange wir indefs diesen ihren Antheil an. dem Le- 
ben überhaupt nicht näher kennen, so werden wir 
auch den Antheil, den ihre innormalen Zustände an 
der Bildung der Herzkrankheiten haben, nicht gründ- 
lich auseinander setzen können. Es bleibt uns daher 
nichts übrig, als aus den Erfahrungskenntnissen , die 
wir von ihrem Einflufs auf die Verrichtungen des Kör- 
pers überhaupt und auf das Muskelsystem insbesondere 
besitzen, Schlüsse zu ziehen, um die Art und Weise 
wie sie auf die Entstehung der Krankheiten des Her- 
zens einwirken, und welcher Antheil ihnen an der 
Bildung derselben zugeschrieben werden kann, einiger- 
mafsen und mit Wahrscheinlichkeit zu erläutern. 

In diesem Artikel liegt uns eigentlich und zunächst 
nur ob, zu zeigen, dafs und wie die Vitalität der Herz- 
nerven selbst und unmittelbar so abgeändert werden 
könne, dafs daraus ein Hauptmoment zu Herzkrank- 
heit erwächst? Es greifen indefs noch zwei wichtige 
Untersuchungen, die Nerven betreffend, in die Patho- 
logie des Herzens ein ; nämlich einmal die kurz zuvor 
berührte Frage, auf welche Weise innormale Zustände 
des Nervensystems überhaupt zu Krankheiten des Her- 
zens den Keim legen kömien; dann eine andere von 
dieser wesentlich verschiedene, unter welchen Verhält- 



HO 



nissen das Nervensystem den Uebergang irgend einer 
Abnormität des Herzens in Allgem^inleiden begünstige, 
oder was das Nervensystem dazu beitrage, dafs örtli- 
che Fehler des Herzens in sinnlich wahrnehmbare 
Krankheit und Störungen der Verrichtungen des Kör- 
pers übergehen. Diese letzte Frage werden wir in 
einem der folgenden Capitel abhandeln, wo die Ge- 
setze nach denen der Uebergang örtlicher Fehler in 
Allgemeinleiden erfolgt, besonders erörtert werden sol- 
len. Da aber das Nervensystem in allen seinen Thei- 
len zusammenhängt und folglich allgemeine Zerrüttun- 
gen desselben die Vitalität der Herznerven nothwen- 
dig nicht nur im allgemeinen in Anspruch neh- 
men, sondern auch dieselbe dem allgemeinen Zustande 
gleich setzen werden, so wollen wir die beiden erstem 
Fragen im Zusammenhange betrachten, eben so wie 
wir in Hinsicht des Lebens der Muskelsubstanz des 
Herzens den Einflufs, welchen Mifs Verhältnisse der ver- 
bundenen Gefäfssysteme auf die Abänderung der Vita- 
lität des Herzens als Mnskel betrachtet ausüben könn- 
ten, zugleich mit erörtert haben und wir wollen mit 
der letztern den Anfang machen. 

Gewifs und nicht zu bezweifeln ist es also, dafs 
Störungen des Nervensystems sich dem Herzen mit- 
theilen, die Thätigkeit desselben in den Kreis der ge- 
störten Verrichtungen ziehen, aber auch selbst wirk- 
lich Abnormitäten in dein Herzen selbst begründen 
können. Das erstere sehen wir alle Tage, nämlich ir- 
reguläre Action des Herzens als sympathische Wir- 
kung, durch ivlittheilung kranker Erregungen der Ner- 
ven andrer Theile oder des Hirns vermittelt, als Folge 
Von Gemüthsbewegungen und Leidenschaften, von Hirn- 
krankheiten, von Entzündungen der Eingeweide, der 
flechsigen und membranösen Theile, ja von einfachen 
örtlichen Reitzungen der Nerven, z. B. von Würmern 



— III — 

im Darmkanal, oder geronnenem Blut in der Gebär- 
mutter. Aber eben so gewifs ist es, dafs wenn der- 
gleichen Störungen der Herzthätigkeit entweder sehr 
heftig sind., oder lange dauern, oder sich oft wieder- 
holen, endlich daraus ein innormaler Zustand des Her- 
zens selbst erwachsen kann. Die Geschichte der Wir- 
kungen der Leidenschaften beweist dies hinlänglich; 
der Act einer heftigen Gemüthsbewegung, z. B. des 
Zorns, hat schon oft den schleunigsten Tod, z. B. durch 
Berstung des Herzens, herbeigeführt, und langwieriger 
Kummer hat in unzähligen Fällen den Keim zu Erwei- 
terungen und Aneurismen des Herzens und der Arte- 
rienstämnie gelegt. Jn diesen Fällen ist nun wohl die 
Herzkrankheit anzusehen als indirecte Folge der Ge- 
müthsbewegungen und der Störungen des Nervensy- 
stems, und als vermittelt durch die Intensität und Dauer 
der erzwungenen innormalen convulsivischen Action 
des Herzens selbst; es mufs nämlich dadurch die Vita- 
lität der Muskelsubstanz selbst abgeändert werden und 
ohnstreitig auch mit der erschwerten Thätigkeit der 
Kranzgefäfse das Leben dieser letztern nach und nach 
eine Veränderung erleiden. So können denn ohn- 
streitig auch alle convulsivische Zustände, sie mögen 
in örtlichen Reitzungen des Hirns, oder einzelner Ner- 
venzweige, oder in einer allgemeinen kranken Stim- 
mung des Nervensystems ihren Grund haben, wenn 
das Herz in ihren Kreis gezogen wird, auf gleiche 
Weise, nämlich indireet, die Entstehung einer Herz- 
krankheit begünstigen. 

Allein auch auf eine directe Weise können aus 
kranken Stimmungen des Nervensystems Abnormitäten 
des Herzens und Keime zu Krankheiten desselben her- 
vorgehen; und zwar 1) durch allgemeine Schwäche 2) 
durch erhöhte sensible Stimmung desselben; 3) durch 
gleichzeitige erhöhte Stimmung der Kranzarterien, mit 



112 



denen sie zu gleicher Verrichtung, als Zweck; beglei- 
tenden Nerven. Dies läfst sich durch eine vollständige 
Analogie in andern Theilen nachweisen, und folglich 
als Grundsatz aufstellen. 

Was den ersten Punkt anlangt, so sehen wir, dafs 
auf Schwächung einzelner Nerven, z. B. in einem ge- 
lähmten Gliede, immer unvollkommene Ernährung ein. 
tritt, und so läfst sich denken, dafs bei allgemeiner 
Schwächung der Nerven unter begünstigenden Um- 
ständen, auch die Ernährung des Herzens leicht leiden 
könne; wirklich lehrt auch die Erfahrung, dafs die 
Folgen der Onanie und langwierigen Kummers Abma- 
gerung des Herzens begünstigt. Was den zweiten 
Punkt betrifft, so ist nichts gewöhnlicher, als dafs bei 
allgemein erhöhter Nervenreitzbarkeit, vorzüglich wenn 
langwierige Leidenschaften dieselbe vermittett hatten, 
Herzklopfen, aussetzender Puls, Zittern des Herzens 
sich als die vorwaltendsten Symptome einstellen und 
so "Verdacht einer organischen Herzkrankheit erwecken. 
Wenn dies auch meistentheils nicht der Fall ist, so be- 
weist es doch, dafs die Stimmung des Müskellebens 
an dieser kranken Stimmung des Nervensystems Theil 
nimmt. Verstärkte Erregung der Nerven scheint in 
Verbindung mit gleichzeitig erhöhter arterieller Stim- 
mung Entzündung des Herzens hervorrufen zu können 
und auf diese Weise die Entstehung dieser Krankheits- 
form zu erklären zu seyn, wenn sie zuweilen eben so 
als Folge heftiger Gemüthserschütterungen beobachtet 
worden ist, als sonst Entzündungen der Leber oder 
des Hirns daraus hervorgehen. 

Allein die wichtigste Frage für uns ist hier, kön- 
nen die Herznerven vorzugsweise vor dem 
ganzen Nervensystem eine Veränderung 
ihrer Vitalität erfahren, so dafs in ihrer verän- 
derten Stimmung das Hauptmoment einer Herzens- 
krank- 



— 11$ — 

krankheit angenommen werden mufs? So schwierig 
es ist,' diese Frage bei dem feinen Bau der Nerven, 
welcher keine sinnlich wahrnehmbaren Veränderungen 
darbietet, gründlich zu beantworten, so wichtig ist 
gleichwohl die Entscheidung derselben für die richtige 
Beurtheilung mancher concreter Fälle von Herzkrank- 
heiten. Man findet z. B. bei den Schriftstellern eine 
Menge von Krankheitsfällen beschrieben, die in einem 
Leiden des Herzens bestanden und den Tod nach sich 
zogen, wo man gleichwohl nach dem Tode keinen or- 
ganischen Fehler und keine sinnlich wahrnehmbare" 
Veränderung in dem Herzen fand, als etwa Polypen, 
über deren pathologischen Werth, als Krankheitsmo- 
ment aber durchaus noch nichts entschieden ist. 
Pasta*), der Hauptgegner der Meinung, dafs Poly- 
pen im Leben sich bilden und Hauptmoment einer 
Krankheit des Herzens werden können, führt einen 
solchen Fall aus Malpighi an, nach welchem durch 
Schreck eine mit ganz deutlichen Zeichen eines Herz- 
leidens verbundene Krankheit entstanden war , nach 
deren tödlichen Ausgange ein grofser Polyp im Her- 
zen gefunden ward; Pasta ist denn der Meinung, die 
Zufälle dieses Kranken, als ein ungleicher, am linken 
Arm kaum fühlbarer Puls, periodische Erstickungszu- 
fälle, verbunden mit Auswurf von rothem Blut, zuwei- 
len von häufigen weifsen Stückchen, wie Polypen, seyen 
ganz allein aus einem Leiden der Herznerven zu er- 
klären ; denn die Wirkungen des Schrecks können zwar 
oft vorübergehend seyn, allein oft sey der Eindruck, 
den die Nerven .dadurch erlitten, unvertilgbar, und 
eben so, wie von Schreck Epilepsie entstehe, die 
manchmal bald" nachlasse, andremale, aber nur alle Mo- 



•) Am «ng«f. Orr§. u. Seite" 41. 

*• f'8 1 



— n4 — 

nate oder Jahre wiederkehre, so könne derselbe bei 
Anlage zu Schwäche in den Herznerven einen bleiben- 
den Eindruck in den Herznerven zurücklassen, wodurch 
die Symptome einer Krankheit des Herzens unterhal- 
ten würden; so erzählt er auch den ball einer Krank- 
heit eines sechzehnjährigen Mädchens, welche hyste- 
risch war und unter allen gewöhnlich angenommenen 
Zufällen eines Herzpolypen, vorzüglich den heftigsten, 
von weitem hörbaren, Palpitationen starb, wo gleich- 
wohl der letztere so wenig als eine andre sinnlich 
wahrnehmbare Ursache der Krankheit in dem Herzen 
bei der Section entdeckt werden konnte *). Kr fol- 
gert dann daraus, die Ursachen der Krankheiten seyen 
zuweilen so dunkel, dafs wir sie weder durch das ana- 
tomische Messer, noch vermittelst unsrer Augen er- 
gründen könnten. Wenn wir das letztere allerdings 
auch zugeben müssen, so möchte ich indefs doch sehr 
bezweifeln, dafs Pasta in diesen beiden Fällen richtig 
geurtheilt habe; denn man wird kaum je wahrgenom- 
men haben, dafs ein junges Frauenzimmer an einfachen 
hysterischen Krämpfen gestorben sey, es mochte daher 
im zweiten Falle wohl eine besondere Ursache im 
Herzen, die nicht erkannt ward, Statt gefunden ha- 
ben. Noch viel gezwungener ist der erste Fall erklärt; 
denn alle dort angegebene Zufälle sind gerade die al- 
lerwesentlichsten Begleiter der Kerzkrankheiten, wenn 
auch nicht vorzugsweise der Polypen, wie wir in der 
Folge sehen werden, und ich kann, nach der Kennt- 
nifs, welche ich über die Herzkrankheiten aus vielfäl- 
tiger und genauer Beobachtung geschöpft habe, durch> 
aus nicht glauben, dafs besonders Kleinheit des Pul- 
le« an einem Arme und der Husten von geronnene» 

*) Am naget Ort §, S. S»üe 34. 



— n5 — 

Weißen polypösen Stücken in Verbindung mit den tibn 
gen dabei genannten Symptomen blos von der kran- 
ken Stimmung der Herznerven abgehangen habe, noch 
weniger, dafs dies bei einem sonst starken Manne der 
Fall gewesen seyn könne, und endlich, dafs ein solcher 
diesem örtlichen Nervenfehler sogar unterlegen habe. 
Es ist dies um so unglaublicher, da man sieht, dafs 
sonst zarte Personen, welche an grofsen Herzubeln 
leiden, die heftigsten davon herrührenden Paroxysmen 
von Suffocation glücklich überstehen, ob sie sich gleich 
fast täglich erneuern und nur zu lange dabei des jam- 
mervollste Leben aushalten. Man darf wohl annehmen, 
dafs das Bestreben, die Existenz des Herzpolypen als 
Krankheitsursache zu widerlegen, diesen scharfsinnigen 
Mann zu dieser unstatthaften Erklärung verführt habe. 
Demohngeachtet bin auch ich im Ganzen der Meinung, 
dafs die Herznerverr zuweilen, unter besondern Ver- 
hältnissen, nämlich wenn sie von Geburt an schon re- 
lativ schwach waren und specifike Eindrücke sie vor- 
zugsweise angreifen, auch vorzugsweise vor den übri- 
gen Nerven einen vorwaltenden Grad von kranker 
Stimmung erfahren können, der alsdann als ein Haupt- 
moment der Krankheit des Herzens angesehen werden 
mufs; und es ist mir umgekehrt auch s N ehr wahrschein- 
lich, dafs organische Herziibel dadurch erst in Allge- 
meinleiden übergehen, dafs die Nerven des Herzens 
durch sie nach und nach in ihrer normalen Stimmung 
Verändert werden, wovon weiter unten die Rede seyn 
wird. 

Als solche specifike Reitze für die Nerven 
des Herzens sehe ich denn ganz vorzüglich die Gt» 
müthsbewegungen und Leidenschaften an, 
und es scheint mir hier der schicklichste Ort zu seyn, 
von dem Einflüsse dieser so höchst wichtigen Potenzen 



— n6 — 

auf die Krankheiten des Herzens noch insbesondere 
einige Bemerkungen mitzutheiien. 

Höchst merkwürdig in jeder Hinsicht ist die Art 
und Weise, wie sich die Verbindung des Hirns mit 
dem Herzen durch jene Gemüthsstimmungen in der 
Empfindung oder dem Gemeingefühl ausspricht. Wir 
sagen, das Herz thue uns wehe, es drücke ein Kum- 
mer uns das Herz ab ; — das Herz springe für Freude, 
— es sey gebrochen; wir brauchen die Ausdrücke 
wohlwollend, liebevoll und herzlich als identisch,, und 
nennen den herzlos, der uns des Wohlwollens, unfähig 
zu seyn scheint. Kurz, wir ertheilen nach dem Sprach- 
gebrauche dem Herzen das Vermögen zu empfinden, 
wir machen es gleichsam zu einem zweiten Organ der 
Seele, welches dem Gefühl vorzugsweise vorstehe, so 
wie dem Hirn das Reich der sinnlichen und abstracten 
Vorstellungen übergeben ist, und die bildliche Vor- 
stellung, das Hirn theile seine Gewalt und 'Herrschaft 
über den Organismus mit dem Herzen, bekommt da- 
durch einen Sinn. Und in der That, wer je von einer 
starken und anhaltenden Leidenschaft, z. B. Kummer, 
ergriffen gewesen ist, der weifs am besten, mit wel- 
chen unbeschreiblich peinigenden Empfindungen sick 
ein solcher Zustand in dem Herzen ausspricht. 

Wir sahen oben, dafs die Erklärung dieser Er- 
scheinungen schwer sey; dafs zwar' ein Band zwischen 
dem Herzen un4 Hirn vorhanden sey, nämlich die 
Herznerven, nur mit der besondern Einschränkung, 
dafs die letztern gleichsam um einen Grad weiter von 
dem Hirn geschieden seyen, als die Cerebral- und 
Rückenmarksnerven, und dafs das Herz im Verhält« 
nifs seiner Masse und im Vergleich mit den willkür- 
lichen Muskeln eine geringe Masse von Nervensub- 
stanz besitze. 

Da nun gleichwohl Hirneindrücke, besonders mo- 



' — H7 -- 

ralische, eine so gar ausgezeichnete und nahe Bezie- 
hung auf das Her« haben, was ist da wohl aus der 
Vergleichung jener Erscheinungen und jener besondern 
Einrichtung der Herznerven zu schliefsen ? Ich glaube 
i) dafs das Herz nur in einer Beziehung, nämlich in 
Hinsicht der Einwirkung des Willens von dem Hirn 
geschieden ist, von welcher Erscheinung wir den Grund 
nicht kennen, sondern nur den Mechanismus, hinter 
welchem der wahre Grund verborgen liegen mag, 
nämlich die ganz besondre vielfach fortgesetzte Ver- 
flechtung der Nervenfasern von vielen Stämmen in den 
Geflechten und Knoten des sogenannten Gangliensy- 
stems der Nerven; 2) dafs die eigne Oeconomie des 
Herzens mit einem verhälmifsmäfsig grofsen Antheil an 
Nervensubstanz nicht würde bestehen können; denn da 
bei den wenigen Nerven, welche, das Herz besitzt, und 
vermöge deren dasselbe auch unfähig gemacht wird, 
Afrectionen seiner Substanz, z. B. Verwundungen oder 
Entzündungen, dem Hirn unter der Form grofser 
Schmerzen mitzutheilen, gleichwohl durch Gemüthsbe- 
wegungen am häufigsten und am schwersten erkrankt, 
und da die Wirkung derselben auf das Gemüth sich 
gleichwohl unter der Form der peinigendsten Gefühle 
abspiegelt, welche wir in dem Herzen selbst zu leiden 
glauben; so ist anzunehmen, dafs ein gröfserer Antheil 
von Nerven das Leben der Menschen einer höchst un- 
sichern Existenz ausgesetzt haben würde, vermöge de- 
ren das Leben derselben immer weit vor dem möglich 
längsten Ziele, dessen ihr Organismus sonst fähig ist, 
durch die Schuld des Herzens hätte zerstört werden 
müssen, was selbst bei der Einrichtung seiner Nerven, 
wie sie wirklich ist und nothwendig war, so gar häu- 
fig der Fall ist. 

Um uns nun bei unsern mangelhaften Kenntnissen 
über die Natur des Nervenwesens einigermafsen rieh- 



I iß T* 

i 

tige und für die Anwendung brauchbare Vorstellungen 
über die Art und Weise zu erwerben, wie die Ge- 
müthsbewegungen und Leidenschaften auf die Nerven 
des Herzens wirken, wollen wir die nächsten sinnlichen 
Wirkungen, welche wir von diesen Gemütszuständen 
in dem Körper hervorgehen sehen, und die secundä- 
r n, d h. die Krankheiten des Herzens, welche der 
Erfahrung zu Folge als Resultate jener Zustande ange- 
sehen werden können, etwas näher betrachten und aus 
der Vergleichung beider Arten von Wirkungen Schlüsse 
auf die Art der Veränderung, welche die N< rven von 
jenen Gemüthsbewegungen erfahren, zu ziehen suchen. 
Wir unterscheiden Gemüthsbewegungen, als vor- 
übergehende Zustände, als Aufwallungen des Gemüthi 
von Leidenschaft, als einer schon zur Fertigkeit ge- 
wordenen Stimmung des Gemülhs zu dergleichen Auf- 
wallungen oder einem dauernden Zustande von Ge- 
neigtheit, in solche Aufwallungen überzugehen; beides 
kann zusammen Statt finden, aber das erstere auch 
für «ich bestehen; das letztere wird für den Organis- 
mus gefährlicher seyn, wiewohl auch das erstere in 
einem einzigen Act tödten oder wenigstens die Ge- 
sundheit schwer verletzen kann. 

Man unterscheidet meist angenehme und unange- 
nehme Gemüthsbewegungen, und es ist wahr, die Wir- 
kung der erstem ist auch in der Regel für den Kör- 
per heilsam, so wie der letztern schädlich; indefs 
kann die Freude durch Uebermaafs auch tödten, wie 
der Schreck, und umgekehrt kann dieser manchmal 
heilbringend seyn, und ist es zufällig geworden, z. B. 
in dem Falle, den Boerhave beschreibt, wo er den 
jungen Mädchen in einem Kloster, wovon mehrere 
dur.h den Anblick einer ihrer Mitschülerinnen, die 
am Veitstanz litten, von derselbe« Krankheit ergriffen 
worden waren, drohte, sie mit glühenden Ei sen zu 



— H9 .— 

brennen, sobald wieder eine von der Krankheit er- 
griffen werden würde, und wo die Furcht für diese 
Operation, die durch Herbeischaffung des Brennappa- 
rats erhöht wurde, der fernem Mittheilung der Krank- 
heit Schranken setzte. 

Passender im allgemeinen dürfte die Eintheilung 
in erregende und deprimirende abspannende Gemüths- 
bewegungen für unsern Zweck seyn, wiewohl sie nur 
in Hinsicht der secundären Folgen dieser Zustände 
richtig ist. Denn die Thätigkeit des Hirns ist zunächst 
bei allen Gemüthsbewegungen erregt und die sensible 
Stimmung erhöht; ;wenn sich daher einige, besonders 
die traurigen langwierigen Passionen in Schwächung 
des Nervensystems und des ganzen Körpers endlich 
auflösen, so erschöpft diese Ansicht bei weitem nicht 
die Art ihrer Einwirkung, und aus gleichem Princip 
könnte man auch diejenigen schwächend nennen, wel- 
che in der Hegel den heftigsten Sturm im Körper an- 
fachen, z. B. den Zorn, weil er zuweilen plötzlich 
tödtet. 

Alle Gemüthsbewegungen haben also wohl die 
gemeinsame Eigenschaft, dafs sie das Hirn zunächst 
und von da aus das Herz und die Organe des übrigen 
Körpers erregen; allein sie unterscheiden sich da- 
durch, dafs bei einigen die vermehrte Erregung de» 
Herzens die hervorspringendste Seite ausmacht, z. B. 
bei Freude, Zorn, bei andern hingegen eine heftige 
Constriction des Capillarsystems vorwaltet und mit 
der Erregung des Herzens in Opposition tritt, z. B. 
bei dem Schreck; bei noch andern, dem letztem ähn- 
lichen, z. B. der Angst, die Kraft des Herzens der 
Erregung des Capillarsystems schon weicht und al« 
überwältigt sich darstellt. Diese Haupt Wirkungen lau- 
fen im Grunde mit dem Zustande der Geistesthätigkeit 
der bei jeder Gemüthsveränderung verschieden ist, 



120 

parallel; je freier und energischer die Geistesthätig- 
keit bei einer Gem'Uhsbewegung ist, z. B. bei der 
Freude, desto mehr tritt die erhöhte Thätigkeit des 
Herzens hervor; daher die Wirkungen dieser und des 
heftigen Zornes einem Entzündungsfieber gleichen und 
auch Entzündung leicht hervorrufen. Eingeschränkt 
wird die Geistesenergie schon beim Schreck, denn 
die psychische Ursache desselben liegt eben darin, clafs 
wir den. Grund einer schnell eindringenden schein- 
baren Gefahr nicht übersehen, aber zugleich ist der 
Schreck noch mit dem instinktartigen Streuen verbun- 
den, der Gefahr sich zu widersetzen; dieses findet 
schon nicht mehr Statt bei der Angst, die Geistes- 
energie* erscheint als gelähmt, und so weicht auch die 
Energie des Herzens der entgegenwirkenden Thätig- 
keit des Cäpillarsystems. Daher begleitet die Freude 
und den Zorn ein. starker heftiger Puls- und Herz- 
schlag, ein tiefes, freies und oft wiederholtes Athem- 
holen, Röthe des Gesichts, Funkeln der Augen, Stel- 
lungen des Körpers, welche Intension der willkührli- 
chen Muskeln ausdrücken u. s. w. Hingegen wird der 
Mensch beim Schreck blafs, das Blut drängt sich in 
das Innere nach dem Herzen, der Puls ist klein, zu- 
sammengeschnürt oder stockt, eben so der Herzschlag, 
ein Gefühl von Beklommenheit ergreift die Brust, es 
stellt sich momentan ein Schwindel ein, allein bald 
darauf wird der Herzschlag heftig, beschleunigt, der 
Puls entwickelt sich wieder u. s. w. Bei der Angst 
aber wird der Mensch ebenfalls blafs, der Puls -klein, 
schnell, -der Herzschlag stimmt damit überein, es folgt 
laicht Ohnmacht, und mit der Kleinmuth des Gei- 
stes scheint die Kraft des Herzens nicht nur, sondern 
sogar der Sphincteren nachzulassen — daher unwill- 
kührJiche Ausleerungen. ; 

Traurigkeit und Kummer, sind der Freude 



121 

entgegen gesetzt, sind Schmerzgefühl über ein schein-» 
bares .verlornes Gut mit Aufgebung der Hoffnung, es 
wieder erlangen zu können, also mit Vorstelluhg von 
der Unfähigkeit des Geistes, Mittel zur Wiedererlan- 
gung desselben auffinden zu können, aber auch mit 
dem Unvermögen des Geistes, sich übe-r den 
Verlust zu erheben. Daher ist die allmählig sich 
entwickelnde Wirkung des Kummers allerdings schwä- 
chend, und steht mit der Hingebung des Geistes in 
gleichem Verhältnifs; indefs gehest dem Kummer wohl 
immer ein gemischter Zustand von Gemüthsbewegung 
voraus, oder er ist anfangs mit andern Zuständen ge- 
mischt, z. B. mit Zorn über die vermeintliche mora- 
lische Ursache des Verlustes, mit Schreck, wenn dia 
Nachricht des erlittenen Verlustes unvermuthet kam 
u. s. w. , und man kann ihn in dieser Hinsicht nicht 
unter die primitiven AfFecte rechnen. 

So sind viele andere Alfecte gemischter Art, und 
ihre Wirkungen auf den Körper sind daher ebenfalls 
zusammengesetzt und mannichfaltiger. So die Eifers 
sucht gemischt aus Zorn über die Ursache des Ver- 
lustes eines eingebildeten grofsen Gutes, aus Furcht, 
dies Gut erst zu verlieren, aus Neid, dem Abscheu, 
es in eines andern Besitz zu wissen, und der Sehn- 
sucht, es allein zu besitzen. 

Was die wirklichen Krankheiten des Herzens an- 
langt, welche man zu Folge der Gemüthsaffecte hat 
entstehen sehen, so dürften sie sich auf folgende vier 
zurü ckf|fhren lassen: i) Zerreifsung des Herzens, be- 
sonders als Folge von Freude, Zorn oder Schreck; 
die Schriftsteller führen viele Beispiele davon an; oft 
war das Herz allerdings schon früher krank und zum 
Zerreifsen vorbereitet, allein diese Wirkung beweist 
immer den heftigsten Kampf des nach dem Herzen 
gedrängten Blutes und der gewaltsamen Zuschnürung 



wnd Entgegenwirkung des letztem. 2) Schleunige« 
Tod auch ohne Zerreifsung des Herzens»; nicht nur 
Zorn und Schreck , sondern auch übermäfsige Freude 
können auf diese Weise tödten; man rechnet diese 
Fälle gemeiniglich unter den Schlagflufs ; allem die 
Hauptursache liegt wohl meistens im Herzen, wie die 
Fälle von Zerreifsungen, als des Gipfels der Wirksam- 
keit der Aifecte auf das Herz schon wahrscheinlich 
machen; ein merkwürdiges Beispiel dieser Art erzählt 
Testa *), woraus wir zugleich die Art und Weise ab- 
nehmen können, wie das Herz unter solchen Umstän- 
den ergriffen wird k Ein Missethäter strebte sich gegen 
die Ausführung des Todesurtheils , und unterwarf sich 
demselben nur unter dem heftigsten Kampfe und in 
einer Art von Wuth; bald nach vollzogenem Urtel 
ward das Herz untersucht und in einem Zustande von 
solcher Zusammenschnürung gefunden, dafs man kaum 
eine Höhle unterscheiden konnte. Es läfst sich dem* 
nach nicht zweifeln, dafs die Wirksamkeit der heftigen 
Affecte auf das Herz als im höchsten Grade erregend 
und einen tonischen Krampf setzend, angenommen 
werden müsse; die Folge davon ist aufgehobene Cir- 
culation, und der Tod entspringt aus dieser wieder 
durch das Nachgeben des Blutsystems in irgend einer 
Steile, z. B. im Hirn und durch Blutergiefsung, oder 
durch Erschöpfung der Nervenkräfte zu Folge der 
unm.'ifsigen Anstrengung und Erschütterung, auf ähn- 
liche Weise wie das Pestgift zuweilen höchst plötz- 
lich dem Anschein nach vollkommen gesunde Personen 
tödtet. 3) Hat man als Folge von Gemfi thsaffecten 
auch sehr häufig Erweiterungen oder aneurismatische 
Zustande der Höhlen des Herzens und der grofsen 



*) am aagef. Orte S. i4ß. 



— 123 j*. 

Gefäfsstämtne entstehen sehen; diese Wirkung ist viel- 
leicht die al erhäufigste, und tritt vorzüglich ein bei 
langwierigen traurigen Gemüthsstimmungen ; sie ist 
daher aus der Schwächung des Ganzen, und vorzugs- 
weise der Herznerven, aus dem Nachgeben desselben 
gegen das andringende Blut und zugleich aus der 
durch den kranken Nervenzustand verminderten Er- 
nährung zu erklären- 4) Aber hat man auch nicht sel- 
ten solche organische Ausartungen als Folge von Ge- 
müthsaffecten beobachtet, die wir als Producte einer 
vorausgegangenen Entzündung kennen ; z. B. Aus- 
schwitzung von plastischer Lymphe und Verwachsung, 
selbst Verknöcherungen, und am häufigsten hat man 
als Folge langwieriger ßetrübnifs die Herzpolypen zu 
beobachten geglaubt. Ueber die letztern kann ich 
mich hier noch gar nicht erklären, und führe diesen 
Umstand nur historisch an; was die übrigen Uebel 
aber anlangt, so ist daraus abzunehmen, dafs die Ge- 
müthsbewegungen unter gewissen Umständen auch Ent- 
zündungen des Herzens veranlassen können, wie wir 
oben schon sahen. 

Aus der Vergleichung der Erscheinungen nun, die 
wir als primäre und seeundäre Wirkungen der Ge- 
müthsaffecte in dem Körper beobachten, dürfen wir 

wohl den Schlufs ziehen, dafs die Herznerven Vorzues- 

o 

weise und gleichsam speeifik durch sie ergriffen wer- 
den, dals die Wirksamkeit derselben auf die Herz- 
nerven bestehe, entweder in unmäfsiger Erregung und 
als Folge in völliger Vernichtung ihres Lebens, und 
so dem Tode des Ganzen, oder in gleichzeitiger star- 
ker Erregung der Herznerven und des Capillarsystems, 
wobei die Energie der Herznerven mehr oder weni- 
ger zurückgedrängt wird, otler endlich in einer di- 
recten und prädominirenden Schwächung der Herz- 
aerven. Wenn die letztere Ar« 'denn unmittelbar in 



— ■ 124 — 

einem abnormen Verhältnisse der Vitalität der Herz- 
nerven besteht, so wird ebendasselbe als Folge aus 
der ersten und zweiten Art hervorgehen können, näm- 
lich aus der ersten Art, in so fern Schwächung immer 
als Folge unmäfsiger Erregung eintritt; in unserra 
Falle wäre sie selbst nur als die geringere Wirkung 
der unmäfsigen Erregung angesehen, da die höchste 
sogar in völliger Erschöpfung besteht; aus der zweiten 
Art aber wird sich Schwäche der Herznerven nach 
und nach entwickeln können, da der Anfang dazu 
schon durch den ersten Eindruck der Gemüthsbewe- 
eung gesetzt war. Wir dürfen daher kaum zweifeln, 
dafs die Herznerven vorzugsweise eine Veränderung 
ihrer Vitalität erleiden können, und alsdann wird ihr 
Leiden das Hauptmoment einer gegebenen Krankheit 
des Herzens ausmachen können; mehr oder weniger 
Wird allerdings das gesammte Nervensystem an der 
Veränderung der Vitalität des Herzens Theil nehmen 
und sich ihm einigermafsen gleich setzen,; dies kann 
jedoch in praktischer Hinsicht keinen wesentlichen Ein- 
flufs auf die richtige Beurtheilung einer gegebenen 
Krankheit haben. Ueberhaupt dürfen wir nicht ver- 
gessen zu bemerken, dafs in concreten Fällen wohl 
nur-. sehr selten die abnorme Stimmung der Herznerven 
das einzige und einfache Moment der Krankheit seyn 
werde ; denn einmal ist schon die Wirkung der- Ge- 
muthsaffecte auf den Körper eine zusammengesetzte, 
und es werden daher durch die letztern oft Krankhei- 
ten der ganzen Substanz des Herzens vermittelt, z. B. 
Entzündung; dann aber bleibt die Affection eines or- 
ganischen Theils, wenn sie auch anfangs einzeln Statt 
'fand, nicht lange so in einem organischen Körper, 
wie wir denn bereits gesehen haben, dafs aus der 
Schwächung der Herznerven Verdünnung der Substanz; 
und Erweiterung der Höhlen durch unvollkommene 



— , 125 — 

Ernährung hervorgehen könne. Wir glauben daher, 
dafs, wenn es bei Beurtheilung gegebener Fälle von 
Herzkrankheiten auch sehr richtig ist, zu bestimmen, 
ob abnorme Stimmung d£r Harznerven ein Haupt- 
moment 'der Krankheit sey, man sich dennoch sehr 
irren würde, wenn man sogleich- mit der übrigens ge- 
gründeten Annahme der Gegenwart dieses Z'ustandes - 
sich allein begnügen, und nicht zugleich auf einen da- 
mit etwa verbundenen Zustand anderer abnormer Ei- 
genschaften des Herzens sein Augenmerk richten woll- 
te. Dies darf um so weniger geschehen, da Herz- 
krankheiten den Unkundigen so nur zu leicht unter 
der Maske einer Nervenkrankheit täuschen, wovon 
wir früher Rechenschaft gegeben haben, und umge- 
kehrt schwächende Einwirkungen auf das Nerven- 
system, wodurch die Reitzempfänglichkeit desselben 
erhöht wird, bei einem schon vorhandenen Keim zu 
einer organischen Kran! heit des Herzens, das Hervor- 
treten desselben zu ausgebildeter Krankheit begünstigt. 
Aus allem diesen folgt aber auch, dafs, wenn bei Sec- 
tionen nach Krankheiten, welche offenbar in einem 
Leiden des Herzens gegrün'det waren, keine Spur ei- 
ner sichtbaren Abnormität in ihm oder den mit ihm 
nahe verbundenen 1 heilen angetroffen wird, woraus 
sich die Zufälle erklaren Krisen, vorausgesetzt, dafs 
die Krankheit gut beobachtet und der Körper nach 
dem Tode sorgfältig untersucht worden ist, dafs, sage 
ich, alsdann nur angenommen werden könnte, es 
liege der Grund in einer kranken Stimmung der Herz- 
nerven selbst. Allein ich nehme hier Voraussetzungen 
an, die freilich bei den unter den Aerzten noch im- 
mer so sehr wenig verbreiteten und uberdieses über- 
haupt "und im Ganzen noch nicht weit vervollkomm- 
neten Kenntnissen, welche die Arzneikunde bis jetzt von 
diesen Krankheiten besitzt, so wie bei der. Nachlässig- 



keit, deren «ich leider? so viele Aerzte im Beobachten 
der Krankheiten sowohl, als bei Untersuchungen der 
Ursachen derselben nach dem Tode schuldig machen, 
eben nicht oft Statt finden werden, und darf hoffen 
d<ifs die Aerzte eben durch eifriges Zusammenwirken 
in der Zukunft die ganze Lehre von dieser höchst 
wichtigen Familie von Krankheiten zu einem höhern 
Grade von Vollkommenheit bringen werden, der auf 
die ganze praktische Arzneikunde von dem wohlthatig- 
sten Einflufs scyn mufs. 



Zweite Abtheilung. 

Entwickelung der Emstehungsweiae organischer Abnormitäten. 

Wir haben nunmehr die Ar4; und Weise zu ent- 
wickeln, wie durch vitale Mifsverhältnisse, weichein 
den verschiedenen Theilorganen des Herzens Statt 
finden können, Veränderungen und Abnormitäten des 
Baues und der Substanz des Herzens vermittelt wer- 
den. In der That ein grofses Feld, was allein den 
Gegenstand eines weitläufigen Werkes ausmachen 
könnte, zugleich ein immer noch sehr unangebautes 
Feld, worauf die Dornen der Hypothesen noch stark 
wuchern. So sehr ich übrigens auch Wünsche, in die- 
sem auf praktischen Nutzen berechneten Werke alle 
theoretische Speculationen möglichst zu meiden, so 
sehe ich mich doch genöthigt, in dieser Abtheilimg 
mehrere eigene Ansichten über die Ernährung, über 
die Entzündung, so wie über einige besondere Krank- 
heuen, besonders die Gicht, vorzutragen, welche viel- 
leicht manchen als zu weit in das Gebiet der Theorie 
der Arzneikunde hinuberschreitend vorkommen könn- 
ten. Allein diese Erörterungen scheinen mir notwen- 
dig, theds unvzu haltbaren und zugleich brauchbaren 



— - 127 — 

* Grundsätzen über die Bildung organischer Fehler zu 
11 gelangen, tbeils auch um den Antheil einer so höchst 

• gemeinen Krankheit als die Gicht ist, welcher gleich- 
' wohl kaum noch eine wohl gegründete und einiger- 
J maßen befriedigende Ansicht von irgend einem Schrift- 
ä steiler abgewonnen worden ist, um ihre Erscheinun- 
i gen zu erklären, an den organischen Krankheiten des 
s Herzens .zu zeigen. Wir Wollen uns so kurz als mög- 
I lieh fassen, und auch bei dieser Erörterung den prak- 
tischen Zweck niemals aus den Augen zu verlieren 
suchen. 

Da alle, von uns als solche angenommenen, orga- 
nischen Fehler aus Mißverhältnissen der Vitalität in 
Beziehung auf die Reprodnction hervorgehen, oder 
Folgen einer abnormen Reproduction sind, und die 
Momente, worauf fehlerhafte Reproduction beruht, 
sehr mannichfaltig, hauptsächlich aber selbst schon 
verschiedenartige krankhafte Zustände sind, so sehen 
wir uns genötnigt, vor allen Dingen die Kräfte und 
Bedingungen, von denen die Normalität der Repro- 
duction abhängt, kürzlich zu erörtern, um die Gesetze 
des Organismus, nach denen innormafle und Afterbil- 
dung möglich wird, darauf gründen zu können. 

A. Bedingungen der Ernährung. 

Das Geschäft der Reproduction umfafst dieBü- 
dung ganzer Individuen, die Ausbildung des neuge- 
formten kindlichen Organismus oder das Wactasthum, 
endlich die Erhaltung desselben oder die fortgesetzte 
Ernährung. Hier beschäftigt uns vorzugsweise die 
letzte Aeufs'erung des-Bildungsgeschäfts. 

Wir dürfen aus der Physiologie als bekannt und 
als wirklich erwiesen voraussetzen, dafs die Ernäh- 
rung, in so fern sie im Erhalten des schon gebildeten 
und vollendeten Organismus besteht, nieht etwa auf 



— 128 — 

einem blofsen Schutz des Gebildeten gegen Zerstö- 
rung, sondern vielmehr auf einer immer fortgesetzten 
Bildung, d. h. auf gleichförmiger Zersetzung und Wie- 
derersatz beruht. Der Lebensprozefs selbst ist ein 
continuirlicher Zersetzüngs- und Ersetzungsprozefs, und 
der Wechsel- der Stoffe an denselben wesentlich ge- 
bunden; und zwar in den starren Theilen sowohl als 
in den weichen; der Muskel verliert in dem Augen- 
blicke seiner Contraction Stoffe, und empfängt im an- 
dern Moment Ersatz; aber auch im Knochen selbst 
(findet derselbe Wechsel der Stoffe Statt, und er kann 
| daher nicht nur schwinden oder in. eine weiche Masse 
verwandelt werden, sondern sein Gewebe lockert sich 
schon bei jeder Entzündung in ihm auf. 

Was die Kräfte anlangt, von denen die Ernährung 
zunächst abhängt, so scheinen im Grunde alle Theile 
eines Organs und deren verbundene Kräfte dabei ver- 
einigt mitzuwirken, und aus der Harmonie derselben 
gleichförmige, normale, aus Disharmonie derselben 
aber Afterpro duction hervorzugehen. 

Zunächst muß man wohl die Capillargefäfse als 
die ersten Instrumente der Ernährung anerkennen, 
welche den dazu nöthigen Stoff selbst i, erb eif Uhren, . 
bearoeiten und ausschwitzen hssen. Die Wirksamkeit 
derselben hangt aber eines Theils von dem Zustande 
des ganzen Organismus und seiner Integrität, andern 
Theds von der Beiwirkung des zu ernährenden Theils, 
o wie ^Nerven, der lymphatischen Gefäfse dessel- i 
LT/ 1 ™ ^V 9112 V ° rZÜ S lich ^n der Beschaifen- 

rZ^ ^ ^ dS aUS WeIch ^ d« Nah- 

rung st emwickelt und 

Sn Z ieTT nUF mWh ™*** ^n Antheil wür- 

Vorstellungsart der W . ^ fo, « fln(U - 

g aer jy tUur angemessen seyn. Die Arte- 

rien 



129 — 

rien führen den Stoff herbei und bearbeiten ihn bis 
zu dem Punkte der Crystallisation; in die ein schwitzt 
derselbe in das die kleinen Arterien umgebende Ge- 
webe aus. Kaum läfst sich denken, dafs verschieden- 
artiger Stoff nach der, Verschiedenheit der zu nähren- 
den Theile aus dem Blute geschieden und von den 
CapillargefäPsen ausgearbeitet werde; denn sie haben 
ja alle einerlei Natur; aber es scheint dies auch nicht 
nöthig ; denn alle Theile werden durch Fasernstoff 
oder durch Gallerte, oder durch Eiweisstoff genährt, " 
und nur den Muskelfasern dürfte ein Antheil von ro- 
tliem Stoff zukommen ; die erst genannten Stoffe aber 
sind nicht sowohl in Hinsicht ihrer Grundbestandteile, 
als vielmehr nur in Hinsicht der Verhältnisse der letz- 
tern zu einander verschieden; es scheint mir daher 
der Grund der Ernährung eines jeden Theils mit dem 
Stoffe, der ihm selbst homogen ist, nicht sowohl in 
der verschiedenartigen Mischung, die derselbe durch 
die ihn vorbereitenden Capillargefäfse erhalten könnte, 
als vielmehr in dem Aneignungsvermögen d< j s zu er- 
nährenden Theils zu liegen; die zu ersetzende Muskel- 
faser z. ß. wird durch chemische Wahlverwandtschaft 
den Fasernstoff vorzugsweise an sich reiften, und die- 
ser kann wohl in diesen blutreichen Organen mit eini- 
gem Antheil von rothem Stoff noch verbunden seyn. 
Dafs die Nerven an dem Geschah der Ernährung we- 
sentlichen Antheil nehmen, ist nicht zu bezweifeln; al- 
lein wir kennen denselben nicht näher, wahrscheinlich 
findet auch in ihnen dabei ein Stoffwechsel Statt , und 
es wäre vielleicht kein leerer Traum, wenn man an- 
nähme, dafs ihnen die Modification der Verhältnisse 
der Grundstoffe in dem Fasern-, ■' allert- und Eiweis^' 
Stoff nach dem Bedürfnifs der zu ernährenden Theile 
zukäme. Von den lymphatischen Gefäfsen endlich 
hängt die Rücksaugung der von diesem Krystallisations* 

■ I. . [9] 



— i3o — 

Prozefs übrig bleibenden Feuchtigkeit ab; sie geben 
dem Gebildeten dadurch Consistenz und gleichsam 
die letzte Politur. Denn die Annahme, dafs sie gleich- 
sam nach Absicht und Wahl nur diejenigen Grund- 
bestandtheile aufnehmen sollten, welche nicht in die 
Mischung des zu ernährenden Theils passen, wie ei- 
nige wollen, durfte zu gewagt seyn; sie saugen viel- 
mehr diese Feuchtigkeiten ein, so wie sie der Er- 
nährungsact verschiedenartig gemischt zurückgelassen 
hat *). Disharmonie dieser verschiedenen Kräfte 
wird demnach den Grund der innormalen Reproduc- 
tion enthalten, und so wie diese Kräfte in sehr ver- 
schiedenen Verhältnissen mit einander disharmonisch 
werden können, so wird auch das Product auf man- 
nichfaltige Weise abnorm werden müssen. Das Haupt- 
■moment der fehlerhaften Ernährung kann demnach 
liegen i) in dem Blute überhaupt, in einer unvollkom- 
menen Mischung desselben, welche hindert, dafs ein 
vollkommener Ernährungsstoff durch die Capillarge- 
fäfse ausgearbeitet werden kann; gewifs müssen diese 
den zu verarbeitenden Stoff schon in vorbereiteten 
Mischungen enthalten. Hier ist der Ort, wo der Haupt- 



•) Sehr viele, die Ernährung betreffende Umstände liegen noch 
ganz im Dunkeln. Die Nerven tragen viel zu derselben bei, 
vielleicht vorbereitend, in so fern sie z. B. in allen Punkten 
Gefäfse an sich ziehen, und dadurch wohl auch dem Arterien- 
blute einen Bestandtheil vorzugsweise entziehen können. Merk, 
■würdig ist auch, 'afs vollkommenere Organe immer eine 
gröfsere Zahl von G.efäfsen verschiedenen Ursprungs an sich 
ziehen; da hingegen Theile, welche eine unvollkommenere, 
mehr einseitige Bildung haben, ihre Gefäfse nur von einem 
einzigen und oft von einem solchen erhalten, was selbst einen 
untergeordneten Ursprung hat. So ist auch das Blut, welches 
die tiefern Zweige der Aorta abgeben, gewifs ein and« 



— i3i — 

'stein des Anstofses unser freies Fortschreiten hemmt; 
wir stofsen hier auf die Lehre von der innormalen 
Mischung des Blutes, in welcher wir nicht viel weiter 
vorwärts geschritten sind, als unsere Vorfahren. Ich 
verlasse diesen Gegenstand vor jetzt; glaube indefs 
den Antheil, welchen die M schurig der Biutmasse an 
sich, an dem fehlerhaften Reproductionsprozesse hat, 
in der Folge durch die nähere Betrachtung einiger 
besonderer Krankheiten, namentlich der Gicht, der 
Skropheln und des Zweiwuchses, so wie des Scorbuts 
und einiger ihm verwandter Uebel, erfahrungsmäfsig 
darzuthun. 2) Kann das Hauptmoment der fehlerhaf- 
ten Ernährung gegründet seyn in den Krankheiten des 
gesammten Lymphensystems, denn es giebt Krankhei- 
ten desselben, wo diese Gefäfse nicht blos gewisse 
übrig gelassene Bestandtbeile von dem Geschäft der 
Ernährung, sondern ganze gebildete organische Theile 
aufsaugen und vernichten, z. B. selbst Knochen; 3) in 
dem eignen Gewebe der Theile, so wie 4) un d 5) in 
den Capillargefäfsen und Nerven derselben. 

Ich nenne die drei letztern hier zusammen; denn 
der Lebensprozefs eines jeden Theils und folglich auch 
seine Ernährung, beruht zunächst auf der gleichzeiti- 
gen und harmonischen Thätigkeit der Kräfte dieser 
drei verschiedenen Instanzen. Fafst man diesen Um- 
stand genauer ins Auge, so findet es sich, dafs ein 
bestimmtes Verhältnifs dieser dreierlei 
Kräfte im Grunde das Wesen dessen aus* 
macht, was wir Entzündung nennen; ja, was 
noch mehr ist, geben wir auf den Act der Bildung 
neuer Theile, z. B. der Zähne, in einem schon vor- 
handenen Organismus, so wie auf die Ausbildung an- 
derer, zwar schon vorhandener, aber noch nicht ge- 
hörig entwickelter Theile,, z. B der Zengungstheile in 
d$m Organisnaus gehörig Acht, so findet es sich bald, 



— i32 — 

dafs beide genannte Acte von Bildung wesentlich mit 
den die Entzündung begleitenden Umständen und Zu- 
fällen verbunden sind. Sollte daher vielleicht d«r Act 
der Ernährung und des Lebensprozesses mit dem Acte 
der Entzündung dem Wesen nach eins, und die letz- 
tere von der erstem nur gradweise verschieden seyn? 
Wir glauben das letztere bald näher darthun zu kön- 
nen. Hier wollen wir nur noch zuvor bemerken, dafs, 
so wie die Kräfte der drei genannten Instanzen durch 
harmonisch verbundene Thätigkeit die nächsten Be- 
dingungen der normalen Ernährung eines Theils sind, 
eben so Abweichungen jeder einzelnen dieser Kräfte \on 
ihrem normalen Zustande und folglich Disharmonie 
derselben die Ernährung nöth wendig stören müsse, 
wie wir dies von den Nerven bereits erwähnt haben, 
und wie es sich von den. Capillargefäfsen von selhsp 
versteht. r \ 

Ehe wir in diesen Betrachtungen weiter fortgehen 
können, müssen wir vor allen Dingen noch die Ver- 
schiedenheit der innormalen Ernährung 
nach ihren Produkten betrachten. Sie sind näm- 
lich von zweierlei Art; entweder kann die Ernäh- 
rung dem Grade nach innormal seyn, so dafs 
das Herz im Ganzen, oder einzelne Theil desselben, 
entweder zu stark oder zu sehwach genährt werden; 
wir beobachten z, B. Herzen von ungewöhnlich. dicker 
Substanz und Gröfse, ferner manchmal eine Herzhälfte 
nur von dieser Beschaffenheit; umgekehrt ungewöhn- 
liche Kleinheit des Herzens mit Dünnheit der Substanz 
oder diese Abweichung nur in einer Hälfte; fast im- 
mer findet dann das entgegengesetzte Mifsverhältnifs in 
der andern Hälfte Statt; wir können aber den Excefs 
des Ganzen nicht nach einem absoluten Maafse, son- 
dern nur aus Vergleichung der Gröfse und Stärke des 
ganzen Körpers, und besonders der grofsen Gefäfs- 



stamme bestimmen, eben so wie wir das Mifs Verhältnis 
der Gröfse und Stärke einer Hälfte nur durch die Ver- 
gleichung mit der andern bestimmen können. Dies© 
Art von innormaler Bildung besteht demnach in einem 
fehlerhaften Verhältnisse der an sich und 
dem Producte nach normalen Ernährung. 

Eine andere Art von fehlerhafter Ernährung 
aber betrift die Qualität derselben und besteht in 
wirklicher Afterbildung oder Metamorphose 
der, Substanz des Herzens; dahin gehört jede 
Folge der Ausschwitzung plastischer Lymphe in Ent- 
zündungen, die Verwachsung des Herzens mit dem 
Herzbeutel, die sogenannten zottigen Herzen,, die Aus- 
wüchse auf der äufsern oder kinem Fläche, die Um» 
Wandlung der Muskelsubstana in eine- Art Speckmasse, 
oder auch in knorpelartige oder selbst Knockenmasse ; 
eben so die Knochenbildungen auf der Oberfläche des 
Herzens und in den Hohlen,, sowohl in den Wänden 
als in den Klappen des Herzens ; eben dahin rechne 
ich denn auch die partielle Auflösung, des. Gewebe* 
durch Geschwüre. 

Man begreift, dafs beide genannten Arten wesent- 
lich von einander verschieden sind und dafs sie folg- 
lich auch nach ganz verschiedenen Gesetzen sich wer- 
den bilden müssen. Die erste Art nämlich, die blos 
in einer disproportionirt en Ernährung des 
ganzen Herzens gegen die Gefäfsstämme oder ei- 
ner Hälfte gegen die andre besteht, verdankt ihre 
Entstehung oft gewifs schon einem ursprünglichen 
fehlerhaften Verhältnifs der Bildung und ist 
angeboren, wie wir schon früher gesagt haben; sie 
wird sich aber immer im Leben mehr ausbilden, und 
so wird die Disproportion immer mehr zunehmen; der 
stärkere Theil wird immer in gleichem Verhältnisse 
fort, auf Unkosten des schwächern, stärker genährt wer- 



— m — 

den, indem seine kräftigere Thätigkeit mehr Nahnmgs- 
st- ff an sich zi; ht als der schwächere, ja der mindere 
Ve? brauch desselben, der in dem letztern nur möglich 
ist. begünstigt an sich schon gröfsere Zuführung zu dem 
stärkeren., alfem die daraus resultirende stärkere Thä- 
tigkeit des mehr genährten schränkt auch die des 
schwächern be Mutend ein, und begünstigt so immer- 
fort das Sehwinden des letztern, so dafs aus dieser 
Disproportion wahre und grofse, ja eine der übelsten 
Krankheiten des Herzens, hervorgeht ; dasselbe Mils- 
vesrh älinifs aber ist eben so oft nach entstan- 
den und Folge von örtlichen mechanischen 
Hemmungen der He rzthä tigkei t. Ueber der 
Stelle nämlich, wo ein mechanisches Hnidernifs Statt 
findet, es mag von aufsen durch Druck auf ein Getäfs 
z. ß. die Aorta wirken, oder in dem Bau derselben 
liegen, bildet sich sehr oft der Fehler der verdichteten 
verstärkten Substanz; so, wie gesagt des linken Her- 
zens bei Verengerung der Aorta, oder des rechten bei 
Verengung der Lungenarterie oder Vene, oder selbst 
des Eingangs in das linke Heiz ; die Ueberladung mit 
Blut, die daher entstehende Reitzung und gröfsere An- 
strengung des Herzens begünstigt gröfsern ZuHufs der 
nährenden Stoffe und vermehrte Absetzung; man darf 
diese Erscheinung jedoch nicht als ein beständiges Ge- 
setz annehmen; denn manchmal tritt der entgegenge- 
setzte Zustand ein, nämlich Verdünnung, Schwinden 
der Substanz. Dies geschieht ohnstreitig dann, wenn 
entweder schon ursprünglich eine Anlage zu relativer 
Schwäche der Herzsubstanz da war, vermöge deren sie 
der ausdehnen len Kraft bald nachgeben mufste und 
ihre Kraft gegen die letztere zurückwich, oder wenn 
die Substanz des Herzens durch eine vorausgegangene 
Krankheit desselben geschwächt worden war und mit 
ihr die zur Ernährung desselben bestimmten Kräfte; 



— i35 — 

^ so z. B. kann Verdünnung der Substanz die spätere 
* Folge einer Statt gefundenen Entzündung seyn, oder 
i wenn die allgemeinen Kräfte und Bedingungen der Er» 
ö nährung vermindert waren, z. B. nach jeder schweren 
i Krankheit; oder aber auch, wepn die Ernährung eines 
h Tlnils unmittelbar auf mechanische Weise gehemmt 
: wird, z. B. durch unmittelbaren Druck; so kann, aus 
Druck des Herzens von aufsen, Verdünnung seiner 
ii Wände eben so gut entstehen, als Knochenfrafs der 
Ruckenwirbel durch den Druck eines Aneurisma der 
großen Schlagader entsteht. So ist denn wohl die Art 
und Weise, wie Erweiterungen der Herzhöhlen oder 
der grofsen Gefäfsstämme entstehen,, überhaupt nie 
mechanische Streckung und Dehnung, was gleichsam 
in einem Act' eine Herzhöhle in diese Art von Krank- 
heitszustand versetzen kann, sondern es wird derselbe 
durch mechanische Kräfte blos veranlafst und durch 
dynamische Verhältnisse vermittelt; dies lehrt schon 
der Umstand, dafs die Wände einer Herzhöhle bis zur 
Dünne einer Membran geschwächt seyn können, ohne 
darum zugleich widernatürlich ausgedehnt zu seyn; 
aber es streitet auch gegen alle Analogie, zumal der 
Muskeln, die immer eher zerreifsen, als sich von einer 
Kraft mechanisch ausdehnen lassen, so dafs sie immer 
in diesem Zustande verharren müssen-). 

Die zweite Art, die eigentliche Meta- 
morphose des Herzens, seiner Substanz und 



*) Sinnreich ist die Erklärung dieser Erscheinung - , welche Burns 
am angef. O. S. 50. giebt; er glaubt, die Capacität des Her- 
zens könne unabhängig von Ausdehnung eben so zunehmen, wie die 
Gebärmutter bei der Schwangerschaft ausser derselben; nur dafs 
die letztere einen physiologischen Zweck habe und die erstere von 
Anfang an krankhaft sey. Indefs scheint die Verschiedenheit 
der Structur beider Organe, so wie auch die ihrer Functionen, 
diese Ansicht nicht zu rechtfertigen ; denn in der Mutter tritt 



— i3ö — 

seiner äufsern oder innen, Umkleidung, neb« 

deren Fortsetzungen ist es nun, von welcher wir 

vom,g,weise noch zu sprechen haben. Der Beo ri ff 

Afterhudung, bringt es schon mit sich, dafs die OrLe 

«er iiepirodu , tion überhaupt an diesem Zustande den 

-obsten A„fhe« nehme» müssen und dafs MurLt 

™>g oder Metamorphose nothw.-ndig mit i„„ orm £ 

Zu^nden de^nigen Organe, welche der HeprtTc o„ 

-uachs, gewtdmet sind, zusammenhangen müs« 2 

SSSSTS §ehören m,n zwar -^** *5 

fernem \ V HmS ' cht die W <"l«euge der 

fernem Assmulation , welche in ,1« i . 6 
und in dem Bh„„ r ' ln dem lymphatischen 

m dem Blutgefafssystem vollbracht wir'd. I„ der 

die CT W* '— •*«—« Kraßheit 

duetion in . Erfahrung, dafs sie Afterrepro- 

Her en b! \°™<; h ^™™ Theilen und so auch in L 

feärsstÄ* ; ,aben schon ob - ""er- 
rungen auch fa h' ' " ,tSe " c " e ih « Verhee- 

»er,%af s 7 i'^r 6 " a "!7 icI ;'- S-ignet sind, fer- 

* erWechen ££ ^ +£Z^ "* ""* 
_ Vlr bemerkten vor Kur- 

wShrPnd der Schwan/rersohafr J t , 

«ärker h.rvor und ao fei* .Ä.j p" ^ d * P " ,lM '» ij ™ er 

«*»'. d , e hon ih m £ "m. 1 lg e Enr* Ieke , ihrer Sab- 

SP,' abe ' S ° V,VI i« wohl " " dl /' eSe J Wickelung begün- 

J^ U.p. Mehr davon l r d" e ^ W,Cke,n ' s '"ck en> v „%! 
«ff« «»«,„, werd ^ wir noch im «peciellea Thil» 



— i37 — 

zem auch, dafs zwischen Skropheln und dem Zwei- 
wuchs, dem Scbrbut und der Gicht, ebenfalls Krank- 
heiten des Assimilationssystems., und den Afterbildungen 
des Herzens eine in der Erfahrung gegründete Bezie- 
hung Statt finde und es Hegt uns* nun ob, die Gesetze 
der thierischen Haushaltung, nach welchen sie durch 
diese verschiedenen abnormen Zustände der Assimila- 
tion Afterbildung im Herzen setzt, so weit es der ge- 
genwärtige Zustand . unsrer Einsichten in die Natur des 
Organismus gestattet, und mit vorzüglicher Hinsicht 
auf die praktische Anwendung, näher zu erörtern. 

Ohne uns bis auf die ersten Ursachen der Erschei- 
nungen zu versteigen, welche uns hier zu betrachten 
aufstoßen und folglich ohne die Fehler der/ S fte, 
welche wir hier näher zu untersuchen haben, bis in' 
ihre Elemente zu verfolgen, glauben wir diesen Ge- 
genstand auf eine praktisch nützliche Weise so abhan- 
deln zu können, dafs wir i) die' allgemeine Form 
von innpnnaler Thätigkeit, die wir bei sehr 
vielen Afterproducten als vermittelnden 
Act ihrer Entstehung wahrnehmen, etwas näher 
betrachten, dies ist nämlich der Prozefs der Ent- 
zündung; 2) aber die eigentliche Natur je- 
ner Assimilationskrankheiten; so weit sie 
uns-erfahrungsmäfsig bekannt ist, würdigen 
und dieArt und Weise zu. bestimmen suchen, 
wie s.-e mit jener K rank heits form in Verbin- 
dung treten, und wie aus dieser Verbindung 
Afterbildung des Herzens resultiren könne. 
Wir bemerken hiebei noch, dafs mancherlei Fälle von 
Afterbildungen im Herzen durch diese Betrachtungen 
noch nicht aufgehellt wrrden, z. B. j< de Art von Kno- 
chenbildung; dies ist aber auch hier nicht unsere Ab* 
sieht, sondern nur die, allgemeine Ansichten zu ent- 
werfen, wie Afterbildung im Herzen entstehen könne; 



— i38 — 

wie aber eine jede derselben unter besondern Verhält- 
nifsen entstehe, werden wir bei der speciellern Ab- 
handlung derselben anzugeben uns bemühen, so weit 
Erfahrung und Theorie uns vorleuchten. 

B. Entzündung. 

Wenn man sich dessen erinnert, was wir über die 
mannigfaltigen möglichen Mifsverhältnisse gesagt haben, 
welche in der Vitalität der verschiedenen Theilorgane 
des Herzen 1 ' eintreten können, so begreift man, dafs 
die Combinationen dieser Mifsverhältnisse sehr mannig- 
faltig seyn können. Gleichwohl haben wir in nnsrer 
Krankheitslehre nur wenige Namen, um die Krank- 
heil .«zustande zu bezeichnen, welche aus vitalen Mifs- 
verhältnissen entspringen, und es hält daher schwer, 
die dynamischen. Krankheiten systematisch darzustellen. 
Im Grunde haben wir für die Formen dieser Krank- 
heiten fast nur einen allgemeinen Ausdruck, nämlich 
den der Entzündung, indefs bezeichnet dieser im Grunde 
nur eine bestimmte Art von einem schon sehr zusam- 
mengesetzten Zustande abnormer Vitalitätsverhältnisse, 
wie wir bald sehen werden; für die einfachem Miß- 
verhältnisse der Vitalität haben wir kaum noch allge- 
mein eingeführte Namen. Ich habe deshalb im zwei- 
ten Abschnitt dieses Werks zu Anfange einen Versuch 
gemacht, die einfachem Zustände der abnormen Vita r 
lität des Herzens mit besondern Namen zu charakteri- 
siren und nenne diese Zustände, wenn sie die Muskel- 
faser betreffen, Adynamie und Sthenie der Muskeln; 
wenn sie in dem Nervenwesen gegründet sind, Krampf- 
sucht und Lähmung. Vielleicht gelingt es, durch un- 
sre Ansicht von der Entzündung diesen Benennungen 
einen Werth zu verleihen. Um uns eine richtige Idee 
von dem, was man sich unter Entzündung 'eigentlich 
zu denken habe, zu machen, .erinnere ich zunächst an 



— i39 ■— 

die Analogie der Erscheinungen, welche wir bei Bil- 
dung neuer organischer Theile oder der Ausbildung 
noch nicht gehörig entwickelter Theile im Organismus 
wahrnehmen. Die Restauration verloren gegangener 
Theile, z. B. nach Verwundung, kommt offenbar durch 
den Act der Entzündung zu Stande, und zwar bei ein- 
fachen Verwundungen durch schnelle Vereinigung ge- 
trennter Flächen vermittelst der Ausschvvitzung plasti- 
scher Lymphe, oder bei Substanzverlust durch die Ei- 
terung, bei welcher einiger Grad von Entzündung 
noch immer anhält. Bei der Bildung der Zähne im 
kindlichen Alter sehen wir ganz gleiche Erscheinungen. 
Ich brauche mich, um dies zu beweisen, nicht in den 
berüchtigten Streit einzulassen, ob das Zahngeschäft 
krank machen könne; gewifs ist die,s oft der Fall, so 
wie jede Entwickelung eine Art von Krankseyn mit 
sich führt; man sieht aber den eigentlichen Zustand, 
in welchem sich die Zahnhöhlen bei dem Bildungsge- 
schäft der Zähne befinden, ganz deutlich aus der Un- 
tersuchung der Kinnbacken und benachbarten Knochen 
nach dem Tode von Kindern, die an den Folgen des 
Zahngeschäftes starben; nämlich man findet hier nicht 
nur die Kinnbackenknochen, sondern sogar die Hin- 
terhauptsknochen zuweilen aufgelockert und aufge- 
trieben; also in einem wahren Zustande von Ent- 
zündung. 

In den ersten Jahren des Lebens geht die Entwi- 
ckelung des Hirns vorzüglich von Statten und wir be- 
obachten in derselben die Hirnwassersucht am häufig- 
sten, von welcher wir jetzt hinlänglich belehrt sind, 
dafs sie als Folge dieser Evolution und eines bis zur 
Entzündung übergehenden Excesses derselben entstehe*). 

*) Die schätzbare Schrift des D. Formey. Königl. Preufs. geh. 
Raths, über diesen Gegenstand iu Hörn*« Archiv für die pr«kt. 
Arzneikunde, ist bekannt genug. 



— 140 — 

Auf gleiche Weise verhält es sich mit der Entwicke-' 
hmg der Mannbarkeit; das ganze Leben des jungen 
Menschen bekömmt eine neue Physiognomie und alles 
deutet auf erhöhte Gefäfsthätigkeit hin, unter welcher 
die Zeugungstheile beider Geschlechter sich zu ihrer 
Vollkommenheit ausbilden. Diese Analogie der Er- 
scheinungen der Entzündung und des Bildens neuer, 
so wie des Ausbildern unvollendeter. Organe, deutet 
schon stark darauf h;n, dafs die Entzündung im Grunde 
mit dem Geschäft der Ernährung dem Wesen nach eins 
sdy, und nur in einem Hervortreten der Kräfte 
' derjenigen Organe bestehe, welche der Er- 
nährung vorstehen. Eben dieses beweisen aber 
auch die unmittelbaren und wesentlichen Symptome 
der Entzündung. Wenn schon der Name einen Ver- 
brennungspruzefs andeutet, so scheint auch . daraus 
schon eine Analogie derselben mit dem organischen 
. Leben überhaupt hervorzugehen, als welches ebenfalls 
mit einem Verbrennungsprozefs verglichen werden 
kann; beide Zustände verhielten sich daher zu einan- 
der wie zwei Grade von einerlei Zustand in sehr ver- 
schiedener Intensität. Jede Entzündung charakterisirt 
sich ferner durch ein Auftreten der Substanz die eine 
wahre Auflockerung des Gewebes ist, und die wir 
selbst bei Knochenentzündungen wahrnehmen, durch 
vermehrte Warme, durch Rothwerden, durch Klopfen 
der kleinsten Arterien in der Geschwulst und durch 
erhöhte Sensibilität; längst ist widerlegt, dafs nicht eine 
mechanische Stockung des Bluts den Grund dieser Er- 
scheinung enthalten könne, welche das Herz durch 
vermehrte Anstrengungen zu zertheilen strebe; aber , 
ein gesteigertes inneres Leben des entzündeten 
Theils lehren alle diese Erscheinungen. Der Sitz der 
Entif.ndimg ist offenbar in den kleinsten arteriellen - 
Oder Capillargefäfsen des entzündeten Theils und in 



— i4i — 

seinem eigenthümlichen Gewebe; denn' sie tritt auch 
\ im Knorpel und im Knochen ein, das Gewebe dersel- 
ben nimmt einen gröfsern Umfang ein und lockert 
sich auf) so wie das Zellgewebe der weichen Theile 
1 auftritt und prall wird ; die höchst irritablen Capillar- 
gefäfse verrathen ihre erhöhte Vitalität dadurch, dafs 
sie selbst rothes Blut aufnehmen und zu pulsiren an- 
fangen; es entstellt Schmerz und zwar selbst n den 
sonst unempfindlichen Knochen die stärksten, weil auch 
das sensible Leben dieser Theile erhöht wird, in so 
fern Nerven durch sie hindurch gehen, oder auch die 
Capillargefäfse versorgen. Entzündung wäre denn in 
einer Hinsicht als ein intensiv erhöhtes Leben eines 
einzelnen Theils zu betrachten und würde zur Krank- 
heit iu Hinsicht der Disproportion, die daraus zu dem 
Leben des ganzen Organismus entspringt, oder in so 
fern die Entzündung in einem Hervortreten des Le- 
bens der Capillargefäfse gegen das Arteriensystem be- 
steht, so findet dabei Disproportion der letztern zu 
der erstem Statt. Von einer andern Seite und zwar 
in Hinsicht des kranken Organs selbst betrachtet, kann 
man sagen, Entzündung sey Krankheit der fleproduc- 
tion. Die Arterien nämlich, von welchen die Capillar- 
gefäfse einen Theil ausmachen, haben eine doppelte 
Seite; sie sind ihrer Natur nach irritabel, sie greifen 
aber durch ihre Verrichtung zunächst in die Repro- 
duction ein; daher ist die nächste Folge der Entzün- 
dung vermehrte Reproduction in dem entzündeten 
Theile, in dem Verhältnisse zu seinem Redarf; denn 
wenn die Bedingungen der Fortdauer des Lebens t eines 
jeden Organs in der Integrität seiner Blutgef-ifse und 
der sie begleitenden Nerven bestehen, als wodurch ih- 
nen die zu ihrem Wiederersatz immer wieder m>- 
thigen Stoffe herbeigeführt werden; wenn jeder Thä- 
tigkeitsact eines Organs in partieller Zersetzung und 



— i4a — 

augenblicklicher Wiederersetzung des verlohrnen be- 
steht und folglich sein gesundes Leben auf der pro- 
■nortionirten Thätigkeit desselben und seiner Arterien 
und Nerven beruhet, so mufs bei dem gesteigerten 
Leben dieser letztern eine vermehrte Reproduction die 
Folge seyn. 

Diesem zufolge könnte man vielleicht sagen, dafs 
verstärkte Ernährung eines Theils als Prodnct eines 
Entzündungszustandes angesehen werden müsse und 
dafs die oben gegebene Eintheilung der dynamischen 
Krankheiten, nach welcher ich die verstärkte Muskel- 
substanz als eigne Krankheit ansehe, irrig sey. Ich 
antworte, dafs Vermehrung und Verstärkung der Sub- 
stanz eines Organs ohne Abänderung seiner Qualität 
allerdings als ein Product eines dem Wesen nach der 
Entzündung ähnlichen Zustandes angesehen werden 
kann ; nur erlischt die wirkliche Entzündung wohl nie in 
einem normalen Producte, weil, wie wir bald sehen 
werden, bei derselben ein zu grofses Mifsverhältniis 
zwischen der erhöhten Reproduction und der Thätig- 
keit des kranken Organs Statt findet, ah dafs normale 
verstärkte Ernährung das Piesultat der Entzündung 
seyn könnte. Es ist dies nöthig zu erinnern, um den 
Zustand der verstärkten Substanz in pathologischer 
Hinsicht richtig zu würdigen, und nicht zu glauben, dafs 
überall, wo die Herzsubstanz innormal stark ist, der 
Charakter der Krankheit Vorwalten des Muskellebens 
desselben seyn müsse. Nicht immer ist nämlich die 
verrtärkte Substanz des Herze s von wirklich norma- 
ler Qualität, sondern ein Afterproduct und dann wird 
sie auch als eine mit verminderter Energie begabte 
angesehen werden müssen. Diese scheinbare Verstär- 
kung der Substanz ist also eine unächte und ohnstrei- 
tig oft Product der Entzündung. Wir werden von 
diesen zwei sich ähnlichen Zuständen genauer im 



— i43 ~ 

« 

zweiten Theile handeln und dort zeigen, wie Kranke, 
bei denen scheinbare Verstärkung der Herzsubstana 
Statt findet, doch zunächst an endlicher, Lähmung des 
Herzens sterben und dafs ihr Krankheitszustand Ady- 
narnie des Herzens ist. 

Aus dieser Darstellung des Wesens der Entzün- 
dung nun lassen sich die Folgen derselben überhaupt 
und so auch diejenigen, welche in Afterpro duetion be- 
stehen, leicht und ungezwungen erklären, als die Aus- 
schwitzung plastischer Lymphe, die Eiterung, der 
feuchte und trockene Brand, die sogenannte hitzige 
Wassersucht, die Lähmung, die Verhärtung, die Er- 
weichung und Erschlaffung u. s. w. Da nämlich die 
Kräfte der einzelnen Theilorgane, welche bei der Ent- 
zündung in dem leidenden Organ unmittelbar ergriffen 
und krank sind, vorzüglich das eigne Gewebe und die 
Capillargefäfse, mit denen die Nerven innig zusam- 
menhängen, endlich sind, da die Möglichkeit ihrer Aus- 
dauer theils an die Bedingung der Zeit gebunden 
ist, theils die immerfort nöthige Erneuerung dersel- 
ben von dem Zustande des gesammten Organismus 
abhängt, von denen sie nur ein Theil oder Zweig sind: 
so begreift man, wie bei der 'Entzündung die Repro- 
duetioh auf mannichfaltige Weise wird abgeändert wer- 
den können. Ist also bei der Entzündung das arte- 
rielle Leben des kranken Theils zu dem Verhältnifs 
des Lebens des ganzen Arteriensystems intensiv erhöht, 
und es wird diese Disproportion nicht zeitig genug 
ausgeglichen, so wird in Hinsicht der irritablen und 
sensiblen Seite der kranken Theilorgane Erlöschung 
der Kraft und Tod der einzelnen oder aller, entwe- 
der fast in einem Zeitraum oder des einen nach dem 
andern die Folge seyn können; in Hinsicht der repro- 
duetiven Seite des Capillarsystems aber wird fehler- 



— 144 — 

hafte Reproductioa in verschiedenen Graden daraus 
hervorgehen müssen. 

Lähmung ist daher Tod der Nerven, der aber 
das Erlöschen der Arterie bald nach sich ziehen wird. 
Brand, völlige Zersetzung des Gewebes, Verkohlung- 
und zwar der trockne, wenn Nerven und Gefafse 
gleichzeitig mit dem Parenchyma absterben, feuchter 
hingegen, Absterben der erstem mit noch einigem rück- 
ständigen Leben in den Gefnfsen, so dafs sie noch Stoff 
absetzen, der nicht mehr sich verdichtet, weil er nicht 
mehr gut bearbeitet ist und weil es ihm an dem Stoff 
fehlt, an dem er sich krystallisiren sollte. 

Etwas niedere, aber schon sehr üble Grade von 
Folgen der Entzündung sind Wasseransammlung 
in den Höhlen, welche den entzündeten Theil umge- 
ben, z. B. m dem Herzbeutel; sie entsteht durch Ue- 
bermaafs der Ausschwitzimg wäfsriger Stoffe, welche 
das durch vermehrte Einsaugung bei dem so sehr ge- 
steigerten Ausschwitzen plastischer Lymphe endlich er- 
schöpfte lymphatische System um so weniger aufzuneh- 
men vermag. 

Das Ausschwitzen plastischer Lymphe auf 
den aufsern oder auch innern Flachen, oder in das 
Parenchyma des entzündeten Theils, istdie gewöhnlichste 
oder vielmehr wesentlichste Folge jeder Entzündung; 
denn es wird durch das erhöhte Leben des Capillar- 
systems weit mehr Nahrungwtoff, als die Ernährung 
des Theils bedarf, in einer gegebenen Zeit bis zu dem 
thierzschen Krystallisationspunkt ausgearbeitet und 
schwuzt an den genannten Stellen aus, mit verschiede- 
nem Er folg; sie wird nämlich oft einges ogen und 
durch de kritischen Ufin abführt, worL wir 
sie w.rkhch finden, wenn die Entzündung sich günstig 
entscheidet, dies eeschinUt ™- j- c- • , 6 U, " U S 

ihoiU a u g eSChlem ' weun ^e Entzündung sich zer- 

thealt, d. tu wenn es gelingt, das erhöhte arterielle Leben 

des 



— i45 — 

des kranken Theils herabzustimmen und mit. den Kräften 
der übrigen Systeme ins Gleichgewicht zu setze"n, ehe 
das lymphatische zu sehr geschwächt word-n ist ; <»dt j r 
die Entzündung erlischt in dieser Ausschwitzung, d-as 
Gewebe des Theils eignet sich den Stoff selbst nicht 
an, theils weil seine Vitalität ermattet, erschöpft ist, 
theils wegen des Uebermaafses von ihm zugeführten 
BildungsstofF, daher gerinnt die plastische Lymphe, 
wird fest und zu unregelmäf iger, unzweckmäßiger fester 
belebter Substanz, sie bildet sehr bald in sich Gei'äfse und 
führt nun in dem geschlossenen Organismus des kran- 
ken Theils ein SchmarotzerJeben auf Unkosten dessel- 
ben; daher entsteht denn Verwachsung mit den be- 
nachbarten Theilen, z.B. des Herzens mit seinem Beu- 
tel in den verschiedensten Modilicationen, z.B. so, dafs 
beide in völligen Contact* treten, entweder in ihrer 
ganzen Fläche, oder nur an einzelnen Stellen, oder 
dafs dünne und dicke, lange und kurze weifVe Kä&en 
und Stränge die Vereinigung bewirken, oder dafs die 
Lymphe in dünnen haarförmigen Lagen sich auf dem 
Herzen ausbreitet fco" villosmn,), oder sie wird fest 
und belebt in dem Parenchyma des kranken Theils, 
wuchert in seinem innern und verschlingt am Ende 
das Leben desselben in sich; z. B. in dem Herzbeutel 
entsteht daher Verdickung, in der Substanz der lockern 
schwammigen Eingeweide, wie der Leber, Verhärtung» 
die bald von Einschrumpfungen, bald, von Vergröfse- 
rung der Substanz begleitet wird, und meist mit Ver- 
nichtung der ganzen Organisation derselben sich en- 
det. In der Herzsubstanz setzt sich diese Lymphe in 
das die Muskelfasern und Bündel umschließende Ge- 
webe ab, verdichtet die Substanz desselben auf eine 
ähnliche Weise und zieht sie am Ende in ihren eignen 
Kreis. Weniger erkannt und gewürdigt ist das Aus- 
schwitzen in, das Gewebe der innern Membran des 



— i46 — 

Herzens und selbst auf der innern Fläche derselben; 
es findet aber hier eben so gewifs Statt, als auf der 
Oberfläche des Herzens, und nur dieser Weg allein 
ist es, auf welchem eines Theils Ausartungen der in- 
nern Bedeckung des Herzens, z B. kleinere und grö- 
ssere Auswüchse, andern Theils Afterproducte ent- 
stehen können und wirklich entstehen, die man Poly- 
pen zu nennen gewohnt ist; über deren wahres und 
eigenthümliches Verhältnifs aber zu Herzkrankheiten 
sowohl, als liber ihre wahre und alleinige Bildungs- 
weise bisher von keinem Arzte etwas Genügendes, 
desto mehr Unwahres und Eingebildetes hingegen von 
dem Einflüsse eines ganz andern, aber höchst gleich- 
gültigen Gebildes , nämlich der aus dem Blute, wel- 
ches durch die Herzhöhlen hindurch geht, durch Tren- 
nung des Fasernstoffes voti dem rothen und serösen 
Bestandteil, sich äufserst häufig kurz vor oder selbst . 
nach dem sinnlichen Tode sich bildenden Gerinsel, 
die man auch Polypen nannte — in hundert Schriften 
behauptet und wiederholt worden ist. Wir können 
diesen Gegenstand, der einer desto gründlichem Un- 
tersuchung bedarf, je ; unvollkommener und verworre- 
ner die gangbaren Begriffe der Aerzte noch immer 
über diesen Punkt sind, hier nicht Weiter verfolgen, 
und deuten ihn seiner Wichtigkeit wegen hier blos 
an, um in der Folge ihn desto gründlicher zu unter- 
suchen. 

■ «♦ 

Die Eiterung endlich ist Product der Entzün- 
dung, wenn ein Theil des Gewebes des leidenden Or- 
gans abstirbt und sich verkohlt, indefs derProzefs der 
Zuführung von neuem Bildungsstufe nicht nur fort- 
dauert, sondern sogar luxurirt und die Bedingungen 
der Verheilung und des Ersatzes auch wirklich mit 
sich führt. Verdünnung und Verstärkung der Substanz 
haben wii schon oben beleuchtet; davon unterschei- 



— x47 — 

det sich wiederum das Mürbewerden derselben 
(rnorbiditas)y welches als Annäherung zur Zersetzung, 
halbe Verkohlung des Gewebes bei verminderter Zu- 
führung von ErgänzUngsstoff angesehen werden kann. 

Auf diese Weise liefsen sich denn aus der ein- 
fachen Entzündung das Hervorgehen der Verwachsung, 
der Verdickung, der Auswüchse mancherlei Art an 
der äufsern und innern Membran des Herzens, die 
Geschwüre an beiden Flächen, so wie auch die Zu- 
tmd Abnahme der Substanz erklären. Selbst die Aus- 
artung der Muskelsubstanz liefse sich schon aus der 
Entzündung an sich nach der oben berührten Analogie 
der Leber einigermafsen erklären, nämlich aus der 
Aufnahme der Muskelsubstanz in das wuchernde After- 
product; und so dürfte selbst die Knochenbildung 
in der äufsern und innern Membran des Herzens so- 
wohl, als in seiner Muskelsubstanz, als durch einfache 
oder reine Entzündung vermittelt gedacht werden kön- 
nen; nämlich in so fern zu Folge derselben eine mit 
Knochenstoff besonders überladene Lymphe in sein 
Gewebe abgesetzt würde; es liefse sich dies vielleicht 
dadurch noch mehr rechtfertigen, dafs fibröse Theile 
vorzugsweise zu dem Uebergange in Knochen und 
Knorpel geneigt sind. Wenn nun aber in dem Her- 
zen allerdings einige Theile wahrhaft fibrösen Bau ha- 
ben, z. B. die Flechsen der Fleischsaulen, welche zu 
den Klappen gehen , und wenn die innere Membran 
des Herzens auch keine rein seröse seyn und der 
fibrösen sich nähern sollte, so sehen wir doch auf der 
andern Seite in allen Theilen des Herzens und vor- 
nehmlich selbst in seiner äufsern Membran, welche 
das weiche innere Blatt des Herzbeutels und ganz 
seröser Natur ist, Knochenstoft sich erzeugen, und 
wir können diese Afterbildung kaum allein auf 



— i48 — 

Rechnung der besondern vJVatux der -fibrösen Häute 
setzen *). 

Allein dieser Prozefs der Natur, den wir Entzün- 
dung nennen, ist nicht immer so einfach, wie wir ihn 
dargestellt haben; denn er geschieht ja in einem sehr 
zusammengesetzten Organismus, und hängt, in so fern 
er selbst ein bildender Prozefs ist, mit denen Syste- 
men, welche der Reproduction zunächst vorstehen, 
und ihren Producten, den thierischen Säften, welche 
dem erstem das ihm zum Bilden nöthige Material lie- 
fern, sehr enge zusammen. Die Producte der Ent- 
zündung müssen folglich nach Verschiedenheit 
der Mischung der Saftmasse des Körpers im all- 
gemeinen z. B. nach verschiedenen in ihr vorwal- 
tenden Bestandteilen, welche nicht zur Zweck- 
mäßigkeit des Organismus passen und seiner gleich- 
förmigen Fortbildung oder Ernährung nachtheilig wer/ \ 
den können, verschieden ausfallen, so wie auch aus 
Krankheiten der Assimilationsorgane, beson- 
ders des Lymphensystems, wenn die Entzündung 
irgend eines Theils mit ihnen zusammentrifft, oder gar 
in einem wahren Causal Verhältnisse mit jenen Krank- 
heiten steht, eine bedeutende Verschiedenheit der Pro- 



*) Bicliat's Unterscheidung der Hä„r» ,'„ „ •• j c , • 

h a t ihr r.,^0 j tvt- i- , «aute m seröse und fibrös« 

hat ,hr Gutes und Nützliches; allein es findet in der Natur 
kerne so strenge Scheidung derselben Sr»rt ■ -T. 

J\t> N a t„r Ai~ T u • , lse *°en Matt, wie er angiebt; 

w " w- %■ '« * ,St Cb r *° Vie,en Modifxcationen unl 
icrien unü in den Muskeln n. s. w W««, u • j- 

normale Knochenbildung anlani -j, " bri S ens die '£ 

«iobt notwendig durch^Entzünd ' l ?** M W ° M ^^ 
oft ohne dieselbe in Thei In ?' tT' T*'™ Crf ° Igt 

schwächt worden i,r od< ! r J r' . d f re ° Leben «"«eurend ge- 
Production vom gL^I £ *f ' «* ** ** bestehende 
Endpunkt,» jedes oraT^iS! nl ' * h Ausd ™ck des 

'^eiterten CeUea oS^st \ ^r^"' "' B ' in er ' 
dern «weite« ThSe S P €< % e «h™i*r«n. Davon mehr in 



— i4g — 

ducte der Entzündung resultiren mufs. Wir wollen 
daher diesen Einflufs, den die Krankheiten der Assimi- 
lationsorgane und ihre Producte, die ernährenden 
Säfte, auf die Bildung organischer Krankheiten des 
Herzens haben, nun näher zu würdigen suchen. 

C. Krankheiten der Assimilation. 

Wir rechnen dahin a) die Krankheiten, in welchen 
ein besonderer specifiker Stoff vorwaltet, welcher die 
thierischen Säfte sich aneignet und Afterproducte oder 
Zersetzung der thierischen Substanz bewirkt. Dahin 
gehören die chronischenAusschläge, die Flech- 
ten, die Krätze und die Lustseuche; ferner die 
Heb erhaften Ausschläge, besonders Blattern, 
Scharlachfieber und Masern; b) Krankheiten 
des Blutsystems, von denen ich die Gicht, die Fleck- 
krankheit und den Scorbut vorzüglich anführe; c) Krank- " 
heiten des Lymphensystenis , Skropheln und Zwei- 
wuchs. 

a) Hautkrankheiten, welche von specifiken 
Stoffen abhängen. 

Was die mit specifiken Stoffen verbundenen Krank- 
heiten betrifft, so kennen wir weder die Natur dieser 
Stoffe jj noch auch die Art ihrer Entstehung, ja kaum 
die Organe, in denen sie zunächst ihren Sitz haben. 
Jedoch mag man darüber sowohl als über die Art, 
wie sie in den Organismus einwirken, denken wie 
man will, so viel ist gewifs, dafs sie von besondern 
Stoffen abhängen, dafs dieser sich im Körper multi- 
plicirt, dafs dieses kaum anders, als durch Aneignung 
gewisser Stoffe aus den Säften geschehen könne ; so 
kennen wir denn auch empirisch die Art von Zerstö- 
rung, die sie in dem Körper anrichten, und haben 
Hauptregeln, wie sie behandelt und geheilt werden 



— 150 — 

können. Ei sind Stoffe, welche nicht in die Mischung 
der organischen Substanz passen, nicht in solche ver- 
wandelt werden können, welche ihr feindselig sind 
und ihre Entmischung begünstigen. Wir können auch 
di^s von ihnen insgesammt behaupten, dafs sie eines 
Theils eine besondre Beziehung zu den Lymphgefäßen 
haben, andern Theils, dafs sie solche Theile, welche 
ein zellichtes Gewebe besitzen, vorzugsweise angreifen. 
Die erstem scheinen diese Stoffe in sich aufzunehmen 
und von ihnen in eine erhöhte Stimmung von Reiz- 
barkeit versetzt zu werden ; denn die Drüsen dieses 
Systems entzünden sich und schwellen meist auf in der 
Nähe der Stellen, wo das Gift in den Körper drang, 
besonders bei der Lustseuche und den geimpften Blat- 
tern; alle begünstigen gern Krankheiten dieses Systems 
und lassen solche oft nach sich zurück; ja die Flech- 
ten, der Kopfgrind u s w scheinen ihre Entstehung 
einem fehlerhaften Zustande, dieses Systems zunächst 
zu verdanken. Das Zellgewebe aber leidet bei allen 
diesen Krankheiten unmittelbar und scheint der Sitz 
derselben zu seyn, in so fern die Symptome derselben 
sich vorzugsweise in der Haut und in Gebilden von« 
zellulöser Natur, ja selbst in den Knochen manifesti- 
ren. Welchen Antheil das Blut an der Erzeugung die- 
ser Stoffe habe, ist nicht bekannt; die fieberhaften 
scheinen sich allerdings in dem System der Blutgefälse 
zu entwickeln und auf der Haut durch die Capillar* 
gef äfse nach den Gesetzen der Sekretion abgeschieden 
zu werden, und vielleicht gesellt sich eben blos darum 
die Form eines Gefäfsfiebers zu ihnen; auch hat 
Home durch Blut von Masernkranken diese Krank- 
heit vermittelst der Impfung auf gesunde Subjecte 
übergetragen; allein von dem Gift der Lustseuche fin- 
det man im Blute keine Spur ; dieses, so wie die chro- 
nischen Ausschläge, scheinen sich kaum über die nie- 



— i5i — 

drigsten Stufen der organischen Gebilde, nämlich das 
Zellgewebe und das ihm ntfhe verwandte lymphatische 
System hinaus zu verbreiten; sie entzünden denn auch 
zunächst kein Gefäfsfieber, und ihre sichtbare Wirkung 
auf die organische Substanz unterscheidet sich wesent- 
lich von der der fieberhaften Ausschläge ; letztere ma- 
chen zunächst bedeutende Entzündung in dem Haut- 
gebilde, und nur bei den Blattern geht diese der R,e- 
gel gemäfs in Eiterung über ; die chronischen hinge- 
gen machen zwar auch eine Art von Entzündung, aber 
es ist dies ein langsamer, besonders geeigneter Vor- 
gang ganz auf der Oberfläche der Haut, wodurch das 
Oberhäutchen aufgehoben und ganz langsam Zerstö- 
rung durch Eiterung in der Haut gesetzt wirdj, welche 
in dieser sich unabläs ig fortsetzt, wenn nicht Hülfe 
durch die Kunst kommt. Diese Stoffe scheinen denn 
zunächst die Vitalität des Zellulosen und des lympha- 
tischen Systems, zu modificiren, die Zerstörungen aber, 
die in den Gebilden derselben erfolgen , sind nicht 
Producte eines heftigen phlogistischen Prozesses, son- 
dern vielmehr der Verstimmung des Gewebes, dessen 
Integrität durch jene StoiFe verletzt wird, während die 
lymphatischen Gefäfse, da kein Ernährungsstoff sich 
an das kranke Gewebe krystallisirt, die von dem 
Zerstörungsprozefs übrigen Bestandtheile des Zellen- 
gewebes aufnehmen und so die Zerstörung begünsti- 
gen helfen. 

Doch ich will mich in keine hypothetischen Er- 
klärungen verlieren; mein Vorwurf ist, zu zeigen, dafs 
die genannten Krankheiten unter gewissen Verhältnis- 
sen organische Fehler des Heizens begünstigen und 
die Art und Weise, wie dies geschieht, zu erklären. 
Nun haben wir bereits von der Scharlach- und Masern- 
krankheit Beispiele oben angeführt, welche lehren, 
dafs in den Häuten des Herzens und der grofsen Ge- 



152 — 

fäfse Entzündung durch sie gesetzt werden könne 
(Seite co6); es werden also diese Krankheiten auch 
jede Art von Metamorphose des Herzens zur Folge 
haben können, welche aus der Entzündung desselben 
hervorgehen kann. 

Was aber die chronischen Hautkrankheiten an- 
langt, so streiten in der That vielfältige Erfahrungen 
daf r, dafs auf Unterdrückung derselben in dem Haut- 
gebilde Zerstörungen und Geschwüre in den Membra- 
nen des Herzens folgen. Kaum ist dies zu verwun- 
dern, da wir ja so häufig aus derselben Quelle Hals- 
geschwüre und Lungensucht entstehen sehen. Lieu- 
taud *) führt mehrere Fälle von Auswüchsen und 
Wasserblasen auf der äufsern und innern Fläche des 
Herzens an, welche man in Leichnamen venerisch ge- 
wesener Kranken fand. Carcasson **) fand ein Ge- 
schwür, welches sogar ein krebsartiges Ansehen hatte, 
an der Spitze des Herzens bei einem venerisch gestor- 
benen Mädchen, und es halte dasselbe auch wirklich 
viel an Brustschmerzen gelitten. Penada ***) sah Ent- 
zündung des Herzens bei einem Venerischen unter der 
Quecksilberkur entstehen, und diese sich in Vereite- 
rung des Herzens endigen. Gorvisart ****) erzählt 
mehrere Fälle von Auswüchsen an den Klappen des 
Herzens, welche dem Ansehen nach ganz mit veneri- 
schen Warzen und Hahnkämmen übereinkamen, und 
die ihm auch wegen anderer verbundener Umstände 
von dieser Natur wirklich zu seyn schienen. 



*) Historia anatom. med. Tom. II. observ. 510 — 516. 
**) Memoirs de la societi de medecine, Annie x 778 . p. 397- 
***) Sagg'o d'osservazieni med. pratiche, Padova 1793, p. 3. 
*»**} am angef. Orte S. aao. n. folg. 



— • i53 — 

Aehnliche Falle haben Morgagni, Lancisi unä 
Testa*) aufgezeichnet, und Albertini spricht in 
seiner vortreflichen Abhandlung ganz bestimmt von 
dem grofsen Einflüsse der Lustseuche sowohl als des 
Quecksilbers auf das Herz, und von dem Antheil, den 
jene Ursachen an der Erzeugung von Herzkrankheiten 
haben. Von einer vertriebenen Flech te an der Ober- 
lippe sah Testa*) nach einer viermonatlichen Engbrü- 
stigkeit, den Tod folgen, und fand den Herzbeutel vier 
Linien dick, die Aorta aneurismatisch und die Ober- 
fläche des Herzens in Vereiterung übergegangen. Einer 
meiner Kranken empfand ebenfalls auf Vertreibung 
einer Flechte im Gesicht Herzzufälle, die sich mit Zer- 
reifsung des verdünnten Herzens endigten. Portal ***) 
fand in dem Herzbeutel des Marquis von Conflans Blut 
ergossen, was aus dem durch ein Geschwür zerfiessenen 
rechten Herzohr kam; der Verstorbene hatte ein Fon» 
tanell am Arme eingehen lassen, worauf Herzklopfen 
eingetreten war, welches ihn einmal plötzlich tödtete; 
und in einem andern Fall Verwachsung des Herzbeu- 
tels und Erweiterung des Herzens mit Verdünnung bei 
einem jungen Frauenzimmer auf einen vertriebenen 
flechtenartigen Ausschlag. Aehnliche Folgen, welche 
das Zurücktreiben der Krätze gehabt hat, erzählen 
Oslander****), Mekel der erste f) der ein Steatom 
zwischen Herz und Herzbeutel davon entstehen aahe, 
Pressavainff) und Corvisart. 



*) Am angef. Ort, Seite 86 u. folg. 

*•) ebendaselbst S. 87- 

***) Cours de anatomie Tom. III. pag. 92. und Sammlung für 

pracktische Merzte, iar Band. S. 724. 
•**•) Denkwürdigkeiten aus der Geburtshülfe. ar Band ir Theil 

S. 146. 
"f) Memoire* de Berlin.. Jahr 1755. siebenter Fall. S. 8*» 
~\\) Nouveau traite des vapeurs pag. 174. 



— i54 — 

Bei diesen Uebeln scheint der Uebergang auf das 
Her« durch Uebertragung von dem Hautgebilde auf 
ein ähnliches, das mit dem erstem auf derselben Stufe 
von Animalisation steht, vor sich zu gehen* 



b. Krankheiten der Assimilation, welche 
ihren Sitz in dem System der Blutgefäfse 

haben. 

Ich habe über das Verhältnifs des Arteriensystems 
zu dem Herzen und den daraus entspringenden Miß- 
verhältnissen meine Ideen oben vorgetragen; vielleicht 
kommen diese schon manchem' Leser zu weitläui'tig 
vor ; gleichwohl sehe ich mich genöthigt, über verschie- 
dene andre Verhältnisse des Blutsystems zu den Krank- 
heiten des Herzens meine Bemerkungen noch mitzu- 
theilen, die von den gewöhnlichen Ansichten abwei- 
chen. Ich wünschte blos Thatsachen vortragen zu 
dürfen; nllem wir haben über so viele Krankheiten 
noch immer so gar wenig genügende Ansichten, und 
der Schriftsteller, welcher die Krankheiten eines so ' 
wichtigen Organs, als das Herz ist, abhandeln will, 
ist genöthigt, seine Meinung auch über andre Krank- 
heiten auseinander zu setzen, welche auf die erstem einen 
wichtigen »iinflufs haben. Am' nächsten müssen ihm aber 
die Krankheiten liegen, welche ihren Sitz und Grund in 
dem Gefäßsystem haben, welches mit dem Herzen so 
innig zusammenhängt und gewissermafsen von gleicher 
Natur ist. Eine solche Krankheit nun ist ohnstreitig 
die Gicht, diese so äusserst gemeine Krankheit, gegen 
welche uns eine eben so große Menge von speci/iken 
Heilmitteln angepriesen, als auf der andern Seite eine 
oben so große Zahl von Hypothesen, um ihre Natur 
•"Mzuklaren, aufgestellt worden sind, die wir gleich- 



— 155 — 

wohl noch immer eben so wenig begreifen., als wir sie 
zu heilen verstehen. 

Eine neue aus der Beobachtung der Natur ge» 
schöpfte Ansicht derselben, welche zugleich ihren Ein» 
flufs auf die organischen Fehler des Herzens aufklärt, 
wird daher, so hoffe ich, der Leser nicht ungünstig 
aufnehmen. 

fla) Bemerkungen über die Gichtkrankheit. 

Ich stelle folgende Sätze auf: die Gicht ge- 
hört unter die Krankheiten der Assimilation, 2) ihr 
Sitz ist den zweiten Wegen, d. h. in dem Gefäfssystem ; 
in Hinsicht ihrer Ausbrüche ist sie eine Evolutions- 
krankheit, wodurch die Natur ein fehlerhaftes Mi- 
schungsverhältnifs des Blutes auszugleichen strebt, .3) 
die Gicht steht mit dem System der Blutgefä'se in ei- 
ner noch engern Beziehung; die Häute der Gefäfse 
leiden bei derselben wesentlich und sind in den An* 
fällen der Gicht in einem Zustande von erhöhter Stim- 
mung, in einem Erethismus begriffen. Ich werde über 
diese Sätze meine Bemerkungen so kurz als möglich 
mittheilen. 

Dals die Gicht eine Krankheit der Assimilation 
sey, lehrt schon ihr Product, phosphorsaurer Kalk, 
welcher überall da kritisch abgesetzt wird, wo sie ihr© 
B.olle spielt, und welches folglich als die wesentlichste 
Erscheinung der Gicht angesehen werden mufs. Dies 
ist offenbar das Erzeugnifs einer krankhaften Sekre- 
tion. Man kann auch nicht annehmen, die Abschei- 
dung dieses Kalkstoffs beruhe auf der fibrösen Natur 
der Häute, in welchen die Gicht ihre Rolle zu spie- 
len pflegt; denn wir sahen schon oben (Seite 148) daf* 
ein solcher Stoff auch in ganz andern Theilen abge- 
setzt werden kann; allein noch mehr, Untersuchungen 
des Urins gichtischer Personen haben gelehrt, dafs der- 



— 156 — 

selbe zwar in den Anfällen der Gicht wenig, aber 
eine desto gröfsere Menge von Kalkphosphat wäh- 
rend und nach der Grisis enthält. Es geschehen diese 
Absetzungen von Kalkphosphat in die Schleimbeutel 
u. s. w. : bei gichtischen Personen oft ganz un- 
merklich und ohne bedeutendes Leiden,- zum Be- 
weis, wie überladen das Blut damit seyn, und wie sehr 
er in der Mischung desselben entwickfit seyn müsse*), 
üeberdies lehrt die grofse Verwandschaft der Stein- 
krankheiten mit der Gicht, dafs diese wirklich auf ei- 
ner abnormen Blutmischung beruht und dafs diese letz- 
tere in dem Vorwalten jenes Stoffs bestehe. Denn 
nicht nur Steine in den Lungen habe ich als Folge der 
Gicht nicht selten entstehen, sondern auch, so wie 
viele Aerzte, die Beschwerden der Gicht mit denen 
des Harnsteins bei einem und demselben Kranken pe- 
riodisch abwechseln sehen; wirklich sind sich auch die 
Erzeugnisse ziemlich gleich und es ist wahrscheinlich, 
dafs die in den Harnsteinen befindliche eigenthümliche 
Säure, die Harnsäure, erst aus der Phosphoisäure sich 
bilde; übrigens gründet sich die Bildung der Steine 
meistens auch auf Entzündung der Nieren oder der 
Häute der Blase, wovon als Folge, kranke Sekretion 
der Capillargefäfse und Abscheidung eines mit Kalk- 
erde zusammengesetzten Mittelsalzes eintritt'**). 

Das Hauptmoment, worauf die Gicht beruht, ist 
demnach eine eigne Mischung des Bluts, bei welcher 
dasselbe mit Kalkphosphat überladen ist. 



*) Gaitskell, in dem Med. Facts and Ohservat Vol. IV. f>- 
56. und Vauquelin Magazin, encycloped. ann. 7, u. 10. 
p. 267. 

*•) Höchst interessant sind in dieser Hinsicht Austin's Versuche 
und Bemerkungen über die Steinkrankheiten. — a treatise ort 
the origin and the component parts of the stone in the uri- 
nary bladder. London 1791. 



— i57 — 

-Die ersten Wege oder die Organe der Verdauung 
sind wohl als die erste Instanz anzusehen., weiche zu 
jener besondern Blutmischung die Veranlassung giebt, 
denn die Gicht entwickelt sich fast immer, wenn die 
Anlage nicht angeboren ist, bei Personen, welche dem 
Gaumen gefröhnt haben, denen Uebermaas im Essen, 
im Genüsse junger säuerlicher Weine zur Gewohnheit 
worden ist ; oder welche durch Ausschweifungen in 
der Wollust ihre Verdauung geschwächt haben. Ist 
die Anlage dazu einmal und stark ausgebildet, dann, 
folgen bei vielen solchen Personen auf die leichtesten 
Diätfehler und besonders auf den Genufs eines säuer- 
lichen Weins sogleich Gichtanfälle. Diese Verwand- 
schaft der Gicht mit den Verdauungsorganen ist auch 
wohl der Grund, dafs Störungen derselben den Aus- 
brüchen der Gicht meistens vorhergehen; nicht als 
ob sich der Gichtstoff* jetzt etwa erst in ihnen erzeugte, 
sondern die ersten Naturbestrebungen ihn zu entfer- 
nen, manifestiren sich nur in dem Systeme zuerst, wor- 
aus derselbe zuerst* entsprang oder durch deren Lei- 
den die Blutmischung zunächst beeinträchtigt ward. 

2) In Hinsicht ihrer Ausbrüche in Krankheit und 
in Hinsicht der Form von Krankheit, welche wir 
Gichtanfälle nennen, ist sie als eine besondere Evolu- 
tionskrankheit anzusehen. 

Es herrscht zwischen der Art, wie sich die Gicht 
ausbildet, die gröfseste Analogie mit den kritischen 
Ausschlagskrankheiten, durch welche ein im Blute be- 
findlicher Stoff, welcher nicht in den Organismus pafst, 
aus demselben geschieden werden soll. Es geht der 
Gicht ein Stadium der Vorbereitung, eine Art von 
Fermentation voraus, deren Natur wir übrigens nicht 
kennen, wo der Kranke sich auf unbestimmte Art un- 
wohl, seine Nerven gedrückt, fühlt, wo die Verdau- 
ung darnieder liegt und diese Zufälle sind das Vor- 



— i58 — 

spiel ernsterer Scenen, die mit der Entwicklung der 
Gicht eintreten. In diesem Zeiträume sehen wir oft, 
besonders bei den ersten Anfällen der Gicht, die ge- 
waltsamsten Zufälle der Brust entstehen, nämlich die 
gröfseste Beklemmung und Angst mit aussetzendem 
Puls, wirklich höchst gefährlich scheinende Zufälle, 
welche sich dann schnell mit dem Ausbruche der Gicht 
in ihrer gewöhnlichen Form, d. h. bei dem Eintreten 
der heftigsten Schmerzen in den Gelenken und Flech- 
sen der Glieder verlieren. 

Die Anfälle selbst nun bestehen offenbar in einem 
Entzündungszustande membranöser Theile, welcher sich 
in die Absonderung jener kalkartigen Stoffe endigt. 
Diese Absonderung kann nur durch die Capillarge- 
fäfse geschehen und diese sind daher vorzugsweise er- 
griffen. Denselben Gang befolgen denn nun bekannt- 
lich die kritischen Ausschläge, allein die Analogie gebt 
noch weiter; wie diese, so nimmt auch die Gicht in 
der Regel die membranösen Gebilde äufserer Theile, 
besonders die der Gelenke und der Flechsen ein; al- 
lein sie kann eben so leicht wie jene auf andere Or- 
gane reflectirt werden; so z. B. auf die eigentliche 
Hautfläche, woraus alsdann theils das ödematöse 
schmerzhafte Anschwellen derselben, theils die mit 
Recht sogenannte Gichtrose entsteht, oder nach innen, 
was man Zurücktreten der Gicht nennt und was im- 
mer entweder durch allgemeine Schwäche des Kör- 
pers oder eines edeln innern Theils oder durch spe- 
ciale Reiuung eines solchen von selbst geschieht, oder 
auf Fehler, welche den äufsern kritischen Entzündungs- 
prozefs unterdrücken. — Endlich mufs ich noch hinzu- 
setzen, dafs die Gicht sich, wie alle GefäMeber, durch 
kritischen Schweifs und Urin entscheidet. 

Nach dieser Darstellung der Momente, woraus 
die Gicht entsteht, sind die Ausbruche derselben Fol- 



— 159 — 

gen einer innern Revolution, oder Gährung, oder ei- 
nes Orgasmus im Blute, wie man es nennen will, 
erzeugt durch einen spontaneen Act der Natur, wie 
alle auch in den Kreis der Gesundheit fallenden Evo- 
lutionen, und veranlafst durch eine innormale Mi- 
schung des Bluts, dessen Fehler in einem Uebermaafs 
gewisser Bestandtheile liegt, weiche aus dem Blute nun 
entwickelt und in der Form von Kalkphosphat au» 
demselben vermittelst eines Entzündungsprozesses in 
tnembranösen Theilen ausgeschieden werden. 

Mit dieser Ansicht stimmt auch ganz überem, was 
die Erfahrung über die Heilung dieser Krankheit lehrt. 
Wir heilen nämlich fast nie die Anlage; aber es ge- 
lingt doch oft, die Anlage so zu vermindern, dafs die 
Ausbrüche immer seltener kommen, z. B. nur alle 4 
bis 5 Jahre, an Statt aller Jahre, und dafs in der Zwi- 
schenzeit die Gesundheit gut besteht. Aber wodurch 
gelingt es uns, dieses Ziel zu erreichen? Vorzüglich 
durch Kuren mit mineralischen Wässern, welche reich 
an Soda oder an Schwefel sind; Töplitz, Carlsbad, 
Wisbaden, Aachen, Baden u. s. w. sind die herrlichsten 
Quellen für Gichtkranke; und sind die Bestandtheile 
derselben andre, als solche, die blos und allein auf 
die Reproduction wirken? Welche Mittel leisten uns 
aber sonst unter der unendlichen Zahl der gerühmten 
noch die besten Dienste? Der Guajak scheint immer 
noch das beliebteste vpn allen zu seyn; gleichwohl ist 
er kaum etwas anderes, als ein harziges etwas sr ei tzen- 
des Abführmittel; wirklich heilt er auch die Gicht selbst 
wohl nie, und ich glaube, er ist oft, in den Anfällen 
gegeben, sogar unzweckmafsig, weil er zu stark reitzt; 
allein er ist zweckmäfsig und heilsam im Ganzen, um 
die Gichtanlage zu vermindern und dieser Erfolg hat 
ihn ohnstreitig immerfort in Credit erhalten, ob man 
gleich seinen eigentlichen EinHufs nicht gehörig zu 



— 160 — 

würdigen verstand. Eben dies ist von dem Schwefel 
und den Zusammensetzungen aus Schwefel, Spiesglas 
und Aikaüen zu urth eilen. Ich darf mir schmeicheln,, 
durch diese Ansicht der Gicht und die darauf gebau- 
ten MaaCsregeln bei der Heilung der Gichtanlage vor- 
zuglich glucklich gewesen zu seyn; nur mufs bei Kuren 
dieser Art alles andre dem Zweck gemäfs eingerichtet 
und eine Kur dieser Art sehr lange fortgesetzt werden, 
bis man überzeugt seyn kann, dafs das Geschäft der 
ersten Verdauung möglichst vervollkommt und das ab- 
norme Product in dem Blute möglichst ganz entfernt 
worden ist. 

In den Anfällen der Gicht selbst leistet unsre Kunst 
Wiederum in der Regel höchst wenig und in der That 
können wir dabei auch kaum etwas anderes leisten, als 
was wir bei allen kritischen Krankheiten ihun, d. h. 
wir können nur die Natur leiten und müssen einen 
mittleren Grad von Thätigkeit zu unterhalten suchen, 
damit die, Crisis auf dem schicklichsten Wege erfolgen 
könne; aufserdem müssen wir Hindernisse der Crisis 
entfernen, z.B. gastrische Stoffe, oder dem Uebermaafse 
der Entzündung steuern durch Aderlässe und Blutigel, 
und endlich die kritische Hautausdünstung zu Ende der 
Krankheit zu leiten suchen. Eigentlich heilen können 
wir aber die Gichtanfälle nicht, und es ist dieser Zeit- 
punkt überhaupt der unzweckmäfsigste, ein bestimmtes 
Heilverfahren einzuschlagen, was auf Tilgung der An- 
lage zunächst berechnet ist. 

3) Aber die Gicht steht nicht nur im allgemeinen 
in einer Verbindung mit den Blutgefäfsen, in so fern 
als diese in dem Blute den Stoff der Gicht führen; 
sondern die Beziehung beider auf einander ist eine weit 
engere und wesentlichere; die Häute der Gefäfse 
leiden bei der Gicht selbst auf gleiche Weise wie die 
Membranen der Gelenke und Flechsen der äufsern 

Glie- 



— 161 — - 

Glieder. Diese Betrachtung führt uns unserm Gegen- 
stande wieder näher und aus derselben geht die grolse 
Beziehung der Gicht auf die organischen Krankheiten 
des Herzens hervor. 

Diese e,nge Verwandschaft der Gicht mit dem Lei- 
den der Gefäfshäute selbst erhellet zum Theil schon 
aus den stürmischen Zufällen der Brust, welche dem 
Ausbruch der Gicht unmittelbar vorhergehen; sie be- 
stehen in Angst, heftiger Beklemmung des Athems und 
zugleich ist der Herz- und Pulsschlag unordentlich, un- 
terdrückt und aussetzend. Man hat geglaubt, dies 
rühre von einer Affection der Lungen her, allein diese 
Zufälle bezeichnen weit mehr ein Leiden des Herzens, 
wie wir im Verlaufe dieses Werks werden einsehen 
lernen, und wollte man sie von einer Affection des 
sympathischen Nerven herleiten, so habe ich nichts da- 
gegen, denn dadurch wird unsre Ansicht nur noqh mehr 
bestätigt, in so fern dieser Nerve der eigentliche Ge* 
fäfsnerve ist: 

Aus dieser Ansicht allein läfst sich auch nur das 
Herumwandern der Schmerzen bei der Gicht, und das 
oftmals plötaliche Umspringen von einem Theile auf 
den andern erklären. Mit Recht hat man die Annahme 
des eigentlichen Herumwanderns des Stoffes lächerlich 
gefunden; diese kann schon um des willen nicht Stattfinden, 
weil ja der Schmerz oft in vielen Theilen vertheilt ist, 
und nur einen Augenblick hier, und den andern dort 
mehr hervorspringt; allein die Annahme eines allgemei- 
nen Erethismus im Gefäfs§ystem macht es begreiflich, 
wie sich der Schmerz in einem Zeitmoment vorzugs- 
weise stark in diesem und in einem Augenblick darauf 
wieder in einem andern eben so stark aussprechen kann; 
ja nach dieser ;Ansicht ist es kaum möglich, dafs der 
Schmerz überall gleich stark hervortreten könnte, weil 
selten wohl ein ganzes System von Organen irn ganzen 



IÖ2 

Körper dieselbe Temperatur oder Stimmung haben 
wird. Dafs die Gicht aber mit Schmerzen verbunden 
ist rührt von dem Entzündungszustande der sehr em- 
pfindlichen Capillargefäfse her, und die Spannung der 
festen, mit Knochen verbundenen Th'ile, welche meist 
von der Gicht vorzüglich ergriffen werden, erhöht das 
Schmerzgefühl ohnstreitig noch mehr. 

Wie wesentlich die Theilnahme der Gefäfshäutean 
der Gicht sey, lehrt ferner die Verw. andschaft der 
Gicht mit den Hämorrhoidalleiden, welche von 
jeher beobachtet, aber noch niemals erklärt worden ist. 
Die Erfahrung nämlich lehrt, dafs die Zufälle beider 
Krankheiten gern mit einander abwechseln, z. B. dafs 
in Zeiträumen, wo die Gicht schweigt, der Kranke 
Hämorrhoidalzufälle leidet und umgekehrt. Worauf 
beruhen nun ^aber die letztern? Macht man sich frei-' 
lieh keinen bessern Begriff davon, als dafs man glaubt, 
sie rühren von einem mechanischen Stocken des Bluts 
in der Pfortader her, wodurch das Blut in den Venen 
rückwärts nach den Aesten gedrängt, diese ausgedehnt 
und so endlich das Blut aus ihnen ausgequetscht werde, 
so wird man den Zusammenhang nicht begreifen. Al- 
lein der Zustand, den man insgemein mit dem Namen 
Hamorrhoidalanlage bezeichnet, hat eine weifumfassen- 
dere Bedeutung; es ist dies ein activer Zustand der 
Vitalität dieses Venensystems; es ist Entwicklung und 
Turgescenz der lebendigen Häute der Venen mit Er- 
Weiterung ihrer Höhlungen verbunden und folglich ein 
sehr activer Zustand, den wir ja auch dann als Ent- 
rundung anerkennen, wenn wir die ursprünglich klei- 
nen Venen des Mastdarms in grofse Säcke ausgedehnt 
aulserlich liegen sehen, und der stärkste Entzündungs- 
Schmerz darin tobt. DieserZustandalsoistes, welcbermit 
den Gichtanfällen abzuwechseln pflegt, und bei Lichte 
besehen, ist es gerade derselbe Zustand in einem Theile 



— i63 — 

des Venensystems, der bei dem, was wir Gicht nennen,- 
in einzelnen Theilen des arteriellen Systems vorwaltet. 
Das Wechseln der Zufälle der Gicht und der Hämor- 
rhoiden ist daher nichts anders, als eine Ortsverände- 
rung der Ursache, wovon beiderlei Leiden abhängen, 
und Hämorrhoidalleiden ein Uebertragen des Erethis- 
mus von dem Arteriensystem auf die schwächern Ve- 
nenhäute. Wir werden hierauf weiter unten noch zu- 
rückkommen. 

Endlich mufs ich noch einen wichtigen Umstand 
anfuhren, welcher die enge Verwandschaft der Gicht 
und der erhöhten Stimmung des Gefäfssystems be- 
weist; dies ist nämlich der umgekehrte Fall, dafs wahre 
und primäre Entzündung des Herzens, die von ganz 
andern Ursachen als der Gicht entsteht, von Zufällen 
begleitet wird, welche unter der Maske von Gicht- 
schmerzen täuschen können. Dies scheint mir für un- 
sern Zweck eben so wichtig, als für die Diagnose der 
Herzentzündungen zu seyn, wo wir es deutlicher sehen 
werden. Ich habe bereits erinnert, dafs schleichende 
Herzentzündungen meistentheils mit Schmerzen in ei-, 
nem entfernten Theile verbunden sind, und glaube, 
dafs dieser Schmerz in der Polarität des Arteriensystems 
seinen Grund hat; allein ich habe auch beobachtet, 
dafs bei Herzentzündungen die Kranken, deren Fälle 
ich genauer erzählen werde, theils auf der Brust, theils 
aber in den Gliedmaafsen, besonders den untern, über 
Schmerzen klagten, die den gichtischen ähnlich waren, 
und sich nur dadurch von ihnen unterschieden, dafs sie 
öfter in einem Tage -sich verminderten und fast 
schwiegen, und überhaupt in dem Verhältnifs abnah- 
men, wie die Krankheit sich verschlimmerte, in dem 
schlimmsten Zeitraum aber ganz aufhörten. Man er- 
sieht daraus, dafs im Zustande der Entzündung des 
Herzens ein Erethismus sich ober das ganze Arterien- 



— i64 — 

System verbreitet, und so ist es begreiflieb, Wie allge- 
meine Entzündung, oder doch daran gränzender Zustand 
in dem Capillarsystem umgekehrt Erethismus der Ar- 
terienstämme und des Herzens selbst begünstigen kann. 
Nach diesen Bemerkungen wird es leicht seyn, den 
Ein flu fs der Gicht auf die organischen Krankheiten 
' des Herzens einzusehen, und wir haben ihn nun noch 
in der Erfahrung selbst nachzuweisen. Wenn das Herz 
und die Arterien bei der Gicht schon Wesentlich mit- 
leiden, ohne jedoch in der Regel die Grisis derselben, 
die Abscheidung des Kalkphosphats zu übernehmen, so 
begreift es sich leicht, dafs unter denselben Umständen, 
wo es bei kritischen Ausschlagskrankheiten geschieht, 
die gichtische Entzündung auf das Herz reflectirt wer- 
den und in den verschiedenen äußern und innern 
Häuten desselben und deren Fortsetzungen, so wie in 
den zelüchten Scheiden der Muskelstränge und Bündel 
ihre Rolle fortspielen und dort in Absetzung von Kno- 
chenstoff sich enden kann. Dafs dies aber wirklich ge- 
schehe, lehren die häufigen Fälle von zurückgetretener 
Gicht, wo deutliche Herzbeschwerden, die gefährlich- 
sten Beklemmungen mit Herzklopfen, aussetzendem 
Puls und Angst verbunden, darauf erfolgten und den 
Tod brachten, so wie andre, wo diese Art von Be- 
schwerden mit Gichtzufällen abwechselten, dergleichen 
wir bei den Schriftstellern sehr viele antreffen 5 -). Dies 
beweiset aber auch die besondre Art von Product, 
welche man in kranken Herzen zu finden pflegt und 
welche ganz mit den Producten der Gicht in den Ge- 
lenken übereinstimmt. Aufser den eigentlichen grös- 
sern und kleinem, dickern und dünnern Knochenlamel«. 
len nämlich, welche man in dem Herzen findet, trifft 



"\w. ^^ l V^ mt,icheWerke Hnd *™*« «»•/<*'• *• 



— i6<5 — 

man nicht selten auch auf ganz formlose Knochenmas-' 
sen, die durch ganz einfache Krystallisation der ausge- 
schwitzten, an Kalkstoff reichen Lymphe entstanden zu 
seyn scheinen. Sie sitzen in den Blättern der innern 
Haut und ragen wie Sporen in die Höhlen der Gefäfse 
oder des Herzens hinein. Sehr richtig bemerkt schon 
Bichat und nach ihm G or visar t -''), dafs die wider* 
natürliche Knochcnbildühg gar sehr unterschieden wer- 
den müsse von der normalen, einmal selbst--*) in Hin- 
sicht der Qualität des Stoffs, dann aber auch in Hin- 
sicht der Art und Weise, wie beide vor sich gehen; 
die normale Knochenbildung geht langsam und grad- 
weise von dem Zusande der Weichheit in den des 
Knorpels und aus diesem in den des Knochens über, 
und zwar so, dafs die erst weiche Faser nach und nach 
in Knochen verwandelt wird ; bei der krankhaften Kno- 
chenbildung aber werden die weichen Theile gleichsam 
nur mit Knochenstoff incrustirt, der sich entweder in 
das Zellgewebe der Muskelfasern oder in das der Häute 
absetzt, also nicht eigentlich die Natur dieser Theile 
umändert und nicht in ihre Substanz selbst eindringt; 
daher hier die Widernatürliche Knochenbildung auch wohl 
immer schnell vor sich gehen mag. In Hinsicht der, 
Art ihrer Bildung kämen demnach die in dem Herzen 
gefundenen Knochen, oder Steine, wie sie die Alten 
auch, und vielleicht mit Recht, nannten, mit den Gicht- 
knoten überein; allein noch wichtiger ist, dafs man aus- 
ser den bis jetzt betrachteten wirklichen knochenarti- 
gen Erzeugnissen und gemeiniglich zugleich mit den- 
selben, in den Arterienhäuten kleine harte runde Kör- 
per, wie Hirsekörner oder Linsen, einzeln oder ge- 



*) am angef. O. S. 194 — 196. 

**) Penada, Saggi» di osservazioni et memorie mtdich. prar 
ticke, p. 57. 



— iGß — 

häuft antrifft, besonders bei Aneurysmen, die ein meh- 
lichtes Wesen enthalten, und folglich den Gichtknoten 
noch ahnlicher sind, 

Wenn diese meine Ansicht von der eigentlichen 
Natur derX>icht gegründet wäre, so konnte man noch ei- 
nen Schritt weitergehen und annehmen, dafs diese Krank- 
heit zuweilen, ohne in der ihr gewöhnlichen Form, 
d. b. als schmerzhafte Krankheit der äufsern Glieder, 
hervorzutreten, und an Statt dessen, sogleich in den 
Häuten des Herzens und der grofsen Arterienstämme 
ihre Rolle spielen und so den Grund zu organischen 
Fehlern des Herzens legen könne. Einige eigne Beob- 
achtungen und das Studium der Schriftsteller über pa- 
thologische Anatomie können einen jeden Arzt über- 
zeugen, dafs kein Theil des menschlichen Körpers so 
häufig und an so vielen Stellen in Knorpel oder Kno- 
chen ausartet, als das Herz; hält ma^' damit nun zu- 
sammen, dafs Entzündungen der Häute des Herzens un- 
gemein häufig vorkommen (wovon sich ein jeder Arzt 
bald überzeugen wird, wenn er dem Studium der Herz- 
krankheiten seine Aufmerksamkeit gewidmet haben und 
auf sie in seiner Praxis schärfer aufzumerken gelernt 
haben wird"), dafs sie aber sehr leicht verkannt wer- 
den, so ist es in der (That sehr wahrscheinlich, dafs 
die in so vielen Subjecten liegende Anlage zur Gicht 
nicht selten, an Statt nach den äufseren Theilen, so- 
gleich nach dem Centrum des Blutumlaufs reflectirt 
werden und ah Krankheit des Herzens oder der grofsen 
Gefafsstämme hervortreten möge. Dafs dies wirklich 
geschehe, wird noch wahrscheinlicher aus dem beson- 
dern Asthma, womit gichtische Personen so sehr häu- 
fig zu kämpfen haben und welches sich verschieden ar- 
tet, ohnstreitig je nachdem verschiedene Theile der 
Brust, z. B. entweder die Bronchien oder die membra- 
nösen Auskleidungen der Brust, vorzüglich auch das 



— 167 — 

Zwergfell, oder aber endlich die Häute des Herzens 
selbst von der Gicht ergriffen sind. Dafs das letztere 
geschehe, läfst sich gar nicht bezweifeln, wenn man sich 
auf Beurtheilung der eigentümlichen Leiden des Her- 
zens versteht, und so wird man auch die Schriftsteller 
richtig beurtheilen lernen, welche eine besondre Art 
von Asthma, was von gichtischer Ursache entstand, 
Brustbräune nannten und diese in den neuern Zei- 
ten vielseitig untersuchte Krankheit als eine besondre 
Modification der Gicht ansehen wollten, da hingegen 
andre, z. B. Wichmann selbst die gichtische Natur 
derselben ganz ableugnet und Parry dieselbe als eine 
organische Krankheit des Herzens anerkannt Wissen will, 
deren Grund immer in Verknöcherung der Kranzarte- 
rien zu suchen sey. Man wird leicht begreifen, dafs 
beide Meinungen ihre Auflösung in der von mir gege- 
benen Erörterung über die Natur der "Gicht finden, 
und wir hoffen in dem speciellen Capitel von der Ver- 
knöcherung der Kranzarterien die Vereinigung dieser 
sich gegenseitig bestreitenden Meinungen durch genau- 
ere Betrachtung der Krankheit, welche den Namen der 
Brustbräune verdient, zu bewirken. Ich selbst mufs 
noch hinzufügen, dafs ich diese Uebereinstimmung der 
Gicht und der Verknöcherung der Häute des Herzens 
in mehrern Krankheitsfällen, besonders aber in einem 
bestätigt gefunden habe, der von mir auch unten er- 
zählt werden soll. In diesem waren die Zufälle der 
Verknöcherungen im Herzen ganz deutlich ; der Kranke 
hatte schon Jahre lang an Zufällen eines organischen 
Herzübels, nämlich an jener eignen Beengung des 
Athems, abwechselndem specifiken Husten, unregelmäfsi- 
gem Herzschlag und anhaltend aussetzendem Puls ge- 
litten, auf einmal verschlimmerte sich sein Zustand, es 
traten besonders des Nachts Perioden von Angst und 
solcher Beengung ein, dafs er nicht mehr im Bette 



im 



o 



bleiben konnte, sondern sieb aufrecht setzen und die 
Füfse niederhängen lassen mufste; dieser Kranke baue 
nie Gichtzufälle erlitten, gleichwohl bekam derselbe in 
seinem 65sten Jahre mitten in dieser schweren Krank- 
heit bei schon sehr bedeutender Ermattung und grofser 
Abmagerung nach ohngefähr vierwöchentlicher Behand- 
lung ein regelmäfsiges Podagra, und unter diesem ver- 
schwanden jene schweren Leiden der Brust. Er er- 
holte sich vollkommen, ertrug in der Kälte eine Reise 
von einigen achtzig Meilen, er lebte das ganze folgende 
Jahr leidlich gesund; aber die örtlichen Zufälle eines 
Herzfehlers dauerten fort, besonders anhaltende Been- 
gung der Brust mit unregelmäfsigem Herz- und Puls- 
schlag, und er magerte nur allmählig immer mehr ab, 
ein Umstand, den der Fortgang solcher Uebel immer 
nach sich zieht, er wagte es sogar, noch einmal die- 
selbe höchst angreifende Reise zu machen, kam wohl 
an, ward aber in wenig Tagen von seinen vorigen 
SufTocationszu fällen ergriffen, und erlag diesen in zwei 
Tagen. Die Krankheit des berühmten J. Hunter war 
von ähnlicher , Art, und wir werden im zweiten Theile 
in dem Capitel von den Verknöcherungen im Herzen 
den Zusammenhang der Gicht mit dieser Ausartung 
ausfuhrlicher aus der Erfahrung nachweisen. 

bb. Bemerkungen über einige besondere 
kranke Zustände des Venensystems. 

Ueber das kranke Leben des Venensystems ha- 
ben uns die Pathologen bisher noch wenig Aufschlüsse 
gegeben; ehemals sah man diese Gattung von Gefäfsen 
als die ohnmächtigste an und betrachtete ihr Verhält- 
nis zu dem Kreislauf fast als ein rein mechanisches. 
Allein auch die neuesten Schriftsteller schreiben der- 
selben nur ein geringes Leben in Vergleich mit dem 
Arteriensystem zu, und haben sich über das Verhält- 



— 169 — 

nifs des Venensystems zu dem der Arterien und des 
Herzens in gewissen Krankheiten nicht bestimmt her- 
ausgelassen, vielmehr den Antheil der Venen, obgleich 
ebenfalls lebendiger thätiger Kanäle., an der Hervor- 
rufung gewisser Krankheiten, die offenbar in Mifsver- 
hältnissen des Blutgeiäfssystems überhaupt gegründet 
sind, als einen blos passiven und ihre Thätigkeit als 
absorbirt von der höhern des Arteriensystems ange- 
sehen. Wenn nun aber einer Seits auch das Venen- 
system einen Antheil an Erzeugung gewisser Krank- 
heiten und Leiden des Herzens hat, wie die Erfahrung 
deutlich lehrt, andern Theils aber gewisse Krankhei- 
ten, über welche bisher immer noch sehr unvollstän- 
dige und zum Theil sogar höchst irrige Begriffe in 
den Hauptschriften der Aerzte darüber vorgetragen 
werden, vorzugsweise in einem kranken Zustande des 
Venensystems ihren Grund zu haben scheinen, so er- 
laube ich mir, einige Bemerkungen über das abnorme 
Vitalitätsverhältnifs des Venensystems, als Hauptmoment 
einiger Krankheiten, vorzuglich in Beziehung des Ein- 
flusses dieses Systems auf Krankheiten des Herzens 
iriitzutheilen. 

Ich erinnere zuerst an das, was ich im dritten Ca- 
pitel (S. 96.) von dem kritischen Hämorrhoidalflufs bei 
sonst gesunden und blutreichen Personen gesagt habe. 
Die Aerzte sind meistens der Meinung, die langsame 
und stockende Girculation in der Pfortader, die wir 
so häufig als Grund von langwierigen Krankheiten an- 
erkennen müssen, und was man meistens mit dem un- 
bestimmten Ausdruck Hämorrh oidal- Anlage be- 
zeichnet, sey ein passiver Zustand dieses dem Baue 
nach venösen, der Verrichtung nach arteriösen Systems 
von Blutgefäfsen, und beruhe auf Erschlaffung und 
Schwäche desselben, vermöge deren sich die Gefäfse 
desselben unmäßig ausdehnen lassen und dem eindrin- 



— 170 — 

enden Blute mechanisch nachgeben. Nun betrachten 
sie zwar den nicht selten heilbringenden Hämorrhoide^ 
Hufs als eine kritische Selbsttätigkeit der Natur, .und 
suchen diese selbst zu fördern, allein diese Ansicht 
setzt sie im Vergleich der erstem mit sich selbst in 
Widerspruch; gleichwohl läfst sich nicht annehmen, 
dafs ein solcher Blutflufs ein blos passiver, und end- 
liches Piesultat der zunehmenden mechanischen Ausdeh- 
nung dieser Venen bis an ihre Anfänge sey; denn dann 
könnte es kein kritischer und erleichternder seyn; er 
würde dann auch nicht mit einem Male kommen, noch 
weniger bald und mit Zurücklassung grofser Erleichte- 
rung aufhören, und doch in ziemlich regelmäfsi^en 
Perioden sich erneuern, nachdem ebenfalls Zufälle von 
Blutwallung im allgemeinen vorhergegangen sind. 
Schon diese Umstände führen auf die Idee, dafs Ha- 
morrhoidal- Anlage bei weitem nicht immer als ein pas- 
siver Zustand von Schwäche der Pfortader darf ange- 
sehen werden. Beträchten wir ihn aber noch naher. 
"Was thun wir, um unsern Kyanken dieser Art Hülfe 
zu verschaffen, wenn sie entweder an örtlichen Be- 
schwerden, z. B. Schmerzen am Kreuz oder am Mast- 
darm, oder an Beklemmungen, Brustschmerzen, gestör- 
ter Verdauung, Aengstlichkeit, gedrückter Gemüths- 
stimmung u. s. w. leiden? Unsere Vorfahren, welche 
diesen Zustand plethora abdominalis nannten, liefsen 
dabei Ader, noch jetzt thun dies zuweilen Kranke die- 
ser Art, weil sie von ihrer Jugend auf die beste Er- 
leichterung davon verspürten, und ich habe nicht ge- 
funden, dafs diese Methode besondere nachtheilige Fol- 
gen gehabt hätte, wenn ich sie auch nicht immer für 
die zweckmäfsigste halten möchte; indefs habe ich 
mich überzeugt, dafs unsere Vorfahren chronische Lei- 
den dieser Art besser zu behandeln verstanden, als. 
die Aerzte, welche sich nach dem Brownschen System 



' gebildet haben. Gemeiniglich heilen, wir diese Uebel 
gegenwärtig durch Ansetzung von Blutigeln, durch den 
Gebrauch eröffnender Mittel, besonders des Schwefels 
mit Salzen, und ich habe sehr häufig mich dabei noch 
des Calomels in starken Gaben mit gröfstem Nutzen 
bedient, wenn die Zufälle einer örtlichen Entzündung 

ö 

in den angeschwollenen Venen hervortraten. Wir hei- 
len sie also im Ganzen durch die enuündungs widrige 
Methode. Wirklich müssen wir ja auch bekennen, dafs 
nicht selten die bedeutendste Entzündung in den an- 
geschwollenen Venensäcken am Mastdarm eintritt wel- 
che gar leicht in Eiterung übergeht und Fisteln oder 
Abscesse hinterläfst; das Anschwellen und Auftreten 
der Häute dieser Venen, welche mit der Vermehrung 
ihres Volumens gleichzeitig eintritt, ist doch auch in der 
That nichts weniger, als ein Beweis ihres blos passiven 
nachgebenden Zustandes, sondern vielmehr Beweis von 
einem durchaus abgeänderten Vitalitätsverhältnifs dieser 
Kanäle. Alle diese Erscheinungen deuten demnach auf 
eine Steigerung der Vitalität der Pfortader bei Ha- 
in orrhoidal- Anlage. Aber noch mehr; es giebt einen 
Krankheitszustand, den jeder erfahrne Praktiker leicht 
beobachtet haben wird, welcher dem Hüftweh in den 
Aeufserungen ähnlich ist, und meist mit Verstopfungen 
verbunden; auf diesen folgen gern mehrere Jahre spä- 
ter Verengerungen des Mastdarms *). Es läfst sich 
gar nicht zweifeln, dafs dieser Zustanden einer Ent- 
zündung der obern venösen Gefäfse des Mastdarms 
gegründet sey, die sich, wenn sie nicht erkannt wird, 
in Ausartung der Wände des Mastdarms endigt ; allein 
dieser Zustand wird glücklich geheilt und diese Folge 



») Sehr gut ist dieser Zustand beschrieben worden in Hufeland's 
Journal der prakt. Arzneikunde 33- Band, i S n. x . Stück, 
von Metzler. 



abgewendet durch eine zweckmäfsige Behandlung, wie 
ich sie nur angegeben habe. 

Man könnte mir einwenden, diese Zustände sind 
aber doch meist Folgen einer sitzenden Lebensart, 
wodurch die Gefäfse des Unterleibes geschwächt wer- 
den müssen. Ich antworte: wenn bei dieser Lebensart 
nicht die strengste Diät beobachtet wird, was selten 
oeschieht, so ist gerade Uebermaafs von Blut die noth- 
wendigste Folge derselben in sonst gesunden Körpern, 
und die Hämorrhoidal-Anlage bildet sich hier aus, eben 
' so wie dies in blutreichen jungen Personen zuweilen 
sehr zeitig geschieht, bei der thätigsten Lebensart, 
durch Ueberwältigung dieses Venensystems von Seiten 
des stärkern Arteriensystems. Allein die Pfortader 
bleibt darum in beiden Fällen nicht unthfitig und ge- 
lähmt, sondern es tritt nun in ihr periodisch eine er- 
höhte Stimmung ein, wovon theils örtliche, theils con- 
sensuelle Beschwerden entstehen, und man wird die 
letztern als Resultat einer thätigen Opposition oder ei- 
nes Antagonismus gegen das arteriöse System ansehen 
müssen. Dies ist denn die Seite, vermittelst welcher 
dieser Venenzustand mit den Krankheiten des Herzens 
und ihrer Erzeugung in Berührung tritt. Ich sehe 
mich nämlich genöthigt anzunehmen, die Vitalität des 
Venensystems und besonders der Pfortader, könne in 
dem Grade gesteigert werden, dafs sie über das Leben 
der Arterien und des Herzens vorwalte, und dafs dar- 
aus ein Mifsverhähnifs zum Nachtheil des Herzens 
selbst entstehen kann. Es wird von dem Venensystem 
aus derselbe EinHufs auf das Herz Statt finden, wel- 
chen ich von den Enden der Arterien und den Orga- 
nen, in welchen sich das Arteriensystem endet, oben 
schon (S. ioo-io3.) dargethan habe. Aus diesen Betrach- 
tungen ergiebt sich, warum als Folge des Hämorrho- 
idalzustandes so sehr oft deutlich umgränzte Schmerze* 



■f 173 ~ 

an einzelnen Stellen der Brust, besonders in der Herz- 
gegend entstehen, und meistentheils sehr hartnäckig 
sind; warum dergleichen Kranke oft sehr grofse Krank- 
heitsgefühle in ihrer Brust klagen, und warum Herz- 
kranke bei Statt findender Härnorrhoidal- Anlage perio- 
disch und in Verhältnis der periodischen Umläufe der- 
selben mehr leiden. Ueberhaupt ist wohl aus allen 
bisher vorgetragenen Erscheinungen zu schliefsen, — 
dafs, wo einmal eine kranke Stimmung des Blutgefäfs- 
system's Statt findet, diese sich dann nicht allein auf 
ein System, das arteriöse oder venöse einschränkt, son- 
dern dafs dieselbe alsdann in beiden abwechselt, — 
dafs sie allerdings zunächst auf das schwächere Venen- 
system übergewälzt werden mag, — dafs aber auch 
dieses sich abwechselnd wiederum über das arteriöse 
zu erheben und so die Wirkungen seines Ueberge- 
wichts auf dieses zurückzuwälzen vermag, — dafs, wenn 
durch die Endigungen der Pforfcader oftmals ein kriti- 
scher Blutflufs eintritt, dies gerade das Resultat der 
Steigerung ihres Lebens seyn müsse, vermöge 
weicher sie gleichsam zur Arterie erhöht wird, 
und dem zu Folge auch das in ihr enthaltene Blut mit 
verstärkter Kraft von den gröfsern Aesten nach den 
kleinern und kleinsten Zweigen treibt, und so einen, 
ac&iven Blutflufs herbeiführt* 

Anders verhält es sich aber darum mit den blei- 
benden Aderkröpfen in den verschiedenen Theilen der 
Pfortader und namentlich auch am Mastdarm; diese 
sind als organische Ausartungen anzusehen; eben so 
wird durch grofse Fehler der Eingeweide des Unter- 
leibes der RückHufs des Bluts durch die Pfortader me- 
chanisch gehemmt und so diese Ader nach und nach 
geschwächt werden müssen. Im ersten Falle werden 
jene Fehler wie örtliche Fehler überhaupt wirken und 
kaum auf das Herz einen nahmhaften Einflufs äufsern 



— 174 — 

können, im andern aber ist die Stockung des Bluts ia 
der Pfortader Symptom einer andern Krankheit, näm- 
lich der des leidenden Eingeweides, z. B. der Leber, 
und auch in diesem Falle wird ihr Leiden keinen an- 
dern, als einen mechanisch hemmenden Einflufs, und 
zwar nur einen entfernten auf das Herz haben kön- 
nen wie ich ebenfalls schon früher erörtert habe -'). 
Eine andere Familie von Krankheiten, deren Haupt- 
moment in einem abnormen Vitalitätsiustande des 
Venensystems gegründet zu seyn scheint, machen die- 
jenigen aus, welche wesentlich mit Aussen wi'tzimgen 
des Bluts in der Haut verbunden sind, welche uns un- 
ter der Form von Striemen, Blut unter] aufungen von 
unregelmäfsiger Art, von Petechien und von Flecken 



*) Ich glaube in diesen und in den frühern Capiteln die Art 
des Einflusses, welche Krankheiten anderer Organe auf Bil- 
dung von Herzkrankheiten haben können, hinlänglich gewür- 
digt und auf eine unsern gegenwärtigen Kenntnissen des Or- 
ganismus angemessene Weise entwickelt zu haben. Ich mufs 
hier zum Schlufs noch zwei Bemerkungen hinzufugen ; die 
eine betrifft die un gepaarte Ader, welcher Testa eine 
wichtige Rolle bei Herzkrankheiten überträgt (S. 56. a. a. 0.)» 
er fand sie nämlich bei Herzkrankheiten fast immer sehr aus- 
gedehnt und mit Blut überladen, und die äufsere Haut dersel- 
ben entzündet ; ferner fand er sie bei Verwachsungen der Lan- 
gen mit dem Lungenfell bis zur Stärke der aufsteigenden 
Hohlader ausgedehnt und ihre Häute höchst dünn; er glaubt 
sie sey bestimmt das Blut aufzunehmen, was nicht gehörig in 
die Hohlvene eindringen könne und durch ihre Verbindungen 
mit andern Venen das Herz Tor Ueberladungen zu schützen — 
-also wirklich einen Rückfluß» des Bluts nach den Aesten setzt 
er als normal in ihr voraus. — l m Grunde hat er aber da- 
mit gar nicht dargethan, dafs diese Vene auf die Bildung von 
Fehlern des Herzens irgend einen Einflufs hätte, sondern nur 
Erscheinungen an ihr entdeckr, welche gleichzeitig mit Fehlern 
am Herzen vorkommen. Lancisi, welcher dieselbe seiner 
Aufmerksamkeit würdigte, entdeckte ihren Aniheil an Lungen- 
krankhe.ten (epistola de veno, sine pari in Morgagni ad- 
versar. anatom. L. K. p. 70.; dem Bluthusten und der Pleu- 
res.e aus ähnhehen Erscheinungen, und räth deshalb Blut- 
entz.ehungen aus derselben durch Schröpfköpfe oder Laiizet- 



iO 



erscheinen. Diese Krankheiten kennen wir unter den 
Namen des Scorbutes, des Petechialfiebers und der 
Fleckkrankheit (;;,orbus mamlosus Werlhofii). Mir 
scheint ?s, wir kennen das Wesen dieser drei verschie- 
denen Krankheiten noch immer sehr wenig. Alle drei 
haben die Erscheinungen mit einander gemein, dafs 
Blut aus den Gefäßen unter die Haut ausschwitzt, dafs 
bei denselben grofse Neigung zu Blutungen Statt' fin- 
det, und dafs die Kranken sich bei denselben sehr er- 
mattet fühlen. Die erste unterscheidet sich aber schon 
durch die Fieberform und durch die grofse und schnelle 
Gefahr, welche sie mit sich führt: gemeiniglich, je- 
doch wohl durchaus nicht immer, wird sie 
auch durch Ansteckung erzeugt und fortgepflanzt; al- 



tenstiche in den Zwischenräumen der Rippen zu bewerkstelli- 
gen 5 dies ist gewifs ganz zweckmäfsig; allein das Leiden die- 
ser Vene scheint bei beiderlei Krankheiten mehr Folge al* 
ursachliches Moment zu seyn. Die zweite Bemerkung 
betrifft den Einflufs , den Test a den Krankheiten der Organe 
der Brust und des Unterleibes auf die Herzkrankheiten zu- 
schreibt. Sehr richtig ist es, wenn er sagt, dafs ton beiden 
oft Zufälle erregt werdeu, welche unter der Maske einer 
Herzkrankheit täuschen können, z. ß. Herzklopfen oder Klopfen 
in der Magengegend ; aliein, ob er gleich von den Fehlern 
dieser Organe, als Veranlassungen zu Krankheiten des Herzens 
in einzelnen Capiteln gehandelt hat», so begreift man doch au» 
seiner Darstellung selten den Zusammenhang derselben mit 
Herzübeln. Z. B um den Einllufs des Asthma auf Herzkrank- 
heiten zu erläutern, erzählt er einen an sich sehr interessan- 
ten Fall eLner Blausucht von ihr^n gewöhnlichen Ursachen 
entsprungen, wie die Section zeigte, nämlich von Offenseyn 
des eirunden Loches und Erweiterung des rechten Herzens, 
wobei der Brustkasten unregelmäßig gebaut und die Leber 
»ergröfsert war. Hier war doch die Engbrüstigkeit schon 
Symptom der Herzkrankheit, und gleichwohl soll der Bau des 
Brustkastens den Hauptgrund der ganzen Krankheit ausgemacht 
haben. Zwei andere hier erzrahlte Fälle betreffen Engbrüstig- 
keit, die aus dem Unterleibe kamen und durch Abführmittel 
gehellt wurden, also gar keine Beziehung auf Herzkrankheiten 
hatten. So ist dies denn auch der Fall mit den Krankenge- 
schichten und Bemerkungen, welche den Eiuiluls der Unter- 



— i 7 G — 

lein von den beiden erstem nahm man sonst eine Ver- 
dünnung, Auflösung des Bluts, eine Geneigtheit zur 
Fäulnifs in demselben als Hauptgrund an; die dritte 
Ist erst durch Werlhof, besser bekannt worden. Es 
würde- mich viel zu weit führen, wenn ich mich be- 
mühen wollte, über das Wesen dieser Krankheiten 
tiefere Untersuchungen anzustellen, wozu hier der Ort 
nicht ist. Nur in so fern, als sie Krankheiten sind, 
die im Blutsystem ihren Sitz zu haben scheinen, sind 
sie mir hier merkwürdig, indem die Krankheiten dieses 

Systems 



leibskrankheiten auf Herzkrankheiten darthun sollen. Z. B. 
er glaubt beobachtet zu haben, dafs auf Unterleibsbeschwerden 
Erweiterung des Herzens erfolgt sey , meint aber gleichwohl, 
dafs in diesem Falle wohl .schon früher eine Schlaffheit des 
Herzens da gewesen -seyn möge, (er hebt folglich seine erste 
Behauptung wieder auf.) — Ferner er meint, Milzvergröfse- 
rung mache Brustzufälle, und erzählt einen Fall dieser Art, 
wo der Tod innerhalb 4 Tagen nach schnell entstandenem 
Husten und Blutauswurf, beschwertem Athem. Blutungen aus 
Mund und After erfolgte; man fand ina Leichnam die Venen 
des Unterleibes sehr erweitert, die Milz verhärtet und sehr 
grofs, (die Venen - Erweiterung war hier gewifs Folge, wie ich 
im Text nur erörtert habe) das rechte Herz um das Dop- 
pelte erweitert. Auch dieser Fall ist gar nichts erweisend. 
Gewifs hatte der Kranke schon lange seine Herzkrankheit voj 
dem Ausbruche des letzten Sturmes, denn er litt schon früher 
an Husten und Rauheit der Stimme; indefs kann die ver- 
gröfsertö Milz allerdings als mechanisches Moment hier zur 
Erweiterung des Herzens mitgewirkt haben. Die Leber will 
er als Ursache von Herzkrankheiten anerkannt wissen, wenn 
sie vergröfsert sey, denn sie mache dann Engbrüstigkeit und 
überhaupt Brustkrankheiten; aber ihre Vergröfserung sey nii^u 
Folge von Herzkrankheiten, gegen iCorvisart's Meinung, 
denn er habe sie bei angebornen Herzübeln und bei solchen, 
die nicht lange gedauert hätten, nicht gröfser als gewöhnlich, 
und umgekehrt verkleinert gefunden bei Herzkrankheiten, wel- 
che lange gedauert hätten. Ueber das letztere Verhältnifs 
werden wir unten mehr sagen. Ich theile hier diese Bemer- 
kungen nur mit, diu den Leser auf gewisse Dunkelheiten und 
Vermengung verschiedenartiger Begriffe aufmerksam zu ma- 
chen, auf welche man in der sonst an so vielen vortrefflichen 
Bemerkungen reichen Schrift stöfst. 



— i 7 7 — 

Systems mit denen des Herzens in der nächsten Be- 
ziehung stehen, und die genannten mir noch einer 
grofsen Untersuchung zu bedürfen scheinen. Meine 
Absicht ist blos zu zeigen, dafs man sehr irre, wenn 
man das Hauptmoment derselben in die Auflösung des 
Bluts und in eine grofse Schwächung des ganzen Kör- 
pers setzen will, und dafs man sie vielmehr als Folgen 
eines eignen Vitalitätsverhältnisses der Venen anzu- 
sehen berechtigt sey. Dafs keine eigentliche chemische 
Auflösung oder Neigung des Bluts zur Fäulnifs dabei 
Statt finde, kann man schon daraus abnehmen, dafs 
bei der Fleckkrankheit ohne Fieber nicht der geringste 
Umstand Statt findet, der einen solchen Verdacht er- 
wecken könnte; ferner dafs bei dem Petechialfieber, 
der Anfang der Krankheit, (denn mit diesem erscheinen 
oft schon Petechien) mehr oder weniger entzündlich 
ist., und dafs bei denselben gar wohl Aderlässe mit 
gröfstem Nutzen Statt finden können, wie Peter 
Frank sehr gut gezeigt hat; was aber den Scorbut 
anlangt, so kenne ich denselben nicht aus eigner Er- 
fährung, allein ich kenne ein chronisches Uebel am 
Zahnfleische, was man meist scorbutisch nennt, weil 
es in einem periodischen Auftreten des Zahnfleisches 
mit Schmerz besteht, und mit grofser Neigung zu Blu- 
tungen sowohl, als zur Zersetzung desselben verbunden 
ist; von diesem weifs ich aus vielfacher Erfahrung, dafs 
es mit kranken Zuständen der Pfortader zusammen- 
hängt, und auf keine andre Behandlung als eine solche 
weicht, welche dieser Ansicht entspricht, dann aber 
auch sicher. Ich habe daran Personen geheilt, welche 
eine lange Reihe von Jahren gelitten, und vergeblich 
alle Arten von stärkenden Mundmitteln gebraucht 
hatten. 

Dafs bei diesen Uebeln der Fehler nicht in dem 
arteriösen System liege, läfst sich wohl aus der Ab- 
l [ « 3 



' — i?8 — 

Wesenheit aller Erscheinungen abnehmen, welche sonst 
ein Leiden der Arterien begleiten, und es ist auch wohl 
von Niemand behauptet worden; hingegen deuten viele 
Erscheinungen auf ein Leidendes Venensystems. Das 
theils unter der Haut stockende, theils durch Mund 
und Nase ausfliefsende Blut hat eine dunkle Farbe, 
und seine Gerinnbarkeit ist vermindert ; es erweist sich 
als venöses Blut; dafs Ausfiiefsen geschieht ohne alle 
Veränderung der Thätigkeit des Arteriensystems; es 
quillt zwar in starker Menge, z. B, aus Mund und Nase 
hervor, aber doch immer tropfenweise auf einmal und 
nicht in Strömungen. Dafs die Pfortader bei jenem 
den scorbutischen ähnlichen Zufalle ergriffen sey, 
habe ich so eben gesagt, und kann die Erscheinungen 
am Zahnfleische für nichts anders als für eine langsame 
Entzündung nehmen, welche endlich Zerstörung dieses 
lockern Gebildes zur Folge hat. Was aber die Fleck< 
krankheit anlangt, so kenne ich sie aus ziemlich viel- 
facher Beobachtung in sehr verschiedenartigen Subjec- 
ten und habe immer gefunden, dafs sie ganz von ei- 
nem eignen kranken Zustande der Pfortader abhängt. 
Ich erinnere mich so eben vier ausgezeichneter Fälle 
derselben, die dies beweisen; in dem einen war ein 
blinder armer Knabe von 9 Jahren, in dem" andern ein 
jwiges starkes Bauermädchen von iß Jahren, bei wel- 
cher sich die Regeln noch nicht gehörig eingerichtet 
hatten, in dem dritten eine .70jährige noch rüstige 
Frau, im vierten ein junger Herr von 22 Jahren und 
von gesunder doch zarter Constitution das Subject 
i der Krankheit. In allen vieren ward die Krankheit 
glücklich binnen vierzehn Tagen geheilt und zwar ganz 
allein durch eine fortgesetzte eröffnende Wirkung auf 
den Darmkanal. Der letzte Fall war besonders merk- 
würdig; die Krankheit war entstanden, indem der junge 
Mann als Offizier bei dem Festungsbau von Modlin in 



— 179 — • 

Polen den sehr heifsen Sommer im Jahre igu über 
in Baracken hatte zubringen müssen; sein Arzt hatte 
ihn als einen scorbutischen 6 Wochen lang mit vegeta- 
bilischen Säuren behandelt ; die Krankheit war aber 
immer gestiegen; ich sah den Kranken in Warschau 
höchst ermattet, abgemagert und bleich, er verlor täg- 
lich mehr als ein Pfund ^Blut aus Mund und Nase, und 
die ganze Oberfläche der Haut war mit Striemen und 
runden Flecken besäet; drei Loth Weinsteinrahm so- 
gleich gegeben, machten kaum eine Leib es Öffnung und 
der Zustand blieb sich gleich; den folgenden Tag liefs 
ich ihm eine starke Abkochung von Sennesblättern mit 
Salzen in getheilten Gaben nehmen, worauf reichliche 
Stuhle folgten und der Blutflufs kam nun schon in sel- 
tenern Zwischenräumen, etwa 3 mal den Tag über, 
aber immer noch stark, wieder. Dieser jun^e Mann 
hatte in acht Tagen, bei Fortsetzung dieser Methode, 
wobei er täglich drei bis vier Oeffnungen bekam, gar 
keine Spur von Blutung mehr; die Haut entfärbte sich 
täglich etwas mehr, jedoch langsam, und man sah nach 
14 Tagen noch Spuren davon ; allein Appetit und Ver- 
dauung erwachten; ja der Kranke war im Stande i,\ 
Tage nach angefangener Kur wieder auszugehen und 
erholte sich ziemlich schnell in Verhällnifs der ganz 
Ungeheuern Menge Blutes, welches er innerhalb 6 Wo-t 
chen verloren hatte; ich hatte die Freude ihn im Som* 
xner 18 15 in Dresden im Dienst als Offizier zu sehen, 
und hörte von ihm mit Verwunderung, dafs er sogleich 
nach jener Kur mit in die Campagne nach Rußland 
gezogen und sogar von Moskau gesund zurückgekom- 
men war. 

Das Petechialfieber, was mit dem Kerker-Lazareth- 
Eieber einerlei ist, und sehr unschicklich in neuern 
Zeiten oft Nervenfieber genannt wird, ist eine Krank- 
heit, die wir in den gegenwärtigen Zeiten, leider! nur 



— i8<> — 

zu gut kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, 
welche uns aber unsre Vorfahren, z. B. Hasenörl, Stoll, 
Strak Borsieri und mehrere andere italienische Aerzte, 
%. B. Cera und Rasori schon vortrefflich geschil* 
dert hatten, neuerlichst aber von Hildenbrand, Hart, 
mann und Marcus: Sie hat mehr oder weniger eine ent- 
zündliche Seite vom Anfange und erfodert vorzuglich 
im Anfange sehr häufig den Gebrauch kühlender Ab- 
führmittel. Ich kann mich aber weder über diese 
Krankheit, noch über den Scorbut selbst tiefer einlas- 
sen, und glaubte nur die Aerzte auf den eignen Zu- 
stand des Venensystems bei derselben aufmerksam ma- 
chen zu müssen, der wohl einer tiefern Untersuchung 
würdig wäre. 

In Hinsicht der Beziehung dieser Uebel aber, be- 
sonders des Scorbuts, zu den Herzkrankheiten, ver- 
weise ich auf Lind 's*) klassisches Werk^ welcher das 
Herz bei den daran Verstorbenen weifs, welk und 
mürbe, in einigen Fällen, wo grofse Beklemmung dabei 
war und schnell tödtete, den Herzbeutel mit dem 
Zwergfell und Rippenfell in einen Klumpen verwach- 
sen, und nach plötzlichen Todesfällen ohne deutliche 
Ursache die Herzohren ungeheuer erweitert fand ; also 
offenbar in einem Zustande, welcher eine vorhergegan- 
gene schleichende Entzündung des Herzbeutels und als 
deren Folge, Verwachsung desselben mit den von aufsen 



*) Vom Scorbut. Aus dem Engl, übersetzt tosi J. N. Pexoltb 
Riga 1775- Seite 39t u. folg. 

Gewifs ist auch die Ansicht interessant, welche Marcus 
mehret n Krankheiten der Unterleibsorgane abgewonnen bat, 
indem er sie zu den Entzündungen rechnet, z B. das Blut- 
brechen als Entzündung der Milz. Als eine venöse Entzün- 
dung, in dem Ton mir angegebenen Sinne, ist sie wohl meist 
anzunehmen. Ueberhaupt sind in seiner Schrift über die Ent- 
zündungen mehrere Ideen ausgesprochen» welche in Hinsich.* 
der Venen Beherzigung verdienen. 



— 181 — 

daran stoßenden Theilen, zugleich aber auch vermin- 
derte Ernährung der Substanz des Herzens und Ver- 
dünnung seiner Wände andeutete. , 

Ich habe in dieser letzten Abtheilung sowohl alt 
früher, wo ich von den Mifs Verhältnissen der Kräfte 
des Herzens und des Gefäfssystems sprach, den Ein- 
flufs der Venen auf das Herz mehr von Seiten der 
kranken Vitalität der letztern, als in Hinsicht des in 
ihnen enthaltenen Bluts und dessen abnormen Mischung 
betrachtet. Wollte man mir darüber einen Vorwurf 
machen, so ist meine Entschuldigung leicht, aber durch- 
greifend. Ich kenne nämlich die Art der Entmischung 
des Bluts in diesen Krankheiten nicht und folglich noch 
weniger den Einflufs, den dieselbe auf die Ernährung 
des Herzens oder Afterbildungen in ihm haben kann, 
Wenn nun die Aerzte früherhin Schärfen der Säfte im 
allgemeinen, z. B. selbst Portal noch, als Ursachen von 
Herzkrankheiten angeben, ohne diese Meinung auf ir- 
gend eine Weise zu begründen und ich folglich nicht 
diesen alten Kohl wieder aufkochen konnte, so glaubte 
ich etwas Nützliches zu thun, wenn ich auf den An- 
theil, welchen die abnormen Vitalitätsverhältnisse der 
Venen an einigen Krankheiten haben, deren Wesen 
die altern Aerzte und zum Theil noch die neuern in 
eine Entmischung des Bluts zu einseitig setzten, bei 
dieser Gelegenheit aufmerksam zu machen suchte, um, 
so mehr, da die Pathologie der Herzkrankheiten eine 
richtige Ansicht aller abnormen Zustände des Blutge- 
fäfssystems noth wendig voraussetzt, 

c) Krankheiten der Assimilation, welche 
ihren Sitz in dem lymphatischen System 

haben. 

Ich zähle hieher die Scropheln und den Zweiwucbsy 
und bin der Meinung, dafs beide nur Mödihcatioaen 



eines und , desselben Zustandes, und der Zweiwuchs 
eil höherer Grad der Scrophelnkrankheit ist. Beide 
sind Krankheiten des Lymphensystems und in beiden 
finde 1 : eine fehlerhafte Mischung des Nahrungsstoffes 
Statt. Bei dem Zweiwuchs waltet vorzüglich innormale 
Ernährung der Knochen vor, es scheint an Knochen- 
stoff zu fehlen, oder er mufs durch vorwaltende Be- 
standteile, vielleicht Sauerstoff, gebunden seyn, dafs 
er sich nicht, mit Phosphorsäure gesättigt, dem Zweck 
des Organismus gemäfs, aus dem Blute scheidet und 
in fester Form an der noch weichen Knochenfaser an- 
schliefst; oder die kranke Stimmung der lymphatischen 
GefäCse? macht, dafs sie andre Bestandteile als solche, 
Welche von der geschehenen Präcipitation der Ernäh- 
rungsstoffe an die festen Theile übrig bleiben, zurück- 
saugen ; vielleicht auch beides. Gewifs ilt aber, dafs 
bei den Scro^pheln die thierischen Feuchtigkeiten nicht 
vollkommen ausgearbeitet werden können und dafs in- 
normale Ernährung aller Theile wesentliche Folge der- 
selben ist. Dafs Verstimmung dieses Systems und folg- 
lich abnorme Vitalität desselben, einen äufserst wichti- 
gen EinHufs auf das Geschäft der Ernährung habe, sieht 
man aber auch aus Krankheiten in erwachsenen Kör- 
pern, in welchen Knochen wiederum erweicht und Mus- 
keln in eine speckartige Masse verwandelt werden. Es 
geschieht dieses immer unter Umständen, wo das Lym- 
phensystem entweder von Kindheit auf krank gewesen 
ist, oder wo im Verlauf des Lebens durch specifike 
Einwirkungen ein vorwaltendes Leiden in demselben ent- 
wickelt worden ist, vorzüglich nach "langwierigen sy- 
philitischen liebeln und einem langen und starken Ge- 
brauche des Quecksilbers, wenn Übrigens keine Spur 
der ursprünglichen Krankheit übrig war. 

Von dieser, Seite nun haben wir hier die Krank- 
heiten des Lymphemystems zu betrachten, weil auch 



— i83 — 

irrt Herzen besondere Ausartungen derSubstanz vorkom- 
men, welche wir in andern Theilen zufolge scrophulöser 
Uebel entstehen sehen. Wir müssen uns auch um des- 
willen dabei verweilen, weil neuerlich Testa der Rha- 
chitis eine sehr wichtige Rolle bei der Erzeugung 
der Herzkrankheiten zugetheilt hat*), und wollen zu- 
erst von des letzter« Meinung sprechen. t Sein Zweck 
ist eigentlich zu zeigen, dafs die rhachitische Anlage 
Krankheiten des Herzens begünstige und zwar einmal 
dadurch, dafs sie eine Entsellung des Brustkastens zur 
Folge habe, dann aber auch in so fern bei der Rha- 
chitis die Venen wegen Trägheit des Kreislaufs mit 
Blut überladen würden. Die Folge dieser Ueberladung 
sey, dafs das in übergrolser Menge in das rechte Herz- 
ohr andringende Blut genötbigt würde, sich einen Weg 
durch das noch nicht ganz geschlossene eirunde Loch 
nach dem linken Herzohr zu bahnen. Diese letzte Art, das 
Offenbleiben des eirunden Lochs zu erklären, ist schon 
an sich gezwungen und ängstlich genug; allein die Fälle, 
die er nun erzahlt, um jene Meinung zu erweisen, sind 
von der Art, dafs man bald gewahr wird, er kenne die 
Folgen des Offeribleibens dieses Lochs nicht genau; 
tlenn er folgert aus den angeführten Fällen blos, dafs 
dieser Zustand ein kränkliches Leben begründe; und 
fast könnte es das Ansehn gewinnen, als ob Testa so- 
gar die Meinung hege, dafs aus dem Offenbleiben des 
eirunden Loches die Rhachitis selbst ihren Ursprung 
nehme, wie der gelehrte Ueberselzer ihn auch ver- 
standen hat; denn in einer Note widerlegt er diese 
Meinung dadurch, dafs beide Uebel bei weitem nicht 
immer beisammen angetroffen werden. Dies konnte 
aber Testa's Meinung nicht seyn, denn dann stünde er 



*) Am angef. Ort, Seite 47. 



— i84 — 

mit sich selbst im Widerspruch; auf der andern Seite 
aber ist es wahr, dafs die von ihm zur Erläuterung 
g^tfebenen Krankheitsfälle gewöhnliche Fälle von Blau« 
sucht sind, deren Ursachen angeboren waren; denn 
die Zufälle derselben entwickelten sich bald nach der 
Geburt; fast ist man daher genöthigt anzunehmen, der 
Verfasser sey mit der unter dem Namen Blausucht be- 
kannten Krankheit und ihren Ursachen noch nicht ge- 
hörig vertraut gewesen, und habe die Folgen dersel- 
ben irrig als Folgen der Rbachitis angesehen. Daher 
ergiebt sich auch der Grund, warum er das Offenb'ei- 
ben des eirunden Lochs auf eine in c]^r That sehr 
ängstliche und gezwungene Art erst aus den Folgen 
der Rhachitis zu erklären sucht, welches aufserdem 
nicht einmal einen Zweck haben würde. In dieser 
Hinsicht wären demnach seine Beispiele für den zu 
beweisenden Satz ohne Wirksamkeit; übrigens ist es 
richtig, dafs Verkrümmung des Rückgrates mechani- 
sche Verschiebung des Herzen r}nd der Aorta begün- 
stigt; nur dafs der von ihm angeführte, übrigens inter- 
essante Fall eines jungen Mannes von zartem und 
schlanken Bau, aber enger Brust, der früher scro- 
phulös war, später an Engbrüstigkeit, Blut und Eiter- 
auswurf litt und an Abzehrung starb, bei welchem man 
nach dem Tode verhärtete Leber und Lungen, das ei- 
runde Loch offen, ein Geschwür im Bogen der 
etwas verengerten Aorta an ihren innern Häuten fand 
— wiederum nicht beweifst, dafs Krümmung des Rück- 
grates im Spiele war, sondern dafs neben den Scro- 
pheln ein angeborner Fehler des Herzens Statt fand. 

Weit wichtiger wäre es gewesen, wenn Tesla an 
dem reichen Schatz seiner Beobachtungen erwiesen hätte 
dafs Scroplieln und Rhachitis, als Krankheiten der As 
simiiation auf die Metamorphose des Herzens eine; 
wichtigen Einfluls haben. Mit diesem letztern Zustande 



— *85 — 

der Ausartung der Muskelsubstanz des Herzens In eine 
Art von Speck oder Wallrath, müssen wir uns daher 
noch beschäftigen. Beobachtungen solcher Umwand- 
lungen der Muskelsubstanz in eine dem Fett oder 
Wallrath ähnliche Masse, sind nicht selten gemacht wor- 
den; es geschieht sogar unter günstigen Umständen in 
Leichnamen, und legt man Muskelfleisch lange in Was- 
ser, so fühlt es sich fettig an;, da das Muskelfleisch 
unter allen thierischen Stoffen den meisten Gehalt an 
Sauerstoff zu besitzen scheint, indem es sogar die Lack- 
mustinktur röthet und die Erscheinungen des Galva- 
nismus dasselbe wahrscheinlich machen; da das Fett 
aber aus Kohlenstoff in Verbindung mit Wasserstoff 
besteht, so mufs diese Metamorphose wohl durch Ent- 
ziehung von Sauerstoff und gröfsern Zutritt von Was-» 
serstoff in die Basis des Muskeln 1 eisch es bewirkt wert- 
den; wir wollen uns jedoch in keine chemische Er- 
klärung einlassen, welche um so weniger an ihrem 
Orte wäre, da das im lebendigen Körper so veränderte 
Muskelfleisch doch wohl vom Fette noch verschieden 
seyn möchte und so viel mir bekannt ist, besondre 
chemische Untersuchungen noch nicht damit angestellt 
worden sind. 

Fälle von Verwandlung des Muskelfleisches in 
Speckmasse sind von verschiedenen Schriftstellern be- 
schrieben worden, unter andern von Vicq d'Azyr *); 
er fand beinahe alle Muskeln des linken Schenkels 
ganz und gar in Fett verwandelt, so dafs man kaum 
eine Spur von ihnen entdeckte, Wenn man sie an den 
Stellen suchte, die sie eigentlich einnehmen sollten; 
allein eben so merkwürdig ist dabei, dafs er einen all- 



\ 

•) Von Corvisart wieder beschrieben S. ig5 am angef. O. 
Schollhammer de morbis fibrae museularis, Ualae. 1799/ 
bandele Ton diesem Gegenstande ausführlich! 



■ — 186 — 

mähligen Uebergang der Muskelfaser in die zellichte 
Faser wahrnehmen konnte, die sich endlich z. ß. bei 
dem Schneidermuskel so mit dem Fette, was 'las ( Knie 
umgiebt, vermengte, dafs mfn beide nicht mehr unter- 
scheiden konnte ; das Fett war aber mein etwa blos 
in die Blätter des Zellgewebes eingedrungen, sondern 
in die Elemente der Fasern selbst. 

Corvisart hat selbst diese Umwandlung an der 
Herzsubstanz nicht beobachtet und T es ta spricht auch 
nicht davon. Mekel der dritte*) fuhrt einen von 
Weitbrecht in den Schriften der Petersburger Aca- 
demie beschriebenen und von Senak**) wieder er» 
zählten Fall an; allein bei genauer Ansicht desselben 
ereiebt es sich sogleich, dafs in demselben blos von 
dichten Schichten einer lymphatischen Ausschwitzung 
auf der Oberfläche des Herzens die Rede ist. 

Um so mehr fühle ich mich verpflichtet, zwei Fälle 
dieser Art mitzutheilen, die ich selbst beobachtet habe; 
der eine betrifft das Herz selbst; ich beobachtete ihn 
bei einer jungen Dame, wo er ohnstreitig Folge einer 
scrophulösen Anlage war; sie starb an einer Entzün- 
dung des Herzens, die sich ohnstreitig zu Folge dieses 
Fehlers etablirt hatte, so wie Entzündungen überhaupt 
sich äufserst leicht zu mehrern der organischen Fehler 
des Herzens gesellen und sie dadurch schnell tödlich 
machen. Ich werde- denselben zu Ende des J/Verks 
mit andern Fällen mittheilen. Der zweite Fall aber 
betraf den gröfsten Theil der Haut des ganzen Kör- 
pers und dann zuletzt die Muskeln des rechten Unter- 
schenkels. Diesen will ich kürzlich mittheilen. Ein 
junger Herr von 32 Jahren hatte eine venerische Am- 
me gehabt,- war in der ersten Kindheit durch sie an- 



*J de Cordts formis abnorm, paff. 77. §. 83« 
**J l. c. T. IL Libr. IV. Chap.'lX. §. a- 



— i87 — 

gesteckt, zwar geheilt worden, aber immer schwächlich 
geblieben; besonders hatte die gemeinschaftliche Haut 
eine bedeutende Ausartung erfahren; es hatten sich 
nämlich an allen Gegenden des Körpers in derselben 
halbkugelförmige Erhöhungen von dem Durchmesser 
einer Erbse bis zu dem eines halben ja ganzen Zolles 
gebildet, die wie Speckgeschwüllste anzufühlen waren; 
die Gesundheit desselben war dabei wohl zart geblie- 
ben, doch hatte er ohne besondre Unfälle bis zum 
3isten Jahre gelebt; jetzt brauchte er die Kur von 
Carlsbad, mehr als eine Vorbauungskur, als dafs er 
krank gewesen wäre; nur der Umstand, dafs er beim 
Gehen einigen Schmerz in dem rechten Fufse nach 
dem Gelenk zu einige Zeit lang gespürt hatte, hatte 
ihn und seinen Arzt darauf geleitet, dafs dieser Schmerz 
ein Vorbote und Anfang der Gicht seyn könne. Al- 
lein dieser Schmerz hatte sich unter dem Gebrauch 
der Bäder und des innern Gebrauchs der Carlsbader 
Quellen vermehrt. So suchte derselbe meinen Rath 
im Spätherbst 1804. Ich konnte anfangs durchaus keine 
Spur eines besondern innern Vorgangs im Fufse wahr- 
nehmen, doch sagte er mir, dafs einige von den Balg- 
geschwüllsten in der Mitte des Fufses sich bedeutend 
vergröfsert hätten; dieselben schmerzteu indefs gar 
nicht, sondern der Kranke empfand in der Tiefe des 
Fufses und gleichsam nach den Knochen hin einigen 
Schmerz, der ihm das Gehen sehr schwer machte und 
auch des Nachts den Schlaf hinderte. Ungewiß, wie 
diesem Zustande beizukommen seyn möchte, setzte 
ich den Kranken auf eine gelinde Kur, welche den 
Zweck hatte, sein Drusensystem aufzuschliefsen und 
der Gichtanlage Einhalt zu.thun; allein die Schmerzen 
nahmen immer. mehr zu; gleichzeitig wuchsen die bei 
den gröfsten ßalggeschwülste und gingen endlich auf, 
ohne im geringsten zu schmerzen; sie enthielten eine 



— 188 —' . 

speckartige Masse; ich hoffte, sie wurden sich auf- 
zehren, und wir würden auf darunter liegende gesunde 
Muskeln stofsen; allein es fand sich, dafs dem nicht 
so war , sondern dafs dieselbe Speckmasse auch alle 
Piäume eingenommen hatte, welche den Muskeln ge- 
hörten, und dafs diese beinahe ganz verschwunden 
waren; es fand sich sogar Knochenfrafs an dem Schien- 
und Wadenbein,- deren Zwischenraum von dieser 
Speckmasse angefüllt war; der Kranke starb endlich 
im Julius i8o5 an den Folgen der Entkräftung, Ich 
untersuchte nach dem Tode mehrere solche Balgge- 
schwülste, fand aber nicht, dafs die Ausartung sonst 
in die Muskelsubttanz weiter eingedrungen gewesen 
wäre; nur am linken Unterschenkel konnte man den 
Anfang eines Uebergangs wahrnehmen; am rechten 
aber gieng die Metamorphose aufwärts nach den 
Wademuskeln und verlor sich in diesen allmählig, so 
dafs ein Ueb ergang in zellichte Bildung und dann in 
rothe Muskelsubstanz bemerkt werden konnte; nach 
unten zu und bis in das Fufsgelenk waren aber alle 
Sehnen und Muskeln in diese Speckmasse verwandelt. 
Wenn nun zu Folge einer kranken Beschaffenheit 
des lymphatischen Systems sogar so hohe Grade von 
Ausartung der Muskelsubstanz, und zwar selbst der 
des Herzens entstehen können; wenn wir ferner sehen, 
dafs Erweichungen der Knochen bei der Xlhachifis, und 
selbst in erwachsenen Personen, die Folgen davon 
seyn können, wenn wir bedenken, dafs der scrophulöse 
Habitus sich durch unproportionirlich lange Arme, 
kurzen Rumpf, gedunsenes Ansehen, Weichheit des 
Fleisches bei Anpfropfung des Zellengewebes mit ei- 
ner. Art von Fett, durch schleichende Entzündungen 
der Haut, welche in Vereiterung übergehen und hart- i 
nackige Geschwüre bilden, so wie durch Gelenkent- 
zündungen und ihre Folgen auszeichnet, so kann man 



wohl annehmen, dafs dieser Zustand auch auf die Aus- 
bildung der Herzsubstanz einen nicht unbedeutenden 
EinHufs haben werde. Afterbildung des Herzens wird 
daraus so gut wie Metamorphose anderer Theile her- 
vorgehen., vorzüglich wenn besondere Veranlassungen 
die Richtung dieser Krankheit nach dem Herzen, be- 
fördern, oder wenn zufällige .hitzige Krankheiten, t. B. 
Masern,, Scharlach/! eber, Subjecte von einem solchen 
Habitus betreffen. Wir haben daher alle Ursache, 
diese Krankheiten auch in Hinsicht ihres Einflusses 
auf Metamorphosen des Herzens sorgfältig zu beach- 
ten und ihrer Heilung uns möglichst zu beHeifsigen, 
um das Herz von dieser wichtigen Seite her vor Krank- 
heiten zu schützen ; auch kann die Rücksicht auf sie 
gar sehr viel beitragen, die Diagnose zu vervoll- 
kommen. 



Viertes Capitel. 

.Von dem Rückeinflufs, welchen die Abnormitäten der ein- 
zeluen Theilorgane des Herzens auf einander haben. 



Wir haben oben im zweiten Capitel des zweiten 
Abschnitts von dem Verhältnisse schon gesprochen, 
Welches zwischen den organischen, mechanischen und 
vitalen Abnormitäten des Herzens Statt findet, und ge- 
zeigt, welchen Einflufs die eine Art auf die andre 
habe ; wir haben auf diese Weise das verschiedene 
Verhältnifs kennen gelernt, welches bei jeder ausge- 
bildeten Totalkrankheit des Herzens in Hinsicht ihrer 
vitalen, mechanischen oder organischen Seite Statt fin- 
det. Allein das Y erhältruf s der Abnormitäten des Her- 



zens zu einander, hat noch eine andre Seite, von wel- 
cher wir noch hier zu sprechen haben, nämlich dieje- 
nige, welche hergenommen wird von den verschiede- 
nen Theilorganen des Herzens selbst, in so fern die 
in einem von ihnen eingetretenen Abnormitäten auf 
die andern Theilorgane des Herzens wieder einen ge- 
wissen Rückeinflurs haben werden. Nachdem wir also 
die Art und Weise untersucht haben, wie in den ein- 
zelnen Theik>rganen des Herzens sich Abnormitäten 
bilden und worin sie bestehen, müssen wir noch dar- 
über uns belehren, welchen Einflufs die kranken Zu- 
stände dieser einzelnen Theilorgane des Herzens ge- 
genseitig auf einander haben. 

Diese Betrachtung ist höchst wichtig, um die 
Wichtigkeit mancher Fehler einzusehen, welche an und 
für sich, wenn auch nicht indifferent, doch von keiner 
so hohen Bedeutung für das Leben des Herzens zu 
seyn scheinen könnten, als es wirklich der Fall ist. 

1) Fangen wir von den Nerven des Herzens 
an. Störung der Vitalität derselben mufs ohnstreitig 
auf die Muskelsubstanz des Herzens einen mächtigen 
Einflufs äufsern. Dies sehen wir auch schon deutlich 
genug aus .den vorübergehenden erhöhten Erregungs- 
zuständen der Nerven, als Folge von Gemüthsbewegun- 
gen; die Reitzbarkeit des Herzens wird gleichzeitig 
erhöht, und seine Bewegungen geschehen daher mit 
Hastigkeit und vermehrtem Nachdruck. Mehr aber 
ist hier die Rede von den Zuständen einer bleibend 
erhöhten oder verminderten Stimmung der Sensibilität 
der Herznerven. Erhöht ist dieselbe z. B. bei lang- 
wierigen Gemüthsaffecten , und dadurch wird gleich- 
zeitig die Receptivifaät für Eindrücke erhöht, es ent- 
steht Neigung zu krampfhafter irregulärer Herzthätig- 
keit, — daher das Herzklopfen und das Aussetzen des 
Pulses als Folge langwieriger Leidenschaften. Es ist 



— igi — 

begreiflich, dafs die Nervenkraft gleichzeitig sich ver- 
mindern müsse und aus dem Aniheile der Nerven an 
der Ernährung ist wohl vorzuglich das Schwinden des 
Herzensund die allmähiige Verdünnung seiner Wände 
zu erklären, welche unter den angezeigten Umständen 
so häufig eintritt. 

Allein es kommt noch ein Umstand in Betracht^ 
welcher von der größten Wichtigkeit ist; ist die Sen- 
sibilität der Herznerven erhöht, und ist daraus Ver- 
mehrung der Receptivität der Muskelsubstana für 
Reiue hervorgegangen, so kann bei Statt findenden, 
stark erregenden Einwirkungen von aufsen auch sehr 
leicht Entzündung des Herzens aus diesem Zu- 
stande hervorkeimen; und dies ist durch die Erfah- 
rung nur zu sehr bestätigt worden, als dafs ich nicht 
bei jeder Veranlassung darauf aufmerksam zu machen 
mich bewogen fühlte. Grofse Neigung zu Entzündun- 
gen ist bei" den meisten organischen Krankheiten des 
Herzens unmittelbar schon gesetzt; bei keiner aber 
vielleicht so häufig, als bei den Erweiterungen der 
Höhlen mit Verdünnung der Wände; diese sind es 
aber gerade, welche vorzugsweise als Wirkungen lang- 
wieriger Leidenschaften entstehen, und dieser Zustand 
wi,rd fast immer unvermuthet schnell tödlich, indem 
sich eben eine Entzündung dazu gesellt. Ferriar *) 
hat die Bemerkung schon gemacht, daü diese Kran- 
ken meist unvermuthet schnell sterben, allein den 
Schlüssel dazu hat Bums **) eigentlich gegeben, näm- 
lich dafs eine unvermuthet dazu kommende Entzüny 
düng meist den Tod bringe. 



•) Medizin. Bemerkungen über Wassersucht u. f. w, Leipz. 170$ 

und 1797., ates Bändchen. 
•*) am angef. O. im 3»en CaJ>. über chronische Herzentzündung. 



— 1<)2 

Dafs die Herznerven, wenn sie krank sind, auf 
die Kranzgefäfse des Herzens zurückwirken müssen, 
läßt -sich aus der beständigen Begleitung derselben ab- 
nehmen, und die Folgen davon äufsern sich wohl 
eben in der Ernährung der Substanz, zu welcher die 
Gefäfse und Nerven mit einander verbunden sind. 

Auf die Häute des Herzens dürften krankhafte 
Zustände der Nerven wohl kaum einen directen Ein- 
falls haben, und es ist wohl leere Hypothese, Wenn 
man angenommen hat, dafs z. B. der Herzbeutel sich 
krampfhaft über das Herz, zusammenschnüren könne. 

2) Krankheiten der Muskelsubstanz, z. B. Ausar- 
tung in Knochen, Knorpel, Speck, müssen wohl auf 
die Nerven zurückwirken, eben so auf die eignen 
Blutgefäfse, allein diese Uebel sind eigentlich schon 
durch Vermittelung jener Theile entstanden, und kön- 
nen nur schwächend auf dieselben zurückwirken; diese 
Zustände sind an sich schon von höchster Bedeutung, 
und führen durch natürlichen Uebergang zu völliger 
Schwäche des Herzens endlich den Tod herbei. In- 
defs findet auch bei ihnen oft Neigung zu neuer Ent- 
zündung Statt; dies war auch die Todesart der nur 
angeführten jungen Dame, bei welcher -ich eine so 
bedeutende Ausartung der Herzsubstanz in Speckmasse 
antraf. 

Merkwürdig ist es übrigens, wie das Herz, wenn 
es so bedeutend ausgeartet ist, dafs z. B. ein grofser 
Theil seiner Muskelsubstanz in Knorpel, Knochen öder 
Speck verwandelt ist, doch noch einigermafsen seiner 
Function vorstehen kann. Man könnte glauben, dafs 
bei der Umwandlung in Speck noch immer ein Grad 
von Gontractilität übrig bliebe; dies ist aber bei der 
Ausartung in Knorpel und Knochen nicht der Fall; 
gleichwohl geht der Blutumlauf noch fort, wenn der 
Zustand der Verhärtung so grofs ist, dafs an keine 



— 193 — 

Contraction der Wände der Kammern äu denken ist. 
Diese Erscheinung ist für diejenigen unerklärlich, wel- 
che das Herz als die Hauptkraft des Blutumlaufs an- 
sehen, dessen Stofs sich bis auf die letzten Enden der 
Arterien fortpflanze; allein nicht für die, welche die 
Arterien als selbstständige Kanäle ansehen, die den 
Umtrieb des Bluts in ihren Höhlen durch eigne Kräfte 
fördern. In der That ist die nur genannte Erschei- 
nung von der Art, dafs sie beweist, wie das Arterien- 
system in gewissen Fällen für das Herz vicarirt, und 
dafs der Blutumlauf auch bei dem Menschen eine Zeit 
lang ohne Thätigkeit des Herzens, eben wie bei den 
Raupen das ganze Leben hindurch, von Statten gehen 
kann. Indefs dürfte dies nicht möglich seyn, wenn 
zu gleicher Zeit die Vorkammern verknöchert und al- 
ler Contractilität beraubt wären, was indefs höchst 
selten, vielleicht nie vorkommt. 

3. Krankheiten der ILiute des Herzens. Die äus- 
sere Bekleidung macht einen Bestandtheil der die 
Brusthöhle umkleidenden serösen Membran aus, und", 
die innere kommt ihrer Natur nach der äufsern ziem- 
lich nahe. Wir haben gesehen, dafs beide von be- 
sondern veranlassenden Momenten ergriffen und in 
eigene Zustände von Abnormität versetzt werden kön- 
nen. Sie bestehen dahpr für sich, und es ist einer 
Seits sehr wahr, wenn Bichat und Walther, von ihnen 
sagen, man findet ein gesundes Herz unter einer zot- 
tigten Haut, d. h. unter einer durch Entzündung neu 
gebildeten Pseudomembran. Allein dies kann nicht 
so viel bedeuten, als ob die kranken Zustände dieser 
Häute für die übrigen Theilorgane des Herzens gleich- 
gültig wären; die Erfahrung lehrt vielmehr, dafs sie 
für das Leben des Herzens und des ganzen Organis- 
mus von der gröfsesten Wichtigkeit sind. Denn war- 
um stirbt das gesunde Herz und mit ihm der Orga- 
I. [»3] 



— 194- — 

nismUs unter einer zottigen Haut desselben und zwar 
unter den bestimmtesten Zufällen von Herzkrankheit 
und gestörter Thätigkeit desselben? Gerade die Krank- 
heiten der Häute sind die allerhäufigsten, und es sind 
die Entzündungen des Herzbeutels und der äufsern 
oder innern Fläche des Herzens gerade höchst gefähr- 
liche -, sehr schnell tödtende und höchst schwer zu 
heilende Krankheiten, selbst auch wenn man sie bei 
Zeiten erkannt hat. Wir müssen daher diese Mem- 
branen für etwas mehr als für blofse Decken ansehen 
und ihnen einen sehr grofsen Einflufs auf die Vitalität 
der Muskelsubstanz zuschreiben, w r ovon der eigentliche 
Grund vielleicht noch nicht entdeckt ist. Uebrigens 
sind organische Fehler derselben zugleich als hem- 
mende Momente für die Herztiiätigkeit zu betrachten, 
und in so fern dadurch das H^z zu angestrengter 
Thätigkeit aufgefordert wird, werden sie auch indi- 
rect Schwächung und erhöhte Reiuempfänglichkeit der 
Muskelsubstanz herbeiführen. 

Auf die Kranzgefäfse des Herzens werden Fehler 
der innern Haut einen nahmhaften Einflufs haben 
müssen, sobald sie in der Nähe dieser Gefäfse Statt 
finden, und besonders den Eintritt des Bluts in die 
Kranzarterien hindern, Wie dies zuweilen der Fall ist, 
wenn sich eine Knochenlamelle in der Gegend der 
Anfänge der Kranzarterien bildet; es ist aber zu be- 
merken, dafV die Krankheitszustände der innern Haut 
und der Kranzarterien sehr oft gleichnamig seyn wer- 
den, indem sich die innere rfaut des Herzens in die 
der Kranzarterien fortsetzt und mit der innern Haut 
dieser Gefäfse von gleicher Natur ist; daher man 
auch sehr oft in beiden gleichzeitig Abnormitäten an- 
trifft. 

4) Krankheiten der eignen oder Kranzgefäfse des 
Heriens. Von ihnen hängt die Ernährung und' die 



— 195 — 

Unterhaltung des Lebens des Herzens ab, und zwar 
in Verbindung mit den sie begleitenden Nerven. Ist 
ihre Organisation verändert und in Knorpel oder Kno- 
chen übergegangen, so mufs dies nothwendig auf die 
Ernährung des Herzens grofsen Einflufs haben. Kaum 
ist zu zweifeln, dafs auch die Nerven durch den Druck 
der hart gewordenen Gefäfse leiden müssen. Daher 
wird es begreiflich, wie die Vitalitätsverhältnisse der 
Muskelsubstanz des Herzens durch diese Metamorpho- 
sen der Kranzarterien abgeändert werden müssen, und 
wir werden später an dem .Beispiele der wahren Brust- 
bräune sehen, dafs die ganz eigenthümlichen Zufälle 
derselben ihre Erklärung allerdings in dem eigenthüm- 
lichen Leiden und den Ausartungen dieser Gefäfse voll- 
ständig finden. 



Fünftes Capitel. 

Von dem üebergange der verschiedenen abnormen Verhältnisse 
des Herzens in wirkliche Krankheit und in den Tod. 



Nachdem wir uns bemüht haben, in den vorher 
abgehandelten Gapiteln die Natur der verschiedenen 
Abnormitäten, welche in dem Herzen Statt finden kön- 
nen, zu erörtern, und Grundsätze ausfindig zu man- 
chen, um uns die Art' der Entstehung und Bildung 
derselben deutlich zu machen, kommen wir nun dem- 
jenigen Theile unsers Werks näher, worin das Hervor- 
treten dieser Abnormitäten in der Erscheinung, folg- 
lich die Erklärung der besondern Symptome, wodurch 
sich Herzkrankheiten auszeichnen, nach ihren Ursachen 



• 



— 196 — 

und in Hinsicht ihrer diagnostischen Bedeutung, aus- 
einander gesetzt werden mufs. Wir glauben die Ein- 
sicht dieser Gegenstände nicht besser vorbereiten zu 
können, als dadurch, dafs wir zum Beschlufs der ei- 
gentlichen Pathogenie noch die Bedingungen und Ge- 
setze zu entwickeln suchen, unter welchen und nach 
welchen abnorme Zustande des Herzens in Allgemein- 
leiden oder in Störung der Functionen des ganzen 
Körpers übergehen. 

Wir haben im 2weiten Capitel des ersten Ab- 
schnitts bereits gezeigt, dafs man jeden abnormen Zu- 
stand des Herzens zwar schon an sich als Krankheit, 
jedoch nur als örtliche ansehen könne, in so fern das 
Herz einen in sich geschlossenen, wiewohl nur relativ 
selbstständigen, Organismus ausmacht, zugleich aber 
auch gelehrt, wie es zugehe, dafs solche Zustände 
nicht nothwendig und an sich Störungen der Functio- 
nen des ganzen Körpers hervorbringen müssen, und 
haben zwei der dazu nöthigen Bedingungen bereits 
auseinander gesetzt, nämlich die Aufhebung oder Ue- 
berwältigung der Kraft der zunächst mit dem Herzen 
verbundenen Organe, der Arterien, wodurch bis zu 
einem gewissen Grade Unvollkommenheiten und Feh- 
ler des Herzens übertragen werden; — dann aber 
auch das Steigen eines örtlichen Fehlers bis zu einem 
so hohen Grade, dafs derselbe nicht mehr von jenen 
natürlichen Schutz- und Unterstützungsmitteln ausge- 
glichen werden kann. 

Nun können aber die ihrer Natur nach so ver- 
schiedenartigen örtlichen Abnormitäten im Herzen mit 
der allgemeinen Körperdisposition, besonders der 
Stimmung des GefaTs* und Nervensystems in die man- 
nichfajtigsten und verschiedenartigsten Verhältnisse tre- 
ten,, und so müssen nothwendig eben so verschieden 
artige Modificatiönen von sinnlich wahrnehmbarem Ue* 



— 197 — , 

beibefinden daraus erwachsen. Diese zu beschreiben, 
würde nicht möglich seyn, t und es beruht eben die 
Berechnung des Antheils, welchen die örtlichen Uebel 
oder die allgemeine Disposition an der Erzeugung be- 
stimmter Gruppen von Symptomen in einem gegebe- 
nen Falle haben, auf dem Scharfsinn des Arztes, wel- 
cher nach Erwägung aller bei einem Kranken Statt 
findenden Umstände einen Schlufs auf die Zusammen- 
setzung einer gegebenen Krankheit aus ihren Elemen- 
ten machen mufs. Wir haben hier nur die allgemeinen 
Grundsätze zu erwägen, nach denen diese Berechnung 
anzustellen ist, oder die allgemeinen Gesetze zu be- 
stimmen, nach welchen örtliche Abnormitäten des Her- 
zens Störungen der Geschäfte des ganzen Körpers be- 
dingen, und so als Krankheiten im weitern Sinne des 
Worts hervortreten. Diese Grundsätze fliefsen eigent- 
lich schon aus den frühern Betrachtungen, und sind 
hier nur zusammen zu stellen, um als Winke 2ur Be- 
urtheilung gegebener Fälle zu dienen, zugleich abesr 
wird die Entwickelung derselben auch dazu dienen, 
eine äufserst häufig ganz irrig verstandene und dem 
Unkundigen sonderbar vorkommende Erscheinung der 
Herzkrankheiten aufzuklären, die darin besteht, dafs 
organische Herzfehler in den meisten Fällen urplötz- 
lich, auf irgend eine leicht« oder auch wirklich be- 
deutende krankmachende Veranlassung, z. B» beim 
Steigen oder heftiger Anstrengung der Muskeln, Auf- 
heben von Lasten u. s. w. in der ganzen Stärke ihrer 
Zufälle mit einem Male hervortreten und nun sogleich 
als ausgebildete Krankheit fortgehen. 

Obgleich übrigens die vorzutragenden Grundsätze 
ihre Anwendung auf alle Arten von Herzkrankheiten 
finden müssen, wie wir bei der speciellen Behandlung 
derselben deutlich sehen werden, so ist doch der nütz- 
liche Gebrauch derselben besonders bei Beurtheilung 



— *93 — 

der organischen Uebel am deutlichsten, und wir wer- 
den sie daher vorzugsweise auf diese anzuwenden 
suchen. Wir erinnern dieses aber absichtlich um des* 
willen, weil die nachfolgenden Betrachtungen das Herz 
als in einem Zustande von Unvollkommen!] eit und ge- 
schwächtem Wirkungsvermögen befindlich setzen; die* 
ser Zustand waltet nun allerdings auch bei mehrerh 
rein dynamischen Abnormitäten des Herzens vor ; allein 
auch der entgegengesetzte kann bei ihnen eintreten; 
dieser findet wohl manchmal bei der Verstärkung der 
Substanz mit oder ohne Vergrößerung Statt, und so 
sollte denn der Uebergang dieses Zustandes in AUge- 
meinleiden ebenfalls entwickelt werden; es fliefsen in- 
'defs die Grundsätze dieser Entwickelung mit denen 
des entgegengesetzten Zustandes ganz in einander, i« 
so fern nämlich bei vorwaltender Stärke des Herzens 
das Gefäfssystem mit dem Herzen in die entgegenge- 
setzte Art von Disproportion tritt, und als der Träger 
des Hauptmoments der Krankheit angesehen werden 
mufs, wir können daher diese Auseinandersetzung dem 
Leser überlassen, um so mehr, da wir im speciellen 
Theile darauf zurückkommen müssen. 

Die Abnormitäten des Herzens haben nun diese 
Eigenheit mit den Abnormitäten aller andern Organe 
gemein, dafs sie von dem im Ganzen noch im Wohl' 
befinden begriffenen Körper geraume Zeit gleichsam 
ungestraft und ohne grofse in die Sinne fallende Stö- 
rung der Verrichtungen des ganzen Körpers zu veran- 
lassen, ertragen werden können. Indefs würde, man 
«ehr irren, wenn m man glaubte, dergleichen Fehler 
könnten ganz ruhig und gleichsam schlummernd im 
Organismus zugegen seyn ; sie machen aber eines 
Theils nicht anhaltende, sondern nur periodische Stö- 
rungen der Gesundheit, bei besondern Veranlassungen, 
deren Einwirkung zu ertragen das bis auf einen ge- 



— 199 — ? t 

wissen Grad in seiner Thätigkeit eingeschränkte Herz 
nicht mehr fähig ist; z. B. Beengung und Kurzatbmig- 
keit bei Steigen und Schnellgehen,, oder Uebelbehn- 
den nach dem Genufs geistiger Getränke; oder die 
anhaltenden Störungen, welche sie veranlassen, sind 
nicht von bedeutendem Grade, und sind Beschwerden 
von unbestimmter Art, die ihren Grund im Consens 
anderer entfernter Theile mit dem Herzen haben, wo- 
durch sie sich, wie ich schon zu Anfange dieses Werks 
gesagt habe, weit lebhafter aussprechen, als durch 
Störimg der Function des Herzens zunächst. In bei- 
den Fällen wird dann das Hauptübel meistentheils ver- 
kannt und einer allgemeinen Schwächlichkeit zuge- 
schrieben ; allein ist ein solches Uebel späterhin in sei- 
ner ganzen Stärke hervorgetreten, so berichtigt die 
Anamnese meistens den Fehler unsrer frühern Diagno- 
se; z. B. wir begreifen nun, warum ein Mensch oft- 
mals ohne alle Veranlassung Anfälle von gewaltsamen 
Husten oder von Bluthusten bekam, und warum Bei- 
des vorübergehend und ohne die sonst gewöhnlichen 
Folgen Statt hatte, oder warum bei allen scheinbaren 
Anzeigen alle reiizenden Arzneien und Getränke ihm 
immer schadeten; warum er immerfort auf unbestimm- 
te Weise kränkelte. Es verrathen sich denn örtliche 
Fehler des Herzens allerdings auch dann, wo noch 
nicht allgemeines grofses Uebelbefinden eingetreten 
ist, durch gewisse. Zufälle, wohin aufs er dem eben ge- 
nannten besonders eine äufsert häufige Abwechselung 
des Zustandes des Pulses und Herzschlags, so wie 
eigne Abweichungen des Athemholens gehören, von 
denen wir bald mehr sagen werden, und wenn man 
die eigenthümlichen Zufälle der Herzübel einmal ge- 
nau kennt, und sie mit den consensuellen vergleicht, 
welche in den frühern Perioden eine Hauptrolle spie- 
len, z. B. Eingenommenheit des Kopfs, Unregelmäfsig- 



200 



keit der Verrichtungen der Verdauung, beschwerliche 
Gefühle unter den Ribben der linken Seite, gereitzte 
Gemüthsstiramung, Angst ohne moralische Ursache oder 
Verstimmung des Gemüths ü. s. w., so wird man sie 
'auch in dieser frühem Epoche mit grofser Wahrschein- 
lichkeit zu entdecken im Stande seyn. 

Die Hauptbedingung aber des Uebergang« abnor- 
mer Zustände des Herzens in sinnlich wahrnehmbare 
allgemeine Störung der Verrichtungen beruht auf dem 
Eintreten eiaer bedeutenden Disproportion jener Zu- 
stände und der Vitalität des Ganzen. Dieser höhere 
Grad von Disproportion aber kann herbeigeführt wer- 
den, bald langsam, bald schnell und zwar entweder 
durch Steigerung des örtlichen Uebels, oder durch 
Herbeiführung eines hohem Grades von Receptivität 
in den allgemeinen Systemen des Körpers, dein Blut- 
gefäfs - oder Nervensystem ; oder durch gleichzeitige 
heftige Einwirkung auf das schon kranke Herz^und 
diese Systeme. 

Von Seiten des kranken Organs nun kann 
der Uebergang in Allgemeinleiden vorzugs- 
weise abhängen i) durch albuähliges Wachsen des- 
selben bis zu einem Grade, dessen Unvollkommenheit 
'auch das noch in einem guten Zustande von Kraft be- 
findliche Gefälssystem nicht mehr auszugleichen ver- 
mag. So ist es wohl oft der Fall mit der Erweiterung 
und Verdünnung der Herzsubstanz und mit Verknö- 
cherungen desselben. Die Kraft des Herzens wird 
nothwendig dadurch geschwächt, anfangs reicht dieselbe 
indefs noch zu Ausführung mäfsiger Thätigkeit im ru- 
higen Gange des Lebens aus und wird bei dem Be- 
dürfnifs stärkerer Thätigkeit durch das arterielle Sy- 
stem vertreten ; allein es mufs an sich schon durch die 
Notwendigkeit, unabgesetzt thätig zu seyn, immer 
mehr ermatten, zugleich mufs auch die volle Kraft 



— 201 — 

des arteriellen Systems allmählig durch die zu lei- 
stende Beihulfe, welche in einer angestrengtem Thä- 
tigkeit besteht, sich vermindern, und so wird es denn 
endlich dahin kommen, dafs eine kleine, das gewöhn- 
liche Maafs um ein weniges überschreitende Reitzun», 
convulsivische Thätigkeit des Herzens und ihre not- 
wendigen Folgen, oder vorübergehende Erschöpfung, 
gleichsam eine augenblickliche Erlahmung, einen Still- 
stand oder eine höchst schwache Bewegung des Her- 
zens zur Folge hat, die mit einer darauf folgenden 
convulsivischen abwechselt. Dies ist eigentlich der 
Zustand, durch welchen sich Herzübel in periodi- 
schen Anfällen aussprechen, und woraus sich die 
Zustände von Ohnmacht, von Herzklopfen, Beklem- 
mung, Angst, oder von gehemmtem, angestrengten oder 
leisen oder gar unterbrochenen Athemholen erklären. 

2) Kann ein einfacher Fehler des Herzens nach 
und nach andre nach sich ziehen und wird nun in Ver- 
bindung mit seinen örtlichen Folgen allgemeine Krank- 
heit erzeugen. Z. B. das Offenbleiben des ovalen Lochs 
in der Scheidewand der Vorkammern begünstigt meist 
Erweiterung der rechten Vorkammer und Verknöche- 
rung oder doch Verengerung des Stammes der Lun- 
genarterien, ohnstreitig durch die ungleiche Erregung 
beider Herzhälften, wegen ungleicher Vertheilung des 
Blutes, was ihnen zugeführt wird; in dieser Vereini- 
gung werden dann diese Fehler weit eher Dispropor- 
tion mit der ganzen Maschine setzen, als jeder ein- 
zelne für sich, und wir sehen auch, dafs unter diesen 
Umständen blausüchtige Personen weit mehr leiden 
und weit zeitiger sterben, als wo nur [einer dieser 
Fehler da ist. Wie aber ein schon gegebener Fehler 
den Keim von andern wieder in sich schliefse, haben 
wir bereits erörtert. 



203 — • 



3) Kann ein örtlicher Fehler des Herzens auch in- 
direct endlich Allgemein] ei den herbeiführen durch den 
Einflufs den er auf die Gesundheit des ganzen Kör- 
pers hat; dies ist wiederum der Fall bei der Blau- 
sucht; denn indem die Fehler, welche diesen Zustand 
hervorbringen, von der Art sind, dafs zu wenig Blut 
durch die Lungen geführt und dort gesäuert wird, so 
mufs die Gesundheit im Ganzen dadurch in dem Ver- 
hältnisse beeinträchtigt werden, in welchem dem Kör- 
per eine geringere Quantität von gesäuertem Blute in 
bestimmten Zeiträumen zugeführt wird. Die Folge da- 
von äulsert sich vorzüglich in grofser Trägheit der 
Muskeln und Un Vollkommenheit der Verdauung und 
mit der Erscheinung dieser Umstände ist auch das 
Allgemeinleiden gegeben. 

In den drei angegebenen Fällen wird nun die 
Herzkrankheit langsam und allmählig sich entwickeln; 
allein 

4) Kann nun auch da.s mit einem Fehler behaf- 
tete Herz durch besondre heftige Einwirkungen unmit- 
telbar angegriffen und so schleunig ein hoher Grad 
von Disproportion zwischen ihm und dem ganzen Kör- 
per vermittelt werden; %. B. durch Schreck, Angst, 
Freude, heftiges Tanzen oder Laufen, Anstrengung der 
willkührlichen Muskeln mit Zurückhalten des Athems 
bei Aufheben von Lasten, im Beischlaf, beim Kämpfen 
und Ringen u. $. w. 

Es ist durch sehr viele Fälle bestätigt, dafs Men- 
schen plötzlich unter dem Einfluß der genannten Dinge 
gestorben sind, bei denen sich Fehler des Herzens fan- 
den; aber eben so oft und meistenteils geschieht es, 
dafs Herzkrankheiten unter solchen Umständen schnell 
und mit ememmale in der ganzen Stärke ihrer Zufälle 
hervortreten; sehr oft hat man sich dann eingebildet, 
das Herzübel sey in diesem AugenbJick em e 



— 20ä — 

worden; allein wenn Verdünnung der Substanz, oder 
Verknöcherung, die man bei so plötzlich Verstorbenen 
oft findet, ohnmöglich so' schnell sich erzeugen kön- 
nen, so ist schön daraus ein Zweifel zu entnehmen, 
ob besonders Ausdehnungen und Erweiterungen des 
Herzens sich auf eine solche blos mechanische Weise 
bilden lassen sollten, wenn auch directe Beweise, die 
wir künftig geben werden, diese Ansicht nicht geradezu 
verwerflich machten. Wir urtheilen demnach, dafs 
wenn schon eine bedeutende Anlage zu Herzkrankhei- 
ten gegeben ist, so kann diese schnell durch unmittel- 
bare Einwirkungen auf das Herz entwickelt werden, 
indem das an sich schon zu Anstrengungen unfähige 
Herz dadurch ungemein geschwächt wird, und dies 
sind denn die Fälle, welche so oft die Kranken und 
die Aerzte überraschen, wo unvermuthet eine grofse 
Krankheit des Herzens ausbricht, von deren Kommen 
man früher keine. Ahndung hatte. 

Ich füge diesen Bemerkungen noch zwei andere 
hinzu, welche für die Beurtheilung der Herzkrankhei- 
ten und ihres Uebergangs in Allgemeinleiden von 
Wichtigkeit sind, erstens; dafs ein mit einem orga- 
nischen Fehler behaftetes Herz meistentheils auch eine 
grofse Neigung besitzt sich zu entzünden; diese That- 
sache ist durch meine und Burns Erfahrungen begrün- 
det und dürfte wohl von den gleichzeitigen Beein- 
trächtigungen der Kranzarterien und Herznerven, und 
von der dabei erhöhten Reitzbarkeit des Herzens ab- 
hängen; wenn man nun die von den Beobachtern mit- 
getheilten Geschichten Von Herzkrankheiten genau in 
dieser Hinsicht prüfte so wird man gar oft finden, dafs 
in der Zeitepoche, wo die Herzkrankheit als solche 
nach äufsern Einwirkungen durch allgemeine Symptome 
hervorbrach, zunächst ein Zustand von Entzündung 
eintrat, der nicht erkannt ward und als dessen Folge 



304 — 

nun eine organische Krankheit sich erzeugte, oder eine 
schon in einigem Grade vorhandene, sich verschlim- 
merte. Ich fodre daher auch bei dieser Gelegenheit 
ganz vorzüglich zu der genauesten Aufmerksamkeit auf 
die Beachtung der Zufälle der Herzentzündungen auf, 
da dieselben so sehr versteckt sind und die Kenntnifs 
der veranlassenden Momente uns ganz vorzuglich lei- 
ten mufs, um sie zeitig zu entdecken. 

Zweitens: Folgende Erscheinung haben fast alle 
organische Herzkrankheiten in ihrem Verlauf mit ein- 
ander gemein, dafs, wenn die Zufälle derselben sich 
einmal durch einen bedeutenden Anfall manifestirt ha- 
ben, die Krankheit auch von diesem Zeitpunkt an als 
ausgebildet betrachtet werden mufs ; man kann von 
nun an fast mit Gewifsheit darauf rechnen, dafs ähn- 
liche Paroxysmen, wie der erste war, nun früher oder 
später von selbst oder auf ganz leichte Veranlassungen 
iich periodisch wieder einstellen werden; es geht nun 
offenbar ein neues Stadium der Krankheit und zwar 
von Verschlimmerung an und es gelingt nur selten, -die 
Neigung zu solchen periodischen Anfällen wiederum ein 
bedeutendes zu vermindern; es scheint, die Schranken 
sind nun niedergerissen, welche den Einflufsdes örtlichen 
Fehlers auf die Geschäfte des ganzen Körpers hemm- 
ten und der Weg zur Zerrüttung des Ganzen von dem 
Herzen aus sey geebnet. Es hat dann ganz den An- 
schein, als ob von dem Zeitraum der ersten Invasion 
eines heftigen Anfalls an, die Energie des leidenden 
Organs mit einemmale auf einen sehr niedern Grad 
herabgesunken wäre, als ob, nach der Analogie des 
Schlagflusses und der Lähmung, eine Impression auf 
das Herz und seine Nerven Statt gefunden hätte, die 
der .unvollkommenen Lähmung .gleicht und nun sich 
nicht wieder verwischt. Die schleunigen Todesfälle, 
welche bei noch versteckten Anlagen zu Herzkrank- 



— 205 *— 

heiten oft beobachtet werden, reden dieser Ansicht 
des Zustandes des Herzens, welcher nach dem ersten 
heftigen Ausbruche von allgemeinen Zufällen bei den- 
selben eintritt, ebenfalls das Wort, und in der That 
läfst es sich nicht anders denken, als dafs das Resultat 
von Verknöcherungen, Erweiterungen, Verdünnungen 
der Substanz u. s. w. immer zunehmende Schwächung 
dieses Organs und seiner Nerven seyn müsse; hegreif- 
Üch aber ist es auch, wie ein solcher Anfall einer 
Herzkrankheit, der in schleuniger Hemmung des Blut- 
umlaufs im Herzen besteht und mit Ohnmacht, die 
mit convulsi vis eher Thätigkeit des Herzens abwech- 
selt, Beklemmung und Angst verbunden ist, auf das 
schon kranke Herz feindselig zurückwirken, dasselbe 
noch mehr schwächen und reitzbarer machen, und so 
den Keim zu neuen Anfällen von gleicher Art in 
dasselbe legen können. 

Der zweite Weg, auf welchem der Uebergang ört- 
licher Fehler des Herzens in Allgemeinleiden erfolgen 
kann, ist von dem Verhalten der allgemeinen Systeme 
des Körpers, des Gefäfs- und des Nervensystems her- 
genommen. Da die Energie dieser Systeme es ist, 
welche das Hervortreten schon bedeutender Abnormi- 
täten edler Eingeweide in der Form eines Allgemein- 
leidens kürzere oder längere Zeit verhütet, so ist e» 
leicht einzusehen, wie die Hinwegnahme dieses Schutz- 
mittels den Uebergang örtlicher Fehler des Herzens 
in Störung der Functionen des ganzen Körpers begün- 
stigen müsse. Dies kann nur unter verschiedenen Um- 
ständen von Seiten des einen oder des andern dieser 
Systeme oder von beiden zugleich geschehen. 

Das Gefäfssystem, wel-ches mit dem Herzen zu ei- 
nem Ganzen verbunden ist, wird schon durch das Da- 
seyn eines jeden Herzfehlers unmittelbar angegriffen^ 
indem es dadurch zu verstärkter Thätigkeit bestimmt 



20G 

wird, und, wie wir nur gesagt haben, mufs dasselbe 
schon durch die Fortdauer sines solchen Zustandes 
allmählich- selbst, geschwächt -werden» Das Zusammen- 
treffen eines erhöhten Grades von Erregbarkeit des 
Gefäfssystems mit Herzfehlern wird denn natürlich 
auch ein früheres Hervortreten eines Allgemeinleideni 
aus dem letztem herbeiführen, als es bei einem sol- 
chen Grade eines örtlichen Herzfehlers sonst der Fall 
ist. Eine solche erhöhte Stimmung des Gefäfssystems 
kann nun in einem solchen Körper Constitutionen seyn, 
oder sie kann die Folge gewisser natürlicher Evolu- 
tionen dieses Systems seyn, oder herbeigeführt werden 
durch eine zufällige allgemeine Krankheit, welche we- 
sentlich mit- erhöhter Stimmung des arteriellen Sy- 
stems verbunden ist, oder auch durch allgemeine 
Schwächung des Körpers zu Folge einer allgemeinen 
Krankheit bewirkt werden. Daher sehen wir denn, 
dafs während der Jahre der Pubertät, während der 
Epoche wo die monatliche Reinigung sich verlieren 
will, während der Schwangerschaft, die Zufälle von 
Herzfehlern besonders stark hervortreten und die mei- 
sten daran in solchen Zeiträumen sterben; und dafs 
nur nach Schwangerschaft zuweilen diese schlimmen 
Ausbrüche der Krankheit sich wieder bedeutend ver- 
mindern ; ferner dafs Herzkrankheiten nur zu oft bei 
Gelegenheit von zufälligen, zuweilen nicht heftigen 
Fieberkrankheiten hervorbrechen und diese tödlich 
machen, oder dafs sie nach Krankheiten sich zeigen, 
indem die Erhohlung zögert, sonderbare nicht zur 
Hauptkrankheit gehörige Zufälle sich -einstellen, die 
Anfangs meist nicht erkannt werden. Eben so ist es 
gewifs äufserst schwer, den wahren Grund der beson- 
dern Zufälle zu entdecken, wenn mitten in einem 
Fieber die Zufälle einer Herzkrankheit sich damit* ver- 
binden. Dafs unter diesen verschiedenen Umständen 



— 207 **• 

Herziibel in eine Art von ausgebildeter Form von 
Krankheit übergehen, ist Thatsache, welche nicht blos 
durch meine, sondern auch durch die Erfahrung an- 
derer Schriftsteller hinlänglich bestätigt ist. Ich sähe 
dergleichen sonderbare Verschlimmerungen, welche 
aus dieser Quelle kamen, mehrmals in Fieberkrankhei- 
ten, einmal aber die Herzkrankheit nach einem Wech- 
selfieber sich offenbaren, wovon auch Bums ein Bei- 
spiel hat; ich sah diesen Zustand in der Schwanger- 
schaft sich entwickeln und erst in der dritten tödlich 
werden; eben so bei dem Aufhören der Reinigung.; 
Es ist aber aus den frühern Betrachtungen leicht ein- 
zusehen, wie in Fiebern das schon geschwächte Herz 
die verstärkten und beschleunigten Bewegungen aus- 
zuhalten unf.inig seyn mufs, oder wie bei den natürli- 
chen Evolutionen es von dem hervortretenden. Arte- 
riensystem zurückgedrängt werden und bei allgemei- 
ner Ermattung relativ in den höchsten Grad von 
Schwäche zurücksinken und so Disproportion mit den 
übrigen Systemen entstehen mufs. Daraus läfst sich 
denn aber auch abnehmen, dafs ein solcher Grad von 
Fehlern des Herzens, welcher bei stark organisirten 
Subjecten nur geringe Zufäile erwecken würde, bei 
andern, deren Gefäßsystem an sich sehr erregbar ist, 
in einer weit frühern Periode und auf weit geringer« 
krankmachende Einwirkungen in Allgemeinleiden wird 
übergehen und man hat also bei Beurtheilung solcher 
Krankheiten, deren Hauptmoment im Herzen zu liegen 
scheint, gar sehr auf die besondre Beschaffenheit der 
Constitution zu sehen, um das Verhaltnifs ihrer Fac- 
toren, nämlich des örtlichen Uebels und der allgemein 
nen Receprivität richtig zu beurtheilen. 

Eben so hat man denn aber auch in jedem gege- 
benen Falle von scheinbarer Herzkrankheit den Zu- 
stand des Nervensystems genau zu schätzen/ um den 



— 208 — 

Antheil, den dasselbe an dem Hervortreten von Symp- 
tomen einer Herzkrankheit hat, gehörig zu würdigen. 
Denn ein kranker Zustand dieses Systems kann, wie 
wir gesehen haben, an sich schon die Form einer 
Herzkrankheit mehr oder weniger nachahmen, und 
nichts ist gemeiner, als dafs hysterische Frauenzimmer, 
weil sie an Herzklopfen und periodischen Beengungen 
leiden, sich einbilden, sie leiden am Herzen; allein 
je höher die Receptivität dieses Systems gestimmt ist, 
desto stärkern Einflufs werden auch wirklich vorhan- 
dene Fehler des Herzens auf dasselbe äufsern und desto 
leichter werden bei leichten Veranlassungen sowohl, 
als bei noch mäfsigen Graden von örtlichen Fehlern, 
allgemeine Symptome von ihnen entstehen. Auf diese 
Weise mag es denn nicht selten geschehen, dafs An- 
lagen zu Herzkrankheiten sich während eines Zeit- 
raums entwickeln, wo eine heftige Leidenschaft den 
Menschen befangen hält und dafs diese darum nicht 
immer den ersten Grund dazu erst gelegt haben mufs; 
die plötzlichen Todesfälle in dem Act einer Gemüths- 
bewegung, nach welchen man Herzfehler in Leichname 
entdeckte, beweisen dies, und diese Betrachtung mufs 
uns dann bei Beurtheilung gegebener Fälle sehr vor- 
sichtig machen, dafs wir eines Theils bei kranker Ner- 
venslimmung nicht zu voreilig aus der Gegenwart ge- 
wisser Herzzufälle auf die Gegenwart einer organischen 
Krankheit im Herzen schliefsen, andern Theils aber 
dafs wo sich der Verdacht der Gegenwart einer sol- 
chen bestätigt, wir in der frühern Lebensepoche uns 
umsehen, ob nicht Spuren einer kranken Anlage im 
Herzen schon früher angetroffen werden ; nicht nur die 
Beurtheilung des gegenwärtigen Zustandes wird da- 
durch berichtigt, sondern auch die über den Grad und 
die Nähe der Gefahr dadurch mehr bestimmt wer- 
den. 

So 



— 209 — 

So wird denn endlich auch eine Herzkrankheit be- 
stimmt werden müssen als Aligemeirileiden hervorzu- 
treten durch solche Einwirkungen, welche gleichzeitig 
das Herz und die allgemeinen Systeme des Körpers 
angreifen; dahin gehören Krankheiten wichtiger Or- 
gane, die sich mit Fehlern des Herzens compliciren, 
besonders jener der Verdauung, sie mögen ihren Sitae 
in diesem oder jenem Organe haben. Ich mufs zwar 
vorläufig hier schon bemerken, dafs Herzkrankheiten 
einen sehr wichtigen Rückeinflufs auf die Organe der 
Verdauung haben, den ich bald betrachten werde; 
und dafs man sehr auf seiner Huth seyn mufs, conse- 
cutive Leiden dieser Organe für die Hauptkrankheit 
zu nehmen; allein gewifs ist es auch umgekehrt, dafs, 
wo dergleichen Uebel, aus ihren eignen Ursachen her- 
vorgegangen, mit einer abnormen Beschaffenheit des 
Herzens gleichzeitig S^att finden, die letztere durch 
den EinHufs der erstem früher geweckt werden müsse. 
Das Verhältnifs solcher Krankheiten der Verdauungs- 
organe zu Herzfehlern ist aber wohl nicht immer das- 
selbe. Anhäufungen von Blut in der Pfortader und 
Leber haben gewifs eine ganz nahe und unmittelbare 
Beziehung auf das Herz und haben an sich schon so 
oft unregelmäfsige Thätigkeit des Herzens zur Folge, 
um desto mehr werden sie das schon kranke Herz zu 
abnormer Thätigkeit bestimmen; gewifs wirkt auf 
ähnliche Weise die Anpfropfung der Därme durch An- 
häufung der Excremente, indem der Rückflufs des 
Bluts dadurch gestört wird; daher eins d^r wohlthä- 
tigsten Erleichterungsmittel für Herzkranke auch immer 
Freihaltung des Unterleibs ist und von Zeit zu Zeit 
gegebene gelinde Abführungen diesen Kranken mei- 
stentheils äusserst wohl bekommen; allein wir kennen 
auch die grofse Verstimmung des Nervensystems und 
des Gemeingefühls bei Kranken dieser Art, und es ist 

i. [ 14 ] 



— aio — 

wahrscheinlich, dafs auch durch Vermittlung dieses 
Systems der Einflufs der Unterleibskrankheiten auf 
Herzfehler und ihr Hervortreten in Allgemeinleiden 
gar sehr erhöht wird; so müssen auch wohl derglei- 
chen Krankheiten in der Hinsicht, dafs sie selbst Schwä- 
chung der allgemeinen Systeme begünstigen und dafs 
umgekehrt das kranke Herz ihre Heilung hindert und 
sie vielmehr verschlimmert, die Verkettung der Krank- 
heitssymptome des Herzens mit Allgemeinleiden noch 
enger machen. In einer noch nähern Verbindung ste- 
hen Lungenkrankheiten mit denen des Herzens; An- 
lagen zu den erstem., z. B. Knoten in den Lungen, 
werden daher gewifs einen Herzfehler zu einer schnel- 
lern Entwickelung bringen, aber auch den Uebergang 
desselben in allgemeine Krankheit schneller fordern, 
als es ohne sie der Fall seyn würde. Der Einfmfs 
der Lungen auf das Herz ist in dem enge verbunde- 
nen Geschäft beider und dann in ihrer vitalen und 
mechanischen Verbindung gegründet. Hemmungen des 
Athemholens durch Compression, der Lungen, %. B. 
bei Lungenentzündung, macht den Puls und Herzschlag 
aussetzend und unregelmäfsig ; die verhärtete Lunge 
mufs noth wendig durch Hemmung des Athems und 
des freien Zu- und Rückflusses des Bluts auf das schon 
kranke Herz nachtheilig einwirken; eben so sehr durch 
Mittheilung seiner kranken vitalen Stimmung. Das 
höchst beschwerliche Herzklopfen ist bei Schwindsüch- 
tigen ein sehr gewöhnlicher Zufall. Wirklich finden 
wir Krankheiten beider Organe nicht selten beisammen 
-und diese Verbindung ist nicht nur an sich um desto 
gefährlicher, sondern erfordert auch die gröfste Um- 
sicht, um nicht zu täuschen. So kann es endlich auch 
geschehen, dafs ein Herzfehler in Allgemeinleiden über- 
geht, indem eine krankmachende Einwirkung gleich- 
zeitig das schon abnorme Herz und die allgemeinen 



211 

Systeme des Körpers afficirt ; besonders werden solche 
Einflüsse, welche den Blutumlauf heftig erregen, 2. B. 
Trunkenheit, heftiges Laufen, Ausbrüche von Gemüths- 
bewegiuigen, heftig reitzende Arzneien auf diese Art 
sich verhalten und wir sehen in der That unter die- 
sen Einflüssen sehr häufig Herzkrankheiten plötzlich 
und unvermuthet hervortreten. 

Dies sind im allgemeinen die Gesetze, nach wel- 
chen Fehler des Herzens in die Form eines Allgemein- 
leidens übergehen. Aus denselben läfst sich der wei- 
tere Fortgang dieser Uebel und ihr Uebergang in 
allgemeine Zerrüttung der Maschine leicht abnehmen. 

Ist nämlich einmal zwischen dem Herzen und den 
allgemeinen Systemen eine bedeutende Disproportion 
eingetreten, so müssen nothwendig nach und nach alle 
Verrichtungen des Körpers in den Kreis der Krankheit 
gezogen werden. Die Krankheit begann damit, dafs das 
Herz zur vollkommenen Ausführung seiner Verrichtung 
untüchtig gemacht worden war, jedoch noch tauglich 
blieb, in einem mäfsigen Grade und im Verhältnifs des 
nothwendigen Bedürfnisses des Körpers thätig zu seyn 
und ward darin von dem noch kräftigen Gefäfssystem 
unterstützt. In dem zweiten Zeitraum, wie man den 
Uebergang der Herzfehler in Allgemeinleiden nennen 
kann, ist auch das Gefäfssystem geschwächt; indefs ist 
damit die Disproportion zwischen ihm und dem Her- 
zen nicht etwa aufgehoben, vielmehr in einem grös- 
sern Umfange da ; denn eben, weil die Unterstützung, 
die das Gefäfssystem dem Herzen bisher leistete, nun 
aufgehoben ist, so fällt die ganze Last des fortzube- 
wegenden Bluts wiederum allein auf das Herz, wie 
im normalen Zustande und die Schwächung desselben 
mufs nothwendig in einer viel gröfsern Proportion zu- 
nehmen ; ja eben aus dieser Ursache entspringen die 
heftigen Zufälle vpn plötzlichem Stocken des Bluts, 



2,12, 



worin die periodischen Paroxysmen dieses Stadiums be- 
stehen. Nothwendig müssen folglich nunmehr diejeni- 
gen Verrichtungen auch bedeutend eingeschränkt wer- 
den, welche zunächst von der Cireulation abhängen — 
also die Blutbildung selbst, in so fern sie von der Thätig- 
keit des Systems der Blutgefäfse abhängt) aber auch in so 
fern bei erschwertem Kreislauf das Blut weder so re- 
gelmäfsig, noch in einer solchen Menge in ei- 
ner gegebenen Zeit durch das Athemholen gesäuert 
werden kann, als das Bedürfnifs des Körpers erfodert. 
Die Folge einer fehlerhaften Blutmischung mufs noth- 
wendig wieder auf die Absonderungen und auf die 
Ernährung einen nachtheiligen Einflufs äufsern; allein 
die zunehmende Schwächung des Blutsystems mufs 
auch an sich auf das mit ihm zur Einheit der Thätig- 
keit Verbundene Lymphensystem nachtheilig wirken 
und sich auf dieses fortpflanzen ; und so werden denn 
also alle Verrichtungen des Körpers mit der Krank- 
heit verkettet werden müssen. In der That entspricht 
auch der natürliche weitere Verlauf der Herzkrank- 
heiten ganz diesen Grundsätzen; er lehrt nämlich, dafs 
immer gröfsere Zunahme der Adynamie des Herzens 
mit verhältnifsmäfsigem gleichzeitigen Sinken aller an- 
dern Organ« parallel läuft. Nicht selten schneidet al- 
lerdings ein schneller Tod den Verlauf der Krankheit 
mit einemmale ab und dies geschieht durch plötzliche 
Erschöpfung der Kräfte des Herzens auf Einwirkungen, 
deren Stärke zu ertragen die Schwäche desselben nicht 
gewachsen war; aber wohl noch öfter beobachten 
wir einen langsamen, aber steten Fortgang zu immer 
gröfserer Verschlimmerung, der sich leicht nach der 
angegebenen Ansicht erklären läfst; nur die Hirnfunc- 
tionen bleiben sehr oft bis auf den letzten Augenblick 
ungetrübt Ich und andre haben beobachtet, dafs der- 
gleichen Kranke drei und mehrere Tage im Todes* 



— 213 ■*?* 

kampfe da lagen, so dafs man alle Stunden ihr Ende 
erwartete und des höchst ermatteten schlaf ähnlichen 
.Auslandes wegen, in welchem sie anhaltend Tage lang 
zubrachten, ohne einen Tropfen Wasser zu schlurfen, 
sich für überzeugt hielt, es finde kein Bewufstseyn 
Statt, und dafs sie gleichwohl mit einemmale sich auf- 
richteten, wie aus dem Tode, wiederum mit völligem 
Bewußstseyn sprachen und deutlich auch ausdrückten^. 
was sie in jenem Zustande von scheinbarer Lethargie 
gelitten hatten. Es beweist dies die ganz eigne Selbst- 
ständigkeit des Herzens und den hohen Grad von Un- 
abhängigkeit desselben von. dem Hirn; wenn aber 
andre male Zufälle von Schlagfhifs und Lähmung der 
Glieder, oder auch einzelner Sinnorgane, z. B. der 
Augen, diese Krankheiten in den spätem Zeiträumen 
begleiten, so ist das Verhalten dieser Zufälle von einer 
ganz eignen und von ihrem gewöhnlichen Gange ganz 
abweichenden Art, wie wir bei Erwägung dieser Zu- 
fälle vollständiger erörtern werden* 

Der natürliche Verlauf der organischen Herzkrank- 
heiten zeichnet sich in diesem letzten und dritten Sta- 
dio zunächst aus durch bedeutendes Abfallen des Flei- 
sches und Magerwerden auf der einen, so wie durch 
Neigung von \Anhäufung wäfsriger Feuchtigkeiten, auf 
der andern Seite; das erstere entspricht der Vermin- 
derung des nährenden Stoffs und der Thätigkeit der 
Capillargefafse, das letztere eben diesen Zuständen, 
abtr zugleich auch dem Mifsverhältnifs, welches zwi- 
schen dem Gapillarsystem und dem lymphatischen ein- 
tritt. Dieses letztere äufsert sich bei Herzkrankheiten 
überhaupt auf eine sehr merkwürdige Art und giebt 
selbst bei den hitzigen Krankheiten des Herzens Zei- 
chen ihrer Gegenwart ab; denn sogar bei diesen be- 
merkt man in wenigen Tagen Aufgedunsenheit des 
Gesichts und Infiltration der Haut an den Füfsen; 



214 



bei organischen aber verbreiten sich die Wasseran- 
sammlungen auf die ganze Oberfläche und auf 
die innern Höhlen, unterscheiden sich aber von Was* 
sersuchten dieser Theile aus andern Ursachen da- 
durch, dafs die diuretischen Mittel weit mehr vorü- 
bergehende Hülfe bringen und die Kranken zuweilen 
noch von einem Zustande, der verzweifelt schien, zu 
einem sehr hohen Grade von Besserung, ja schein- 
barer Heilung zurückführen, welche den unkundigen 
Arzt leicht täuschen kann. 

Unter diesen Zufällen nun, welche Monate, aber 
auch Jahre anhalten können, leidet auch das Athem- 
holen immer -gröfsere Einschränkung und das Gefühl 
der Kraftlosigkeit nimmt sehr zu; der Grund davon 
liegt ohnstreitig in einem wahren Sinken der Kräfte 
der Lungen, die sich ihnen vom Herzen aus mittheilt, 
so wie des ganzen Körpers, aber auch gewifs in der 
Abnahme der übrigen Functionen, oder in der Ein- 
schränkung des gesammten Lebens aller Organe, wor. 
an die sehr bedeutend veränderte und weit unvoll- 
kommenere Blutbildung den gröfsten Antheil hat; er 
liegt aber nicht zunächst und noth wendig in Wasserer- 
giefsungen in die innern Höhlen, womit dieser Zu- 
stand der Kranken nach dem äufsern Ansehen so 
Viele Aehnlichkeit hat, dafs Herzkrankheiten von jeher 
*»it Wassersucht der Brust ' verwechselt worden sind 
und noch häufig verwechselt werden; und diese tre- 
en m den innern Höhlen der Brust und des Unter- 
leibs meut am allerspätesten ein. / 
Die Verdauung verhält sich'in diesem Staxlio im- 

mt ZJ g "^ UnV ° llko ™ ; nicht immer 

IMt derAppem wiewohl sehY ^ oft ^ 

£d Z JSl H f mng 2ÖgCrt mCiSt ab -echsefnd 
und die Anfalle des Herzleidens stellen sich nach ie- 
der Mahlzeit, oder doch n^h a 11 J 

er aocri nach der allergeringsten Ab- 



215 — 

weichung von dem Maafse ein, dessen genaue Beob- 
achtung dem Kranken die Erfahrung als notwen- 
dige Regel vorgeschrieben hat. Es stellen sich aufser- 
dem vielerlei Beschwerden im Unterleibe bei diesen 
Kranken ein, die mit der Hauptkrankheit in näherer 
oder entfernterer Beziehung stehen, oder von Eigen- 
heiten der Constitution abhängen, vornämlich Schmer- 
zen in dem Magen, Vergröfserung der Leber, blutige 
Ausleerungen durch Stuhl und Urin; sehr oft heftige 
Schweifse, die aber mit Kälte und Trockenheit der 
Haut abwechseln; mancherlei Abänderungen in der 
Menge und den Eigenschaften des Urins u. s. w. Der 
Tod erfolgt endlich durch Aufhebung des Eingreifens 
eines Organs und seiner Verrichtung in die übrigen 
und endlichen Stillstand der ersten Triebfeder des 
organischen Lebens, nämlich des Herzens; entweder 
doch noch unvermuthet schnell und sanft, oder nach 
einem langen harten Kampfe von der Art, wie ich ihn 
nur beschrieben habe. 

Wie der Tod aber auch in. weit frühem Epochen 
einer Herzkrankheit und bei solchen Graden von Herz- 
fehlern, bei welchen das Leben unter andern Verhält- 
nissen noch lange bestehen kann, plötzlich und un- 
vermuthet, ja ehe der Arzt eine Ahndung von einer 
kranken Anlage des Herzens hatte, erfolgen könne, 
läfst sich aus den bisherigen Betrachtungen leicht ab- 
nehmen. Es geschieht nämlich alsdann, wenn derje- 
nige Factor der Krankheit, welchen die allgemeinen 
Systeme hergeben, unmäfsig gesteigert und so plötz- 
lich der höchste Grad von Disproportion zwischen ih- 
nen und dem schon kranken Herzen gesetzt wird; 
daher die schleunigen Todesfälle herzkranker Personen 
in dem Act einer Gemüthsbewegung, im Beischlaf, in der 
Schwangerschaft-, während der Periode der Pubertät 
oder des Aussenbleibens der monatlichen Reinigung; 



216 



ferner im Verlaufe von anhältenden, oft gar nicht be- 
denklich &ch einenden Fiebern, in der Trunkenheit, oder 
nach Ueberladung. Der Tod erfolgt hier durch 
Lähmung des Herzens, welches bei der schon in ihm 
Statt findenden Schwäche den heftigen anstrengenden 
Einwirkungen unterliegt; acbjeunig tödten organische 
Krankheiten des Herzens aber auch, wenn sich eine 
schleichende Entzündung in demselben einstellt, was, 
wie wir schon gesagt haben, so sehr leicht der Fall 
ist. 



Dritter Abschnitt 

Phänomenologie, oder von den Symptomen 

der Herzkrankheiten und ihrer Deutung 

als Zeichen derselben. 



Erstes Gapitel, 

Unvollkommenheit der bisherigen Bemühungen, die wesent- 
lichen Symptome der Herzkrankheiten zu beachten, •_ und Auf- 
stellung der wichtigsten Thatsachen aus der Anatomie, welche 
dabei in Betracht kommen, 



Wenn es uns dringendes Bedürfnifs zu seyn schien, 
über die Natur der verschiedenen Abnormitäten des 
Herzens, und die Art und Weise ihrer Entstehung vor 
allen Dingen erst Grundsätze aufzustellen, um in diese 
schwierige und bis jetzt noch so dunkle Lehre, Klar- 
heit und Einheit zu bringen; so dünkt uns eine ähn- 
liche Behandlung der Erscheinungen, welche die Herz- 
krankheiten begleiten, noch viel unerläfslicher. Dieser 
Theil der Krankheitslehre des Herzens nämlich ist 
Hoch weit unvollkommener und verworrener, als der 
erste oder fundamentale, und mufste es bis jetzt seyn. 



— ^i8 — 

Bei dem allerdings heimlichen Gange dieser Krankhei- 
ten, der ganz vorzüglich auch die Entzündung des 
Herzens betrifft, hat die Diagnose derselben unter al- 
len Umständen an sich schon grofse, vielleicht manche 
unüberwindliche Schwierigkeiten. Dazu kommt, dafs 
vorhandene mäfsige Anlagen zu diesen Krankheiten 
oftmals erst bei einem zufälligen Zusammentreffen mit 
andern Krankheiten, besonders Fiebern, in der Er- 
scheinung hervortreten, und dann eine Gruppe von 
Symptomen bi'den, welche nur von einem Kenner zu 
entrathseln seyn dürfte, oder dafs eine andre zufällig 
entstehende Krankheit eine leichte Entzündung in dem 
schon kranken Herzen entwickelt, dessen Anlage frü- 
her hin dem Arzt noch nicht deutlich geworden war; 
auch in diesem Falle wird nur der mit dem Gange 
dieser Krankheiten ganz vertraute Arzt den Schlüssel 
zu den auf eine wunderbar und widersprechend schei- 
nende Weise verbundenen Symptomen auffinden kön- , 
nen. Allein diese höchsten Schwierigkeiten, die in der 
Natur der Sache liegen, abgerechnet, war die Metho- 
de, deren man sich bisher bedient hat, um die Diagnose 
dieser Krankheiten aufzuklären, viel zu unvollkommen, 
zu oberflächlich und einseitig, als dafs sie zu einigem 
Grade von Zuverlässigkeit hätte gedeihen können. 

Unvollkommen war die Methode der Schriftsteller 
über Herzkrankheiten in Hinsicht der höthigen Auf- 
klärung der Diagnose, in so fern die meisten sich nur 
mit einigen kranken Zuständen des Herzens beschäf- 
tigten, und für diese bestimmte Zeichen ausfindig zu 
machen suchten. So ist es dem ehrwürdigen Wich- 
mann mit dem Herzpolypen gegangen; denn das übri- 
gens treu aus der Beobachtung der Natur genommene 
Gemälde des Herzpolypen trifft ganz mit dem Gange 
der Erweiterung der hintern Herzkammer und der 
Aorta zusammen, wie wir an seinem Orte sehen wer- 



— 2ig — 

den. So streiten andere darüber, ob die Verwachsung 
des Herzbeutels mit dem Herzen sich durch Mangel 
an Herzklopfen auszeichne, und gleichwohl liest man 
bei solchen, welche das Herzklopfen in diesem Zu- 
stande für unmöglich ansehen, Krankengeschichten, wo 
die Section diesen Fehler zeigte, und in deren Be- 
schreibung des Herzklopfens gleichwohl gedacht wird *). 
Der Grund dieser Unvollkommenheit liegt ohnstreitig 
darin, dafs kein Schriftsteller noch die Krankheiten des 
Herzens in ihrer Gesammtheit aufgriff, folglich auch 
nicht die Zufälle aller mit einander verglich, und das 
Gemeinsame derselben heraushob. Allein aus dieser 
Quelle entsprang auch ohnstreitig die Oberflächlich- 
keit dieser Untersuchungen. Man fafste nämlich die 
charakteristischen Zufälle, welche die Herzthätigkeit 
und das Athemholen gewähren, nicht scharf genug auf, 
«ondern begnügte sich mit den Ausdrücken Herz- 
klopfen oder Beklemmung, kurzer Athem, oder Suffo- 
cation, um in den mitgetheilten Fällen von Herzkrank- 
heiten ein Bild von ihnen zu entwerfen ; eben so ober- 
flächlich und noch mehr verfuhr man in der Angabe 
anderer Zufälle, so dafs nur der kleinere Theil der 
von den Schriftstellern mitgetheilten Beobachtungen in 
diagnostischer Hinsicht irgend einen Werth hat. Wer 
die Schwierigkeiten der Diagnostik dieser Uebel kennt, 
wird daher bald einsehen, dafs aus Lieutaud's Werke 
so gut als gar keine Belehrung zu ziehen sey ; eben 
dies ist mit den mehresten der altern Beobachtungen 
der Fall; sie sind um so unvollständiger, da unsere 
Vorfahren bei noch geringerer Kenntnifs dieser Krank- 
heiten auch noch weniger sich darauf verstanden, die 



•) Man sehe GorTisart am angef. O. S. sf. S. 227 — afi 
S. 71. S. 388 und 391 — 394» eben so Morgagni. 



220 



-Hauptpunkte ausfindig zu machen, worauf es bei der 
Beobachtung der Symptome im Leben, und bei der 
Untersuchung in den Leichnamen ankomme. Allein 
man nrnfs* gestehen, dafs selbst von den Beobachtun- 
gen der Neuern sehr viele ohne Werth sind, weil sie 
au seicht und oberflächlich abgefafst sind. Aber noch 
mehr: selbst die neuesten Schriftsteller haben wenig, 
zur Aufklärung dieses dunkeln Gegenstandes beige- 
tragen* . 

Bei aller Hochschätzung der Verdienste, welche 
sich in den letzten Zeiten besonders Corvisart, Testa 
und Btirns um die nähere Kenntnifs dieser Krankhei- 
ten erworben haben, mufs ich diesen Ausspruch thun, 
und hoffe denselben durch die folgenden Betrachtun- 
gen hinläaglich zu erweisen. 

Wenn- das Herz leidet, so mufs naturlich die Cir- 
culation gestört werden; man hielt sich daher vor- 
zugsweise an die Symptome der gestörten Circulation, 
an den irmormalen Herz- und Pulsschlag, um Zeichen 
für die Herzkrankheiten zu finden; weit weniger be- 
achtete man das Athemholen, und nennt unter den 
von den Lungen herrührenden Zufällen meistens nur 
die Beklemmung und die Suffbeation; Corvisart geht 
so weit, dafs er sagt, er wolle aus dem Pu^s- und 
Herzschlag allein ein irgend bedeutend vorgerücktes 
organisches Uebel erkenneri und bestimmen, er legt 
wenig Werth auf die Kennzeichen, welche von dem 
Athemholen hergenommen sind, und nennt sie zwei- 
deutig und dunkel. Testa erregt mehr Zweifel gegen 
den diagnostischen Werth des Herz- und Pulsschlags, 
als dafs er sicherer führende Belehrungen darüber 
mitgetheilt hätte; Burns hingegen hat mehrere vor- 
treffliche Bemerkungen über die Abnormitäten des 
Herzschlags mitgetheilt, denen ich nicht nur beistim- 
me, sondern, wie ich glaube, eine noch gröfsere Aus- 



— 221 • 

dehnung gegeben habe; allein die wahre Beschaffen- 
heit des abnormen Athemholens bei Herzkrankheiten 
scheint sein Nachdenken weniger auf sich gezogen zu 
haben; auch Testa würdigt es keiner besondern Un- 
tersuchung. So wahr es nun auf der einen Seite ist, 
dafs abnorme Thätigkeit des Herzens und des Pulses 
di« Herzkrankheiten zu begleiten pflegt: so gewifs ist 
es auf der andern, dafs der Puls gar oft bei den ge- 
fährlichsten hitzigen und besonders chronischen Herz- 
krankheiten bis an den Tod regelmäfsig bleibt; ferner 
dafs bei vielen entweder gar kein Herzklopfen, oder 
dafs dabei eine unregelmäfsige, aber schwache Thätig,- 
keit des Herzens Statt findet, welche leicht übersehen 
werden kann, oder dafs diese sowohl als die perio- 
disch bei Herzkrankheiten eintretende Angst und die 
Suffocationszufälle, wenn man ihre wahre Beschaffen- 
heit nicht kennt, sehr leicht für Folgen eines von den 
Lungen aus gehemmten Athemholens, angesehen wer- 
den und so der Blick von der Beachtung einer Herz- 
krankheit abgeleitet wird. Ueberdies aber giebt es 
gar sehr verschiedene Arten von Klopfen oder Pochen 
in der Brust, welche die Kranken Herzklopfen nennen^ 
weilysie keinen andern Ausdruck kennen, dieser aber, 
allen Menschen bekannt und geläufig ist; diese ver- 
schiedenen Arten von Pulsationen sind aber von den 
Schriftstellern bisher noch ganz und gar nicht gehörig 
aufgefafst und unterschieden worden, und schon da- 
durch mufs- ihre Diagnose unvollständig bleiben. Al- 
lein das Athemholen leidet in der That bei Herz- 
krankheiten eben so wesentlich, als die Circulation; 
Beengung, Angst, Husten ohne Auswurf, oder mifc blu- 
tigen, schleimigen, selbst dem Eiter ähnelnden Aus- 
wurf, eine Art von Röcheln und Erstickungsanfalle be- 
gleiten die Herzkrankheiten eben so treu, als Abwei» 
chungen der Thätigkeit des Herzens und der Arterien; 



222 



ja jene Zufälle stechen gar oft vor den letztem her- 
vor, und darum geschieht es, dafs Herzkrankheiten so 
oft unter der Maske von Lungenkrankheiten täuschen. 
Wir werden auch sehen, dafs es Griterien giebt, wo- 
durch man Störungen des Athemholens, welche ihren 
Grund in dem Herzen haben, von denen, welche in 
Fehlern der Respirationsorgane liegen, unterscheiden 
könne, und dafs beide Arten von gestörtem Ath ein- 
holen ein ganz verschiedenes Gepräge, so wie einen 
ganz verschiedenartigen innern Grund haben. Von 
den Zufällen des gestörten Athemholens nun behaupte 
ich ebenfalls, dafs sie bisher nicht scharf genug in 
Hinsicht ihrer Qualität aufgefafst, und so, wie es seyn 
mufs, zur Diagnose benutzt worden sind; und ich 
nenne das Verfahren der Schriftsteller einseitig, welche 
aus den Zufällen, welche der Kreislauf darbietet, al- 
lein sichere Zeichen zur Erkennung der Herzkrankheit 
ten haben herleiten wollen. 

Aufser dem Mangel einer scharfen Beobachtung 
der besondern Qualitäten der Erscheinungen, welche 
die Circulation und das Athemholen bei Herzkrank- 
heiten darbieten, liegt noch ein Hauptgrund dies«r 
unvollständigen Bemühungen ohnstreitig auch darin, 
dafs man weder die Bedingungen des normalen Kreis- 
laufes und Athemholens, noch den gegenseitigen Ein- 
flufs beider Verrichtungen auf einander, theils nach 
sichern physiologischen Grundsätzen, theils in Hinsicht 
der gegenseitigen Lage der zu beiden Verrichtungen 
dienenden Organe, nämlich des Herzens, der grofsen 
Gefäfse, der Luftröhre und der Lungen, genau beach- 
tete, um sich von der Möglichkeit oder auch Noth- 
^endigkeit gewisser Modificationen dieser Verrichtun- 
gen bei Herzkrankheiten Rechenschaft zu geben Hätte 
»-n die.- gethan, so würde man den Namen fi 

klopfen nicht so ganz allgemein als das vorwaltenste 



— 223 *■* 

Symptom bei Herzkrankheiten aufgestellt, und in Wi- 
derspruch mit sich selbst, zum Begleiter von Zustän- 
den des Herzens gemacht haben, wo es ganz unmög- 
lich Statt finden kann, z. B. bei Verwachsung des Herz- 
beutels mit dem Herzen, oder bei Verknöcherung der 
Herzkammern. 

Hätte man sich die^Bedingungen des freien Athem- 
bolens und die verschiedenen Ursachen der Störungen 
desselben, welche aus jenen fliefsen, lebhaft vorge- 
stellt, so würde man dem Kranken es nicht auf sein 
Wort geglaubt haben, wenn er in einem langen 
Strome von schnell gesprochenen Worten 
sich über den höchsten Mangel an Athem be- 
klagte, was in der Thal einen fast eben so lächerlichen 
Widerspruch bezeichnet, als wenn jemand aus den 
Fenstern seiner eigenen Wohnung einem andern ver- 
sichert, er sey nicht zu Hause. Gleichwohl thun dies 
Herzkranke alle Tage, und die Aerzte haben bis jetzt, 
ausgenommen bei der Brustbräune, wo es am auffal- 
lendsten ist, wahre Hemmung des Athems und Eng- 
brüstigkeit als das gewöhnlichste Symptom der Herz- 
kranken angesehen. Gleichwohl sind die innern Ver- 
hältnisse der respectiven Theile bei dem Herzkranken, 
wenn er über kurzen Athem klagt, und dem Lungen- 
kranken, der an Dyspnoe leidet, höchst verschieden, 
und nur bei manchen Herzkrankheiten kann ein Grad 
von eigentlicher Dyspnoe Statt finden, nämlich bei 
grofsen Erweiterungen, z. B. des Bogens der Aorta, 
der dann die Luftröhre wirklich zusammendrückt, oder 
auch des Herzens, in so fern die linke Lunge dadurch 
ganz nach aufwärts gedrängt und wie zurückgerollt 
werden kann; allein der eigentliche und nächste Grund 
der Beklemmung des Athems bei Herzkrankheiten 
liegt in der Verbindung des Herzens und der Lungen, 
durch den kleinen Kreislauf «ad ihrer Functionen zu 



— 224 

einer Einheit, welche bei Herzkrankheiten aufgehoben 
wird- der Grund der Beklemmung bei Herzkrankhei- 
ten ist daher ein ganz anderer, als bei Lungenkranken, 
und die Störung des Athemholens hat daher bei bei- 
derlei Kranken eine verschiedene Physiognomie, wel- 
che in den Fällen der Herzkrankheiten, wo zugleich 
ein Druck auf die Respirationsorgane Statt findet, 
zwar mehr oder weniger beschattet aber nicht eigent- 
lich verwischt werden kann. Darin liegt auch wohl 
die Ursache, dafs Aerzte, welche mehrmals Herzkrank- 
heiten beobachtet haben, den Sitz eines Leidens im 
Herzen aus dem Anblick des Kranken und der innor- 
malen Art des Athemholens erkennen, ohne sich über 
die Gründe ihres Urtheils selbst Rechenschaft geben 
zu können, welches mehr das Resultat des sinnlichen 
Totaleindrucks ist, den die oberflächliche Betrachtung 
der an einem Kranken sichtbaren änfsern Erscheinun- 
gen zurückliefs. 

Um wo möglich aus der Beachtung der wesent- 
lichen Symptome der Herzkrankheiten, welche das 
Athemholen und der Kreislauf darbieten, bessere und 
wohlbegründete Kennzeichen der Herzkrankheiten zu 
erlangen, wollen wir die erstem an und für sich einer 
genauen Untersuchung unterwerfen, und um die Art 
und Weise einzusehen, wie sie vermittelt werden, wol- 
len wir aufser den hieher gehörenden festgegründeten 
physiologischen Grundsätzen uns auch aus der Anato- 
mie die normale Lage der interessirten Theile, so wie 
die Veränderung derselben während des Acts ihrer 
Thätigkeit genau ins Gedächtnifs zurückrufen. 

Wir stellen denn zunächst die Hauptmomente aus 
der Anatomie auf, welche genau aufgefafst und dem 
Arzte immer gegenwärtig seyn müssen, welcher über 
Herzkrankheiten und die wesentlichen Zufälle dersel- 
ben urtheilen will. 

Dal 



— 225 

Das Herz liegt in seinem Beutel eingeschlossen 
in der linken Brusthöhle, in einer geneigten Richtung 
die Spitze etwas links und nach unten, die Basis mehr 
rechts und nach oben gewendet; es liegt mit seiner 
platten Fläche auf dem Zwergfelle selbst auf. 

Der Herzbeutel ist nach oben mit den grofsen 
Gefäfsstämmen verbunden, um Reiche er sich zurück- 
schlägt, unten aber mit dem Zwergfell verwachsen; 
er umgiebt das Herz ziemlich enge und es bleibt nur 
ein geringer Raum zwischen ihm und dem Herzen. 

Das Herz kommt mit folgenden Th eilen, welche 
von vorn und hinten an dasselbe stofsen, in Berüh- 
rung, wovon in Krankheiten desselben ebenfalls man- 
cherlei Symptome abhängen. Nach vorn zu zunächst 
mit der linken Lunge, deren unterer Flügel dasselbe 
fast ganz bedeckt; ferner nach vorn und rechts mit 
dem Mittelfell, mit diesem auch nach unten, wo 
es sich an das Zwergfell anheftet, nach welchem Punkt 
die Spitze des Herzens sich hindrängt; auf der linken 
Seite und nach auswärts ist es mit der Lunge umge- 
ben , und nach hinten liegt zwischen ihm und dem 
Rückgrat die absteigende Aorta, die veno, azygos und 
Ziemiazygea nebst dem ductus thoracicus , die Luft- 
röhre und die Speiseröhre nebst dem hintern Mittel- 
fell, was jene Theile umfafst. Der Zvvergfellsnerve 
steigt in der Mitte zu beiden Seiten des Herzbeutels 
herab. Die aus dem Herzen heraus- oder hereinge- 
henden Gefäfsstämme aber stehen mit dem Herzen und 
den benachbarten Theilen in folgender Verbindung. 
Die Aorta uncfXungenarterie drängen sich aus der 
hintern Fläche der Basis des Herzens hervor, die letz- 
tere rechter Hand, und schiebt ihren Jinken Ast so- 
gleich unter dem Bogen der Aorta hin. Mehr nach 
auswärts senken sich die Venenstämme ein. 

». [ «« 3 



«226 

Nicht gleichgültig für die Thätigkeit des Herzens 
sowohl als der Respirationsorgane ist das Mittelfell j 
denn es wird durch das Herabsteigen des Zwergfells 
beim Einathmen herabgezogen und angespannt, und 
hat also auf das Geschäft des Athmens einen indirecten, 
auf die Herzthäligkeit aber einen directen mechani- 
schen Einflufs. . > 

Uebrigens ist die linke Brusthöhle dadurch schon 
beschränkter als die rechte, dafs das linke Blatt des 
Mittelfells sich nicht an das Brustbein, sondern an die 
Stelle ansetzt, wo die Knorpel der Rippen mit dieser 
sich verbinden; der innere Raum für die Lunge wird 
aber noch mehr durch den Umfang des Herzens 
beengt. 

Aus diesen einfachen anatomischen Sätzen ergeben 
sich schon mehrere wichtige Folgerungen für die 
Symptomatologie der Herzkrankheiten. Einmal näm- 
lich müssen Krankheiten dieser nahen und verbunde- 
nen Theile die Th.itigkeiten des Herzens mannichfal- 
tig beschränken, andern Theils müssen abnorme Zu- 
stände des Herzens auf diese verbundenen oder nahen 
Theile mancherlei besondere Einflüsse änfsern. 

Schon daraus ist begreiflich, dafs nicht nur Ent- 
zündung der Lungen, sondern ganz vorzüglich und 
noch weit mehr der häutigen Auskleidungen der Brust, 
besonders des Mittelfells oder des Zwergfells, Ergie- 
fiungen von Feuchtigkeiten in den Höhlen der Brust, 
des Mittelfelles und Herzbeutels, Gewächse an dem 
Zwergfell und an den Brusthäuten, Verhärtungen der 
Lungen, zumal an dem untern und vordem Theile 
derselben; Geschwülste hinten nach dem Rückgrat zu 
u. s. w. die freie Bewegung des Herzens sehr ein- 
schränken müssen. Aber umgekehrt wird man sich 
auch den gegenseitigen Einflufs des kranken Herzens 
auf diese benachbarten Theile denken können Z B 



227 ***, 

das sehr vergrößerte Herz muls auf das Zwergfcll 
lasten und seine Zusammenziehung erschweren; es 
muls das vordere Mittelfell anspannen , und so auch 
das Heruntersteigen des Zwergfells einschränken, von 
dem Mittelfell aber selbst geprefst werden; es wird 
die Lunge znrückdruckcn könn n; der Zwergfel'snerve 
kann ebenfalls dabei beeinträchtigt werden. Eine feh- 
lerhafte Lage des Herzens muPs noch mehr durch 
Ziehen und Dehnen der Thätigkeit seiner Nachbarn 
nachtheilig werden; Erweiterungen einzelner Höhlen 
werden die nächsten Theile am meisten drucken müs- 
sen, z. B. die der Vorkammern, die Luftröhre; noch 
weit mehr thut dies die Erweiterung der Aorta; findet 
eine solche bei ihrem Ursprünge aus dem Herzen an 
ihrem aufsteigenden Stamme Statt, welcher sich mit 
der Luftröhre kreutzt, so wird diese sehr, zuweilen 
ganz platt gedrückt; ist die Aorta hingegen in ihrem 
Bogen erweitert, so leidet die alsdann dadurch vor- 
zugsweise gedrückte Speiseröhre mehr; auch die obere 
Hohlvene kann durch einen erweiterten Sack der 
Aorta nach hinten gedrängt werden, wovon Simmons 
ein Beispiel anführt, wobei das Aneurisma zugleich 
mit der Hohlader verwachsen war. (Bei Burns 

S. 289.) 

Ein andrer Gegenstand, welcher dem Arzte nicht 
nur genau bekannt und geläufig Sfcyn, sondern auch 
seiner Vorstellung deutlich und lebendig vorschweben 
mufs, ist die Kenntnifs der Veränderung der Lage, 
welche die Verschiedenen Theile des Herzens in 4 em 
Act der Contraction theils gegen einander, theils ge- 
gen die nur betrachteten benachbarten und verbunde- 
nen Theile erfahren. Daraus nämlich läfst sich nicht 
nur die Leichtigkeit oder die Unmöglichkeit mancher 
Symptome bei bestimmten Herzübeln abnehmen,, und 
manche besondre Modification des Herzschlags und 



— 228 — 

Athemhojens begreifen, sondern auch sogar die Bildung 
nachentstehender Fehler im Herzen aus einem frühem 
erklären. 

Die Thätigkeit des Herzens besteht in der ab- 
wechselnden Zusammenziehung und Erweiterung der 
beiden Vorkammern und Herzkammern , so dafs die 
Thätigkeit der Ohren immer gleichzeitig mit der Er- 
schlaffung beider Kammern Statt findet, und umge- 
kehrt. Das was wir Herzschlag nennen, ist Folge der 
Contraction der Herzkammern, und es wird derselbe 
dadurch bewirkt, dafs die Spitze des Herzens sich 
während der Contraction der Herzkammern erhebt 
und nach vorn zwischen der fünften und sechsten 
Ribbe an das Brustbein anstöfst; durch diesen Act 
wird die Blutwelle aus beiden Kammern in die bei- 
den Arterienstämme getrieben; die Stofskraft des Her- 
zens theilt sich zugleich dem ganzen System der Ar- 1 
terien mit, und bewirkt so den Puls. Bei diesen ab- 
wechselnden Bewegungen der Vorhöfe und Herzkam- 
mern ändert sich nun die gegenseitige Lage der ver- 
schiedenen Theile des Herzens gegen einander, so wie 
gegen die benachbarten Theile. Indem die Vorhöfe 
sich zusammenziehen, erweitern sich die Kammern; 
dabei sinkt die Spitze des Herzens herab, dfe ellip- 
tischen Oeffnungen der Vorhöfe in die Kammern aber 
welche bei dem Steigen der Spitze des Herzens sich 
herabsenken, steigen jetzt aufwärts und werden 
wegen Senkung der Kammern frei nebst ihren Klap- 
pen, die sich an die Wände der Kammern anlegen; 
das Blut fällt durch sie in die Kammern herab ; im 
folgenden Moment ziehen sich die Kammern zusam- 
men, und es ereignen sich dabei folgende Verände- 
rungen: die Spitze des Herzens steigt aufwärts und 
nach vorn, gleichzeitig senkt sich der obere Theil der 
Kammern herab und nimmt die Stelle ein, welche im 



22Q 

frühem Moment die Spitze einnahm; der Grund da- 
von liegt eines Theils in der Richtung der sich zu- 
sammenziehenden Muskelfasern der Herzkammern, an- 
dern Theils in der gleichzeitig erfolgenden neuen An- 
füllung der .Vorhöfe, welche dadurch sich ebenfalls 
senken. So beschreibt denn das Herz bei seiner Sy- 
stole ein Segment eines Zirkels um seine eigne Axe; 
bei dieser Rotation nun, bei welcher die Fleischsäulen, 
die mit den Fäden der Vorhofsklappen in Verbindung 
stehen, sich nebst den Wänden der Kammern verkür- 
zen, werden die Klappen oder Segel von den Herz- 
wänden entfernt und fest gehalten, so dafs das Blut 
aus den Kammern nicht in die Vorhöfe zurückkehren 
kann, und gleichzeitig ändert sich die Lage der Spitze 
und des obern hintern und platten Theils des, Her- 
zens gegen das Zwergfell, das Brustbein und die Ar- 
terienstämme bedeutend ab. Dadurch werden näm- 
lich die Anfänge der Aorta und der Lungenarterie mit 
den Herzkammern in eine geradlinichte Richtung ge- 
setzt, die Blutsäule wird auf den untern Wänden die- 
ser Arterien gleichsam getragen, und strömt nun in 
horizontaler Pachtung in sie ein, da es ohne jene Ro- 
tation in senkrechter Richtung fortgestofsen werden 
müfste. Diese Vorstellungsart der Herzbewegung und 
der Veränderung der Lage seiner Theile beruht auf 
Autopsie, und ist als sichere Thatsache anzunehmen, 
seitdem W. Hunter diese glücklichen Entdeckungen 
gemacht und bewiesen hat. Es ergeben sich aber aus 
derselben für die Symptomatologie des Herzens man- 
cherlei wichtige Folgerungen, von denen wir einige 
betrachten wollen. Ist ein Hindernifs an der Spitze 
des Herzens vorhanden, welches das Aufsteigen der- 
selben bei der Systole der Herzkammern erschwert, 
z. B. eine bandartige Verwachsung derselben mit dem 
Zwergfell, oder ein Gewächs an dem untern Theile 



— s3o — ' 

des Herzens , so kann man den Herzschlag nicht in 
der sonst gewöhnlichen Stelle fühlen; ist das ganze 
Herz mit dem Herzbeutel verwachsen, so kann die 
Spitze sich eben so wenig bei de§ Contraction der 
Kammern heben, als der obere Theil senken; und da- 
durch mufs der Einflufs in die grofsen Arterien eben 
so sehr erschwert, als der Rückflufs eines Theils der 
.Blutwelle in die Vorkammern, die unter diesen Um- 
ständen nicht genau durch die Vorhofsklappen ver- 
schlossen werden können, begünstigt, überhaupt eine 
bedeutende Störung der normalen Thätigkeit des Her- 
zens und der Blutvertheilung bewirkt werden, und ei 
müssen daraus besondere Empfindungen in dem Kran- 
ken entstehen, die er Herzklopfen nennt; auch läfst 
sich leicht einsehen, dafs aus dieser Hinderung der 
verschiedenen Theile des Herzens, ihre gegenseitige 
Lage der Norm gemäfs zu verändern, nachtheilige 
Folgen für die Struktur der innern Höhlungen, und 
besonders für die CommunicationsÖfrnungen zwischen 
den Vorhöfen und Kammern entstehen müssen, auf 
deren Entstehung und Einflufs bisher, wie es scheint, 
zu wenig gesehen worden ist. Nach diesen Betrach- 
tungen mufs ich noch der Art und Weise gedenken, 
wie der Puls entsteht. Gewifs ist, dafs er die Wir- 
kung der Contraction der Herzkammern ist, so wie, 
dafs der Herzschlag, welcher mit ihm in einem und 
demselben Moment Statt findet, von dem Anschlagen 
der Spitze des Herzens an das Brustbein zwischen der 
fünften und sechsten Ribbe abhängt. Wir fühlen da- 
her den Herzschlag, wenn er normal ist, nur wenig, 
wenn wir ihn bei andern durch Auflegen der Hand- 
fläche oder tingerspitzen auf die Brust untersuchen, 
und wir sind uns desselben bei uns selbst wenig be- 
wußt. Sobald sich aber die Bewegungen des Herzens 
verstarken, so sagen wir, das Herz schlage stark, 



— 231 — 

und empfinden deutlich ein Klopfen in der Brust, 
gleichzeitig mit dem beschleunigten und verstärkten' 
Pulse an der Hand oder am Hals$. Dieses Gefühl 
von Klopfen und Schlagen ist nicht allein Folge des 
Anstofsens der Spitze des Herzens an das Brustbein, 
sondern zugleich der Repercussion des Stofses der.Blnt- 
welle in die Aorta und Lungenarterie, und gleicht da- 
her auch einer Erschütterung der Brust. Eben diese 
Bewandnifs hat es aber auch mit dem Pulsschlag und 
die richtige Erkenntnifs des Vorganges in den Arterien 
bei dem Pulsschlag erörtert umgekehrt die Natur 
des Herzschlages. Es ist nämlich eines Theils die frei- 
willige selbstthätige Erweiterung der Arterie, welciie 
wir bei Untersuchung des Pulses fühlen, andern Theils 
der Stofs, welcher sich vermittelst der aus dem Her- 
zen ausgetriebenen Blutwelle der ganzen Blutsäule 
mittheilt, womit das" Arteriensystem angefüllt ist. Dafs 
sich die Arterien freiwillig erweitern, eben so wie das 
Herz, sieht man daraus, dafs ausgeschnittene Stücken 
von Arterien eine abwechselnde Expansion und Con- 
traction noch fort machen, und die Vorstellung von 
Hunt er *) und Bichat **), dafs die Arterien keiner 
Erweiterung fähig wären, ist unrichtig; der volle freie 
und der zusammengezogene Puls lassen sich nicht aus 
einer blofsen Schwingung oder Orts Veränderung er- 
klären, und wenn eine blos gelegte Arterie bei dem 
Act des Pulsirens nicht ausgedehnt zu werden scheint, 
so beweist dies nichts für den Normalzustand ; der 
Eindruck der Luft und der Schmerz kann bei derglei- 



•) Hunt er, über das Blur, die Entzündungen und Schufswunden. 
Aus dem Englischen übersetzt Ton Hebenstreit. Leipz. 1797» 
erster Theil, Seite 327. 

*•) Bichat, allgem. Anatomie 2. Th. S. 83- 



— 23a — 

eben Versuchen die Arterie wohl zur Verengerung 
zwingen, eben so, wie bei heftiger Reitzung des Ge- 
fäfssystems in Fiebern der Puls eingeschnürt ist; dafs 
aber der Stofs der aus dem Herzen ausgetriebenen 
Blutwelle der in dem Arteriensystem befindlichen Blut- 
säule mitgetheilt werde, lehrt die, Gleichzeitigkeit des 
Pulses mit der Systole der Herzkammern, selbst da, 
wo Erweiterungen und Verknöcherungen der Aorta 
Statt finden, und selbst der kleine Puls, den wir un- 
ter Umständen bemerken, wo das Arteriensystem der 
Erweiterung Widerstand leistet» 

Das Athemholen ist eine von m ehrern Theilen 
und von vielerlei Bedingungen abhängende Verrich- 
tung, deren man sich ebenfalls lebhaft erinnern mufs, 
wenn man über die Zufälle der Herzkrankheiten rich- 
tig urtheilen will. Die Lungen, das Hauptwerkzeug 
desselben, werden vermittelst der Verzweigungen der 
Luftröhre beim Einathmen mit Luft angefüllt, dehnen 
sich aus und nehmen einen sehr vergröfserten Raum 
ein; beim Ausathmen sinken sie wieder zusammen. 
Irrig ist jedoch die ehemals angenommene Meinung, 
als ob das Blut nur dadurch in den Lungen umlaufen 
könnte, dafs ihre Gefäfse durch das Einathmen mehr 
gedehnt und gestreckt würden, und Bichat hat be- 
wiesen, dafs es auch im zusammengefallenen Zustande 
der Lungen durch sie hindurch getrieben werde. Zum 
freien und ungehinderten Athemholen ist aber nicht 
nur Freiheit der Luftröhre, Integrität der Lungen, Ab- 
wesenheit von äufserm Druck, und von Verwachsung 
mit dem Ribbenfell, sondern ganz vorzüglich auch 
ungehinderte Thätigkeit der die Lungen von aufsen 
umgebenden Theile nöthig; indem sie eine mit dem 
Ein- und Ausathmen gleichzeitig vor sich gehende Er- 
weiterung und Verengerung der Brusthöhle bewirken 
müssen. Dies thut das Zwergfell auf der einen und 



— 333 — 

die Ribbenmuskeln auf der andern Seite» Die Bedin- 
gungen, von welchen die freie Thätigkeit dieser Theile 
abhängt, und die Momente, wodurch sie eingeschränkt 
werden kann, sind im allgemeinen ziemlich bekannt; 
nur eine Seite derselben, wie diese Theile nämlich 
von dem Herzen aus in ihrer Function beeinträchtigt 
werden können, hat man weniger genau berücksichtigt. 
Es ist sehr begreiflich, dafs Vergrößerungen des Her- 
zens und der Aorta einmal die Thätigkeit des Zwerg- 
muskels, theils durch'Anspannung des vordem Mittelfells, 
theils durch unmittelbaren Druck auf das Zwersfell. 
auf seinen Nerven, so wie auf die linke Lunge sehr 
erschweren, dann aber auch die Ausdehnung der Brust 
in der Breite bedeutend hindern müssen; dadurch 
mufs denn bei diesen Krankheiten allerdings eine be- 
sondre Art von erschwertem Athem entstehen; weit 
wichtiger aber ist die Art und Weise, wie das Athem- 
holen durch das gehemmte oder unregelmäfsige Ein- 
strömen des- Bluts in die Lungen oder Zurückflielsen 
aus denselben gestört wird. Dieser Einflufs des Her- 
zens auf die Lungen kann nur aus der genauen Be- 
trachtung der Krankheiten des Herzens erkannt wer- 
den; denn es ist nicht möglich, darüber Versuche mit 
lebendigen Thieren anzustellen, wie man wohl umge- 
kehrt mit dem Athemholen angestellt hat, um den 
Einflufs der Hemmung desselben auf die Thätigkeit 
des Herzens zu ergründen, weil man die Herzthätig- 
keit nicht nach Willkühr schneller, langsamer machen 
oder unterbrechen kann, und dergleichen Versuche 
auch zu viel Schmerz verursachen und so jedes Resultat 
dadurch vereiteln würden. Wir werden denn dieses 
in den folgenden Capiteln näher betrachten. 



234 — 



Zweites Gapitel. 

Ueber diejenigen Symptome der Herzkrankheiten Welche das 
Athemholen darbietet. 



Alle Schriftsteller erwähnen als Begleiter der Herz- 
krankheiten verschiedene Symptome, die von dem 
Athemholen zunächst abhängen ; sie nennen als solche 
Dyspnoe oder das erschwerte Athemholen, SufFocation, 
Röcheln und Pfeifen des Athems, Husten ohne Aus- 
wurf oder mit blutigem, serösen, schleimigen, dem Ei- 
ter ähnlichen Auswurf, endlich grofse Angst, die sich 
mit der Hemmung" des Athemholens immer verbindet. 

Um die eigentümliche und wahre Beschaffenheit 
dieser Zufälle näher kennen und sie als sichere Zei- 
chen der Herzkrankheiten benutzen zu lernen, wollen 
wir denn die verschiedenen Modificatiorien des Athem- 
holens, welche wir bei Herzkrankheiten unterscheiden, 
theils an die nur eben aufgestellten anatomischen Mo- 
mente halten, welche auf das Athemholen EinfJuis ha- 
ben, theils mit den verschiedenen Arten des durch 
unmittelbare Krankheit der zur Respiration dienenden 
Theile gestörten Athemholens vergleichen, theils die 
innern Vorgänge, welche bei Herzkrankheiten noth- 
wendig gleichzeitig in dem Herzen und den grolsen 
Gefäfsen des kleinen Kreislaufs Statt finden müssen, 
möglichst genau zu untersuchen, uns bemühen. 

Der sinnlichen Erscheinung nach finden wir nun 
folgende Modifikationen der gestörten Respiration bei 
Herzkrankheiten: entweder wird es den Kranken 
schwer die Lungen mit Luft anzufüllen; sie müssen 
mehr Kraft dazu anwenden, als gesunde; hier findet 
also eine wirkliche Dyspnoe Statt, und sie ist anhal- 



— 235 — 

tend; oder sie athmen im ruhigen Zustande sanft und 
still, aber gleichsam oberflächlich, nicht tief; oder sie 
keichen, anheliren-, sie holen schnell und meist dabei 
nicht lief Athem, mehr mit Hebung der Pubben, als 
durch Senkung des Zwergfells, wie Personen, welche 
sehr schnell gelaufen sind; viele haben aufser den An- 
fällen den leichtesten und freiesten [Athem, und man 
merkt ihnen nicht die geringste Beschwerde des Athems 
an; allein sie bekommen von !Zeit zu Zeit, entweder 
ohne alle Ursache oder auf kleine Bewegungen oder 
Anstrengungen sogleich Beklemmung oder SufFocation, 
welche kürzere oder längere Zeit anhält und von dem 
Zustande der höchsten Erstickungsgefahr gleichwohl 
in kurzer Zeit, z. B. von einer halben Stunde, in ein 
natürliches Athemholen und in leidliches Befinden 
übergeht; ähnliche Anfälle bekommen auch diejenigen 
periodisch, welche einen gewissen Grad von Beengung 
des Athems von einer Herzkrankheit anhaltend erleiden. 
Wir müssen also vor allen Dingen die Beengung 
des Athems, welche anhaltend bei Herzkrankheiten 
Statt findet, von derjenigen unterscheiden, welche in 
Paroxysmen eintritt und eine Art von SufFocation ist. 
Indefs findet auch in Hinsicht der letztern ein wesent- 
licher Unterschied Statt, indem bei manchen in den 
Anfällen mehr ein Gefühl von Erstickung, als 
wirklich gehemmte Respiration Statt findet, bei andern 
aber wirkliche Suifocation. Wir werden diese man« 
nichfaltigen Modificationen des gestörten Athemho- 
lens bald näher in Beziehung auf bestimmte Krank« 
heitszustände des Herzens kennen lernen; um das 
letztere einzusehen, will ich hie'r nur bemerken, dafs 
es Kranke dieser Art giebt, welche manchmal wirklich 
vergessen können Athem zu schöpfen, ob sie 
gleich die höchste Beklemmung fühlen, und wenn sie 
bemerken, dafs ihr Athem still steht, nun willkührlich 



— 236 — 

mit Anstrengung Athem holen, in der Hoffnung «ich 
dadurch zu erleichtern. Mit diesen periodischen An- 
füllen nun ist allemal Angst verbunden, welche sich 
auch deutlich in den Gesichtszügen des Kranken aul- 
drückt und Ahndung des Todes verräth ; Husten ist 
nicht ganz so wesentlich in die Gruppe dieser Sym- 
ptome verwebt, aber sehr häufig dabei' und hat eben- 
falls, so wie das Röcheln und Pfeifen des Athemj, 
was bei manchem Herzkranken Statt findet, seinen 
besondern Character und Gang. ^ 

Wenn das Athemholen gehemmt wird von einem 
Fehler, der in einem zur Respiration dienenden Or- 
gane selbst liegt, so artet sich dieses ebenfalls ver- 
schieden, und die Art der Beengung stimmt dann mit 
der bei einigen Herzkrankheiten Statt findenden über- 
ein; nämlich dann, Wenn entweder das Zwergfell oder 
die Ribbenmuskeln in ihrer Thätigkeit gehemmt sind 
und dadurch das Athemholen erschwert wird; dies ist 
der Fall bei mäfsigen Graden von Anhäufung von Was- 
ser, Blut, Eiter in der Brusthöhle, bei Geschwülsten 
am Zwergf elJ, in und an dem Mittelfell, an dem Herz- 
beutel, (ja Druck im Unterleibe aus Anfüllung der 
Därme, Vergröfserung der Leber u. s. w. thut das- 
selbe), bei Verwundungen, Entzündungen, rheuma- 
tischen Affectionen dieser Theile, oder des Ribbenfells 
wir haben die Fälle von Herzkrankheiten schon ge- 
nannt, welche auf diese Theile eben so wie die ge- 
nannten Ursachen wirken. Ferner kann die Luftröhre 

selbst, so wie durch Geschwülste »Wa a u 

, , . v_rc»niwuiste andrer Art, so auch 

durch Aneurismen der Aorta ^*« , - t 

, Ci A °ita zusammengedruckt wer- 

den ; auch dieses eiebt #=>in*« y, 

Ut WWh • u 6 l erschwerten Athem. Es 

ist jedoch nicht schwer, srhnn .1 u ,. 

1 u , ' scnon durch die eenaup Be- 

obachtung der Art w;^ A- v , genaue r>e- 

A t he m ,4, ™ ;uietw: a ti" i r n r neung 



— 237 — 

noch näher darüber, vorzuglich der Gang der Krank- 
heit; so lehren es denn auch andre verbundene 
Umstände ziemlich genau, wenn eine Herzkrankheit 
durch Druck auf die Luftröhre odei* Hemmung der 
Ribbenmuskeln oder des Zwergfells das Athemholen 
schwer macht. Was aber die höheren Grade dieser 
Zustände anlangt, besonders der Anhäufungen von 
Feuchtigkeiten in der Brusthöhle, so wird das Athem- 
holen dann auch zugleich durch Compression der 
Lunge erschwert; von diesen werden wir noch beson- 
ders sprechen. 

Anders verhält sich das gehemmte ~ Athemholen, 
wenn die Ursache in einer Krankheit der Luftröhre 
und ihrer Verzweigungen, oder der Lungen selbst 
liegt; man denke daran, dafs die Vitalität dieser ;Th eile 
dann selbst ergriffen und abgeändert ist. Aufser den 
fieberhaften Krankheiten dieser Theile, welche mit 
Beklemmung verbunden sind und von eigenthümlichen 
Zufällen begleitet werden, gehört hieher besonders das 
langwierige und das periodische spastische Asthma. 
Bei ersterm ist anhaltende Engbrüstigkeit; der Kranke 
holt mit Mühe Athem, wobei man die Schwierigkeit, 
wie die Luftröhrenäste der eindringenden Luft nach- 
geben, leicht bemerkt, und es ist dabei ein eignes 
Pfeifen oder Röcheln in der Luftröhre hörbar; die 
Kranken haben dabei mehr oder weniger Husten und 
Auswurf von Schleim, oft von einer geringen Menge 
desselben, erleichtert sie sehr-; sie sind genöthigt sich, 
hoch mit der Brust im Bette zu legen und vertragen 
meist das Liegen auf einer Seite besser als auf der 
andern. Die Herzthätigkeit wird dabei wenig verän- 
dert, aufser dafs etwa manchmal ein stärkeres Schla- 
gen, seltner unregelmäfsiger Herzschlag bemerkt wird; 
nur im höchsten Grade ist es mit Angst begleitet. 
Wohl zu merken, ich spreche hier blo* von dem ehre- 



— 233 — 

nischen oder schleimigen Asthma, nicht von den höch- 
sten Graden der Beklemmung, welche die Ergiefsung 
von Feuchtigkeiten in die Brusthöhle oder einen ver- 
schlossenen Lupgenabscefs begleitet. Wir werden die 
Unterscheidungsmerkmale von diesen anderswo ange- 
ben* hier liegt mir nur daran, das Charakteristische 
der Art von Beklemmung aufzufassen, welche ihren 
Grund in einem krankhaften Zustande der Luftröhre 
und ihrer Aeste hat. 

Das spastische Asthma, eine eigne noch gar nicht 
genug ergründete Krankheit, macht periodisch, meistens 
in der Nacht, seine Anfälle und läfst dem Kranken in der 
Zwischenzeit Ruhe und freien Athem. Der. Kranke 
sucht hier mit gröfster Anstrengung seine Brust auszu- 
dehnen und stemmt deshalb seine Arm,e fest an einen 
festen Körper, damit die Brustmuskeln die [Erhebung 
der Ribben befördern helfen, er biegt sich wohl gar 
mit dem Kopf und Rücken nach rückwärts und wirft 
alle Bedeckungen der Brust von sich; er öffnet die 
Fenster, und hofft, die freiere Luft werde ihn erleich- 
tern; er zieht mit der gröfsten Schwierigkeit die Luft 
in die Lungen und selbst das Ausathmen kostet ihm 
Mühe; beides ist mit einem Pfeifen verbunden, was 
den ganzen Lauf der Luftröhre einzunehmen scheint; 
der Kranke hat dabei ein Gefühl von Zusammenschnü- 
rung der Brust. Der Anfall endigt sich ohne Auswurf 
und wird in der Regel nicht einmal von Husten be- 
gleitet» Dieses Asthma heifst mit Recht das spastische, 
weil es wirklich seinen Grund in einem Krampf der 
Luftröhrenverzweigungen hat. 

Mit diesen beiden Arten von Asthma nun werden 
vorzüglich die Herzkrankheiten wegen der mit ihnen 
verbundenen Erschwerung des Athems oder der :pe- 
riodischen Anfälle von Beklemmung und SufFocation 
verwechselt. Allein schon das, was ich kurz zuvor von 



. — 239 — ' 

den besondern Modificationen der Beklemmung bei 
Herzkrankheiten angeführt habe, zeigt auffallende Un- 
terschiede zwischen der bei letztern und bei erstem 
Statt findenden anhaltenden Beklemmung. Noch mehr 
aber folgende Umstände, welche die heftigen Anfälle 
derselben und der ' wirklichen SufFocation begleiten. 
Die Herzkranken werden allerdings oft eben so wie 
die am spastischen Asthma leidenden plötzlich sowohl 
am Tage, als auch sehr häufig in der Nacht befallen ; 
sie schrecken vom Schlafe auf und müssen sich so- 
gleich aufrichten oder aus dem Bette springen und die 
Füfse herunter hängen lassen; bei andern kommen die 
Anfälle nach leichten Veranlassungen, besonders wenn 
sie Treppen oder bergan steigen, oder sich eine An- 
strengung erlauben; mit diesen Anfällen ist augen- 
blicklich die schrecklichste Angst verbunden; 
eine gröfsere und im Gesicht deutlicher zu lesende, 
als bei einer aus irgend einer andern Ursache herrüh- 
renden Angst; dabei bemerkt man kein Hinder- 
nifs die Brust auszudehnen, auch keine Un- 
gleichheit in dem Ein- und Ausathmen; kein ei- 
gentliches Röcheln, nur bei manchen ein leises Rö- 
cheln oben im Luftröhrenkopfe; oft wird das Gesicht 
dabei aufgetrieben und blau; manchmal wird sogar 
der ganze Körper blauroth, wie marmorirt und die 
Extremitäten kalt; oft stellt sich dabei Husten ein und 
zwar gerade dann am ersten, wenn außer den Anfäl- 
len gar keiner Statt fand, und dieser ist dann heftig, 
mit metallischem Klang der Luftröhre, oft mit blutigem, 
serösen oder einem dicken weiften Auswurf, der einem 
wie aus lymphatischen Fäden gewebten Knaule gleicht, 
verbunden ; die Kranken holen nur oberflächlich und 
sehr schnell Athem und ziehen dabei das Kinn zurück 
und den Hals ein, als ob vom Brustkasten blos der 
obere Theil noch beweglich wäre. Ganz charakteri- 



— a4o — 

stisch ist auch, daEs die Herzkrankheiten mit einem 
Act von Beklemmung oder Suffocation beginnen oder 
vielmehr, wie wir eben sagten, zuerst in der Erschei- 
nung hervortreten; nämlich entweder mit einer leisen 
aber vorübergehenden Beengung des Athems, deren 
eigentliche Beschaffenheit die Kranken oft gar nicht 
einsehen, weil sie davon unvermuthet überrascht wer- 
den und weil die Beklemmung eben so schnell vor- 
über geht; allein dieser Anfall kömmt periodisch, nur 
jedesmal verstärkt, g^nz in derselben Art und bei Ab- 
wesenheit von allen Zeichen einer allgemeinen Krank- 
heit, wieder; und so bildet sich die Krankheit aus. 
Anderem ale tritt die ICrankheit gleich mit einem Act 
von wirklicher Erstickung ein und ähnliche folgen 
dann periodisch. 

Es haben aber endlich auch noch die höchsten 
Grade von Beklemmung und Erstickungsgefahr, welche 
bei gewissen Krankheiten der Lungen und der Brust- 
höhlen eintreten, grofse Aehnlichkeit mit den höchsten 
Graden der Suffocation bei Herzkrankheiten; ich meine 
den Zustand, welcher dem Reifsen eines verschlosse- 
nen Lungengeschwürs vorhergeht und sehr bedeuten- 
den Anhäufungen von Wasser, Eiter oder Blut, be- 
sonders des erstem in der Brusthöhle. (Ich rechne 
hieher nicht die Anhäufungen im Herzbeutel; denn 
dann ist das Herz unmittelbar interessirt, so wie bei 
der Entzündung desselben, so dafs ich alle Krankhei- 
ten dieses Theils als zu denen des Herzens selbst ge- 
hörig betrachte, aus dem wichtigen Grunde, weil es 
nicht möglich- ist, die Leiden desselben von denen des 
Herzens selbst zu unterscheiden.) Diese Zustände nun 
haben mit den Suffocationsanf allen, welche aus Herz- 
fehlern entstehen, mancherlei Umstände ganz gemein; 
z. B. dafs sie die Ausdehnung des Brustkastens hin- 
dern, dafs die leichtesten Bewegungen die Erstickungs- 
gefahr 



— 241 — - 

gefahr herbeiführt, und dafs auch sie die heftigste 
Angst begleitet. Allein ein sorgfaltiger Beobachter 
wird sie dennoch unterscheiden. Einmal und vorzüg- 
lich aus dem ganz verschiedenen Gange dieser Krank- 
heiten; hatte der Arzt den Kranken frülier schon ge- 
sehen,, so wird er auch zeitiger die Gegenwart eines 
Herzfehlers, oder die allmählige Entwicklung eines 
Lungengeschwürs entdeckt haben; aber auch die Ei- 
stickungsscenen sind in beiden Fällen verschieden. Bei 
Herzübeln dauern diese den Tod drohenden Anfälle 
länger, oft mehrere Stunden und lassen doch zum Er- 
staunen der Umstehenden wieder nach, eben so sind 
aber auch die Zeiträume des Nachlasses durch weit 
gröfsere Erleichterung ausgedrückt; nur in den letzten 
Zeiträumen der Herzkrankheiten dürfte die Aehnlich- 
keit mit jenen Zuständen so grofs seyn, dafs man sie 
nicht mehr gut unterscheiden könnte; aber dann fin- 
det ja auch bei Herzkrankheiten insgemein Anhäufung 
von Wasser Statt und es wäre traurig, wenn der Arzt 
dann das Uebel noch nicht unterschieden hätte; ferner, 
obgleich die Angst bei beiderlei Zuständen äufserst 
grofs ist, wie immer wo Erstickung droht; so ist sie 
doch bei Herzkrankheiten im Ganzen viel stärker und 
durch eigne Schattirungen charakterisirt. Nämlich bei 
jenen Zuständen der Lungen oder der Brusthöhle 
drückt sich sowohl die Angst als die Hemmung des 
Athems gleich stark aus, und die Stärke beider wird 
von dem Arzte sinnlich wahrgenommen; so grofs 
nun auch das Gefühl der Angst bei diesen Kranken 
seyn mag, so sind sie doch im Stande dieselbe wenig- 
stens kurze Momente über zu überwinden. Herzkranke 
aber werden unablässig von dieser Angst in den An- 
fällen gefoltert, sie klagen vorzugsweise über diese 
und können das Gefühl derselben nicht einen Augen- 
blick unterdrücken; hingegen kommt es dem beob- 



242 •— 

achtenden Arzte vor, als stehe diese Gröfse der Angst 
nicht mit dem Grade der Beklemmung, der sich äus- 
serlich an dem Kranken abspiegelt, und über den er 
vorzugsweise klagte, in Verhältnifs. Der Grund die- 
ses umgekehrten Verhältnisses, der Angst und Be- 
klemmung bei Herz- und bei Brustkranken liegt ohn- 
streitig darin, daft die Angst eigentlich mehr ein 
Zufall des Herzens, als der Organe des 
Athemholens ist; dafs folglich, wenn sie bei Krank- 
heiten der Lungen oder der Brusthöhle entsteht, sie 
nicht zunächst aus dem Leiden derselben, sondern aus 
dem von ihnen ausgegangenen Druck auf das ge- 
sunde Herz hervorgeht; da hingegen umgekehrt bei 
Herzkrankheiten die Angst etwas in ihnen selbst Ge- 
gründetes ist und umgekehrt die kranken Verhältnisse 
des Herzens eine Hemmung des Athemholens durch 
Druck auf die an sich gesunden Lungen oder 
auch durch Störung ihrer zu einer Einheit verbunde- 
nen Geschäfte vermitteln, z. B. selbst durch Hemmung 
des Bluteinströmens. Eben dieses umgekehrte Ver- 
hältnifs der Angst und Beklemmung bei beiderlei Ar- 
ten von Krankheit findet auch in Hinsicht des Hustens 
und des Röcheins in beiden Statt. 

Der Husten, so wie ein gewisses Röcheln, sind 
zwar nicht gerade als ganz wesentliche Zufälle der 
Herzkrankheiten anzusehen; sie finden nicht bei allen, 
nicht in allen Epochen derselben, und auch nicht an- 
haltend und regelmäfsig bei ihnen Statt; aber beide 
gesellen sich doch von Zeit zu Zeit zu ihnen und sind 
zu den gewöhnlichsten Begleitern dieser Krankheiten 
zu zahlen; sie sind schon darum, vorzüglich aber auch 
wegen ihrer besondern Eigenschaften, wodurch sie 
sich auszeichnen, für die Zeichenlehre der Herzkrank* 
taten wichtig. Der Husten der Herzkranken kommt 
2U UJlb * 5t ^te* Zeiten, bildet oft nur ein einzelnes 



— 243 — 

Aufhusten bei schnellem Gehen oder ohne Veranlas- 
sung, und dieses wird nach und nach ganz habituell; 
er besteht in einem Act von heftigem convulsivischen 
Ausathmen, und hat das Ansehen, als ob sich die 
Lungen durch einen einzigen gewaltsamen Stofs eines 
lästigen Reitzes entledigen wollten. Es ist schwer eine 
Modification einer krankhaften Erscheinung genau zu 
beschreiben; ich glaube, die gegebene ist bezeichnend, 
und wer einmal diese Art von Husten gehört hat, 
wird ihn immer in der Natur wieder erkennen. Manch- 
mal begleitet aber auch ein stürmischer, gewaltsamer, 
lange Anfälle machender Husten die Herzkrankheiten; 
er ist dann sehr angreifend und quälend, charakteri- 
sirt sich aber theils dadurch, theils durch den eignen 
Klang der Luftröhre, der nicht nur der gewöhnliche 
ist, wie die freie, nicht mit Schleim überla- 
dene Luftröhre ihn giebt, sondern oft sogar einen, 
mehr metallischen oder tiefern Ton ausdrückt, welcher 
dem der Rohrdommel gleicht. Der Husten bei Herz- 
krankheiten ist von Natur trocken, denn er ist consen- 
suell; durch die Heftigkeit der Anstrengungen aber 
wird theils von Zeit zu Zeit etwas Schleim herausge- 
bracht, theils auch die Schleimsekretion wirklich er- 
regt und so nach und nach ein habitueller Auswurf 
erweckt; besonders bei Personen, die an sich eine 
Anlage zu vermehrter Schleimabsonderung haben. Es 
ist auch nicht zu verkennen, dafs die Luftröhre über- 
haupt von Herzübein consensuell aificirt wird; denn 
die Erfahrung lehrt, dafs Neigung zu Catarrhen über- 
haupt vor der Ausbildung der Herzkrankheiten selnv 
oft hergeht, wiewohl ich überzeugt bin, dafs er sie 
noch öfter als Folge begleitet und nur verkannt wird. 
Testa selbst gesteht (Seite 208.) dafs er den Husten, 
welcher die Entzündung der Aorta begleite, verkannt 
und als von der Lunge abhängend angesehen habe; 



— 244 — 

allein er und andere haben ihn offenbar auch in an- 
dern chronischen Fällen von Herzkrankheiten verwech- 
selt und wenn man die Beschreibungen solcher, mit 
heftigem Husten verbundenen Fälle mit Aufmerksam- 
keit lieset, so, bemerkt man leicht, dafs derselbe Folge 
einer schon Statt findenden Herzkrankheit war, ob er 
gleich gemeiniglich als die veranlassende Ursache von 
Herzkrankheiten von den Schriftstellern angegeben 
wird. 

Die Herzkrankheiten erwecken aber auch nicht 
selten einen mit blutigem, serösen oder eiterähnlichen 
Auswurf verbundenen Husten. Es gesellt sich zu die- 
sen Krankheiten gar nicht selten Bluthusten, wodurch 
wenig oder auch sehr vieles Blut, wie beim ßlutsturz 
aus den Lungen ausgeleert wird. Auch dieses wird 
äufserst häufig verkannt und als Lungenkrankheit be- 
handelt; anderemale husten die Herzkranken nur von 
Zeit zu Zeit kleine Portionen rothes oder schwarzes 
Blut aus; manchmal auch nur Blutwasser. Allein es 
unterscheidet sich ein solcher Bluthusten von dem ge- 
wöhnlichen oder idiopathischen der Lungen dadurch, 
dafs er unvermuthet kommt und eben so schnell wie- 
der aufhört, ohne eine üble Folge in den Lungen zu- 
rück zu lassen, und man mufs ihn durch die übrigen 
Kennzeichen, welche die Gegenwart einer "Herz- 
krankheit verrathen, unterscheiden. Bei Entzündun- 
gen des Herzens und der Aorta fehlt er wohl nie, 
und der Auswurf besteht dann theils aus Blutwasser, 
theils aus dicken weifsrothen Stücken Schleim, welche 
wie ein aus langen weiften Fäden bestehender und 
mit Blut gemengter Knaul aussehn, die sich in Wasser 
unvollkommen entwickeln, in welchem ein solcher 
Knaul halb zu Boden sinkt; oft sieht der Auswurf bei 
Herzkrankheiten auch einer consistenten Gallerte gleich; 
ich habe gefunden, dafs Personen, welche an Erweite- 



rungen der Aorta leiden, fast anhaltend solche gallert- 
artige Stücke von Schleim mit nicht grofser Mühe täg- 
lich mehreremale durch Räuspern herausbringen» 

Auch ein gewisses Röcheln begleitet oft die Herz- 
krankheiten. Man hat geglaubt, es rühre dies von ei- 
nem Druck auf die Luftröhre her und finde bei Aneu* 
rismen der Aorta Statt; ohne zu leugnen, dafs in letz- 
terem Falle ein Druck auf die Luftröhre wirklich Statt 
finde und unter andern Zufällen auch eine Art von 
Röcheln erzeugen könne, mufs ich jedoch bemerken, 
dafs die Art von Röcheln, welche bei Herzkrankheiten 
so häufig vorkommt, nicht von einem mechanischen 
Druck abhängt und von einer eignen Art ist, es sitzt 
dasselbe nämlich oben im Kopfe der Luftröhre; es ist 
weder stark, noch belästigt es den Kranken, man be- 
merkt es mehr im Ausathmen als beim Einathmen; es 
ist dem leisen Piocheln ganz oben im Halse gleich, 
welches man bei Kindern so häufig während der Denti- 
tion bemerkt, ohne dafs ihnen etwas fehlt und ohne 
dafs sie davon leiden, was nur die Mütter gemeiniglich 
besorgt macht. Diese Art von leisem Röcheln, welches 
auch andre Schriftsteller, z.B. Peyer, Knips- Macoppe, 
Corvisart (S. 403 u. 393.)* Wichmann und Burns. ein 
Pfeifen (Sibilus) nennen, bemerkt man sowohl bei 
schleichenden Herzentzündungen, als bei chronischen 
He^fehlern und zwar in Zeiträumen, wo noch gar 
keine Idee von Gefahr, am wenigsten von Erstickung 
Statt findet^ es beschwert auch die Kranken gar nicht. 

Zwischen dem Husten und Röcheln findet nun 
ebenfalls bei Lungen- und Herzkrankheiten ein ent- 
gegengesetztes Verhältnifs Statt. Bei Lungenkrankhei- 
ten röchelt der Kranke auf der Höhe der Krankheit, 
wenn die Luftröhren mit Eiter oder Schleim, überla- 
den sind, oder wenn sie anfangen paralytisch zu wer- 
den und der wahre Steckflufs eintritt: dabei sind die 



— 246 — 

Kranken unfähig zu husten; bei Herzkrankheiten stellt 
sich jenes leise Röcheln in den frühesten Perioden 
der Krankheit ein und in den Suffocationsanfällen 
husten Herzkranke gemeiniglich am allerhäufigsten 
und rrrfc der gröfsesten Heftigkeit, und man bemerkt 
dabei entweder den reinen Ton der freien Luftröhre, 
oder sogar einen noch verstärktem und tiefern, da 
hingegen bei dem Nachlafs jenes leise Röcheln oben 
im Halse wiederkehrt* 

Dies wären die hauptsächlichsten Symptome, welche 
bei Brust - und bei Herzkrankheiten Störung des Athem- 
holens andeuten, nebst den eignen charakteristischen 
Modificationen derselben, wodurch man sie im allge- 
m einen unterscheiden kann. Damit ist die Diagno- 
stik derselben aber noch lange nicht beendigt; denn 
eines Theils werden wir die besondern Eigenschaften 
der gestörten Respiration noch näher kennen lerneB, 
wenn wir nunmehr die innern Vorgänge beträchten, 
wodurch diese Zufälle bei Krankheiten des Herzens 
zunächst vermittelt werden, andern Theils wird die 
nähere Betrachtung der wesentlichen Zufälle, welche 
die Circulationswege uns darbieten, uns noch voll- 
kommenere Aufschlüsse über das gegenseitige Verhält- 
nifs der wesentlichen Symptome der Herzkrankheiten 
geben, welche von diesen beiden Verrichtungen her- 
genommen sind, und so hoffen wir durch Anwendung 
dieser Kenntnisse auf die einzelnen Krankheiten des 
Herzens in dem zweiten speciellen Theile unsers Werks 
die Diagnose der letztern auf einen höhern Grad von 
Zuverlässigkeit zn erheben, als bis jetzt in diesen Ge- 
genständen Statt gefunden hat. 

Um die innern Vorgänge in den Circulations- und 
Respirationswegen kennen zu lernen, welche bei der 
Störung des Athemholens durch Herzkrankheiten Statt 
finden, wäre es sehr erwünscht, wenn wir darüber 



— 247 — 

Versuche an lebendigen Thieren anstellen könnten. 
Dies ist jedoch nicht möglich, denn wir können nicht 
eben so nach Willkühr die Herzthätigkeit hemmen, 
beschleunigen, langsamer machen, unterbrechen, wie 
das Athemholen, z. B. in den Versuchen die J. Hunter 
und Bichat damit angestellt haben, um die Einwirkung 
des Athemholens auf das Herz zu beobachten. Wir 
müssen uns daher an andre Erscheinungen, welche 
die Beobachtung uns darbietet, und an Grundsätze 
halten, welche eine nüchterne Physiologie und die 
vergleichende Pathologie uns giebt; in der That sind 
diese auch in Verbindung mit der Kenntnifs der ei- 
genthümlichen Art von Verhalten, welches wir in den 
Respirationszufällen bei Herzkrankheiten wahrnehmen, 
hinreichend, um uns auf eine überzeugende Weise das 
Entstehen jener Zufälle zu erklären. 

Ich bemerke zuvörderst, dafs die Hemmung de* 
Athemholens, welche eine reine Folge von 
.Herzkrankheit und unabhängig von Druck 
auf die Luftröhre., auf das Zwergfell, die Ribbenmus- 
keln, oder die Lungen selbst ist, und deren Modifica- 
tionen bei Herzkrankheiten ich im Eingange dieses Ca- 
pitels angegeben habe., ihren nächsten Grund in 
dem kranken Herzen selbst habe, und von 
einer in diesem selbst Statt findenden Ver- 
änderung der Vitalität ausgehe und ab- 
hänge, wodurch die an sich gesunden Lun- 
gen und Luftröhrenäste sympatisch afficirt 
werden und die Regelmäfsigkeit ihrer Thätigkeit con- 
secutiv als Folge der Störung der normalen Herzthä- 
tigkeit gestört wird. Dieser Satz ist wohl keinem 
Zweifel unterworfen. Da Lungen und Herz zur Ein- 
heit der Verrichtungen verbunden sind, so mufs das 
Athemholen nothwendig durch Störung der Lungen- 
thätigkeit gestört werden. Um aber den Grund der ver- 



— 248 ~ 

schisdenen Modificationen des gestörten oder gehemm- 
ten Athemholens einzusehen, weiche bei den Herz- 
krankheiten beobachtet werden, wollen wir, einige der 
vorzüglichsten kranken Zustände des Hertens und das 
eigenthümliche Verhalten des Athemholens bei den- 
selben näher betrachten. 

Beklemmung und Snffocation mit dem eignen Ge- 
präge, welches diesen Zufällen bei Herzkrankheiten 
eigen ist, sehen wir nun z. B. in scharf abgeschnittenen 
Modificationen in folgenden Herzkrankheiten und zwar 

I. 2. 

In den Zeiträumen der In den Anfällen von hoch* 
Ruhe. ster Beengung oder .Suf- 
a) Bei Erweiterung focation. 
einer Herzhöhle: ct.) a) ( a\x, ß) Von Zeit zu 
bei mäfsigen Graden Zeit,, anfangs nach irgend 
ist der Athem ganz ruhig starker Bewegung, später 
und natürlich, ß) nur bei von selbst und oft in ziem- 
lichen Graden ist er an- lieh fest bestimmten Perio-. 
haltend erschwert, wegen den, kommen Anfälle von 
Druck der linken Lunge grofser Beklemmung, wel- 
und der Ribben, die sich che i bis 3 Stunden lang 
schwer aufheben lassen j in- dauern, und in den letzten 
defs athmen sie immer noch Zeiträumen nur kurze rtf- 
erträglich leicht, sobald die higere Zwischenräume ha- 
rechte Lunge nur frei und ben. In diesen klagen 
gesund ist. Betrachtet man die Kranken über höchsten 
die Brust bei solchen Kran- Mangel an Athem , oder 
ken g«nau und entkleidet, gänzlichen Mangel an Luft, 
so bemerkt man, dafs die gleichwohl fliefsen ihre 
Ribbender linken Seite sich angstvollen Klagen über 
nicht harmonisch mit denen Mangel an Luft in Strome 
der rechten Seite heben, von Worten aus; es scheint 
sondern dafs beim Einath- dem beobachtenden Arzte 
men nur die rechte Seite nicht, als ob der Athem 



— 249 



sich hebt, die linke sehr we- 
nig, so dafs durch das Ein- 
athraen das Segment eines 
Zirkels in einer schiefen 
Richtung beschrieben wird. 
Bittet man solche Kranke, 
tief einzuathmen, so sieht 
man, dafs sie die Lungen 
ganz voll Luft füllen kön- 
nen; es geschieht dies mit 
kaum merklicher Anstren- 
gung und ohne allen 
Schmerz. Dies ist der Zu- 
stand, wenn die Erweite- 
rung mit Verdünnung 
der Wände verbunden 
ist. Puls- und Herzschlag 
sind dabei schwach. 

y) Wenn die Wände 
des Herzens dabei 
nicht verdünnt, viel- 
mehr verdichtet sind: 
so verhält sich das Athem- 
h ölen im ruhigen Zustande 
folgendermafsen: 

Die Kranken athmen 
schnell und keichend, wie 
Personen, die stark gelau- 
fen sind ; zugleich zeigt ihre 
Physiognomie und die ganze 
Haltung des Körpers von 
einem innern Treiben, alle 
Bewegungen drücken eine 
gewisse Heftigkeit aus. Der 
Puls ist auch dabei be- 



ihnen benommen sey. Sie 
liegen in den Paroxysmen 
oft Stunden lang, wie in 
einem Zustande von Ohn- 
macht, der mehr Advna- 
mie genannt zu werden ver- 
dient; sie scheinen nichts 
von sich zu wissen, können 
nicht mehr sprechen und 
sich nicht bewegen; aber 
ihre Sinne sind dabei thä- 
tig und sie leiden eine un- 
aussprechliche Angst; der 
Puls ist dabei meist klein 
wechselnd und unregelmä- 
fsig eben so der Herzschlag 



y) Bei starken Bewegun- 
gen des Körpers oder einer 
Gemüthsbewegung tritt das 
heftigste Keichen mit höch- 
ster Angst, unordentlichem 
heftigen Herzschlag und die- 
sem meist entsprechenden 
Puls ein; die Physiogno- 
mie und alle Bewegungen 
drücken Angst -und Hast 
aus» 



2$0 



schleimigt, oft noch einmal 
so schnell, als er früher bei 
denselben Personen war, 
und so auch der Herzschlag, 
der zugleich stark, ja hef- 
tig ist. 

Wenn die Aorta zugleich 
erweitert ist, so sind diese 
Zufälle noch stärker ausge- 
drückt, und ist sie es al r 
lein, so sind sie denselben 
ziemlich ähnlich. 

Husten, sowohl trockner, 
als mit blutigem Auswurf, 
kommen von Zeit zu Zeit 
dazu; ein Röcheln oben im 
Luftröhrenkopf begleitet 
diese Zustände häufig. 

b) Bei der sogenann- 
ten Brustbräune: 

Die Kranken haben, wenn 
die Krankheit einfach ist, 
vollkommen freien guten 
Athem und man merkt ih- 
nen auch sonst keinen Man- 
gel an Gesundheit an. 

Husten und Röcheln 
kommt bei der einfachen 
Krankheit nicht vor. 



bj Beim Steigen bergan, 
beim Bücken oder leichten 
Anstrengungen werden sie 
mit einem Schmerz unter 
dem Brustbein, einem Ge- 
fühl von Einschränkung der 
Brust, Beklemmung und 
Angst befallen. Sie klagen 
über Mangel an Luft, ho- 
len aber abwechselnd sehr 
tief, wie Seufzende, Athem. 
J. Hunter bemerkte an sich 
selbst in einem solchen An- 
falle, dafs sein Athem ganz 
still stand, er strengte den 
Athem dann willkührlich 
an und war im Stande es 



— 251 — 

zu thun. Diese Kranken 
sind genöthigt, wenn der 
Anfall kommt, sogleich still 
zu stehen und fühlen meist 
nach der Herzgegend., in 
einigen Minuten kommt der 
Anfall, aber leicht, wieder 
und repetirt so mehrere- 
male auf dieselbe Weise. 
Meist klagen sie auch da- 
bei über Schmerzen im lin- 
ken Arm. Der Herz- und 
Pulsschlag sind schwach, un- 
ordentlich, oder stehen auch 
gar still, wie J. Hunter eben- 
falls an sich bemerkte. 



cj Bei offner Com- 
munication des rech- 
ten und linken Her- 
zens und Vermischung 
des rothen gesäuer- 
ten und des dunkeln 
nicht durch die Lun- 
gen gereinigten Blu- 
tes. 

Dieser Zustand beruht 
meist auf angebornen Feh- 
lern ; z. B. wenn die Aorta 
aus beiden Herzkammern 
entspringt und die eine da- 
von die Lungenarterie ab- 
giebt; oder wenn nur eine 
Herzkammer da ist ; oder 
wenn das eirunde Loch 
der Vorkammern oder der 



252 



botallische Gang nicht ver- 
wächst, oder sich von neuem 
öffnet, oder zwischen den 
Kammern eine Öeffnung 
vorhanden ist. Dies ist 
eine und zwar die vorzüg- 
lichste Art, woraus die so- 
genannte Blausucht ent- 
steht, weil die Oberfläche 
solcher Kranken, beson- 
ders das Gesicht, blau- 
schwarz aussieht. 
. Diese Kranken athmen 
leise und oberflächlich, und 
leiden davon in dem ruhi- 
gen Zustande nicht sehr, 
wenigstens nicht an Angst 
und Mangel an Athem; 
mehr an beschwerlichem 
Gefühl von Drucken auf 
der Brust; aber sie vertra- 
gen durchaus keine starke 
Bewegung oder Anstren- 
gung, ohne sogleich in hef- 
tige Anfälle von Beklem- 
mung und Sufrbcation zu 
verfallen. 

Husten ist nicht gerade 
wesentlich dabei, aber im 
Verlaufe fehlt er selten 
und spielt vielmehr eine 
wichtige, wenigstens sehr 
lästige Rolle. 



a) Die Anfälle kommen 
sogleich bei etwas schnel- 
lem Gange; sie keichen 
dann gleich und werden 
kirschblau im Gesicht; sie 
jagen mit dem Athem; sie 
haben einen Trieb aufserst 
schnell und präcipitirt zu 
athmen, wie Personen, die 
ganz aufs er Athem sich ge- 
laufen haben; Die Herz- 
und Pulsbewegung sind 
höchst unordentlich und 
schnell. Der Anfall steigt 
oft bis zur höchsten Gefahr 
der Erstickung, dafs sie 
athemlos umsinken, und 
todt scheinen; aber von die- 
sem Augenblick der Höhe 
an, fängt der Anfall an ab- 
zunehmen, und endigt sich 
mit einigen tiefen Einath- 
mungen. 



— 253 



d) Bei Verengungen 
des Wegs aus einer 
Herzhöhle in die an- 
dre, oder in die gro- 
fsen Arterien durch 
Fehler der 'Vyände 
oder der Klappen. 

Dabei kommt entweder 
zu wenig Blut auf einmal 
in die Lungen, oder zu we- 
nig aus den Lungen ins 
linke Herz und die Aorta 
zurück. 

Im ersten Falle ist der 
Athem leise und oberfläch- 
lich, wie im vorgenannten 
Zustande^ im zweiten et- 
was mühsam ; doch kön- 
nen die Kranken in beiden 
Fällen die Lunge ganz mit 
Luft anfüllen und tief ein- 
athmen, nur haben sie im 
letzten ein Gefühl von Völle 
auf der Brust und im er- 
sten ängstliche traurige Ge- 
fühle. Auch sie dürfen ohne 
Gefahr eines schweren An- 
falls sich keine starke Be- 
wegung erlauben. 

Auch hier stellt sich mei- 
stens Husten abwechselnd 
ein. 

Diese hier gezogene Parallele, welche ich aus eig- 
ner Beobachtung gezogen habe, die sich aber auch aus 
Beobachtungen anderer Schriftsteller nachweisen läfst, 



d) Bei Bewegung oder 
AÜfecten, die bei Herzkran- 
ken dieselben Folgen wie 
heftige Bewegung haben, 
tritt augenblicklich entwe- 
der sehr grofse Beklem- 
mung oder Sufibcations- 
gefahr mit Blauwerden ein; 
sie kämpfen fürchterlich 
mit Angst und dem Athem ; 
holen äufserst schnell und 
unregelraäfsig Athem ; meist 
oberflächlich, doch dazwi- 
schen kommt auch ein tie- 
fer aber gewaltsamer, wie 
unwillkührlicherAthemzug. 
Puls- und Herzschlag sind 
eben so unordentlich. Vom 
Anfange steht oft dasAthem- 
holen und der Herzschlag 
einen Augenblick still und 
es droht der Tod oder es 
tritt Ohnmacht ein, die 
aber bald in jene convul- 
sivische Thätigkeit der Ath- 
menwerkzeuge übergeht; 
oder der wirkliche Tod 
endet die Scene in weni-! 
gen Minuten, 



— 254 — 

muß ich vor der Hand als acht und aus der Natur 
genommen, anzunehmen bitten. Die weitere Ausein- 
andersetzung der Herzkrankheiten, ihres Verlaufs und 
der mancherlei Verbindungen mehrerer mit einander, 
wird lehren, dafs man die hier genannten Zustände 
gleichsam als Cardinalzustände kennen müsse, um 
Herzkrankheiten aller Art richtig zu unterscheiden und 
zu beurtheilen. Diese Parallele nun zeigt ah sich schon 
deutlich, dafs das Herz bei den verschiedenen Krank- 
heiten desselben sich in sehr verschiedenartigen Zu- 
ständen befinden kann, und dafs der Verschiedenheit 
dieser Zustände das Verhalten der Respiration [ent- 
spricht. Es lassen sich die verschiedenen Zustände, 
worinnen sich das Herz bei diesen verschiedenen Krank- 
heiten in den eignen Anfällen von Beklemmung und 
Suffocation befindet, auf folgende zurückbringen: 

i) Das Herz wird bei der Erweiterung nach und 
nach mit Blut überladen und von der Last desselben 
endlich überwältigt, zumal wenn es bei irgend starker 
Bewegung stärker wirken soll; die Folge ist eine mo- 
mentane Paralyse oder Abspannung seiner Kraft; es 
steht entweder still, oder schlägt nur sehr schwach und 
zitternd; es tritt völlige Ohnmacht, oder ein ohnmacht- 
ähnlicher Zustand ein. Man mnfs wohl annehmen, dafs 
wirklich hier derselbe Zustand von momentaner Ady- 
namie und Abspannung eintrete, wie bei der gewöhn- 
lichen Ohnmacht, da eine solchö oft wirklich erfolgt*), 
und der Zustand, den ich beschrieben habe, offenbar 
hart daran gränzt und nur eine besondere Modifica- 



?2£j£ 2ttS^ &&** .'« H-ea. kan 



nachsehen bei Morgagni L. IL -£> „] T™ 
f. M, «3. * P . *5, a. und bei S«mak T. IL P J, 
45a. 47©. 5oi. F &* 



n man 
ep. z8, a. 
3pS. 434-. 



— 255 — 

tion derselben ist, welche eben aus einem eignen Krank- 
heitszustaude des Herzens entspringt. Die Kranken 
befinden sich dabei in einem Zustande von höchst ge- 
ringer Lebensthätigkeit. Die Kräfte des Herzens er- 
holen sich indefs während dieser Ruhezeit, die Thä- 
tigkeit desselben bricht nun wieder kräftiger hervor, 
und treibt das angehäufte Blut aus dem Herzen. Ein 
Kranker dieser Art, der sich äufserst genau beobach- 
tete, und alles aufbot, um mir seine Empfindungen 
recht deutlich zu machen, beschrieb seinen Zustand 
folgendermafsen. Der Anfall trete mit einem eignen 
Gefühl von Wohlbehagen ein, was er in der Gegend 
des Herzens fühle, aber dieses mache bald einem sehr 
üblen Angst- und Entkräftungsgefühle Platz, welches 
sich seiner ganz bemächtige; dieses daure nun fort 
mit Unvermögen Athem zu bekommen (den er indefs 
sehr tief ziehen konnte, wenn man ihn darum bat), 
zugleich trete ein Unvermögen ein, seine Glieder zu 
bewegen und eine Schwierigkeit die Augen zu Öffnen; 
dieser Zustand sey eine wahre Todesquaal; wenn der 
Anfall der Beendigung nahe sei, so verspüre er in der 
Gegend der untern linken Ribben eine Bewegung, 
als ob stofsweise eine Flüssigkeit von dieser Stelle 
ausgetrieben werde, ohngefähr wie wenn man Wasser 
aus einer Flasche ausgiefse; und in eben dem Verhält- 
nisse, wie diese Flüssigkeit fortgetrieben werde, be- 
komme er Erleichterung des Athems und Befreiung 
von seiner Angst und dem Unvermögen sich zu be- 
wegen. 

Aehnlich diesem Zustande ist der von Verengung 
einer Oeffnung des Herzens oder eines Arterienstam- 
mes, wenigstens im Anfange; aber gemeiniglich ist da- 
bei auch die über der Verengerung liegende Höhle 
erweitert. Wirklich bringt auch dieser Zustand wahre 



— 256 — 

Ohnmacht*). Aber der Fortgang des Anfalls ist ver- 
schieden, wovon wir unten die Gründe sehen werden. 
Die Beklemmung des Athems, bei der mit Verdünnung 
der Wände verbundenen Dilatation des Herzens oder 
auch der Aorta, ist demnach keine wahre Hemmung 
des Athems, keine Dyspnoe, und wird nur von dem 
Kranken damit verwechselt, weil er dieselben Empfin- 
" düngen hat, wie einer, der wirklich schwer athmet ; es 
kommt nemlich bei dieser höchst verminderten Thätig- 
keit des Herzens nur sehr wenig Blut in einer gege- 
benen Zeit in die Lungen, weit weniger, als das Be- 
dürfnifs des Körpers erheischt, zugleich erzeigt die Ue- 
berladung des höchst abgespannten Herzens mit Blut 
ein Gefühl von Druck und Angst, also eine ähnliche 
Empfindung, wie bei gehemmtem Athemholen und die 
Lunge scheint sich dem Zustande des Herzens gleich 
zu stimmen. 

2) Bei der Brustbräune. Ohne hier über ihre 
Natur abzusprechen, bemerke ich nur, dafs wenn die 
Anfälle derselben sich auch von denen bei der Dila- 
tation dadurch unterscheiden, dafs sie sehr schnell 
kommen und mit einem besondern Schmerz unterm 
Brustbein verbunden sind, sie doch der Hauptsache 
nach mit jenen nun betrachteten übereinstimmen; näm- 
lich auch diese Kranken klagen über gröfsten Mangel 
an Athem, gleichwohl haben sie eine Sehnsucht tief 
Athem zu ho\en und sind fähig diesen Trieb zu befrie- 
dig en» Auch bei diesen ist das Gefühl des Mangels 
an Athem täuschend und beruht darauf, dafs sie von 
dem Einathmen nicht die erquickende, erleichternde 
Empfindung erhalten, die sie gewohnt sind davon zu 

be- 



*) Fälle kann man sehen bei Senak T. IL p. 406. de Haen ra 
tio medtndi, pars g. p. IX un <l x g s 



— - 257 — - 

bekommen; wie Wahr dies sey, sieht man daraus, dafs 
sie das Athemholen dabei auch vergessen können, wie 
es J. Hunter geschehen ist. Bei den Anfällen der Brust- 
braune befindet sich aber das Herz ebenfalls in einem 
Zustande von Abspannung oder Adynamie; denn auch 
der Herzschlag steht dabei oft ganz still, so wie der 
Puls, oder beide sind schwach und unordentlich. Das, 
was in den Anfällen dieses und des erstgenannten Zu- 
standes verschiedenartiges vorkommt, beruht auf der 
Verschiedenheit der nächsten Veranlassung beider 
Krankheiten, die bei jenem in der Schwäche der Sub- 
stanz des Herzens, bei dieser in der Unthätigkeit sei- 
ner belebenden und nährenden Arterien beruht, wie 
wir anderswo sehen werden*). Wenn die Petrachtung 
des Zustandes des Herzens bei den Anfällen dieser 
Krankheit nicht überzeugend seyn sollte, so machen 
wir auf einen ähnlichen Fall aufmerksam, den J. Hun- 
ter**) erzählt. Ein Mann bekam unerträgliche Schmer- 
zen in der Gegend der rechten Magönmündung, wo- 
bei die Bewegung des Herzens durchaus gehemmt war, 
so dafs man auch nicht die geringste Spur davon be- 
merken konnte, das Gesicht war bleich und todten- 
ähnlich; er hatte dabei sein völliges Bewufstseyn und 
konnte dabei reden. Zu seinem Erstaunen bemerkte 
er, dafs er gar nicht athmete, und aus Furcht, er möchte 
sterben müssen, wenn das Athemholen unterbliebe, so 
strengte er sich willkührlich an, die zum Athmen nö- 
thigen Bewegungen zu machen. Diese Beobachtung 
kann mit einem künstlichen Versuche über die Wir- 
kung des Stillstandes des Herzens auf das Athemholen ' 
verglichen werden und beweifst., dafs Stillstand des 



*) Laleb Hillier Parry J s gründliche Abhandlung über diese Krank- 
heit kann ich nicht genug empfehlen. 
*•) Ueber das Blut. Seite 231. 

1. [ '7 ] 



— 258 — 

Herzens das Bedürfnifs des Athemholens auf einige 
, Zeit aufhebt oder das letztere entbehrlich macht, dafs 
wir aber gleichwohl dabei im Stande sind, die me- 
chanischen Veränderungen der Brust, welche 
zu dem Athemholen nothwendig sind, zu machen, zu 
einer Zeit, wo der eigentliche Zweck des Athemholens 
nicht erreicht werden kann. So konnte das willkühr- 
lich erkünstelte Athemholen weder dem J. Hunter noch 
diesem Manne direct etwas nützen ; denn es konnte 
dadurch kein Umtausch der Blutmasse bewirkt wer- 
den, die bei dem Stillstand des, Herzens in den Lun- 
gen nothwendig stocken mufste; und das künstliche 
Athemholen konnte höchstens indirect als Reitz auf 
das Herz zurückwirken und mit dazu dienen, seine 
Thätigkeit wieder anzufachen. 

5) Bei den Herzfehlern, wodurch das rothe und 
schwarze Blut beider Heizhälften sich mit einander 
mischt. Bei diesen Zuständen wird immer verhältnifs- 
mäfsig eine zu geringe Menge Blut durch die Lungen 
geführt und es wird das Blut auch nicht gleichförmig 
in beiden Herzhälften vertheilt (wenn nämlich anders 
beide Hälften zugegen sind); es wird nämlich schwar- 
zes Blut aus dem rechten Vorhof durch das offne ei- 
förmige Loch sogleich wieder in den linken, oder 
durch den botallischen Gang zurück in die Aorta, 
oder durch eine OefTnung in der Scheidewand der 
Kammern aus der einen in die andre getrieben, eine 
Höhle folglich überiaden zum Nachtheil der andern 
und aus dieser Ursache bilden sich als Folge solcher 
angebornen Herzfehler, gern noch andre neue, beson- 
ders Verengerung der Lungenarterie oder Verknöche- 
Z H m" f^ 6n > S ° Wie Weiterungen der rech- 

«n^°d U S "" b6i Hinde *™ «n dem Aus- 

gange derselben, meist mit Verdickung der Substanz, 



seltner wie es scheint, der linken Höhle *). Dies ist 
wichtig zu bemerken, weil diese Veränderungen eine 
Abänderung der ^italitätsvefhältnisse des Herzens bei 
der Blausucht voraussetzen, worauf man zu wenig ge- 
achtet zu haben scheint; diese Rücksicht aber über die 
innern Vorgänge bei den Suifocationsanfällen solcher 
Kranken einen nützlichen Aufschlufs giebt, zu deren' 
Erklärung die alleinige Rücksicht auf die sehr vermin- 
derte Säuerung des Blutes kaum hinreicht. Ich will 
hier von diesem secundären Fehler der Lungenarterie 
nichts weiter sagen, da wir bei der folgenden Num- 
mer darauf zurückkommen werden, sondern nur er- 
innern, dafs er sowohl, als die Verengung des Weges 
nach dem linken Herzen, vorzüglich durch Fehler der 
Mitral valvel, sowohl in Hinsicht der krankhaften Er- 
scheinungen an sich, als auch in Hinsicht der innern 
Vorgänge in dem Herzen und in den Lungen, wodurch 
jene Erscheinungen vermittelt werden, gar sehr unter 
einander übereinkommen. 

vSolche Kranke nun leiden eigentlich auch nicht 
an Hemmung des Athernholens, sondern sie sind nur 
unfähig eine beschleunigte Circulation zu ertragen; 
theils weil ihr Herz misgestaltet ist, eine Höhle immer 
mehr mit Blut überladen, folglich mehr angestrengt' 
wird, als die andre, und die Harmonie der bei- 
den Herzhälften aufgehoben ist; theils, weil die 



/ 

*) Ich kann mich, hier nicht weitläuftig über alle Fälle von feh- 
lerhafter Conformation des Herzens erklären, wodurch Blau- 
sucht entsteht; Nasse hat sie im.Anhange zu Bums und Mekel 
in seiner patholog. Anatomie vollständig gesammelt. Die im 
Text folgende Bemerkung schien mir nur am rechten Orte 
und nothwendig, weil gewifs die ungleiche Blulvertheilung im» 
Herzen die Thätigkeit desselben ungemein erschwert, und da- 
her leicht in der innern Haut Entzündung, Verengung und 
Verhärtung zur Folge hat, 



— 260 — 

Lungen nicht in dem gehörigen Verhältnisse mit Blut 
versorgt werden können, um so viel zu säuren, als zu 
beschleunigten Thätigkeiten des Körpers erfordert 
wird; es reicht die Menge des in einem gegebenen 
Zeitraum durch die Lungen circulirenden Blutes nur 
hin, die Organe des Körpers nothdürftig mit gereinig- 
tem Blute zu versorgen; alles, was den Blutumlauf 
beschleunigt, also mehr Blut in einer gegebenen Zeit 
durch das in seinen Theilen unharmonisch beschaffene 
Herz treibt, und seine Thäügkeit über die Gebühr an- 
strengt, macht dieselbe nothwendig unregelmäfsig, zu- 
gleich aber theilt sich dieser Zustand von unregel- 
mäfsiger Thätigkeit den Lungen mit, welche ungleich- 
förmig mit Blut versorgt werden, und doch nicht in 
dem Maafse, dafs sie eine weit gröfsere Menge Blut 
als gewöhnlich, und soviel in kürzerer Zeit säuern 
könnten, als das bei vermehrten Bewegungen vergrö- 
ßerte Bedürfnifs des Körpers erfordert. Dafs nun 
aber die schon kranke Vitalität des Herzens das meiste 
zur Erregung der heftigen Anfälle bei Blausüchtigen 
beitrage, erhellet daraus, dafs die letztern auch ohne 
alle Veranlassung und ganz von selbst periodisch sich 
einstellen. In diesen , Anfällen selbst leiden die 
Kranken ebenfalls nicht eigentlich an Mangel an 
Athem; denn sie holen nicht mühsam, sondern nur 
schnell und hastig Athem, wie Personen, die aufser 
Athem sind, dabei schlagt das Herz äufserst schnell, 
unordentlich und heftig; immer findet man in den 
Anfällen den Herzschlag unregelmäfsig und sehr ab- 
wechselnd in seiner Unordnung, allein auch eben so 
den Puls. 

Vergleicht man nun den Zustand der' Herz- und 
Lungenthäiigkeit, welcher .bei Personen Statt findet, 
die zu heftig gelaufen sind, so findet man denselben 
in der That mit dem der Blausüchtigen übereinstirr 



26l 

mend, nur dafs im ersten Falle der ruhige Zustand in 
dem gesunde» Herzen schneller zurückkehrt. Das 
Herz schlägt äufserst heftig und schnell, und das Ath- 
raen ist keichend, aber nicht erschwert, man kann 
dabei ohne Mühe tief einathmen; die höchst beschleu- 
nigte Herzbewegung facht also das schnellere Athmen 
an, und dies ist erst Wirkung der beschleunigten Herz- 
thätigkeit, man athmet dann meist schnell und nicht 
tief, theils weil das in die Lungen mit Gewalt eindrin- 
gende Blut nicht Zeit gestattet, tief zu athmen, 'theils 
aber auch wohl aus einem anatomischen Grunde, weil 
das Herz zu sehr ausgedehnt vom Blute das 
vordere Mittelfell preist, und so das Herab- 
senken des Zwergfells in den Unterleib erschwert. 
Man mufs daher so urtheilen: bei den Erstickungs- 
anfällen der Blausüchtigen wird das mit Blut überfüllte 
kranke Herz zu hastigen convulsivischen Bewegungen 
gezwungen, diese theilen sich den Lungen mit., und 
das Athemholen ist höchst unregelmäßig, angreifend, 
schnell; das Her? erlahmt endlich, und so steht auch 
das Athemholen still; unter dieser Ohnmacht sammeln 
sich die nöthigen Kräfte des Herzens ; der Kranke holt 
mit einem tiefen Seufzer Athem und stöfrt die Luft 
eben so langsam wieder aus; Herz und Lunge treten 
nun wieder in Harmonie. Nasse *), welcher diesen 
convulsivischen Zustand des Herzens in den Anfällen 
zwar anerkennt, scheint nur zu einseitig allein die 
Venosität des Blutes als Ursache zu beschuldigen; eben 
so Burns (Seite S-)> welcher die Beschwerden der 
Blausüchtigen von dem im linken Herzen angehäuften 
Venenblute ableitet, wiewohl er dabei nicht leugnet, 
dafs sie zum Theil von dem Gonsens des Herzens mit 



*) Im Anhange zu Surns Schrift S. 385. 



— 262 — ^ 

den Lungen herrühren» Allein der Grund der Stö- 
rung des Athemholens, die von dem Herzen ausgeht, 
ist ganz einfach, und wir bedürfen weder des Venen- 
blutes im linken Herzen, (was nach Bichat auch die- 
sem Herzen zum Reitz dienen kann) noch des nichts 
erklärenden Wortes Consens, dabei gar nicht; es 'führt 
uns sogar irre» So scheint denn ßurns in der That 
durch die Idee der Schädlichkeit des venösen Blutes 
bei diesem Zustande irre geleitet worden zu seyn, 
wenn er J. Bell's Erklärung der während des Anfalls 
vorgehenden Veränderungen, genau und scharfsinnig 
nennt; diese stützt sich nämlich allein auf die Idee, 
dafs das Venenblut in dem Anfalle die Oberhand ge- 
wonnen habe, das gewöhnlich e Athm en daher jetzt 
nicht mehr ausreiche, und die Lungen so vollkom- 
men als möglich ausgeleert werden müssen; 
deswegen athme der Kranke so kräftig aus, dafs 
er erschöpft zu Boden sinke, und wiederhole einige 
Zeit darauf noch mehrere Male dieses gewaltsame 
Ausathmen, Kinder legen sieh auf die Erde und Er- 
wachsenere drücken die Brust gegen einen Tisch, um 
dieselbe desto mehr zu comprimiren und die ver- 
dorbene Luft auszustofsen. Das Athmen scheine end- 
lich ganz aufgehoben zu seyn, allein während dieser 
Unterbrechung des Athemholens werde die erst livide 
Farbe des Körpers wieder heller, mehr bleifarben, 
dann hole der Kranke einen tiefen Seufzer und er- 
hole sich. Diese Erklärung ist ganz willkührlich und 
erzwungen ; sie vernachlässigt den Hauptgesichtspunkt, 
dals das Herz der ursprünglich leidende Theil ist, die 
Störung des Athemholens aber von der Störung der 
Herzthätigkeit ausgeht und abhängt,; sie knüpft die 
Vorgänge an das Bedürfnifs, die verdorbene Luft aus 
den Lungen zu stofsen, da doch das Ausathmen gar 
nicht gehemmt war, sie vergifst aber, dafs die Kran- 



— 263 — , 

ken eben so gewaltsam einathmen, und dafs die Un- 
möglichkeit, eine bedeutende Menge Blut schnell durch 
die Lungen zu führen, welche auf dem fehlerhaften 
Herzbau an sich beruht, durch die beschleunigten Be- 
wegungen des Herzens nicht vermindert, das Mifsver* 
hältnifs vielmehr gesteigert wird, folglich noch meht- 
Blut in.dem Herzensich anhäuft, welches dort' das 
Gefühl einer ängstigenden Pressung macht, und dafs 
diese es ist, welche die Kranken unwiükührlich treibt, 
die Brust anzustemmen, gleichsam um die unmäfsige 
Ausdehnung des Hertens zu hindern; dafs die Ohn- 
macht das endliche Resultat dieses gewaltsamen krampf- 
haften Zustandes ist. Sie läfst endlich ganz unerklärt, 
wie während der Ohnmacht die Venosität des Bluts 
in den Lungen sich bessern soll, so dafs der Kranke 
nun auf einmal mit tiefem und regelmäfsigen Athem- 
holen wieder erwachen kann. 

4) Wir kommen auf die Betrachtung der innern 
Vorgänge im Herzen und den Lungen bei dem Krank- 
heitszustande, welcher in Verengung des Weges für 
das Blut entweder von dem Herzen aus in die jun- 
gen, oder aussen Lungen in die linke Herzkammer 
und die Aorta zurück, besteht» 

Die Erscheinungen sind denen in der vorigen Num- 
mer angegebenen ziemlich gleich, und so sind auch 
in der Thal die innern Vorgänge dabei mit denen nur 
betrachteten übereinstimmend. Ich bemerke, dafs von 
diesen Zuständen ebenfalls ein Zustand von Blausucht 
bewirkt wird, obgleich in denselben nicht rothes und 
schwarzes Blut gemischt wird; aber die Wirkung die- 
ses hier m betrachtenden Zustandes ist derjenigen 
gleich, welche von dem Zustande der vorigen Num- 
mer abhängt, nämlich eine verhältnifsmäfsig zu geringe 
Menge gesäuerten Blutes in dem Körper, wegen der 
Unmöglichkeit, in einem gegebenen Zeitraum so viel 



Blut durch die Lungen zu führen , als nach Verhält- 
nifs des grofsen Kreislaufs geschehen sollte, und als 
das Bedürfnifs des Körpers erfordert. Der Zustand 
der Verengerung der Ein- und Ausgänge des Herzens 
setzt nun schon an sich vorausgegangene Krankheit 
des Herzens/ und wegen der Endigung derselben in 
einen organischen Fehler zurückgebliebene Abände- 
rung der Vitalität desselben voraus • diese mufs auch 
nothwendig durch die vermittelst dieses Fehlers her- 
beigeführte Hemmung des Blutumlaufs durch das Herz 
und die ungleiche Verkeilung des Bluts in seinen 
Höhlen in der Folge nothwendig zunehmen. Solche 
Kranke haben durchaus auch das Vermögen verloren, 
beschleunigte Bewegungen des Bluts zu vertragen; die 
Folge davon mufs immer entweder in dem rechten 
Herzen, oder in den Lungen Ueberfüllung mit Blut 
seyn, ja selbst im ruhigen Zustande mufs Anhäufung 
in einem von beiden Theilen oder ein Mifsverhältnifs der 
Blutvertheilung in beiden Herzhälften Statt finden. . Es 
ist leicht einzusehen, dafs das schon kranke Herz, so- 
bald es durch starke Bewegung, geistige Getränke, 
Affecte u. s. w. zu verstärkter Thätigkeit aufgefordert 
wird, sehr bald davon in miregelmäfsige krampfhafte 
Thätigkeit gestürzt werden, oder auch in Unthätigkeit 
versinken müsse, weil alle Versuche, eine grofse Menge 
Bluts schneller, als es der Bau gestattet, durch, die 
engen Wege zu führen, fruchtlos ablaufen müssen, das 
Mifsverhältnifs der Blutvertheilung folglich wachsen 
xnuf s . D e r unregelmäfsige Herzschlag, der in den An- 
fallen Statt findet, das gewaltsame Schlagen des Her- 
zens beweist den convulsivischen Zustand des Herzens 
hinlänglich, und erläutert die Art des hastigen Atem- 
holens wie in der vorigen Nummer. Ein Unterschied 

durch l H ^ V ° n ^S«*« des Weges 
durch das Herz Statt, „ämlich, dafs entweder die 



— 265 — 

Lunge mit Blut überladen ist, oder dafs sie zu wenig 
Blut bekommt, und im Verhältnifs zu dem Herzen 
dann fast blutleer ist. Diesen Umstand werden wir 
anderswo betrachten. 

Hier habe ich noch anzuführen, dafs Erweiterung 
des Herzens mit Verdickung der Substanz ebenfalls 
dem hier betrachteten in den Erscheinungen sowohl, 
als in Hinsicht der innern Vorgänge bei den Anfällen 
gleichkommt; und zwar sowohl, wenn die Erweiterung 
mit Verstärkung das ganze Herz,'oder wenn der Feh- 
ler nur eine Höhle trifft. Im ersten Falle prädominirt 
immer die Herzthätigkeit über das Gefäfssjstem und 
die Lungen, und die Thätigkeiten beider werden zur 
Ungebühr beschleunigt und angestrengt; in dem zwei* 
ten aber arbeitet die verstärkte Höhle die schwächere 
nieder, welche ihr in der Thätigkeit nicht gleichen 
Schritt halten kann; so wie im ersten die Lungen- 
arterie und Aorta geschwächt und erschöpft werden 
müssen, so geschieht" dies im zweiten der andern Herz- 
höhle vorzugsweise. In diesem Zustande drückt das 
Benehmen der Kranken schon anhaltend und aufser 
dem Anfalle Hast und übertriebene Beschleunigung al- 
ler Thätigkeiten des Körpers und selbst des Gemüths 
aus, und sie sind um so unfähiger, verstärkte Bewe- 
gungen zu ertragen; daher sind die Anfälle bei ihnen 
auch sehr stark, endigen sich meist in Ohnmacht, aber 
auch sehr häufig unerwartet in schnellen Tod, 

So glauben wir denn gezeigt zu haben, dafs die 
Störungen des Athemholens, welche zunächst aus Herz- 
krankheiten hervorgehen, ihren nächsten Grund ent- 
weder in einer momentanen Abspannung der Herz-r 
thätipkeit, oder in einer krankhaft verstärkten, aber 
unregelmäfsigen und convulsivischen Th'tujkeit dersel- 
ben haben, und dafs die Modificaiion des Athemholens 
jedesmal dem ihr zu Grunde liegenden Zustande des 



— 266 — 

Herzens entspreche. Daraus ergiebt sich denn auch, 
wie der letztere Zustand in Erschöpfung und Untbätig- 
keit, und umgekehrt, wie der erster e manchmal ja 
• convulsivische übergehen könne. Man wird sich dies 
noch deutlicher denken können, wenn wir die Anfälle 
der Beklemmung und SpiTöcation bei Herzkrankheiten 
noch .unter einem andern Gesichtspunkte betrachten, 
nämlich als ausgehend von einer Hemmung der 
Herz thä.tigkeit-, und es hat diese Betrachtungsweise 
noch einen andern Nutzen, indem zum Theil der Grund 
der periodischen Puickkehr der Anfälle von 
Erstickung bei Herzkrankheiten daraus erhellet. Die 
Bedingungen, wodurch Hemmung der Herzthätigkeit 
bei Krankheiten desselben herbeigeführt wird.,' sind 
verschieden; nämlich sie bestehen manchmal in ali- 
mähliger Ueberfüllung des Herzens mit Blut} so bei 
Dilatationen; denn eine erweiterte Höhle fafst mehr 
Blut, als sie mit einemmale ausstofsen kann; sie iist 
auch. als relativ schwach anzusehen, und wird so all- 
mählig bis auf einen Grad angefüllt, dafs Stillstand 
von Erschöpfung eintritt; noch mehr wird eine solche 
Ueberfüllung mit ihrer Folge, Erschöpfung, eintreten 
bei Verengerung einer Oeffnung, die der in der dar- 
über liegenden Höhle befindlichen Blutmenge nie ge- 
stattet, sich ganz auszuleeren; hier tritt die Hemmung 
des Bluts also zu Folge einer Erschöpfung ein; Un- 
vermögen zu wirken ist auch in dem Anfalle der Brust- 
bräune der Grund des Stillstandes des Herzens. Bei 
Klappenfehlern tritt oft augenblickliche Erstickungs- 
gefahr ein, der Athem ist den Kranken plötzlich wie : 
abgeschnitten. Hier beginnt die Hemmung wohl zu- 
nächst mit Krampf, wodurch die Herzhöhle fast ge- : 
schlössen wird; denn- wäre dies nicht der Fall, so , 
wurde die Hemmung nicht lange dauern können, da l 
die von hinten eindringende ßlutwelle, wenn sie das i, 



267 — 

y ' n 

Hindernifs selbst nicht wegstofsen ., könnte, doch die 
Oeffnung selbst erweitern und sich so Raum erzwin- 
gen würde; dies ist um so mehr anzunehmen, da die 
Herzhöhlen so wenig wie die der Gefälse ein absolu- 
tes Maafs haben, sondern ihr Raum sich der Menge 
der Flüssigkeiten accommodirt ; folglich die Wände 
und HerzöfFnungen sich auch, wenn sie nicht starr 
und knöchern geworden sind, bis auf einen gewissen 
Grad würden dilatiren lassen; ich will nichts davon 
erwähnen, dafs bei Polypen ohnstrejtig auch eine sol- 
che Dilatation Statt finden müfste, da im Zustande der 
Ruhe der Puls bei derselben regelmäfsig seyn soll; 
allein ihre Existenz ist hypothetisch. In diesem Zu- 
stande von Krampf einer Herzöffnung mufs notwen- 
dig auch Ueberfüllung der darüber liegenden Herz- 
höhle eintreten ; von dem Zustande des Herzens end- 
lich, wo die rechte Höhle mit der linken in gerader 
Communication steht, habe ich schon erwähnt, dafs 
dabei eine Hälfte immer mit Blut überladen werde. 
So liefse sich denn denken, dafs das erste Moment, 
der Suffocationsanfälle bei Herzkrankheiten immer in 
Hemmung des Bluts, im. Herzen beginne; das zweite 
Moment aber läfst sich als angestrengte gewaltsame 
convulsivische Thätigkeit betrachten, erregt durch den 
Reitz der Masse des angehäuften Bluts, und als ein 
Bestreben, diesen Reitz zu entfernen. Wirklieh sehen 
wir eine convulsivische Thätigkeit des Herzens bei 
Dilatationen, bei der Communication des rechten und 
linken Herzens,, so wie bei Verengerungen der OefF- 
nungen des Herzens ganz deutlich, und ihnen ent- 
spricht immer ein gleicher Zustand des Athemholens, 
der mit dem unregelmäfsigen Einströmen des Bluts in 
die Lungen parallel läuft; die Anfälle der Brustbräune 
arten sich anders, hier aber findet auch keine Ueber- 
ladung des Herzens mit Blut Statt, sondern blos schnei* 



— 263 — 

ler Stillstand. Wenn bei Dilatationen der Herzhöhlen 
die Anfälle langsam kommen und nach bedeutender 
Dauer sich langsam enden, so läfst sich dies aus der 
allmähligen Anhäufimg des Bluts in der geschwächten 
Höhle wohl erklären, eben so wie der rasche Gang 
der Anfalle bei den übrigen Zuständen. 

Wie man sich aber auch die Succession der innern 
Vorgänge bei Suffocationsanfällen, welche Krankheiten 
des Herzens begleiten, denken möge, so ist kein Zwei- 
fel daran ,, dafs dieselben von dem Herzen ausgehen 
und in diesem gegründet sind. Ich könnte damit 
beschliefsen; ich halte es aber für nöthig, noch Cor* 
visarts Aussprüche über die vom Athemholen herge* 
nommenen Zeichen zu beleuchten. Ich habe schon 
erinnert, dafs er glaubt, man könne keine charakte- 
ristischen Merkmale für die Herzkrankheiten aus ih- 
nen entlehnen ; er beschreibt indefs einige Modifika- 
tionen der Beengung der Brüst bei Herzkrankheiten 
richtig; er sagt, das Athemholen sey erschwert, kurz, 
oberflächlich (haute) und wie abgeschnitten ; die 
Beengung komme bei starker Bewegung und Stelgen; 
die Kranken haben ein Gefühl, als ob zwischen der 
Menge der eingeathmeten Luft und der Capacität der 
Lungen kein Verfiältnifs mehr Statt finde. Diese An- 
gaben sind treffend und richtig, nur hat er viele an- 
dere Abänderungen nicht angeführt; aber auch die 
genannten hätten ihn lehren sollen, dafs das Athem- 
holen in den Anfällen der Herzkrankheiten wirklich 
ein leeres und unfruchtbares, eine blofse Nachahmung, 
oder blos der mechanische Theil desselben sey; allein 
er scheint über den nächsten Grund des gestörten 
Athemholens bei diesen Krankheiten wenig nachge- 
dacht zu haben; er leitet dasselbe bei Erweiterung 
des Herzens und bei Aneurismen der Aorta (S. 394 
und 402) blos von dem Druck derselben auf die Lun- 



— 26g — 

gen oder auf die Luftröhre her, und setzt hinzu, dafs 
bei vielen andern Herzkrankheiten dasselbe von der 
Anhäufung des Bluts in den Lungen abzuhängen 
scheine, und mit der Schwierigkeit in gleichem Ver- 
hältnisse stehe, welche das Blut habe, in die linke 
Herzhöhle zurückzukehren. Er sagt ferner, dafs zwar 
der Druck der aneurismatischen Aorta auf die Luft- 
röhre die Erstickungsanfälle bewirke; scheint aber zu 
ahnden, dafs diese Erklärung nicht ausreiche ; denn 
er setzt hinzu: da dieser Druck anhaltend sey., so 
frage es sich, warum gleichwohl die Beklemmung nicht 
anhaltend sey? Was nun die erste Behauptung an- 
langt, die Beklemmung bei Herzkrankheiten rühre von 
der Schwierigkeit her, die das in den Lungen an- 
gehäufte Blut finde, ins Herz zurückzukehren, so 
läfst sich eine solche nur in dem Falle denken, wenn 
der Eingang in das linke Herz verengt ist; in dem 
umgekehrten aber, wo im rechten Herzen oder in der 
Lungenarterie ein Hindernifs Statt findet, da bekommt 
die Lunge zu wenig Blut, oder es wird auch wohl 
das Biuteinströmen in die Lungen plötzlich unterbro- 
chen, z. B. bei beweglichen Klappenfehlern, und wie 
ich glaube, zugleich durch Krampf; allein in beiden 
Fällen entsteht plötzlicn Erstickungsgefahr; in dem 
letzten offenbar, weil den Lungen das Material zu ih~ 
rer Function und zugleich ihr normaler B.eitz entzo- 
gen wird; es ist ein Zustand von Inanition, und dem- 
jenigen auch ii/i den Zufällen ganz gleich, unter wel- 
chen man F#en im Wochenbette an Verblutung durch 
die Mutter/ider Thiere sterben sieht, die man künst- 
lich verbluten läfst; beide sterben unter Zufällen un- 
erträglicher Angst und Erstickung, wie Herzkranke un- 
ter den genannten Umständen. Man sieht aber aus 
jener Erklärungsart der Erstickungszufälle, dafs Cor- 
visart bei derselben nur immer an kranke Verhältnisse 



■ — 270 — 

der Lunge, aber ganz und gar nicht an das Wechsel- 
verhältnifs dachte, welches zwischen dem Herzen und 
den Lungen Statt findet. 

Ich mufs noch etwas über seine andre Ansicht 
sagen, nach welcher bei Erweiterungen des Herzens 
und der Aorta der Druck auf die Lungen und die 
Luftröhre den Hauptgrund der Beklemmung ausmachen 
soll. Dafs ein solcher Druck Statt finden könne, ha- 
ben wir selbst behauptet; aber die Beklemmung, die 
davon entsteht, ist die gewöhnlich bei Krankheiten der > 
Luftröhre Statt findende, es ist eine Dyspnoe oder Er- 
schwerung des Athemholens; diese ist denn auch eben ; 
um deswillen anhaltend, eben so wie ihr zureichender 
Grund, die anhaltende Verengung. Aber von dieser ! 
wahren Engbrüstigkeit sind die periodischen Suffoca- ( 
tionszufälle wesentlich, verschieden, und, wie er selbst 
gesteht, lassen sich diese periodis chen Anfälle t 
aus diesem Princip nicht erklären. Wovon hängen sie i 
demnach ab?. Wir können uns darüber eine deutliche ; 
Vorstellung machen, wenn wir diese periodischen Er- i 
slickungsanfälle mit den periodischen Zufällen anderer 
örtlicher, besonders organischer Krankheiten verglei« i 
chen. Auch Steine in den Nieren oder Knochenstücke, 
die das Hirn drücken und reitzen, ferner auch ein i 
starker Kropf, welcher die Luftröhre sehr beengt, il 
machen keine anhaltenden schweren Leiden, sondern 
diese letztern stellen sich periodisch ein, und lassen: 
freie oder leidliche Zwischenräume» Die Ursache die- 
ser periodischien Rückkehr jener schweren Zufälle liegt i 
darin, dafs die 1 örtlichen Uebel für den gesammten Or- 
ganismus nur als veranlassen de Momente krank- 
hafter Erscheinungen angesehen werden können, und 
dafs die letztern nur als Resultate jener Momente und t 
einer Statt findenden Receptivität des Körpers für die i 
Wirksamkeit der erstem hervortreten können. Diese 



v — 271 ' — 

Pveceptivität ist es also, welche einem Wechsel unter- 
worfen ist, und welcfae durch die Anfälle selbst er- 
schöpft wird. Die neue Ansammlung derselben aber 
beruht auf einem Grundgesetz der thierischen Natur, 
dessen innere Gründe uns verborgen liegen. So wäre 
denn nun wohl denkbar, dafs die Sufiocationszufälle, 
welche periodisch bei dem Kropf und bei Erweiterun- 
gen des Herzens oder der Aorta eintreten, von dem 
Druck auf die Luftröhre veranlafst würden, allein 
daraus folgt nicht, dafs der innere Grund der Suf- 
focation bei ^beiden derselbe sey; bei dem Kropf ent- 
steht sie ohnstreitig durch spastische Constriction der 
Luftröhrenäste, zu Folge der langen Erschwerung ihrer 
Thätigkeit; sie werden vielleicht krankhaft reitzbar 
durch zu geringe Erregung durch die atmosphärische 
Luft; allein die Anfälle bei jenen Herzkrankheiten un- 
terscheiden sich wesentlich von den letztgenannten 
durch die Herzensangs t, die bei ihnen Statt findet 
sowohl, als durch das eigenthümliche Gepräge der 
Beengung, welche von fehlerhafter Herzthätigkeit aus- 
geht; düher man annehmen muls, sie werde auch in 
diesen Fällen vermittelt durch Hemmung der Herz- 
thätigkeit, deren Folge bei Ausdehnungen des linken 
Herzens und der Aorta schnelle Hemmung des 
Rückflusses aus den Lungen, bei Ausdehnungen des 
rechten aber schnelle Hemmung des Einströmens des 
Blutes in die Lunge sey. 

Wir haben von dem Husten und dem Röcheln, 
als Zufällen der Piespiration , welche die Herzkrank- 
heiten begleiten, bereits in Hinsicht ihrer diagnosti- 
schen. Charactere gesprochen, und haben noch über 
die innern Vorgänge, wodurch sie vermittelt werden, 
etwas zu sagen. Wir können uns darüber kurz fas- 
sen; diese Zufrille nämlich selbst sind nichts anders, 
als besondere Modificationen des innormalen Athem- 



272 

holens, und da auch sie ein besonderes Gepräge hal- 
ben wenn sie von Kerzkrankheiten abhängen, so folgt 
daraus von selbst, dafs sie 'ebenfalls durch kranke Ver- 
hähnisse des Herzens selbst "zunächst, vermittelt wer- 
den. Husten an sich genommen ist ein Wechsel von 
kurzen Einathmungen mit convulsivischem heftigen Aus* 
athmen; die Luftröhren sowohl, als das Zwer^fell 
stofsen die kaum oberflächlich eingeathmete Luft mit 
Gewalt zurück; Husten kann daher durch alles erregt 
werden, was einen Krampfzustand dieser Theile her- 
beiführt; z. B. durch reitzende Stoffe mit der Luft 
eingeaünnet bei gesundem Zustande, oder durch die 
atmosphärische Luft bei oberflächlicher Entzündung 
der Schleimhaut der Luftröhre; ferner durch Reiizun- 
gen des Zwergfells ; so Wird denn auch unregelmäfsi- 
ges Ein- und Ausströmen des Bluts in die Lungen und 
aus denselben in das Herz die Luftröhrenäste durch 
den ungleich abwechselnden Eindruck zu convulsivi- 
scher Thätigkeit bestimmen können; gewifs wird es 
ein convulsivischer Zustand des Herzeus selbst thun, 
in dem er sich den Lungen mittheiltj endlich auch 
Ueberladung und Stockung der Lungenvenen von 
Blut; daher ist denn auch das Bluthusten > der halb 
blutige, der lymphatische, wie aus in einander ge wic- 
kelten Fäden bestehende, oder auch polypösen Massen 
ähnelnde Auswurf zu erklären, welchen man bei Herz- 
krankheiten beobachtet; Bluthusten oder gar Blutsturz 
nämlich stellt sich als Folge endlicher Zerreifsung ge- 
prefster Gefäße ein, die andern Modificationen des 
Auswurfs aber sind Folgen einer gewaltsamen Durch- 
pressung von Feuchtigkeiten, und entstehen # auf eine 
ähnliche Art, wie bei Entzündungen der Lungen» Das 
leise Röcheln ganz oben in der Luftröhre, welches bei 
mehrern Herzkrankheiten Statt findet, läfst sich nicht 
aus der mechanischen Zusammendrückung der Luftröhre 

erklä- 



— . 2 7 3 — 

erklären; denn man findet es auch in solchen Fällen 
wo ein solcher Druck nicht Statt Wet, selbst bei 
der Herzentzündung; da man aber Affectionen des 
Halses und sogar Halsentzündung überhaupt oft als 
Begleiter von Herzkrankheiten beobachtet, so bin ich 
geneigt, jenes Röcheln aus einem consensuellen Krampf 
im Luftröhrenkopfe abzuleiten. 



Drittes Capitel. 

Von denjenigen Zeichen der Herzkrankheiten, welche aus den 
Abnormitäten des Herz- und Pulsschlaga entlehnt werden 

können. 



Ich gehe nun auf die Betrachtung derjenigen Zu- 
falle der Herzkrankheiten fort, welche aus der Störung 
der Circulation selbst hergenommen sind, in so fern 
sie uns Zeichen der Herzkrankheiten darbieten können. 
Diese Zufälle bestehen in mannichfaltigen Abänderun- 
gen i) des Herzschlags, a) des Pulsschlags, 3) in dem 
Verhältnisse beider zu einander. 

Der Herzschlag kann bei Krankheiten des Herzens 
auf die mannichfahigste Weise abgeändert werden; 
die Hauptmodificationen dieser Abnormitäten bezeich- 
net man gemeiniglich mit den Ausdrücken Herzklopfen, 
Palpitation, verworrener, unregelmäßiger, zitternder 
Herzschlag; Stillstand des Heizens, wovon Ohnmacht 
die Folge ist. Nicht nur Kranke, sondern auch meistens 
die Aerzte sind geneigt, aus der Wahrnehmung ge- 
wisser, zumal anhaltender Abnormitäten des Herz- 
schlags und des Pulses auf die Gegenwart eine» orga- 



— 2?4 — 

fischen Fehlers im Herzen zu schliefsen; ja die ersten 
Schriftsteller über diese Krankheiten legen den vor- 
züglichsten Werth auf die Symptome des Kreislaufs 
als Zeichen der Herzkrankheiten. Die beiden weit- 
läuftigsten Capitel in Senak's Werke sind der Palpita- 
tion und der Ohnmacht gewidmet, als Hauptübeln des 
Herzens; hingegen wirft er den gröfsten Theil der or- 
ganischen Herzfehler in eine Classe zusammen, von 
der er sagt, sie umfasse die Herzübel, deren Unter- 
scheidung in der Natur entweder sehr schwer, oder 
unmöglich sey. Corvisart aber rechnet vorzugsweise 
auf die Abänderungen des Herz- und Pulsschlags, um 
sichere Zeichen für die Herzkrankheiten aus ihnen ab- 
zuleiten. Es ist sehr leicht begreiflich, dafs die eige- 
nen Krankheiten des Herzens nothwendig mit allen 
möglichen Arten von Störungen der normalen Thätig- 
keit desselben verbunden seyn müssen, und zwar 
namentlich mit unregelmäfsigem Schlagen und mit Nei- 
gung ,zu momentaner Unterbrechung seiner Thätigkeit 
aus Erschöpfung. Denn eben weil die Herzkrankhei- 
ten ein Mifsverhältnifi der Vitalität oder der Structur 
und des Mech anismus desselben zu dem ganzen Körper und 
zudem Gefafssystem insbesondere setzen, so mufs mit 
ihnen auch unregelmäßige Wirksamkeit des Herzen« 
gesetzt seyn, und Ohnmacht oder Neigung dazu mufs 
sehr oft bei denselben als Folge der angestrengten 
Thätigkeit des kranken Herzens eintreten; daraus folgt 
aber nicht unmittelbar, dafs die gestörte Herzthätig- 
keit genaue Gharactere für die Unterscheidung dieser 
Uebel enthalte, noch viel weniger aber, dafs derglei- 
chen Gharactere in dem Herzklopfen und der Ohn- 
macht liegen. Ehe wir daher in diesem wichtigen 
Capitel weiter gehen können, ist es es nothwendig, 
i) einmal den Werth der aus fiesen Symptomen fjie 
Äenaen Zeicnen im allgemeinen genau u würdigen; 



— 275 — 

a) zu zeigen, dafs die meisten der bisherigen Schrift- 
steller, welche diesen Symptomen einen ganz vorzug- 
lichen diagnostischen Werth zuschrieben, ganz mit der 
Natur und mit sich selbst im Widerspruch stehen, und 
in so fern gar nicht befugt waren, über den Werth 
dieser Symptome abzusprechen, als sie bei ihrem 
Urtheil alle anatomische und physiologische Bedingun- 
gen aus den Augen verloren hatten. 

Die gröTste Schwierigkeit, die sich darbietet, um 
aus dem abnormen Herz und Pulsschlag sichere Zei- 
chen für die Herzkrankheiten zu bekommen, liegt in 
der Natur der Sache selbst. Keine Zufälle sind so 
allgemein und bei fast allen möglichen Krankheiten 
zu finden, als Störungen des Rhythmus der Thätigkei- 
ten des Herzens und der Arterien. Dies ist sehr natur- 
lich. Das Herz und die Gefäfse bilden ein zusammen- 
hängendes allgemein verbreitetes System von Theilen 
im menschlichen Körper, welches in die Functionen 
aller andern Theile eingreift, so wie umgekehrt die 
Krankheiten aller andern Organe in die Thätigkeit 
dieses Systems. Die Störungen der Herz- und Gefäfs- 
thätigkeit können daher weit eher Zeichen von andern 
als von ihren eignen Krankheiten abgeben, und wenn 
auch die Function des Herzens durch eigne Krankhei- 
ten desselben gestört werden mufs, st> geschieht dies 
doch weit häufiger durch ihm fremde Krankheiten, 
und was noch mehr und sehr wichtig ist, die Zufälle 
der Störung der Herzthätigkeit selbst sind bei ihm 
fremden Krankheiten, z. B. einer auf einen Stamm der 
Aorta drückenden Geschwulst, weit heftiger und stär- 
ker ausgedrückt, als bei seinen eignen; eben weil es 
im ersten Fall gesund und kräftig, im zweiten meist 
geschwächt ist» 

Einer der gemeinsten Zufälle ist ohnstreitig das 
Herzklopfen; dieses nun sowohl, als die meisten der 



— 37 6 

andern oben genannten Abänderungen des Herzschlags 
können von einer fast unzähligen Menge theils allge- 
meiner,, theils lokaler ursachlicher Momente entstehen, 
und zwar kommt es sehr häufig als ein schnell vor- 
übergehender Zufall aus Ursachen gleicher Art, theils 
aber auch als ein sehr hartnäckiger und anhaltender 
vor ; und doch deutet es darum so wenig eine Herz- 
krankheit, als auch selbst immer die Gegenwart einer 
mechanischen, anhaltend wirkenden Ursache im allge- 
meinen an, wie in dem Falle von Druck auf die Aor- 
ta; sondern es hat auch selbst dann oft seinen Grund 
blos in einem allgemeinen dynamischen Mifsverhältnifs, 
namentlich der Nerven; so heilte Erisistratus den Sohn 
des Königs Antiochus von langwierigen Herzklopfen, 
dessen Grund in einer durch unglückliche Liebe ver- 
mittelten Zerrüttung der Nerven lag, durch Entdec- 
kung und glückliche Abhülfe dieser Ursache. Testa 
führt (S. 114 n. 115) ein ähnliches Beispiel von lang- 
wierigem Herzklopfen aus ähnlicher Ursache aus eig- 
ner Beobachtung an, und so lehren Fälle dieser Art, 
dafs der Arzt, welcher Herzkrankheiten richtig be- 
urtheilen will, auf doppelte Weise Herzenskündiger 
seyn müsse, Kenner nämlich des moralischen Herzeni 
so sehr, als wie des physisch -organischen. 

Umgekehrt aber findet bei den schwersten Krank- 
heiten des Herzens und bei den höchsten Graden der- 
selben gar nicht selten weder Herzklopfen, noch un- 
regelmäfsiger Puls Statt; meine Erfahrung hat mich 
dies bei Erweiterungen der linken Herzkammer und 
der Aorta oft gelehrt; noch weit mehr ist es bei Er- 
weiterungen des rechten Herzens mit Verdünnung der 
Substanz der Fall; ja ich habe im Todesacte von Zer- 
reifsung der rechten verdünnten Vorkammer bei Ver* 
Stärkung des linken Herzens den Puls noch regelmäfsig 
gefunden. Testa ist ganz dieser Meinung (S. i 7 5), und 



— 277 — 
Morgagni*) zweifelte daher schon daran, daf, sich aus 
dem Herzklopfen sichere Zeichen für die Erkennung 
der Herzkrankheiten würden hernehmen lassen. Die 
Unmöglichkeit des Gelingens eines solchen Versuchs 
beweifst im Grunde auch selbst die weitläufige Ab- 
handlung über Herzklopfen und Ohnmacht bei Se- 
nak**) gerade durch den langen Katalog der veran- 
lassenden Momente dieser Zufälle. 

In der Tfaat würde der Arzt sehr Übel fahren, der 
sich nur durch auffallende Abänderungen des Herz- 
und Pulsschlags auf das Daseyn einer Herzkrankheit 
wollte aufmerksam machen, oder gar bestimmen lassen, 
die Existenz einer solchen nur dann anzunehmen, wenn 
jene Abänderungen Statt finden; er würde gar sehr 
selten in seiner Diagnose glücklich seyn und gewifs 
seine Herzkranken meist verlieren, ehe er nur die ' 
Gegenwart seines solchen Uebels ahndete, umgekehrt 
aber würde er sich meist täuschen, wenn er irgend zu 
rasch und ohne weitere genaue Umsicht aus der Ge- 
genwart jener Zufälle auf die Existenz einer Herzkrank- 
heit schlösse. , 

Es fragt sich nun, ob der Puls und seine mannig-i 
faltigen Abänderungen, zumal in Verbindung mit gleich- 
zeitigen Störungen des Herzschlags nicht gründlichere 
und constantere Zeichen der Herzkrankheiten liefern 
könne? Wir können diese Frage so wenig bejahen 



•) Epist. XVIII. an. 4. 

••) Auch Spangenberg hat etwas ähnliches versucht in Roms Ar- 
chnr f„r ■ prakt- Medicin Jahigang ign. So viel Schätzbares 
diese Abhandlung enthält, so wird sie doch als Le.renn bei 
der Diagnostik wenig nützen, da es kaum möglich seyn wird, 
alle die Momente immer im Gedächtnis gegenwärtig z„ hn- 
ben, bei welchen Palpitiren oder heftiger Herzschlag o.ch Ab- 
setzen desselben, entstehen kann; „ur ron dem letzten Svni- 
töm aber handelt dieser Schriftsteller. 



— 278 — 

als bei dem Herzschlage. Der Puls wird von unend- 
lich mannigfaltigen Einflüssen abgeändert und innor- 
mal gemacht, dafs es nur selten möglich seyn wird, 
in gegebenen Krankheiten den Fall au*zumitteln, wo 
ein bestimmtes Herzübel den Grund seiner Abänderung 
enthalten könnte. Ich möchte vielmehr sagen, der 
Puls liefert noch weit unsicherere Zeichen für die Herz- 
krankheiten, als das Herz. Denn wenn wir gleich ge- 
stehen müssen, was Testa so w-ahr als redlich aus- 
spricht (Seite 397) dafs wir noch sehr weit in der 
Kenntmfs der Gesetze des Pulses zurück sind, so ist 
doch so viel gewifs, dafs die Arterien selbstständige, 
mit eignen zur Fortbewegung des Bluts erforderliche» 
Kräften begabte, nnd in gewisser Beziehung von dem 
Herzen unabhängige Kanäle sind ; daher fühlen wir 
den Puls oft an verschiedenen Stellen des Körpers ver- 
schieden klopfen und mit dem Herzschlag weder in 
der Kraft noch im Rhythmus übereinstimmen. Der 
Grund liegt darin, dafs die Arterien theils durch Feh- 
ler in ihren eignen Häuten, theils durch ver- 
stärkte Erregungen an einzelnen Stellen zu 
Abänderungen des Pulses bestimmt werden können, 
die von der Action des Herzens ganz unabhängig sind; 
und dafs sie umgekehrt durch ihre selbstständigen 
Kräfte den Blutumlauf durch ihre eignen Kanäle bei 
der unregelmäfsigsten und unvollkommensten Thätig- 
keit des Herzens zu bewirken fähig sind; ohne diese 
Vorstellung können wir uns nicht einmal einen richti- 
gen Begriff von dem regelmäfsigen Pulse bei Herz- 
krankheiten, geschweige von dem unregelmäfsigen Puls 
ohne Herzkrankheit machen. Wie wenig der aussetzende 
Puls über Herzkrankheiten lehre, wufste übrigens Lan- 
cisi sehr gut, der ihn 5 Jahre an sich selbst nebst em- 
pfindlichen Zusammenzielmngen des Herzens erlebt 
hatte und durch Rhabarber und Eisen davon befreit 



— 279 — 

worden war, und daher bemerkt, man müsse auf alle 
Zufälle einer Herzkrankheit sehen, wenn man aus ih- 
nen einen plötzlichen Tod vorhersagen wolle (i. Buch 
jq. Cnp. S. 79.). 

Bei alle dem würden wir zu weit gehen, wenn 
wir behaupten wollten,- die innormale Beschaffenheit 
des Herz - und Pulsschlags enthalte gar keine Criterien 
für die Diagnose der Herzübel. Wir bezwecken durch 
die vorgetragenen Bemerkungen nur Einschärfung der 
Vorsichtsmadfsregel, den Symptomen des Herz- und 
Pulsschlag« bei der Diagnose der Herzkrankheiten 
nicht zu viel Werth einzuräumen, und umgekehrt 
wollten wir warnen, ja nicht auf das Eintreten auf- 
fallender Abänderungen des Herz- und Pulsschlags zu 
warten, um den Verdacht einer Herzkrankheit zu schö- 
pfen, sondern andre Umstände aufzufassen, die uns 
die Gegenwart solcher Uebel schon in ihren frühem 
Zeiträumen weit sicherer ahnden lassen. 

Erster Artikel. 
Jtfothwendige Unterscheidung des Herzklo- 
pfen vom Brustklopfen. 

Bevor wir uns auf die Betrachtung dessen, was der 
Herz- und Pulsschlag uns über die Gegenwart von Herz- 
krankheiten lehren kann, einlassen, müssen wir noch zei- 
gen, dafs das sogenannte Herzklopfen, welches die Schrift- 
steller bisher als eins der zuverlässigsten Zeichen der 
Herzkrankheiten aufführen, ein ziemlich unzuverlässi- 
ges sey, indem ihre Angaben weder den anatomischen 
Bedingungen, die dabei zum Grunde liegen müssen, 
entsprechen, noch auch mit gesunden physiologischen 
Grundsätzen harmoniren. Störungen des Herzschlags 
sind bei Herzkrankheiten eben so häufig als mannig- 
faltig ; allein ein geringes Nachdenken und das, was 
Wir im ersten Capitel dieses Abschnitts von den Be- 



— 280 — 

dingungen der normalen Herzthätigkeit gesagt haben, 
ist schon im Stande uns zu überzeugen, dafs in vielen 
Fällen von Herzkrankheiten und namentlich bei der 
Verwachsung desselben mit dem Herzbeutel, be,i Ver- 
knöcherung der Herzkammern oder auch nur einer, 
bei Verengerung einer venösen Herzöffnung in die 
Kammer gar kein eigentliches wahres Herzklopfen, 
eine an sich normale, aber verstärkte und beschleu- 
nigte Thätigkeit des Herzens, Statt finden könne, was 
doch die Schriftsteller als vorzüglich charakteristisch 
bei Herzkrankheiten und sogar bei solchen angegeben 
haben, wo es ihren eignen Grundsätzen zu Folge gar 
nicht Statt finden konnte. Corvisart geht so weit, dafs, 
um das von ihm genannte Herzklopfen bei Starrseyn 
des Hersens durch Verhärtung zu erklären, er an- 
nimmt, es müfsten in solchen Fällen doch noch, ein- 
zelne Parthieen dehnbar und contractu seyn, weil sonst 
der Blutumlauf ganz still stehen müsse (Seite 180.). 

Was ist nun aber von den Angaben der Schrift- 
steller zu halten, wenn sie in vielen Fällen von Herz- 
krankheiten, wo nach anatomischen und physiologi- 
schen Gründen Herzklopfen ganz unmöglich Statt fin- 
den konnte, gerade das allerheftigste wollen wahrge- 
nommen haben. Die Antwort ist leicht; sie täuschten 
sich; sie hielten jedes heftige Schlagen und Klopfen 
in der Brust für Herzklopfen. Es ist daher notwen- 
dig, dafs wir in Zukunft genauer unterscheiden und 
dem Kranken es nicht auf das Wort glauben, wenn er 
uns sagt, dafs er an Herzklopfen leide, sondern den 
Zustand selbst genau untersuchen ; wir werden dann 
finden, dafs aufser dem eigentlichen Herzklopfen meh- 
rere Modifikationen von Klopfen in jder Brust, welche 
ich lieber Brustklopfen nennen möchte, theils bei 
Herzkrankheiten, theüV bei ihm fremden Uebeln vor- 
kommen, und dafs ferner an Stellen, wo der normale 



— 28 1 — 

Herzschlag gar nicht gefühlt werden kann, z. B. in 
der Magengegend, am Halse, am Rückgrat, oder hoch 
oben in der Brust ebenfalls ein Klopfen oder Pulsiren 
Statt finden kann, ^was bald von einer Herzkrankheit 
abhängt, bald nicht, ja gerade in den entfernteren 
Stellen von dem Herzen aus zu Stande kommt, da um- 
gekehrt das heftigste und anhaltendste Pulsiren in der 
Brust selbst, und also in der Nähe des Herzens, am 
öftersten bei ganz normalem Zustand des Herzens und 
seiner Thätigkeit Statt findet. Diese verschiedenen Er- 
scheinungen von Klopfen in der Brust und in der 
Nachbarschaft müssen wir denn in Hinsicht ihrer Ur- 
sachen und besondern Eigenschaften genau kennen 
lernen, um Herzkrankheiten zu erkennen und sie von 
andern unterscheiden zu lernen. 

Lassen wir uns denn vor allen Dingen die ver- 
schiedenen Fehler des Herzens, bei denen wahres Herz- 
klopfen nicht Statt finden kann, an die anatomischen 
und physiologischen Bedingungen des Herzschlags hal- 
ten und mit den Resultaten der Beobachtung an 
Kranken vergleichen; wir hoffen durch diesen Versuch 
den Weg uns zu bahnen, aus der Betrachtung der ir- 
regulären Herzthätigkeit bessere Zeichen für die Herz- 
krankheiten ausfindig zu machen, ohne uns im gering- 
sten schmeicheln zu dürfen, die Aufklärung dieses Ge- 
genstandes vollenden zu können. Erst nach voraus- 
geschickter Bearbeitung des abnormen Brustklopfens 
wollen wir dann zur semlio tischen Betrachtung des ei- 
gentlichen Herzklopfens ;ünd der andern oben genann- 
ten Modificationen des Herzschlags fortgehen. 

Wir fangen mit der Verwachsung des Herz- 
beutels mit dem Herzen an. Ist diese vollkom- 
men, oder ist die Spitze des Herzens durch Verwach- 
sung mit seiner Hülle an das Zwergfell fest geheftet, 
so ist es unmöglich, dafs bei. der Systole der Her/- 



— s82 — 

kmmern, die Spitze des Herzens nach vorne steige 
■und zwischen der 5tem und 6ten Ribbe anschlage. Das 
Herz wird gleichsam fest gebunden an eine bestimmte 
Stelle und seine Spitze kann nicht mehr an dem Herz- 
beutel herauf- und herabgleiten. Dies erkannte schon 
Morgagni*) und erzählt, dafs aus der Vergleichung 
von 45 gesammelten Fällen folgendes Resultat sich er- 
gebe ; in 6 Fällen wird nicht angegeben, welche Be- 
schwerden die Kranken gelitten hatten, in 24 Fällen 
wird des Herzklopfens nicht erwähnt, nur in i5 Fällen 
wird es erwähnt und Morgagni sucht zu erweisen, dafs 
alsdann eine andre Ursache -und nicht die Verwach- 
sung zum Grunde gelegen habe. Die spätem Schrift- 
steller halten zum Theil das Herzklopfen bei Verwach- 
sung des Herzbeutels für eine unmögliche Erscheinung, 
2. B. selbst Senak, welcher der Meinung ist, es finde 
dabei mehr eine zitternde, unordentliche Bewegung 
Statt, eben so Spangenberg **) und Corvisart, wie wir 
oben schon angeführt haben; so hat der letztere aber 
in einigen seiner Beobachtungen, wobei Verwachsung 
des Herzens Statt fand, auch Herzklopfen als einen 
dabei beobachteten Zufall angegeben, und andre nach 
Morgagni gefolgte Schriftsteller haben nicht nur im 
allgemeinen das Herzklopfen unter die Zufälle der 
Verwachsung mit dem Herzbeutel aufgenommen, son- 
dern wollen gerade das aller heftigste Herzklo- 
pfen dabei wahrgenommen haben***). Spangenberg 
hingegen beruft sich auf eine bei einem Soldaten gemachte 



*) Seine Untersuchungen darüber stehen .am angef. O. £pist< 
XXlIl. art. 17, ig, ao , ai, 29. 

•*) Am angef. Ort in Horn's ArchiT Seite 24. 
") Z. B. Baillie vom krankh. Bau, Seite ao. Seile Bei- 
trage zur prakt. Arzneiwissenschaft, Seite a6, ater Theil. lyle-' 
kel der erste Memoirs de Berlin 1755. Auch Teata Seh» 
ia3, er tadelt sogar Senak's Aussprach. 



#•• 



— 283 — 

Beobachtung, so wie auf andre, z. B. von Littre*) 
und Rochetiere**), wo gar keine besonderenZufälle, am 
wenigsten Herzklopfen, die Verwachsung des Herzbeu- 
tels mit dem Herzen begleitete. Was ist nun also wohl 
von dem bei diesem Zustande angeblich bemerkten 
Herzklopfen zu halten? Morgagni's Entscheidung, dafs 
in den Fällen, wo es gleichwohl bei Verwachsung 
Statt gefunden habe, der Grund in einem andern 
gleichzeitigen Umstände gelegen haben müsse, z. B. in 
dem von Pasta ***) erzählten, wo das Herzklopfen äus- 
serst heftig war, in der gleichzeitigen Verknöcherung 
des Herzbeutels und der Erweiterung des rechten Vor- 
hofs, kann nicht angenommen werden, sobald es er- 
wiesen ist, dafs überhaupt bei dieser Verwachsung 
ganz und gar kein Herzklopfen möglich ist; in der 
That kommt in dem nur erzählten Falle ein zweites 
Hindernifs hinzu, indem ein breiter in dem verwachse- 
nen Herzbeutel entstandener Knochenring, welcher die 
Herzkammern umfafste, nothwendig die Contractilität 
der Herzkammern aufheben mufste, Allein gerade 
Fälle von der letztern Art sind am geeignetsten zu be- 
weisen, dafs das heftige Klopfen und Schlagen in der 
Brust bei Verwachsung des Herzens mit seinem Beutel 
etwas anderes als eigentliches Herzklopfen ist, 

"Um zu begreifen wie es mit diesem heftigen Brust- 
klopfen zugehe, mufs man sich an zwei Dinge erin- 
nern; einmal daran, dafs das Herz, wenn es verwach- 
sen ist, zwar in seinen Bewegungen gehemmt und ein- 
geschränkt, aber darum nicht unfähig geworden ist, 
die heftigsten Bestrebungen zu machen, seine Thätig- 
keit durchzusetzen; zweitens, dafs gerade in allen den 



•) Memoirs de l'acad. de sciences de Parti 1701. hittor. 70* 
••) Ebendaselbst 1758- P- ?3- 
-***) De Cordt* Polypo etc. p. 56 u. 57' 



234 — 

Fällen, wo die Thätigkeit eines in seiner Vitalität sonst 
nicht oder wenig angegriffenen Herzens, entweder von 
aufsen her durch Druck auf einen Arterienstamm oder 
auf seine Substanz, oder durch seinen eignen unzweck- 
mäfsigen angebornen Bau gehemmt wird, die heftig- 
sten convulsivischen Bewegungen in ihm bemerkt wer- 
den, z. B/ oft bei der Blausucht, von offen stehender 
Comriunication beider Herzhälften, oder wie in Lett- 
s o m ' s *) Falle, wo eine Balggeschwulst in der Brust, 
welche zwischen der Luftröhre und der Aorta fafs und 
letztere zusammendrückte, das heftigste in der Ferne 
hörbare Brustklopfen verursacht hatte. Vergleicht man 
diese Umstände mit der an seine Stelle festgebun- 
denen Lage des verwachsenen Herzens; so sieht man 
leicht ein, dafs bei ganz ruhigem Blutumlauf derglei- 
chen Kranke wohl wenig Beschwerden und geringe 
Störung des Blutumlaufs davon erfahren werden, dafs 
aber, sobald das Herz zu verstärkten Bewegungen auf- 
gereizt wird, das Zwergfell selbst bei jeder versuch- 
ten Contraction der Herzkammern, gewaltsam in die 
Höhe gezerrt, und die Harmonie zwischen dem Athem- 
holen und der Herzthätigkeit aufgehoben werden mufs* 
Darin liegt ohnstreitig der Grund, warum bei diesen 
Kranken das Herzklopfen so heftig, ja sogar sichtbar 
zu seyn scheint, wie Bums**) sehr richtig gezeigt hat. 
Das Resultat dieser Untersuchung bestände demnach 
darin, dafs bei der Verwachsung des Herzens mit dem 
Herzbeutel zwar kein eigentliches Herzklopfen, aber 
wohl ein gewaltsames Schlagen in der Brust und be- 
sonders unter dem Zwergfell in der Magengegend vor- 
komme, was aus den Anstrengungen des fest ange- 



•) Sammlung für prakt. Aerzte, u. B. 
*•) Seite 68 und 93. 



bundenen Herzens zu starken Bewegungen und dem 
dadurch bewirkten gewaltsamen Auf- und Niederstei- 
gen des Zwergfells zusammengesetzt ist*) 

Wir wollen jetzt sehen, welche Bewandnifs es mit 
dem Herzklopfen habe, wenn eine Herzkammer ver- 
härtet oder verknöchert ist. Es leuchtet von selbst 
ein, dafs dann alle Dilatabilitat und Contractilität von 
selbst wegfallen müsse und eben so auch das Aufstei- 
gen der Spitze des Herzens bei der Systole; die ver- 
steinerte Höhle ist dann für das Geschäft der Circula- 
tion unbrauchbar und kann nur noch die Stelle eines 
Cylinders vertreten, der eine gewisse Menge Blut in 
sich beherbergt, ohne zum Forttreiben desselben et- 
was beitragen zu können. Die Annalen der Medizin 
liefern mehrere solche Fälle und sie geben auch bei 
diesen Herzklopfen als ein Hauptsymptom an. Dies 
thut Pasta in dem angeführten Falle,, wo ein Knochen- 
xing in dem verwachsenen Herzbeutel die Herzkam- 
mern umfafste, und doch hatte sich hier die linke Herz- 
kammer verkleinert und nur die Vorkammer war er- 
weitert. So War es auch in dem Falle von Renaul- 
ijn**) wo die linke Kammer verknöchert, die rechte 
jedoch gesund war; von der linken Vorkammer wird 
nichts erwähnt ; das Herzklopfen wird hier als, so hef- 
tig beschrieben, dafs die auf die Brust gelegte Hand 
ein Abstofsen der Ribben empfand und der Kranke 
einen starken lange nachher zurückbleibenden Schmerz 
daron empfand. Corvisart***) selbst führt einen Fall 



•) Ich -will hier nicht die Diagnose dieses Znsrandes ganz ab- 
handeln, sondern nur teigen, welche Bewandnifs es mit dem 
Herzklopfen dabei habe, und wie der darübergeführte Streit der 
Aerzte entschieden werden müsse. 

•*) Journal de Medecine par Corvfcart, Janvier 1806 und bei 
Corvisart selbst Seite 182. 

*'*) Seite 161 und 169 und folg. 



— 286 — 

von Uebergang der Herzsubstanz in eine derbe harte 
Beschaffenheit und einen von Verknorpelung an; im 
ersten bemerkte er, dafs die auf die Herzgegend ge- 
legte Hand in einer grofsen Fläche in die Höhe geho- 
ben wurde und dafs der Herzschlag sehr unregelmä- 
fsig und zuweilen aussetzend war. Hier fand sich das 
ganze Herz in diesem Zustande von Derbheit, so dafs 
es einen Klang wie Hörn gab, wenn man daraufschlug. 
In dem zweiten Falle schlug das Herz mit vieler Kraft; 
hier fand sich das ganze rechte Herz mit seiner Com- 
municationsöffnung erweitert; eben so das linke Ohr, 
die linke Kammer aber verknöchert. Es fragt sich, 
wie konnte wohl in diesen Fällen eine Art von Herz- 
klopfen zu Stande kommen? Gewifs nnr durch die 
[Vorkammern; Bums und Corvisart sind auch ganz 
dieser Meinung; der letztere sagt (Seite 166 ) dafs die 
Vorkammern zum Theil die Verrichtung der Kammern 
übernehmen; der erstere aber setzt die Wichtigkeit 
der Vorkammern vor den Kammern vorzugsweise aus- 
einander (Seite 147 ). Allein so ist auch diese Bewe- 
gung durchaus keine wahre Palpitation, sondern dai 
Gefühl eines Stofses ; wirklich bemerkt auch Bums 
(Seite 150) dafs in einem ihm von D. Baird mitge- 
theilten Falle nicht von Herzklopfen die Rede sey; es 
ist auch dabei zu merken, dafs der Puls in solchen 
Fällen nicht mit dem bemerkten Brustklopfen synchro- 
nisch seyn (wie Corvisart ; dies ausdrucklich Seite 206 
im 35sten Falle bemerkt), und auf der andern Seite, 
dafs ein Theil der Blut welle nach den Venensäcken 
zurückgedrängt werden und der von den Venenstämmen 
nach dem Herzen von neuem zuströmenden Blutwelle 
begegnen mufs. Der letztere Umstand macht es begreif- 
lich, wie unter solchen Umständen scheinbar eine sehr 
heftige und sichtbare Palpitation eintreten kann, indem 
dieser Stofs sich bis unter das Zwergfell in der Hohl- 



— 287 — 

vene fortsetzen und hier sogar ein Klopfen verursa- 
chen wird; er erläutert aber auch die grofse Beklom- 
menheit solcher Personen, wenn das .JBlut der Lungen- 
vene auf diese Weise zurückgedrängt wird. Das ei- 
gentliche Herzschlagen mufs in solchen Fällen auch 
höher in der Brust empfunden werden, als der nor- 
male Herzschlag, da die Vorkammern dabei meist er- 
weitert und verstärkt sind. 

Dieselben Verhältnisse, wie bei Verhärtung der 
Herzkammern, finden denn auch Statt bei Verenge- 
rungen der Oeffnungen zwischen den Vor- 
kammern und Kammern. In solchen Fällen dringt 
immer nur eine geringe Blutwelle in die Kammer ein 
und der Herzschlag wird dadurch im Ganzen an Stärke 
vermindert werden müssen; gleichwohl nennen die 
Schriftsteller das Herzklopfen auch unter den Zufällen 
dieses Zustandes. Ein sehr interessantes Beispiel die- 
ser Art beschreibt Corvisart (Seite 201;; in diesem 
Falle war das ganze rechte Herz nebst der Oeffnung 
in die Kammer erweitert*; auch der linke Vorhof er- 
weitert, dessen Oeffnung aber bis zu einer schmalen 
Spalte verengert. Dieser Mann hatte heftiges Klopfen 
in der Herzgegend und vieles Nasenbluten. Drei Mo- 
nat vor seinem Fintritt in das Hospital blieb dies aus 
und das Herzklopfen ward nun häufiger und heftiger 
als je. C. nennt den Herzschlag sehr lebhaft, sehr be- 
schleunigt und höchst unregelmälsig, und der Kranke 
fühlte im Schlafe lebhafte Stöfse oder Erschütterungen 
in seinem Körper. So nennt derselbe auch Herzklo- 
pfen und zwar ein weitverbreitetes in einem andern 
Falle (Seite 206) wo die Vorhofsklappen beider Seiten 
an ihrer Basis verknöchert und beide Oeffnungen da- 
durch verengert- waren; der rechte Vorhof war zu- 
gleich äufserst erweitert. Ein ähnliches erzählt Burns 
(Seite 40) von einem 13jährigen Mädchen, welcne hau« 



— 288 — 

figes Herzklopfen hatte und man fühlte bei ihr den 
Herzschlag zwischen der sechsten und siebenten 
Ribbe; man fand bei ihr die rechte Kammer unge- 
wöhnlich dick und die Mitralvalvel verdickt, einen 
Ring bildend, in dessen Mitte ein Loch von der Gröfse 
eines Gänsekiels war. 

Es liefsen sich eine Menge ähnlicher Fälle anfüh- 
ren, die dasselbe beweisen; der letztere beweist, dafi 
das Klopfen in der Brust nothwendig von den Vor- 
kammern herrühren müsse, da hier beide Eingangsöff- 
nungen in die Kammern verengt waren; allein der 
Umstand, dafs das Klopfen tiefer bemerkt ward, als 
bei dem normalen Herzschlag, läfst vermuthen, dafs 
der Stofs des in die Hohlader zurückgetriebenen Bluts 
noch Antheil an dieser Art von Klopfen haben möge. 

Ich will mich hier in keine" Erörterung darüber, 
einlassen, dafs bei Verhärtnng - der Kranzarterien des 
Herzens kein eigentliches Herzklopfen Statt finde, son- 
dern es hier nur anmerken, weil wir diesen Zustand 
anderswo genauer betrachten müssen. So könnte man 
vielleicht auch hier eine Erörterung des Verhältnisses 
der Erweiterung der Communicationsöffnungen zwischen 
den Vorhöfen und Kammern, so wie zwischen den 
beiden Hälften des Herzens erwarten; allein da die 
Herzthätigkeit bei denselben eine eigne Beschaffenheit 
hat, welche Criterien zu ihrer Erkennung darbietet, 
so verspare ich sie bis zur Betrachtung dieser selbst 
auf. 

So könnte ich auch noch zwei Arten von 
Brustklopfen hier durchgehen, welche unter der 
Form von eigentlichem Herzklopfen täuschen können, 
nämlich das Klopfen der aneurismati sehen 
Aorta und dasjenige, was von dem Anschlagen 
des Herzens an einen fremden in der Brust- 
höhle befindliche* Körper, z.B. einem Steatom 

ab- 



— 289 — 

abhängt; allein diese Gegenstände erf ädern ein jeder an 
seinem Orte seine eigne Betrachtung und es genügt 
mir hier, auf sie als Ursachen von Brustklopfen auf- 
merksam gemacht zu haben. 

Zweiter Artikel. 
Von dem Herzklopfen und andern Abände. 
rungen des normalen Herzschlags. 
Das eigentliche Herzklopfen ist bei Herzubeln 
: übrigens kein Ungewöhnlicher Zufall; es ist als ve.r- 
i stärkter Herzschlag überhaupt genommen bei meh- 
i rem anhaltend, bei andern aber in periodischen Anfällen 
i siqh einstellend, die eine oder mehrere Stunden in den 
ä verschiedensten Graden von Heftigkeit anhauen können; 
ii ja es kann Tage lang anhalten; es besteht aber auch häufig 
i in der Form von einem oder nur wenigen &ehr,ver- 
i stärkten Herzschlägen, die nach einer augenblicklichen 
s ( Unterbrechung des Herzschlags mit einer Üeihe von, 
2 nach Zeit und Kraft, regelrnäfsigen Schlägen abwech- 
t sein und sich bald in kürzern, bald in längern Zwi- 
ii! schenräumen von neuem einstellen. Die letztere Form 
,,kann man Palpitation zum Unterschiede des Herz- 
kklopfens nennen. Die erste Form begleitet vorzüg- 
lich die abnorme Verstärkung der Herzsubstanz, so 
|wie die Erweiterungen der rechten und' linken Herz- 
kammer, zumal die mit Vermehrung der Substanz; nur 
[Wird mit denselben sehr leicht das Klopfen des Aneu- 

risma der Aorta verwechselt, welches indefs weder in 
i einer so bedeutenden Breite Statt findet, noch auch auf 
, den Raum, den das Herz eigentlich einnimmt, sich be- 
schränkt, sondern meistentheils bis in die Carotiden 
j oder bis unterhalb des Zwergfells sich erstreckt» Man 
, bemerkt dasselbe nicht nur indem man die flache Hand 
i auf die Gegend des Herzens legt, sondern man sieht 

es sogar durch die Ribben, welche in einem grofsen 

i. [i 9 ] 



— 290 — 

Umfange durcn das heftige Anschlagen des Herzens 
nach aufsen getrieben werden; ja man kann es end- 
lich zuweilen sogar oft in einiger Entfernung hören. 
Dem Kranken selbst verursacht es eine eigne lästige 
bange Empfindung. Ich will jetzt an einem Beispiele 
zeigen, unter welchen Umstanden das Herzklopfen eine 
bestimmte Herzkrankheit andeutet , um daran die 
Schwierigkeit kennen zu lehren, das Herzklopfen zu 
einem an sich sicher leitenden Zeichen der Herzkrank- 
heiten zu benutzen. 

Das Herzklopfen bezeichnet Erweiterung des Her- 
2ens, a) wenn es in einem sehr grofsen Umfange der 
Brust Statt findet, so dafs man es theils nach der rech« 
ten Seite zu, theils durch die unter die linken Ribben 
nahe an die Herzgrube geschobenen Finger deutlich 
fühlt, wodurch der Kranke auch meistens ein Gefühl 
von Beklemmung bekömmt ; b) wenn es im Ganzen an- 
haltend ist, aber doch abwechselnd heftigere, mit 
Angst und Beengung verbundene Anfälle veranlafst. 
Dies ist sehr charakteristisch. Denn ein Mensch, der 
durch heftiges Laufen sich Herzklopfen zugezogen hat, 
oder bei dem es auch Folge eines mäfsigen mechani 
sehen Drucks auf das Herz ist, empfindet diese Angst 
nicht, c) Wenn der Pulsschlag dem des Herzens ent- 
spricht. Ich bemerke dabei, dafs bei heftigen Gemüths- 
bewegungen ein beinahe unausgesetztes Herzklopfen 
Monate lang, dauern kann und das man sich folglich 
nicht zu schnell selbst durch diesen starken Herzzufall 
verführen lassen darf 4 , ein organisches Uebel mit gro- 
fser Wahrscheinlichkeit daraus abzuleiten, so wie, dafs 
der Puls in manchen Fällen von Herzkrankheiten dabei 
ruhig oder verhältnifsmäfsig zu klein seyn kann, näm- 
lich wenn die Wände des Herrens dabei verdünnt und 
geschwächt sind, oder eine Verengerung unter dem 
Aneurisma Statt findet, welche nur eine kleine Blut- 



— 291 — 

welle auf einmal durchläfst; endlich, daPs in den 
spätem Epochen der Erweiterung des Herzens das 
Herzklopfen allmählig verschwindet und in eine dum- 
pfe, nicht gut zu beschreibende, gleichsam wellenartig« 
Bewegung übergeht, wobei der Puls gemeiniglich sehr 
langsam wird. Man ersieht hieraus, dafs das Herzklo- 
pfen nur, in Verbindung mit mehrern Zufällen und be- 
dings weise Erweiterung des Herzens andeutet; und doch 
ist diese letztgenannte Art von Uebeln eins von den 
am leichtesten zu erkennenden. Wir werden in dem 
speciellen Theile diesen Gegenstand noch genauer ab- 
handeln; hier genügt es mir, vorläufig an diesem Bei- 
spiele gezeigt zu haben, wie behutsam der Arzt in sei- 
nem Ausspruche über die Gegenwart eines organischen 
Herzübels selbst dann seyn müsse, wenn die am stärksten 
hervorspringenden Zufälle desselben gegenwärtig sind, 
oder wenn der Fall selbst ein solches Herzübel be- 
trifft, was unter allen am leichtesten zu entdecken ist. 
Bei der Vergrößerung des Herzens nun, zumal 
mit verstärkter Substanz findet anhaltend ein verstärk- 
tes Pulsiren desselben Statt; eigentliches Herzklopfen 
jedoch nur periodisch; das Herzklopfen bezeichnet im- 
mer eine convulsivische Thätigkeit, und diese tritt 
denn auch hier periodisch ein, indem die Anlage dazu 
immer gegeben und gegenwärtig ist und leichte hinzu- 
kommende Reitze sie sehr leicht wecken werden. Diese 
Neigung zu convulsivischer Thätigkeit findet aber bri 
fast allen Herzübeln Statt, und es ergiebt sich daher, 
warum periodisches Herzklopfen alle Herz. 
krankheiten begleitet, in welchen die Natur des Ue- 
bels wahres Herzklopfen überhaupt möglich macht. Es 
begleitet daher auch i) die Entzündung des Herzens 
und seiner Hülle, 2) die Fälle, wo beide Herzhälften 
mit einander in Verbindung stehen und wegen un- 
gleicher V«rtheiluug des Bluts ungleich gereitzt wer- 



292 — 

den; ferner, wie schon gesagt, die Erweiterungen 
der Herzkammern, weil allmählig immer mehr Blut 
in denselben sich anhäuft, bis das Bestreben erwacht, 
sich dieser Last durch angestrengte Thätigkeit zu ent- 
ledigen; so auch 3) die Geschwüre auf der äufsern undin- 
nern Fläche des Herzens, wegen erhöhter Reitzbarkeit dei 
Herzens ; 4) die innern Auswüchse in der Herzsubstanz 
oder an seinen Klappen, und so auch die äufserlich 
an ihm befindlichen, theils weil der Blutumlauf da- 
durch erschwert wird, theils weil die Stimmung der 
Vitalität dabei krank seyn mufs ; 5) die Erzeugung von 
einzelnen Knochenstücken, welche hemmend, 
zum Tlieil auch reitzend wirken müssen, wenn sich die 
Herzsubstanz bei der Systole gleichsam in sie ein-, 
drückt ; dies kann geschehen, bei Knochenplatten an 
der Scheidewand des Herzens, oder an einem Pfeiler, 
oder an den Klappen; daher unter solchen Umständen 
die Anfälle meist äufserst schnell und augenblicklich 
eintreten; 6) bei dem Zustande, den ich Krampfsucht 
des Herzens nenne, welcher ohne organischen Fehler 
blos auf erhöhter Stimmung der Erregbarkeit des Her- 
zens beruht. Man begreift aber leicht, dafs zur Aus- 
xnittelung dieser Zustände nicht die Betrachtung des 
Herzklopfens hinreicht, sondern dafs sie nur durch 
Vergleichung einer Menge von Umständen erst ausge- 
xnittelt werden können, was nicht hieb er gehört. 

Aeufserst häufig kommt die Palpitation vor; es 
ist eine Art von aussetzendem Herzschlag, nur dafs 
auf das momentane Stocken ein oder auch zuweilen 
einige sehr heftige Schläge folgen. Der Kranke em- 
pfindet dies momentane Stocken und die darauf fol- 
gende heftige Bewegung des Herzens selbst, und ge- 
meiniglich theilt sie sich auch dem Pulse mit. Dieser 
Zufall kommt in allen möglichen Graden von Heftig- 
keit vor, und eben so mannichfaltig sind die Abände- 



— 293 — 

rungen desselben in Hinsicht der zwischen der Palpi- 
tation inne liegenden Zeiträume, in denen der Rhyth- 
mus des Herzschlags regelmäfsig bleibt. Die Erfahrung 
hat in unzähligen Fällen gelehrt, dafs ein solches mo- 
mentane Stocken der Herzthätigkeit mit nachfolgendem 
heftigem Herzschlag durch jeden heftigen Nervenreitz 
besonders Gemüthseindrücke, ferner durch heftige Er- 
regungen des ganzen arteriösen Systems; nicht weni- 
ger durch fast alle örtliche Krankheiten der Organe 
des Unterleibes, und durch viele Krankheiten der Lun- 
gen; endlich aber auch durch mechanische Hemmun- 
gen des Blutes in dem Herzen von organischen Feh- 
lern desselben oder der grofsen Gefäfse veranlafst 
werden könne. Es ist daher ein zu vielseitiges Sym- 
ptom, als dafs es möglich wäre, darauf eine sichere 
Diagnose gewisser Herzübel zu gründen. Denn aufser 
den allgemeinen Reitzungen, die von den Nerven oder 
dem Gefäfssystem ausgehend, eine momentane Con- 
striction und Krampf in dem Herzen erregen und 
durch die dadurch bewirkte gröfsere Ansammlung von 
Blut in einer oder beiden Herzhöhlen Palpitation er- 
wecken, kann auch jeder Druck, der von aufsen oder 
von innen, entweder unmittelbar auf die Lungenarterie 
bis in ihre Verzweigungen in den Lungen, oder auf 
die Aorta und ihre Verzweigungen nach oben und un- 
ten in beträchtlichen Entfernungen von ihrem Stamme 
hemmend wirkt, und eine allmählige Ansammlung von 
Blut in dem darüber befindlichen Theile zur Folge 
hat, Palpitation veranlassen. Man wird daher in jedem, 
gegebenen Falle von Palpitation durch genaue und 
längere sorgfältige Beobachtung aller Umstände des 
Kranken, sich nicht nur erst von der Abwesenheit all- 
gemeiner Reitznngen des Nerven- und des Gtfäfs- 
systems überzeugen müssen, wenn man den Verdacht 
einer organischen Krankheit des Herzens darauf grün- 



— 294 — 

den will; sondern man mufs auch darüber ganz genau 
belehrt seyn, dals kein Druck von aufsen her, der in 
einem örtlichen Uebel am Halse, in der Brust oder 
im Unterleibe bestehen kann, eine periodische Hem- 
mung des Blutes im Herzen begünstige. Nur nach 
Berichtigung aller dieser, erst durch genaue Beobach- 
tung eines geübten praktischen Auges auszumittelnden 
Umstände, kann die Palpitation, wenn sie, wo nicht 
ganz regelmäfsig und in jedem Tage oder jeder Stunde 
des Lebens sich zeigend, doch im Ganzen immer wie- 
derkehrt und in das Leben selbst verwebt ist, den 
Verdacht einer wirklichen organischen Krankheit dei 
Herzens begründen. Am meisten ist dies dann der 
Fall, wenn sie das erstemal unvermuthet und 
ohne grofse äufsere Veranlassung mit Ge- 
fühl von kurzer Beengung entstand, und von die- 
sem Zeitpunkte an nach kürzern oder längern Zwi- 
schenräumen, die jedoch nach und nach immer kürzer 
werden, wiederkehrt und so habituell wird. Unter 
diesen Einschränkungen ist sie ein Verräther von Feh- 
lern der Klappen des Herzens, besonders von Ver- 
knöcherungen *) aneurismatischer Ausdehnungen ein- 
zelner Stellen des Herzens **), von Verengerungen 
der Aorta oder der Lungenarterie **#).■ Sehr wichtig 
ist ferner die schon von Morgagni #*#*) zuerst ge- 
machte, und dann von Baillie, Mekel dem ersten 



*) Haller opusc, patholog. p- xyo, ein Fall Ton Niederdrückung 
und Verwachsung der valvulae mitralis. Morand Mimoirs 
de l'acad. de sc. de Paris, an. 1729, hist. 19. Die valvula 
mitralis war in einen Sack ausgeartet, der das Blut zum Theil 
zurück hielt. 

**) Morgagni l. c. 

**•) Portal, Sammlung f. prakt. Aerzte, ia. Band, S. 790. 

****) Morgagni epist. XXIII. art. 4. 



— 295 — 

und Testa bestätigte Bemerkung, dafs an der habi- 
tuellen und endlich tödtlich werdenden Palpitation 
nicht selten ein blofses Mifsverhältnifs der 
Weite der Herzkammern zu den aus ihnen 
gehenden grofsen Arterien allein und ohne 
eigentlichen organischen Fehler dieser Gefäfse Schuld 
sey. 

Ich ; komme zu der verworrenen, undeut- 
lichen, dem Wallen von kochendem Wasser ahnli- 
chen Bewegung des Herzens, Sie gehört zu der Gat- 
tung des unregelmäfsigen Herzschlags, und bezeichnet, 
wenn sie anhaltend ist, allerdings ein organisches Lei- 
den des Herzens, allein sie tritt gemeiniglich erst in 
den spätem Zeiträumen dieser Uebel ein, wo die Na- 
tur derselben längst vorher entdeckt seyn mufs, und 
begleitet denn vorzüglich die Erweiterungen des 
Herzens in den langen Anfallen von einem halb ohn- 
rnachtähnlichen Zustande, bei dem die Kranken, je- 
doch ohne sich bewegen zu können, ihr vollständiges 
Bewufstseyn haben. Das Zittern des Herzens besteht 
in ganz kleinen, aber sehr schnell auf einander folgen- 
den Contractionen und Erschlaffungen, und ist wie 
ein Krampf anzusehen, der sich zu mancherlei orga- 
nischen Fehlern des Herzens gesellen kann, ohne ei- 
nen besondern diagnostischen Werth zu haben; es 
entsteht aber auch nicht selten vorübergehend von 
heftigen allgemeinen Reitzungen des Körpers, die das 
Herz der Erschöpfung nahe bringen *). Manchmal 
ist die Bewegung des Herzens mit einem eignen, den 
Umstehenden hörbaren Geräusch, einer Art von 



*) Seriak sieht es mit Unrecht als ein Zeichen der Verwach- 
sung des Herzbeutels mit dem Herzen an, wie Testa richtig 
bemerkt S. 123- Ob das Ton Wolf (Hufeland prakt. Journal 
B. XVIII. St. x. S. ga.) beschriebene Zittern des Herzens, was 



— r 296 — 

Zischen oder Schwirren verbunden; auch dieses 
findet vorzüglich bei Verengerung einer Oeffnung des 
Herzens Statt. Corvisart bemerkte es bei dem Offen- 
seyn der Scheidewand der Kammern *), Testa führt 
(S. 490) ein Beispiel davon an, wo es bei Herzentzün- 
dung Statt fand. Burns hat sehr schön gezeigt, dafs 
und warum es die Verwachsungen des Herzbeutels mit 
dem Herzen, und so auch die äufsere Entzündung des 
Herzens, in dem Zeiträume nämlich, wo jene Ver- 
wachsung sich gebildet hat, begleitet; nämlich indem 
die Spitze des Herzens sich dann nicht heben kann, 
so bleiben die Oeffnungen der Arterien verengt; die 
Herzkammer bildet mit ihnen einen Winkel und die 
Elutwelle findet Schwierigkeit , in sie zu dringen 
(S. 119). Eben dieses Schwirren bemerkt man auch 
bei Verengerungen einer Herzöffnung. Burns erzählt 
mehrere Fälle (S. 2'5), wo die Mitralvalvel verhärtet 
war, aber die Oeffnung nicht schlofs, so dafs Blut aus 
der Herzkammer in den Vorhof zurückströmen konn- 
te ; dem Kranken schien es , als ob zwei Flüssigkeiten 
zusammengegossen würden; manchmal hörte man ein 
plätscherndes Geräusch. In einem andern Falle (S. 90) 
hörte man das Schwirren sowohl bei der Contraction 
der Kammern, als auch bei der der Vorkammern. 
Hier fand aber nicht nur Verwachsung des Herzbeu- 
tels, sondern auch Erweiterung des linken Herzens 
nsbst der Communicationsöffnung Statt. Man könnte 
noch das unregelmäfsige Schlagen des Herzens, 
was bald mit vermehrter, bald mit Verminderter Kraft« 



mit Anfällen Tön Angst und Schwermuth abwechselte und in 
Entkräftung Übergieng, b)os von vermehrter Reizbarkeit des 
Herzens sollte abgehangen haben, scheint mir noch zweifel- 
haft. 

*) Corrisart am angef. O. S. 270. 



— 297 — 

äufserung verbunden ist, unterscheiden; auch dieses 
bezeichnet ein organisches Leiden des Herzens, sobald 
es habituell ist, und stellt sich theils bei Verengerun- 
gen der arteriellen Oeffnungen mit periodisch ver- 
stärktem Schlagen ein, theils begleitet es auch den 
Zustand, wo die Scheidewände zwischen den beiden 
Vorkammern oder zwischen den Herzkammern selbst 
eine Communication durch, eine Oeifnung haben. Bei 
diesem Zustande, wovon auch die sogenannte Blau- 
stfcht abhängt , findet bei jeder irgend starken Bewe- 
gung sogleich ein heftiges convulsivisehes , dem Herz-* 
klopfen ähnliches Arbeiten des Herzens Statt, wobei 
der Kranke keicht und blau wird, und dadurch wird 
dieser Zustand nicht schwer erkannt. Endlich gehört 
das völlige Stillstehen des Herzschlags hieher; die 
Folge davon ist fast immer wahre Ohnmacht. 
Diese findet sich allerdings bei Krankheiten des Her- 
zens sehr häufig ein, z. B. bei Entzündung desselben, 
bei Erweiterungen, bei den Ursachen der Blausucht, 
bei der sogenannten Brustbräune. Allein Ohnmächten 
werden eben so, wie das Herzklopfen, von so höchst 
mannichfaltigen, allgemeinen und consensuellen Reitzun- 
gen erregt, dafs ich Testa*) ganz beistimme, wenn 
er derselben alje Beweiskraft für das Daseyn organi- 
scher Fehler des Herzens überhaupt und noch weit' 
mehr für das Daseyn bestimmter Herzfehler ganz ab- 
spricht; wohl verstanden, wenn man aus ihr allein 
etwas beweisen will; in Verbindung mit andern Zu- 
fällen, wird sie aber unsre Diagnose zu berichtigen 
dienen. Die Ohnmacht und die Hinneigung dazu hat 
jedoch noch eine andre Seite, durch welche sie an 
die Zustände des kranken Gemeingefühls sich an- 



*) am angef. O. S. 147. 



— 298 — 

chliefst. Ich will deshalb von derselben unter jenem 
Artikel bald vollständiger sprechen. 

Dritter Artikel. 
Ueber die Zeichen aus dem Pulse* 

Wir kommen jetzt auf die Zeichen, welche der 
Puls theils für sich allein, theils in Vergleichung mit 
dem Herzschlage liefert, um Krankheiten des Herzens 
zu unterscheiden, und zwar spreche ioh zunächst von 
dem Puls chlage, den der Arzt in der Regel an der 
Handwurzel zu untersuchen pflegt; nachdem werde 
ich noch etwas von dem Pulsiren an dem Halse und 
unter der Herzgrube erwähnen. Ich habe mich im 
Eingange dieses Capitels über die Unzuverlässigkeit 
des Pulses in Andeutung von Herzübeln, und über den 
physiologischen Grund davon erklärt. Demohngeachtet 
mufs ich nach meiner Erfahrung über den Puls als 
Zeichen in Krankheiten im allgemeinen genommen, die 
Aeufserung Testa's für übertrieben und zu einer schäd- 
lichen Vernachlässigung der Beobachtung des Pulses 
führend, erklären, wenn er sagt, dafs er sich nach ei- 
ner vierzigjährigen Praxis auf die Untersuchung des 
Pulses am wenigsten verstehe, und wenn er dem Pulse 
wegen anscheinender Widersprüche in seinen Aeufse- 
rungen fast allen diagnostischen Werth zu nehmen 
sucht. Jene Widersprüche nämlich verschwinden, so- 
bald man die Arterien als selbstständige Organe 
ansieht, die durch eigne Kraft das Blut durch sich 
hindurch führen, und folglich weder bei Krankhei- 
ten des Herzens nothwendig und unbedingt 
von der innormalen Thätigkeit des Herzens zu einer 
gleichen bestimmt werden müssen, noch auch bei normaler 
Thitigkeit des Herzens als unfähig angesehen werden 
können, innormale Bewegungen zu machen. Weifs 
man dieses, so wird man sich gar nicht darüber wun- 



— 299 — - 

dem, wenn man den Puls bei Aneurismen des Her- 
zens, bei Verknöcherungen der Wände desselben, ja 
selbst der Klappen zuweilen, (nämlich aufser den hef- 
tigen Anfällen von Stockung, wo zugleich Krampf ein- 
tiitt) nicht aussetzend findet; man wird vielmehr die- 
ses in der Ordnung finden ; eben so wenig wird es 
auffallen, wie derselbe bei den unordentlichsten Be- 
wegungen des Herzens doch regelmäßig bleiben kann, 
z. B. bei offener Communication der Herzohren oder 
Kammern (Gorvisart S. 270 u. foJg.), ja selbst im Act 
des Sterbens von Zerreifsung des rechten Herzohrs, 
wobei die Herzbewegung ganz verworren war, wie ich 
es sähe, und warum der Puls umgekehrt bei regel- 
mäfsiger Thätigkeit des Herzens unregelmäfsig seyn 
kann. Diese anscheinend widersprechenden Erschei- 
nungen müssen uns nur vorsichtig machen, aus dem 
Puls allein zu voreilig gewisse Schlüsse zu ziehen; ken- 
nen wir aber den wahren Grund derselben, so wird 
unsre Diagnose gerade durch dergleichen Erscheinun- 
gen noch mehr berichtigt werden, wie wir bald mit 
mehrern Beispielen belegen werden. 

Der Puls wird nun in folgenden Fällen ein Kenn- 
zeichen der Herzübel abgeben. 

1) In solchen Fällen, wo derselbe mit dem Herz- 
schlag übereinstimmt: dies ist der Fall bei Erweiterun- 
gen des Herzens, wo die Stärke des Schlags und sein 
Rhythmus denen der Herzschläge entspricht; er ist 
dann regelmäfsig, aber heftig und stark bei der Er- 
weiterung des Herzens mit Verstärkung der Herzsub- 
stanz, oder regelmäfsig und weich, oft schwach bei der 
mit Verdünnung der Wände; gemeiniglich ist dabei 
auch Puls- und Herzschlag beschleunigt. 

Wenn bei der Palpitation des Herzens der Puls 
eine gleichartige Abweichung zeigt, so wird er unter 
eben den Umständen, unter welchen aus jener auf 



— 3oo — 

eine organische Krankheit des Herzens geschlossen 
werden kann, ebenfalls eine solche andeuten und die- 
ses Urtheil noch mehr bestätigen. 

2) In solchen Fällen, wo der Rhythmus des Her- 
zens und des Pulses nicht übereinstimmen. 

a) Ein regelmäfsiger Puls bei Herzklopfen und un- 
regelmäfsigem Herzschlag verräth gerade in Ver- 
bindung mit andern Zeichen ein Statt findendes 
organisches Leiden des Herzens mit gröfserer Ge- 
wifsheit; z. B. die geöffnete Communication beider 
Herzkammern oder Ohren mit einander, oder eine 
Erweiterung in den spätem Zeiträumen, wenn er 
bei schwachem und verworrenen Herzschlag regel- 
mäfsig und zugleich schwach geht; man mufs bei 
diesem eignen Mifsverhältnifs vorzüglich an ein 
Leiden der rechten Herzhälfte denken, weil ein 
solches auf den Puls weit weniger Einüufs hat, 
als wenn es auf der linken Hälfte Statt findet. 

b) Ein unregelmafaiger Puls bei regelmäfsigem Herz- 
schlag kommt selten vor, und hängt wohl dann 
meist von einem Fehler in den Häuten eines Ar- 
terienstammes ab, z. B. der Armschlagader; allein 
es kann der Puls an einem Arme anhaltend ver- 
schieden seyn von dem auf der andern Seite, und 
er entspricht alsdann dem Herzschlag entweder 
nur auf einer Seite, oder auch auf keiner von bei- 
den Seiten; z. B. er ist manchmal auf einer Seite 
kaum fühlbar und auf der andern normal oder 
auch zu stark im Verhältnifs des Herzschlags. 
Der Grund von solchen Abweichungen liegt nun 
allerdings häufig in den Abweichungen der Lage, 
der Spaltungen oder auch in Verengerung einer 
Armarterie, kurz in speciellern Abänderungen der 
Armarterie selbst; allein es ist wichtig, auf diese 
Abweichungen Acht zu haben, weil sie manchmal 



— 3oi — 

allerdings von einem Herzübel abhängen. Wir 
verdanken Corvisart *) diese Entdeckung, die 
er und Testa **) durch mehrere Beispiele erwie- 
sen haben ; die Ursache dieser Abweichung des 
Pulses lag entweder in der Zusarnrnendrückung 
einer Schlüsselbeinschlagader durch ein Aneurisma 
des Herzens oder der grofsen Schlagadern, oder 
in einer Verengerung der Mündungen der erstge- 
nannten Arterie durch innere Anschwellung oder 
Verknöcherung ihrer Häute bei einem Aneurisma 
der Aorta; oder gar in einem sporähnlichen, 
knorpeiartigen Auswüchse zu Anfange der unge- 
nannten Arterie,' wodurch das Blut von der Schlüs- 
selbeinarterie weggedrückt und allein nach der 
Halsschlagader hin gerichtet wurde. Man hat da- 
her Ursache, so bald man dergleichen sonderbare 
Abweichungen des Pulses bemerkt, bald aufmerk- 
sam zu werden, ob sich nicht entfernte Spuren 
eines organischen Herzübels entdecken lassen, und 
in diesem Falle würde der Verdacht der Gegen- 
wart derselben allerdings durch eine solche Ab- 
weichung des Pulses verstärkt und erhöhet wer- 
den. 

Testa erwähnt noch eine besondre Eigenschaft 
des Pulses bei Herzübeln, den er den rauschen- 
den, zischenden nennt, als ob Luft unter dem 
Finger hinweg führe, und wundert sich, dafs kein 
Schriftsteller seiner erwähnt habe; er bekennt 
aber, dafs er ihn in einem Falle in Verbindung 



•) S. 389- 

••) S. 400.— Auch Senac Liv. IV. Chap. 9. beschreibt einen 
fall von ungeheurer Erweiterung des rechten Herzohrs und 
der Hohlvene, wodurch bei einem Mädchen der Pul« beinahe 
»nfühlbar gemacht worden war» 



- 30, - 

mit heftigem Herzklopfen an der Eingeweidearterie 
gefunden habe, wo doch, wie der bessere Aus- 
gang der Krankheit lehrte, gegen seine Ueberzeu- 
gung, kein Aneurisma da war. Ich habe dieses 
sonderbare Gefühl von dem Pulse allerdings 
manchmal bemerkt, und zwar bei sehr heftigem 
und zugleich sehr unordentlichen Herzschlag; an- 
dremale war er nicht sowohl zischend, als viel- 
mehr auf eigne Weise crepitirend, (ich kenne 
keinen deutschen Ausdruck, welcher die ganz 
eigne Empfindung unter dem Finger, als ob zwei 
knorpelartige Substanzen sich an einander rieben, 
deutlich bezeichnete). Ich weifs diesen Aeufserun- 
gen des Pulses weder eine physiologische , noch 
eine genaue diagnostische Deutung zu geben; mir 
scheint es , als ob die erste Art von einem zu ge- 
ringen, durch eine enge Stelle getriebenen Blut- 
strahl, der die Arterie nicht ausfüllt und weshalb 
sich vielleicht dunstartige SLofFe entwickeln, wel- 
che den Ilaum der Arterie vollends ausfüllen, die 
andre aber durch eine ungemein heftige Spannung 
der Arterienhäute, eine Art von tonischem Krampf 
in derselben, erzeugt werden möchte. Ich fand 
ihn so bei Verstärkung der linken Herzkammer 
mit Erweiterung der Aorta; wir haben darüber 
eine eigne Dissertation von Mauchart, der die- 
sen Puls ebenfalls bei Aneurysmen der Aorta 
fand *). 

Ich fühle mich bewogen, über den Puls als Zei- 
chen der Herzkrankheiten noch einige Bemerkun- 
gen hinzuzufügen. 

i) Wenn auch der Puls bei Herzubein nicht im- 



•) Da puhtt intermittente et crepitante. Tubinga* i 



748. 



— 3o3 — 

zrier eine auffallende Unordnung verräth, so wird man 
doch, und zwar schon in den ersten Zeiträumen die- 
ser Uebel, bei genauer, täglich mehrmals wiederholter 
und jedesmal einige Minuten lang fortgesetzter Unter- 
suchung desselben, mancherlei Abweichungen an ihm 
bemerken. Nach meinen Beobachtungen nämlich bleibt 
er sich nicht gleich, sondern wechselt ohne' äufsere 
Veranlassungen in kmrzen Zeiträumen sehr oft in der 
Stärke, Völle und Geschwindigkeit ab und hat mei- 
stenteils etwas eignes, nicht normales, was sich nicht 
gut beschreiben läfst; der Rhythmus ist nicht scharf 
begränzt; Systole und Diastole fliefsen mehr in einan- 
der, und in einer Reihe von. Schlägen wechseln stär- 
kere und schwächere, schnellere und langsamere 
Schläge unter einander, jedoch in geringen, nicht ganz 
deutlichen Graden von Abweichungen ab. Ich be- 
merke dieses einmal um deswillen, um jungen Aerzten 
überhaupt recht ernstlich einzuschärfen, sich an eine 
recht genaue und sorgfältige Untersuchung des Pulses 
bei allen Kranken zu gewöhnen, um durch Uebung 
ihr Gefühl zu scharfen und den Puls recht verstehen 
zu lernen, was viele Aerzte in ihrer längsten Praxis 
nicht lernen; dann aber auch, um Herzübel in ihren 
frühern Zeiträumen aus dem Pulse schon zu ahnden, 
und so sie zeitig genug zu erkennen. Ohnstreitig ist 
diese unstete Beschaffenheit des Pulses eine Wirkung 
der anfangenden unvollkommenen Thr.tigkeit des Her- 
zens, wodurch dem Arteriensystem ein grösserer An- 
theil an der Bewirkung der Circulation aufgedrungen 
Wird, als ihm der Norm gemäfs zukommt und die 
Folge dieses Uebermaafses von Last, welche dasselbe 
weiter zu fördern genöthigt wird, macht seine Thätig- 
keit unstet und schwankend. Ich glaube daher auf 
diese Symptome der Circulation ganz vorzüglich auf- 
merksam machen zu müssen, , 



— 304 — 

2) Bei mehrern Herzübeln wird der Puls nach 
und nach immer mehr und mehr beschleunigt, 
ohne sonst eine andre Störung seines Rhythmus zu 
erfahren. Schon bei den Entzündungen des Herzens 
und der grofsen Gefäfse ist derselbe ungemein be- 
schleunigt und mehr, als die allgemeinen Aeufserungen 
des Fiebers, Hitze u, s. w. erwarten lassen; also die 
Beschleunigung des Pulses steht im Mifsverhältnisse mit 
den allgemeinen Symptomen des, Fiebers. Allein eben 
so wird der Puls im* Verlaufe mehrerer organischer 
Herzkrankheiten, ganz vorzüglich der Erweiterungen, 
immer mehr und mehr beschleunigt, ohne dafs irgend 
eine Spur von Fieber vorhanden ist. Zwei meiner 
Kranken hatten dies sehr gut an sich beobachtet., und 
waren darüber verwundert, bei dem ersten fieng sich 
der letzte Zeitraum einer Erweiterung des Herzens 
und der Aorta damit an; der Kranke lebte aber noch 
ein halbes Jahr; bei dem zweiten, wo neben Verdün- 
nung und Ausdehnung der Wände noch eine fehler- 
hafte Lage des Herzens und^Spuren einer vorausge- 
gangenen langsamen Entzündung des Herzbeutels ge- 
funden wurden, hatte sich diese Erscheinung etwa 5 
bis 6 Wochen vor dem Tode, wo der Kranke aber 
dabei noch ausgieng und seine Geschäfte betrieb, ein- 
gestellt; ich habe denselben Zufall unter den nur an- 
gegebenen beiden Umständen mehrmals wahrgenom- 
men, und mache auch auf diesen besonders aufmerk- 
«am, um so mehr, da es mir scheint, als sey er ein 
höchst wichtiges Zeichen von den langsamen und 
schleichenden Entzündungen des Herzens und Herz« 
beuteis, die so sehr leicht verkannt werden. 



Vier 



, — 3o5 — 

Vierter Artikel. 

Ueber das Pulsiren am Halse und unter der 

Herzgrube. 

So wie in der Brust ein Klopfen vorkommt, war 
nicht immer Herzklopfen ist und oft auch gar nicht 
von dem Herzen ansgeht, ja nicht einmal von einer 
Herzkrankheit herrührt, so bemerkt man auch nicht 
selten ein klopfendes Pnlsiren am Halse, oder auch 
und noch häufiger unter der Herzgrube. Da beide 
Abweichungen des Pulsschlags von Fehlern des Her- 
zens abhängen können oder nicht, so ist es notwen- 
dig, von beiden Abweichungen etwas zu sagen. 

Das heftige Schlagen am Halse findet Statt bei Er- 
weiterungen der Aorta und ihres Bogens, und bei der 
Verstärkung der Herzsubstanz; es besteht dann in ei- 
nem stärkern Pulsiren der Halsschlagadern ; allein es 
kommt ein solches auch, und zwar ziemlich anhaltend 
und mit periodischen Verstärkungen vor von ganz an- 
dern Ursachen; man findet es bei hysterischen Per- 
sonen, wo nichts anders als Einschränkung der Caroti- 
den durch die an dem Halse an ihr hingehenden Mus- 
keln den Grund desselben enthält. Allein worauf ich 
sehr aufmerksam machen mufs, ist der Umstand, dafs 
auch ein Druck auf die Garotiden durch sehr versteckt 
liegende Geschwülste nicht nur dieses Klopfen, son- 
dern auch Beängstigungen und Herzzufälle bewirken 
kann. Sitzt eine solche Geschwulst tief in der Brust 
selbst, z. B. in einem von Lettsom *), erzählten Falle, 
wo die Aorta bei ihrem Anfange zusammengedrückt 
ward, so entstehen davon ganz die Zufälle, welche dis 
Verengerung der Mündung der Aorta macht, und ich 
glaube, dies ist der schwierigste Fall für die Diagnose; 



*) Sammlungen für prakt. Asrzte, 12. Bd. 4. $t, 

t (>o j 



. — 306 — 

sitit eine solche Geschwulst aber höher und am Halse, 
sie sey nun von Anschwellung von lymphatischen Dru- 
sen oder einem Speckgewächs oder Kropf abhangig, 
so ist die Rückwirkung auf das Herz zwar viel gerin- 
ger indem doch eine bedeutende Menge Blut durch 
die 'übrigen aus dem Stamme der Aorta abgehenden 
grofsen Aeste abgeleitet wird, indefs klagen die Kran- 
ken doch abwechselnd über Herzklopfen, Beengung 
um das Herz und Angst, besonders nach Tische und 
nach starkem Gehen, und man kann leicht in Gefahr 
kommen, diese Zufälle für Folgen eines Fehlers an 
dem Herzen oder an der Aorta zu halten. Ich habe 
einen Kranken dieser Art mit Glück behandelt; die 
Abwesenheit aller Umstände, die sonst eine Herzkrank- 
heit erwecken oder begleiten, die Beständigkeit des 
Klopfens am Halse, die Wahrnehmung mehrerer ange- 
schwollenen Drüsen am Halse, die man fühlen konnte, 
eine gewisse Steifheit des Halses beim Drehen dessel- 
ben, die sitzende Lebensart des Kranken, sein übrigens 
vollkommenes Wohlbefinden bestärkten mich in der 
Ansicht, dafs ein Druck Schuld an dem beständigen 
Schlagen der Halsschlagadern seyn müsse, und eine 
darauf gerichtete Kur mit Calomel, Schierling und ge- 
branntem Schwamm stellten ihn her. Bums erzählt ein 
ähnliches Beispiel, welches ein Chirurgus für ein 
Aneurisma genommen hatte; die Krankheit hatte in 
einer heftig pulsirenden Geschwulst am Ende des Brust- 
beins und des linken Schlüsselbeins von der Gröfse 
eines Hühnereies bestanden, mit unregelmäfsigem Puls- 
schlag an der linken Handwurzel und Schwierigkeit 
im Schlingen; nachdem eine strenge Kur riebst mage- 
rer Kost einige Monate lang keine Hülfe geschafft 
hatte, entlicfs der Kranke seinen Arzt und die Ge- 
schwulst vergieng allmählig mit allen Zufällen. Burns 
erinnert dabei sehr richtig, dafs ein Aneurisma am 



— 307 — 

Halse während der Systole des hinter ihm liegenden 
Stücks der Arterie immer an Gröfse und Spannung 
zunimmt, bald nachher aber weicher und kleiner wird; 
dafs dasselbe bei der Zusammenziehung der Arterie 
offenbar aufschwillt, wenn man die Geschwulst dabei 
anfühlt, und dafs das Pulsiren dasselbe bleibt, wenn 
man die Geschwulst in die Höhe hebt; ist es hingegen 
eine Drüsengeschwulst, so verschwindet das Pulsiren, 
wenn man sie durch Aufhebung von der Arterie ent- 
fernt, und das Pulsiren ist äufserst heftig, so lange sie 
auf die Arterie drückt. . 

Eine andre Art von Pulsiren am Halse hängt fer- 
ner von den Drosseladern ab, und mufs wohl un- 
terschieden werden. Es entsteht nämlich nicht selten 
eine Ausdehnung oder Aderkropf an der innern Dxos- 
selader, und bildet dann eine Geschwulst oberhalb 
des Brustbeins, welche eine zitternde Bewegung macht. 
Diese konnte man mit einem Aneurisma der Aorta 
verwechseln, welches bis über das Brustbein vorge- 
rückt wäre; allein die Bewegimg in einem solchen 
Aderkropf ist schwach und zitternd, die Geschwulst 
ist weich und läfst «sich leicht zusammendrücken; sie 
kommt aber sehr bald wieder, so wie man den Kran- 
ken husten läfst; drückt man darauf, so schwillt die 
Vene oberhalb der Geschwulst mehr an; alles Cha- 
ractere, welche jede Täuschung zu verhüten im Stande 
sind. Aber die Drosseladern offenbaren auch manch- 
mal eine Art von Pulsiren bei Herzkrankheiten selbst; 
dieses ist stärker und kann eher täuschen, als ein Ader- 
kropf. Nämlich wenn die rechte Vorkammer, und 
noch mehr, wenn die Oeffnung der Vorkammer in die 
rechte Herzkammer erweitert ist, was bei Hindernissen 
des Eingangs in die Lungenarterie oder auch dieser 
Arterie im fernem Verlauf Statt finden kann, so ent- 
steht in den großen Stammen der Habvenen ein 



— 3o8 — 

Klopfen, weil ein Theil des Bluts durch die Contrac- 
tionen entweder der Vorkammer, oder im letzten 
Falle der rechten Kammer selbst zurückgetrieben wird. 
Es ist aber sehr nöthig, mehrere Umstände wohl zu 
erwägen, um dieses Klopfen richtig zu beurtheileh; 
einmal nämlich mufs man sich in Acht nehmen, dal* 
man dieses Klopfen nicht für ein Pulsiren der Hals- 
schlagadern, oder dieses für jenes halte, was durch 
die nun gedachten Proben verhütet werden kann; 
dann mufs man auch wissen, dafs es bei weitem nicht 
immer bei den Erweiterungen vorkomme, welche die 
rechte Vorkammer allein betreifen, wie mehrere 
Schriftsteller irrig behauptet haben; es kann wohl 
nicht füglich da Statt finden, wo die Wände dieser 
yorkammer ihre Contractilität durch Verhärtung oder 
euch durch sehr grofse Verdünnung verloren haben, 
sondern vielmehr bei der Verstärkung ihrer Substanz, 
die so oft bei einem Hindernis des Eingangs in die 
rechte Kammer Statt findet; dann pulsirt selbst die 
Vorkammer deutlich und treibt einen Theil der Blut- 
welle nach den Hohlvenen; noch mehr aber geschieht 
dies auch bei Erweiterung der Communicationsöfinun- 
gen, und dann bemerkt man auch meist ein Pulsiren 
unter der Herzgrube aus gleicher Ursache; drittens 
endlich ist Lancisi's *) Bemerkung nicht zu übersehen, 
welcher dieses Symptom vorzüglich als ein Zeichen 
der Erweiterung des rechten Herzens aufgestellt hat, 
dafs Herzensangst dabei sey, wenn dieses Symptom 
von Erweiterung der rechten Herzhöhlen herrühre. 
Vielleicht sind die Schriftsteller in der Beurtheilung 
dieses Zufalls um deswillen irre, weil sie es von ei- 
nem wirklichen Pulsiren der Hohlvenen ableiteten, die 



•) De aneurismat. L. II. propos. 5y. p. go» 



— 3©9 — 

allerdings bei ihren Endigungen in die Vorkammern 
Muskelfasern besitzen und folglich einer Systole und 
Diastole fähig sind; allein das Schlagen der Drossel- 
venen, was zu Folge von Krankheiten des rechten 
Herzens am Halse bemerkt wird., ist wohl eigentlich 
nur ein scheinbares Pulsiren und Folge einer Reper- 
cusion des Bluts, und wird daher mit dem Puls au 
der Handwurzel nicht übereinstimmen , wenn es von 
der verstärkten Vorkammer abhängt, aber wohl, wenn 
die Systole der rechten Kammer bei erweiterter Com- 
municationsöffnung mit der Vorkammer es veranlafst«. 
Ich bemerke hiebei noch, dafs Zuliani sogar ein 
Klopfen in den Armvenen als Folge der Erweiterung 
der rechten Herzhöhlen bemerkt haben will *). 

Ich gehe auf die Betrachtung des Pulsirens un- 
ter der Herzgrube und in der Oberbauch- 
gegend fort. Dieses ist ein Symptom, was Aerzte 
und Kranke schon sehr oft getäuscht hat und in Hin- 
sicht seiner Entstehung sowohl als seines diagnostischen 
Werthes von jedem Arzte genau gekannt seyn mufs. 
Es kann ein solches Klopfen von sehr verschiedenen 
Ursachen entstehen, und kommt durch eben dieselben 
Verhältnisse zu Stande, welche das Klopfen am Halse 
veranlassen, ja wir werden hier noch einige besondere 
Veranlassungen angeben können. So hängt aber auch 
dieses Klopfen bald mit Krankheiten des Herzens zu- 
sammen, bald und wohl in den meisten Fällen ist es 
davon ganz unabhängig. Gemeiniglich wird es für ein 
Zeichen eines Aneurisma in der absteigenden Aorta 
oder in der Eingeweidearterie (a. coeliaca) und zwar 
ganz irrig gehalten. Ich mache vor allen Dingen auf 
die schon mehrmals gemachte Bemerkung wieder auf- 



*) Bei Test« S. 37*« 



— 3io — 

merksam dafs bei einem solchen Klopfen die Wahr- 
scheinlichkeit der Gegenwart eines Aneurisma oder 
einer Herzkrankheit in umgekehrtem Verhältnisse mit 
dem Grade der Heftigkeit desselben steht. Je heftiger 
und sichtbarer ein solches Klopfen ist, desto mehr 
■wächst der Verdacht, dafs ein auf die Aorta drücken- 
der Körper den Grund des Pulsirens enthalte, und 
dafs es am allerwenigsten' von einem Aneurisma der 
Eingeweideschlagader herrühre. Sehr gründlich und 
überzeugend hat Burns (S. 6g und 501 — 317) sowohl 
das letztere dargethan, als auch dieses Klopfen über- 
haupt abgehandelt, was schon früher der auch von 
ihm benutzte Albers *) in seiner bekannten kleinen 
Schrift über diesen Gegenstand gethan hat. Burns 
sagt (S. 69) in mehr als zwanzig Fällen, wo er klopfen- 
de Geschwülste in der Oberbauchgegend beobachtete, 
war, wie die Section lehrte, nicht in einem einzigen 
eine Krankheit der Eingeweide oder einer andern 
Schlägader zugegen; hingegen in dem einzigen Falle 
eines Aneurisma der erstgenannten Schlagader, der 
ihm vorgekommen ist, dachte niemand daran, dafs 
diese Person nur krank sey, geschweige dafs ein sol- 
ches Uebel da sey. Sie hatte wegen Magendrücken 
ein Brechmittel genommen, und starb plötzlich darauf. 
Man fand hier die Arteriengeschwulst einer Faust 
grois, und doch hatte sie eine so schwache Pulsation 
nach aufsen zu gemacht, dafs man diese sogar über- 
sehen hatte. Indefs kann das Aneurisma der arteria 
coeliaca doch auch heftiges Klopfen verursachen; ei- 
nen Fall dieser ^Art beschreibt unter andern Severini, 
und er hatte diesen Zustand auch richtig vorhergesagt 
(bei Pasta S. 35). Das Pulsiren in der Oberbauch- 



*) Ueber Pulsationen im Unterleibe. Bremen 1805. 



— 3n — 

gegend nun scheint mir, wenn ich alle darüber ge- 
sammelte und meine eigenen Beobachtungen zusammen 
nehme, von dreierlei verschiedenen Krankheitszustän- 
den herzurühren: i) von gewissen bald anzugebenden 
Krankheiten des Herzens; 2) von Geschwülsten im 
Unterleibe oder am Zwergfell, welche die Aorta drük- 
ken; 3) von einer krankhaften und Lwar verstäikten 
Thätigkeit einzelner Theile des Gefäfssystems des Un- 
terleibes. 

Was die Herzkrankheiten anlangt: so stellt 
sich Klopfen in der Oberbauchgegend bai ihnen ein 
1) bei Verwachsung des Herzbeutels mit dem Herzen 
durch Repercussion des bei der Systole der Herzkam- 
mern gewaltsam in die Höhe gezerrten Zwergfells, wie 
wir schon gesehen haben; 2)- bei der Vergrößerung 
des Herzens, besonders der rechten Hälfte, weil dann 
das Zwergfell von der Last des Herzens gedrückt wird, 
das Herz sich gleichsam hineingräbt; man fühlt es 
dann besonders stark pochen, wenn man die Finger- 
spitzen tief unter die linken falschen Ribben einsenkt, 
was den Kranken auch ein bängliches Gefühl er- 
weckt; 3) geschieht es auch bei Erweiterungen des 
rechten Ohres und bei der der Communicationsöffnung 
mit der rechten Herzkammer, ganz nach der Art, wie 
auch davo* ein Pulsiren am Halse entsteht ; ein sehr 
merkwürdiges Beispiel dieser Art findet man bei Burns 
(S. 33), hier war die rechte Vorkammer so grofs, wie 
der Kopf eines einjährigen Kindes, die Hohladern so 
weit, dafs man in die untere sehr gut vier Finger 
stecken konnte, und eben so weit war die Communi- 
cationsöffnung mit der Herzkammer; diese Kranke 
hatte eine pulsirende Geschwulst in der obern Bauch- 
gegend, und sie klagte mehr über die unangenehme 
Bewegung dieser Geschwulst, als über irgend eine 



— 312 — 

andre Beschwerde. Ohnstreitig ward dies Pulsiren 
von der Repercussion des Bluts in die untere Hohl- 
ader bewirkt, und die zugleich Statt findende Ge- 
schwulst ist in solchen Fällen die Leber, wovon ich 
anderwärts sprechen werde. 4) Auch ein eigner Feh- 
ler der Corformation kann Schuld seyn; z. B. in dem in 
den Schriften der Wiener Josephinhchen Akademie be- 
schriebenen Falle, wo die untere Hohlader sich in die 
rechte Herzkammer eingesenkt hatte, wodurch ein hef- 
tiges Klopfen in der Magengegend entstand. Andre- 
male ist ein fremder harter Körper, welcher auf 
die Aorta in ihrem Gange nach dem Unterleibe ober- 
oder unterhalb des Zwergfells drückt, Schuld an die- 
sem Pulsiren; daher kommt es vor als Folge von Ver- 
härtungen am Magenpförtner''-), oder des Pancreas**), 
oder der untern Lungenflügel***), oder von einer er- 
weiterten und an beiden Enden verengerten Stelle 
eines Darms ****), oder von angeschwollenen Drüsen im 
Gekröse. Es ist nicht leicht den Grund eines solchen 
Uebels zu entdecken, weil sich die Geschwulst nicht 
immer entdecken läfst. Doch kann man aus der Ab- 
wesenheit der wesentlichen Leiden des Herzens bald 
abnehmen , dafs kein Herzübel da sey, so wie aus der 
Heftigkeit des Klopfens , dafs kein Aneurisma einer 
Schlagader Statt finde; die Natur der Ursache kann 
aber nicht anders, als durch die gründlichste Unter- 
suchung des Unterleibes in allen möglichen Lagen und 
aller Umstände der Krankheit entdeckt werden. Einen 



*) Burns S. 309 u. folg. 

•») Stoerk annus medicus. Vindebonße 1760. p. 345 seq. 
••*) Bums 505. 

****) de haen Heilangsmethode, S. 19g. IV. Band. 



— 3i3 — x 

merkwürdigen Fall, den ich sah und in welchem Drü- 
senverhärtungen im Gekröse Ursache waren, wobei 
zugleich Ortsveränderung durch Dehnung des Gekröses 
im Spiele war, will ich kürzlich mittheilen. 

Frau Baronesse von Seh . ., 21 Jahr alt, begehrte 
im August 1804 meinen Rath wegen zweijähriger hef- 
tiger Leiden; sie ward mir von ihren Aerzten zur 
Pflege als eine Kranke empfohlen, bei welcher ein 
Aneurisma in einer der Schlagadern unter dem Zwerg- 
fell da seyn möge. Die Krankheit war bei ihr schnell 
auf eine grofse Anstrengung entstanden; sie hatte näm- 
lich zwei Jahre vorher am Tage ihrer Verheirathung 
ihren todkranken Vater im Bette gehoben und bei die- 
ser Kraftanstrengung sogleich unter der Herzgrube tief 
nach dem Rückgrat hin einen heftigen Schmerz mit 
einem hörbaren Geräusch verbunden, empfunden, 
gleichsam als ob sich etwas losreifse. Von diesem Au- 
genblick an blieb sie leidend, da sie vorher gesund 
und strark genährt gewesen war. Ihre Zufälle hatten 
besonders in einem weichlichen kranken Gefühl im 
Magen, Uebelkeit, Neigung zu Ohnmachteu, zumal beim 
Stehen und in nicht zu beschreibenden Übeln ängsti- 
genden Empfindungen unter der Herzgrube bestan- 
den. Man hatte sie drei viertel Jahre als eine Schwan- 
gere genommen und behandelt, wodurch sie nur ge- 
schwächt worden war; ein andrer Arzt hatte sie xiele 
Monate wiederum mit Ausleerungsmitteln, und ein 
dritter auf gut » brownische Art stärkend behandelt, 
aber immer war sie leidender, matter, magerer ge- 
worden. Ich fand sie mit folgenden Zufällen. Sie 
konnte kaum eine Minute stehen, ohne schmerzliche 
Gefühle von Dehnung, einem Drängen vom Rückgrat 
nach dem Magen und von Ohnmacht zu bekommen; 
eben so wenig konnte sie gehen und nur das Zusam- 
menschnüren der Magengegend mit einem Tuche 



— 3i4 — 

machte ihr das Gehen möglich; hatte sie es aber mit 
Anstrengung etwa eine halbe Stunde lang fortgesetzt, 
so fühlte sie, dafs sich etwas in der Herzgrube her- 
vordrängte, und sie hatte schon längst bemerkt, dafs 
kein Mittel ihr Linderung schaffte, als das Ausge- 
strecktliegen im Bette auf dem Rücken; so lagerten 
sich die Qualen von Angst, Uebelkeit, bangem* Schmerz 
in etwa 24 bis 36 Stunden, und die Geschwulst ver- 
schwand; sie konnte auch nie viel auf einmal essen. 
Bei der Untersuchung des Unterleibes fand ich diesen 
ziemlich stark, obgleich ihr Körper sonst sehr abger 
nommen hatte, und ein sehr heftiges Pochen von de* 
Herzgrube an bis nach dem Nabel; man konnte aber 
durchaus nichts besonderes widernatürliches durch die 
genaueste. Untersuchung entdecken. Der Puls war in 
der Regel schwach, aber regelmäfsig, so auch der 
Herzschlag, in den Anfällen aber sehr zusammengezo- 
gen und etwas schnell; das Pochen aber blieb sich 
gleich. Die Regeln kamen immer zu zeitig; die Darm- 
ausleerungen giengen doch ziemlich naturgemäfs von 
Statten; sie führte nur eine unregelmäfsige Diät, in- 
dem sie, so oft es ihr möglich war, etwas afs und 
gar keine Wahl traf. Dafs kein Aneurisma da war, 
ward mir sogleich klar; aber die Angstzufälle mit Nei- 
gung zum Brechen liefsen an eine Disiocation innerer 
Theile denken. Ich suchte durch eine leichte Diät 
und gelinde eröffnende Mittel den Unterleib frei zft 
machen, um desto besser ihn untersuchen zu können; 
und stellte diese Untersuchungen in allen Lagen des . 
Körpers an; ich dachte an die Möglichkeit eines Ma- 
genbruchs oder einer andern Ortsveränderung innerer 
Theile, ohne durch Vergleichung aller Umstände be- 
friedigt zu werden; ich entdeckte bald einzelne Drüsen- 
geschwülste im Unterleibe von verschiedener Gröfse, 
und endlich ganz deutlich dergleichen auch in der 



— 8*1 — 

Tiefe nach dem - Rückgrat hin ; ich fand sie aber 
fluctuirend und meinen verfolgenden Fingerspitzen ent- 
schlupfend. Diese Entdeckung brachte mich auf den 
Gedanken, dafs diese Geschwülste scrophulöser Ab- 
kunft und vor der Krankheit wohl dagewesen seyn 
möchten; dafs durch das Anhalten des Athems bei der 
Anstrengung, den Vater zu heben, ein gewaltsames 
Herabdrängen dieser Geschwülste und Ausdehnung des 
"Mesocoli erfolgt seyn könne , und erklärte mir die 
Zufälle des Magens daher, dafs er durch diese Ge- 
schwülste, deren Band lockerer geworden sey, wirk- 
lich vorwärts getrieben werde. Meine Absicht war 
nun theils auf eine zweckmäfsige Unterstützung der 
Decken des Unterleibes, theils auf Zertheilung der 
Drüsen-Convolute gerichtet; ersteres um das Vordrän- 
gen des Magens einzuschränken, leuteres, um die 
lastende dehnende Ursache hinwegzuräumen. Ich will 
mich in eine Beschreibung der Kur nicht einlassen, 
und nur die Hauptsachen nebst den Resultaten kurz 
angeben. Ein breiter gefütterter Gurt, der den Unter- 
leib zusammenhielt und auf beiden Seiten hinten am 
Rücken durch eine Reihe von 2 Finger breiten Rie- 
men oder Bändern zugeschnallt ward, welche durch 
eingelegte Federn, wie man sie zu den Rock- oder 
Beinkleiderträgern nimmt, elastisch gemacht waren, 
erfüllte seine Bestimmung vortrefflich, zumal wenn die 
Patientin von dem Nabel an noch eine kleine zusam- 
mengelegte Serviette einlegte, und ich habe einen sol- 
chen Gurt auch späterhin bei innern Dislocationen 
sehr zweckmäfsig gefunden; die innere Kur ward den 
ganzen Winter über anhaltend in Verbindung mit Bä- 
dern fortgesetzt; die Kranke war im Frühjahr zwar 
noch mehr angegriffen und magerer, aber so erleichtert, 
dals sie eine Stunde lang ohne üble Folgen zu haben, 
gehen konnte, ja es einmal wagte, einen kleinen Berg 



— 310 — 

bu steigen. Sie brauchte nun noch die Kur in Carls- 
bad, und kam noch weit mehr erleichtert zurück; sie 
reiste nun nach Liefland zurück, konnte das Fahren 
gut ertragen, und nach drei Monaten bekam ich die 
Nachricht, dafs sie bereits unterwegs guter Hoffnung 
geworden sey; so, wie späterhin, dafs sie glücklich enU 
bunden und gänzlich genesen sey. 

Ich komme zu der dritten Gattung von 
Klopfen in der Oberbauchgegend, welche ich 
von einer krankhaft verstärkten Thätigkeit 
eines Theils des Gef äfssys tems im Unter- 
leibe, oder von einem Hervortreten des Lebens in 
einem einzelnen Hauptgefäfs des Aortasystems vor dem 
Ganzen, herleite. 

Man findet dieses Klopfen auch oft ohne allen 
Verdacht von einer aneurismatischen Ursache bei so- 
genannten hypochondrischen oder hysterischen Perso- 
nen, und zwar ziemlich anhaltend; oft auch vorüber- 
gehend, selbst in Fiebern, vor einem kritischen Nasen- 
bluten, oder auch ohne Fieber vor dem Ausbruche 
des Blutbrechens, wo es mit heftigem Magenkrampf 
verbunden ist; so bei Personen, die an Unterdrückung 
der Hämorrhoiden oder des Monatsflusses leiden ; in 
beiden Fällen ist meist Magenkrampf dabei. Unter 
vielen andern Fällen, die mir vorgekommen sind, be- 
'obachtete ich es einmal bei einem Mann von starköra 
Körperbau und mehr sitzender Lebensart; er litt nicht 
nur an diesem Pulsiren, sondern zugleich an periodi- 
schen Anfallen von einem Ohnmachtzustande, der sich 
durch stärkeres Pulsiren in der Herzgrube und einem 
starken klebrigen Schweifs in den Handflächen ankün- 
digte; ein wiederholter Gebrauch von Carlsbad hat 
hn von diesen Uebeln befreit, so dafs nur zuweilen 
eine ganz leise Erinnerung daran sich einstellt, indefs 
bereiLs eine Reihe von i3 Jahren verstrichen sind. Es 



— 3i7 — 

fragt sich, wie entsteht dieses Pulsiren? Man sagt ge- 
meiniglich, es sey Folge von einem kranken Zustande 
der Nerven des Unterleibes; so erklärt es selbst der 
verdiente Albers und Sena c (2. Th. S. 207). Betrachtet 
man indefs die veranlassenden Ursachen sowohl , als 
die Folgen dieses Klopfens, bedenkt man, dafs Ader- 
lassen oft sehr schnelle Hülfe bringt, oder dafs die Na- 
tur bald durch Nasenbluten, bald durch einen Blut- 
1( stürz eine Crise herbei führt, dafs hypochondrische 
f und hysterische Personen an ihren eigenthümlichen 

I Uebeln leiden, nicht, weil ihre Nerven krank sind, 
f sondern weil die Thätigkeit der letztern durch Störun- 

II gen des Blutumlaufs im Unterleibe gestört wird, und 
erinnert man sich , dafs das Gefäfssystem ein selbst- 

1 ständiges, relativ vom Herzen unabhängiges System ist, 

* so wird man sich vielleicht zu der Ansicht, welche ich 
' von diesem Klopfen habe, angezogen fühlen. Ich ver- 
JI weise zugleich auf das, was ich bereits von dem Zu- 
' Stande der abnorm erhöhten Vitalität des Venensystems 

* in dem aetiologischen theile gesagt habe, und begnüge 
to mich hier, noch einige Bemerkungen hinzuzufügen, 
i» welche mir geeignet scheinen, die Richtigkeit jener 
1 Ansicht in ein noch helleres Licht zu setzen, und ei- 
f nige besondere Erscheinungen aufzuklären. 

Man findet bei den Schriftstellern eine grofse Menge 
< von Fällen verzeichnet , wo nach Unterdrückung des 
I Monatsllusses dieses Klopfen oder Herzklopfen ent- 
stand und der Tod selbst folgte; bei den Sectionen 
fand man aber entweder gar keinen Fehler des Gefäfs- 
: Systems, oder man fand Polypen in dem Herzen; in 
der That sind diese Fälle die wichtigsten und interes- 
santesten von gefundenen Herzpolypen nach einer kur- 
zen oder langwierigen Krankheit, die mit Herzklopfen 
auf Unterdrückung der Regeln angefangen hatte. Wenn 
man nicht an die krankmachende Kraft der Polypen 



r- 3i8 — 

glauben will, ist man dann nicht genöthigt, wenigstens 
ein dynamisches Mifsverhältnifs des Gefäfssystems als 
Ursache jener Krankheitserscheinungen anzunehmen? 
Dafs ein solches, und zwar von entzündlichem Charak- 
ter hier Statt finde , lehren die schnellen Heilungen 
solcher Zufälle durch Aderlässe, wovon, Morgagni *) 
selbst ein Beispiel erzählt. Das Klopfen war hier in 
der Herzgrube und nach dem Aufsenbleiben der Re- 
geln in einem 44 J aQr . alten Mädchen entstanden; ein 
Aderlafs half auf der Stelle, nachdem es einige Zeit 
gedauert hatte, und Morgagni leitete es von einem 
hysterisch -convulsivischen Zustand ab. In andern Fäl- 
len helfen eröffnende Mittel , die meist auch bei dem 
Blutbrechen nothwendig sind; es ist mit diesen Zu- 
ständen meist Verstopfung verbunden; aliein ich glau- 
be nicht, dafs diese Ursache der Bluthemmung, son- 
dern dafs sie vielmehr Folge ist, da sie plötzlich ent- 
steht und sogleich hartnäckig ist: sie ist mehr Wir- 
kung der abnormen Gefäfsthätigkeit, wodurch die Thä- 
tigkeit des Darmkanals und der Absonderungen in 
demselben eingeschränkt wird und die eröffnenden Mit- 
tel wirken zunächst diesem Zustande des Blutsystems 
entgegen und müssen aus der Klasse der kühlenden 
genommen werden, wenn sie nicht schaden sollen; di? 
frei erfolgende Darmausleerung ist mehr ein Zeichen 
des wieder zurückkehrenden Gleichgewichts in dem 
Gefäfssystem als an sich heilbringend, ganz so, wie wir 
denselben Gang z. B. bei Leberentzündungen wahr- 
nehmen. Wie grofs Stürme dieser Art in dem Ge- 
fäfssystem seyn können, davon überzeugen uns nicht 
nur die Fälle von Blutbrechen in sonst ganz gesunden 
Körpern, wo es als Folge unterdrückter Blutflüsse ent- 



# ; Epi*t. XXXIX. nrt. i 8 . 



— 3i9 — 

steht, wie ich mehrmals sähe, sondern auch ein Bei- 
spiel aus dem Morgagni*) wo ein Kranker an Herz- 
klopfen, Angst, Beklemmung, Ohnmächten, zugleich 
aber auch an einem Schlagen fast aller Arterien im 
ganzen Körper und am anhaltendsten an einer so hef- 
tigen Pulsation vom Herzen an bis in die Nabelgegend 
litt, dafs Morgagni sie nie heftiger sah ; hier halfen 
zwei Aderlässe nichts, der Kranke starb am vierten 
Tage und man fand durchaus keinen Fehler weder 
am Herzen, noch an den grofsen Gefäfsen. 

Morgagni ist der Meinung, dieser Zufall habe von 
einem dem ähnlichen Zustande abgehangen, woher so 
leicht Aneurismen entstehen und namentlich von einer 
überwiegenden Kraft des Herzens über das Gefäfsystem. 
In so fern als dies eigentlich nichts anders sagt, als 
Disproportion des Lebens des Herzens und des Arte- 
riensystems, so bin ich mit dieser Ansicht mehr einver- 
standen, als mit Burns, welcher diesen Zustand von 
einem gereitzten Zustande der Nerven ableiten will, 
wodurch eigentlich alle Erklärung auf die Seite ge- 
schoben wird. Wir werden diesen ganz eignen Zu- 
stand des Blutgefäss Systems im zweiten Theile noch ge- 
nauer untersuchen. 

Dieses Klopfen nun mag allerdings manchmal sei- 
nen Sitz in der arteria coeliaca öder einem Ast der- 
selben haben; dies wird wahrscheinlich aus Störk's 
Falle, wo die Magendrüse in einen mit Blutklum- 
pen angefüllten Sack ausgedehnt gefunden ward, 
der über 13 Pfund wog; die Krankheit hatte auch 
hier mit Unterdrückung der Regeln und heftigem 
Herzklopfen, Brechen, Angst um die Präcordien und 
Ohnmächten angefangen, wozu sich bald ein Klopfen 



•) Epitt. s4« art. 34« 



— 320 — 

im Grunde des Magens gesellte. So fand auch Albers 
in einem Falle, bei einem starken Schiffer, (der mit 
Schmerzen im linken Hypochonder, die 6 Wochen 
dauerten, und Verstopfungen, gegen die er drastische 
Mittel nahm, angefangen hatte, worauf sich Rücken- 
schmerzen und ein Gefühl, als ob im Leibe etwas hin 
und her sich bewege, endlich eine fühlbare runde Ge- 
schwulst auf eben derselben Stelle des linken Hypo- 
chonders, die bis zur Gröfse eines Jvinderkopfs schnell 
anwuchs, Erbrechen von Galle und Blut, Stuhlauslee- 
rungen von pechartigen und rothem Blut, nebst einer 
eiterartigen Materie sich eingestellt hatten), in der Lei- 
che in der Mitte des Gekröses eine Geschwulst von 
16 Pariser Zoll im Umfange von sonderbarer Beschaf- 
fenheit, aber auch die arteriam coeliacam, coronariam 
ventriculi und mesentericam äufserst erweitert. In- 
defs ist es wohl nicht unwahrscheinlich, dals die Pfort- 
ader selbst, welche der Function und Vertheilung nach 
einer Arterie gleicht, unter gewissen Umständen zur 
Arterie an Kraft sich erheben und selbst mit dem Her- 
zen in Opposition setzen kann, wie ich früher schon 
gezeigt habe. 



Viertes Capitel. 



Von den Zeichen der Herzkrankheiten, welchs von den Zu- 
fällen herzunehmen sind, welche das Gemeingefühl darbietet. 



Wenn auch die Zufälle, welche das Athemholen 
und der Kreislauf darbietet, als die wesentlichsten der 

Herz- 



— 321 — - 

Herzkrankheiten angesehen werden müssen, so sind 
doch diejenigen ebenfalls höchst wichtig und charak- 
teristisch, wodurch sich Herzkrankheiten in der Em- 
pfindung des Kranken selbst aussprechen; ja, da die 
organische Thätigkeit, wie wir gesehen haben, eines 
bereits bedeutend veränderten Theils noch lange durch 
andre vicarirende Organe ersetzt, und so das Bestehen 
des Organismus ohne grofse Störung der Functionen 
besorgt wird, so ist es um so wichtiger, auf die eig- 
nen Gefühle desto mehr zu achten, wodurch sich diese 
Krankheiten dem Kranken kund thun. So wenig nun 
auch das Herz für schmerzhafte Eindrücke empfänglich 
ist, so werden wir doch bald sehen, wie nahe dasselbe 
an das Hirn gebunden ist, indem kein Leiden irgend 
eines andern Theils mit dem Grade von Seelenqual 
verbunden ist, als die Krankheiten des Herzens. Ich 
glaube, man kann diese kranken Gefühle füglich unter 
vier Capitel bringen; das erste soll die Ohnmacht und 
Hinneigung zu derselben umfassen; das zweite die 
Angst ; das dritte den Gemüthszusand, welcher der 
Melancholie und Hypochondrie gleicht; das vierte end- 
lich die eigentlichen Schmerzen, welche als Folgen 
von Herzkrankheiten bemerkt werden. 

Ich hoffe darüber keinen Vorwurf zu bekommen, 
dafs ich die Ohnmacht hier vorzugsweise abhandle; 
der Ort schien mir schicklicher, wegen der Verbin- 
dung derselben mit der Angst, die immer mit dersel- 
, ben in Begleitung einhergeht, und weil Herzkranke 
mehr Ohnmachtsgefühlen als wirklicher Ohnmacht un- 
terworfen sind. Uebrigens kommt ja auf die Stellung 
einer Materie nicht gar zu viel an. 



X« J 



322 

Erster Artikel. 
Von der Ohnmacht und den Qhnmachts- 
gefühlen, als Zufällen und Zeichen der 
Herzkrankheiten. 
Die Ohnmacht sowohl, als verschiedene Abstufun- 
gen einer Hinneigung dazu, kommen bei Herzkrank- 
heiten äuiserst häufig vor. Parry, welcher in seiner 
schätzbaren Abhandlung über die Syncope anginosa, 
diesen Zufall einer besondern Untersuchung unterwor- 
fen hat, zeigt durch eine grofse Menge von Fällen, 
die er aUs verschiedenen Schriftstellern gesammelt hat, 
dafs Ohnmacht in der That alle Krankheiten des Her- 
zens begleiten kann. Dieses sowohl, als die Thatsache, 
dafs grofsö Verminderung oder Stillstand der Herz- 
thätigkeit — Annäherung zur Ohnmacht und diese selbst, 
immer gleichzeitige Erscheinungen sind, beweisen nun 
offenbar, dafs die Ohnmacht in einer ganz nahen und 
wesentlichen Beziehung zu dem Herzen stehe. Wirft 
man aber einen Blick theils auf die Erscheinungen, 
welche der Ohnmacht vorherzugehen und sie zu be- 
gleiten pflegen, theils auf die veranlassenden Momente 
derselben, so bemerkt man bald, dafs die Ohnmacht 
das Resultat von sehr zusammengesetzten innern Vor- 
gängen im Organismus seyn müsse, deren Verkettung 
Wir noch nicht genau kennen. So wie nämlich Schwin- 
den der äufsern und innern Sinne, Ohrenklingen, eine 
gewisse Angst und ein Gefühl, wie des herannahenden 
Todes (dem jedoch meist ein Moment von sehr be- 
haglichem Öefühl vorausgeht), Zuckungen und Nei- 
gung zum Brechen die Ohnmacht ankündigen und die 
leichtern Grade derselben begleiten, so wird dieselbe 
auch häufig von Einflüssen veranlafst, welche zunächst 
das Hirn oder die Nerven angreifen; dahin gehören:. 
Schreck und andre Gemüthsbewegungen, Gerüche, ja 
Ausdünstungen, die nicht einmal riechbar sind, z. B. 



— 323 — 

von Katzen; das Einatbmeu mephitjscher Luftarten, 
aber auch die Impression des Pestgiftes und des Ty- 
phus, die Mephitis von verschlossenen sich öffnenden 
Abscesseh, krankhafte Erregungen^ des sympathischen 
Nerven, und daher viele Krankheiten des Magens, der 
Därme, der Mutter, die lebhafte Vorstellung eines das 
Gemüth angreifenden Gegenstande», Schmerzen, Nüch» 
ternheit und Hunger, leichte Verwundungen ; auch 
kennt jedermann die ungemein grofse Neigung zart-* 
licher und mit einem sehr erregbaren Nervensystem 
begabter, durch Krankheiten geschvv ächter, oder irgend 
eine Anstrengung nur vorübergehend erschöpfter Per- 
sonen zur Ohnmacht. Jedem Arzte sind gewifs auch 
bei Frauen, welche zu Krämpfen geneigt sind, die Zu* 
stände nicht selten vorgekommen, die der Ohnmacht 
ganz ähnlich sehen, in so fern die Kranken unbewegt 
lieh und meist ohne Selbstbewufstseyn da liegen, wo^ 
bei gleichwohl Pu's und Athemholen fortgehen; ein. 
Zustand, den ich Krampfohnmacht zu nennen pflege. 
Diese Umstände zusammen genommen lehren unwider* 
sprechlich, dafs die Ohnmacht durch das Nervensystem 
vermittelt werden könne. Daher ist es auch 'wohl ge» 
kommen, dafs selbst Cullen noch die Ohnmacht von 
verminderter Erregung des Hirns aus Blutmangel her« 
leitet. Gleichwohl ist es höchst merkwürdig, dafs be» 
deutender Druck des Hirns, 3. B. bei dem Schlagflufs, 
keine Ohnmacht verursacht, ja dafs selbst verschlossene 
Abscesse im Hirn eher SchJagflufs und den Tod, all 
Ohnmacht erzeugen» Halten wir diese zuletzt genann- 
ten Umstände, in Verbindung mit der Thatsache, dafs 
Verminderung oder Stillstand der Herzthätigkeit mit 
der Ohnmacht immer parallel laufe, mit andern 
Veranlassungen der Ohnmacht zusammen, von denen 
wir mit Gewifsheit sagen können, dafs sie zunächst auf . 
das Gefäfssystem wirken, so können wir im allgemein 



' — 324 — 

nen den sichern Schlufs ziehen, dafs Verminderung 
der Energie des Herzens oder vorübergehende Ab- 
spannung, Erschöpfung der Kräfte des Herzens, die 
wesentlichste Bedingung der Ohnmacht sey. Denn die 
Erfahrung lehrt, dafs Ohnmacht auch von grofsem 
Blutverlust und folglich grofser Verminderung des ha- 
bituellen Reitzes für das Herz, so wie umgekehrt von 
einein Zustande von Vollblütigkeit, von Hemmung des 
Bluts durch Zusammendrückung , grofser Gefäfse, von 
grofser Hitze, besonders schnellem Uebergang aus der 
Kälte in ein heifses Zimmer, veranlagst werden könne. 
Wir haben aber in den frühern Abschnitten dieses 
WeÄ-ks gezeigt, dafs die wesentlichen Zufalle der Herz- 
krankheiten zunächst von einer convulsivischen Thä- 
tigkeit des Herzens, oder von vorübergehender Er- 
schöpfung der Kräfte desselben abhängen, und wir 
dürfen mit Recht die Folgerung daraus ziehen, dafs 
die Ohnmächten, welche im Gefolge von Herzkrank- 
heiten vorkommen, oder welche auf Veranlassungen 
eintreten, die zunächst auf das Herz wirken, immer 
auf Abspannung der Kräfte desselben beruhen; nur ist 
zu merken, dafs die letztere aus einem entgegenge- 
setzten Zustande resultiren kann, nämlich entweder 
aus dem Mangel an erregendem Stoff, dem Blute, oder 
zu Folge übermäfsiger, zu heftiger Erregung und An- 
strengung, 

Nach Festsetzung dieser Grundsätze, denen kaum 
ein ernstlicher Einwurf entgegen zu setzen seyn dürf* 
te, fragt es sich nun, auf welche Weise bewirken jene 
Momente Ohnmacht, welche zunächst das Nervensy- 
stem angreifen? Der Zustand der Ohnmacht selbst, 
der aus ihnen resultirt, ist ganz derselbe, welcher von 
den Ursachen entsteht, die zunächst das Blutsystem 
f angreifen; ja es scheint sogar, dafs die heftigsten Grade 
der Ohnmacht, nämlich der Scheintod, am Häufigsten 



o 



25 



durch solche Einflüsse entstehen, welche sich zunächst 
auf die Nerven beziehen, z. B. bei zur Catalepsis, zu 
hysterischen, epileptischen Krämpfen geneigten Perso- 
nen. Mag es seyn, dafs manche dieser Einflüsse, z. B. 
heftige Leidenschaften, durch Ueberreitzung des Her- 

i zens wirken und umgekehrt grofser Blutverlust oder 
Hunger; oder auch selbst angenommen, was jedoch 
nicht erwiesen ist, dafs manche Krankheits- und an- 
dere Gifte direct Schwäche bewirken, so wird doch 
so die Art und Weise der übrigen von uns genannten 
Veranlassungen dadurch gar nicht erklärt ; so wenig 
wie die Ohnmächten, welche auf die Entleerung schäd- 
licher Feuchtigkeiten, z. B. des angehäuften Wassers 

; in der Bauch- oder Brusthöhle, oder eines äufsern 
Abscesses, oder auch selbst bei einem kleinen Aderlafs 
entstehen. Absichtlich habe ich mich des Ausdrucks 
bedient, dafs die Ohnmacht durch jene Nerveneinflüsse 
vermittelt werde und ich bin der Meinung, dafs die 
Ohnmächten, welche auf die zunächst genannten Ver- 
anlassungen folgen, ebenfalls nicht auf mechanische 
Art, sondern durch den Zusammenhang des Nerven- 

, einflusses mit der Herzthätigkeit vermittelt werden:. 
Allein ich wiederhole hier, was. ich bei der Betrach- 
tung der Abhängigkeit des Herzens von dem Hirn und 
den Nerven, so wie umgekehrt, gesagt habe, dafs, ich 
die Zwischenglieder dieser Erscheinungen nicht kenne, 
so wenige um mit Senac (Seite 5~>S) zu reden, als je- 
mand die Bewegung, die Form und die Triebwerke 
einer unendlichen Menge vou Maschinen, die in einem 
ganz dunkeln Orte aufgestellt wären, zu enträthseln 
fähig seyn möchte. 

Soviel zur Erörterung der Ohnmacht, als eines 
Zufalls, der zunächst von dem Herzen ausgeht und 
folglich Stillstand der Hirnthätigkeit nur zur Folge 
hat. Was die Bedeutung der Ohnmacht bei Herz- 



— 326 — 

Krankheiten anlangt, so habe ich nicht nöthig die Zu- 
stände derselben besonders zu nennen, welche Ohn- 
macht herbeiführen, sondern nur zu wiederholen, dals 
Ohnmacht sich bei allen, sowohl hitzigen als chroni- 
schen Herzkrankheiten einstellen kann, wozu man die 
Belege sehr leicht bei Parry finden kann. Allein eine 
andre Bemerkung kann ich hier nicht unterdrücken, 
nämlich dafs die Ohnmacht ein Zufall ist, der zunächst 
an das Gebiet des Gemeirvgefühls gränzt und sogar 
in dasselbe überstreift, so wie umgekehrt die höchsten 
Grade der Nerven - Erregung an / die Ohnmacht 
gränzen und in das Gebiet der Circulation eingreifen. 
Der Zustand der Angst des Gemüths ist im Stande, 
Ohnmacht und Erschlaffung selbst der Schliefsmuskeln 
herbeizuführen, und jede kommende Ohnmacht, von 
welcher körperlichen Ursache sie auch entstehe, hat 
Angstgefühl zur Begleiterin. Ferner, es wird eine Art 
von Ohnmacht entwickelt durch Hirn- und Nerven-- 
eindrücke, wenn die dadurch bewirkte Erregung ih- 
ren Culminationspunkt erreicht hat, und umgekehrt 
ziehen Einflüsse, welche zunächst das Herz auf den 
höchsten Grad von Erregung setzen, Stillstand der 
Hirnfunctionen nach sich. Beides beweist das gegen- 
seitige Eingreifen der beiden ersten Träger des Le- 
bens in ihre gegenseitigen Gebiete und die relative 
Dependenz des einen von dem andern. Daher wird 
denn auch die Möglichkeit der sonderbaren Abände- 
rungen der Ohnmachtszustände klar; z. B. wie gerade 
kranke Nervenzustände am leichtesten Ohnmacht, ja 
wahre Asphyxie herbeiführen und wie bei Ohnmächten, 
von Ursachen, die zunächst auf das Herz wirken, noch ein 
Zustand vonBewufstseyn, wie im leisen Schlafe, Statt fin- 
den kann. Es dürfte daher wohl noch die Frage seyn, ob 
die HirmWtion bei der letzten Art von Ohnmacht 
blos durch verminderte Erregung des Hirns aus Man- 



— 327 — 

gel von neu zugeführtem Blute, oder auf eine andre 
uns noch ganz unbekannte Weise vermittelt werde; 
so wie umgekehrt, ob vielleicht bei der Ohnmacht, die 
durch das Nervensystem zu Stande kommt, der An- 
theil, welchen nach neuen Versuchen der Engländer 
das Hirn an der Erzeugung der thierischen Wärme 
hat, das Mittelglied sey, wodurch die Functionen des 
Herzens an die des Hirns und der Nerven gekettet 
würden. Bei jeder Ohnmacht wird nämlich der Pro- 
zefs der Wärmeerzeugung schnell unterbrochen, der 
Kranke fühlt sich kalt an und schwitzt kalten Schweifs ; 
nach Brodie's *) Versuchen aber an lebendigen Thie- 
ren, bei denen er die Hirnthätigkeit vernichtete und 
das Atbemholen nun künstlich bewirkte, ergab es sich, 
dafs zwar die Säuerung des Blutes, wie bei dem na- 
turlichen Athemholen noch vor sicn ging, indem das 
Blut dadurch geröthet und der respirirten Luft ihr 
Gehalt an Sauerstoff entzogen ward, dafs aber die 
thierische Wärme, an Statt sich wieder zu erheben, 
selbst unter diesen Versuchen immer tiefer herabsank. 
Bestätigten sich die Resultate dieser Versuche, so kön- 
nen wir vielleicht zu einer nähern Einsicht des uns 
noch wunderbar vorkommenden Zusammenhangs des 
Hirns und des Herzens gelangen. 

Für unsern Zweck habe ich indefs hier noch eine 
andre Bemerkung in Hinsicht der diagnostischen Seite 
der Ohnmacht zu machen. Alle Schriftsteller erklären, 
wie gesagt, dafs sie die Herzkrankheiten sehr treu be- 
gleite, aber niemand hat etwas von den eignen Mo- 
dificationen der Ohnmacht bei Herzkrankheiten gesagt; 
es ist aber merkwürdig, dafs sich die Ohnmächten bei 



*) Philosophical TransactionS for the year 181a. P. 2. über- 
setzt in Gilbert's schätzbaren Annalen der Physik. Neue Folge. 
Jahrgang i8i4« istes Stück, Seite 80 u. folg. 



— 323 — 

diesen Krankheiten gerade durch besondre Eigenhei- 
ten auszeichnen; nicht oft kommen bei ihnen, nach 
; meinen Beobachtungen, wahre tiefe und vollkommene 
Ohnmächten zu Stande, sondern es findet vielmehr 
nur eine grofse Neigung dazu anhaltend Statt und es 
äufsert sich diese meistenteils mehr durch eine An- 
näherung zur Ohnmacht, durch einen Zustand von be- 
ständig drohender Ohnmacht, oder auch durch den 
einer lang dauernden allgemeinen Adynamie, der wie 
Ohnmacht aussieht und wobei die Kranken doch ihre 
Besinnung behalten. Das letztere geschieht ganz vor- 
züglich bei Erweiterungen des Herzens oder der Aorta 
in. den spätem Epochen, das erstere bei der Entzün- 
dung des Herzens; ich mache um deshalb ganz vor- 
züglich darauf aufmerksam; der Zustand ist so, dafs 
die Kranken selbst nicht recht genau darüber sich zu 
erklären verstehen; sie sagen, es werde ihnen so son- 
derbar um das Herz herum zu Muthe, es scheint eine 
momentane Annäherung zum Stillstand der Herzthä- 
tigkeit Statt zu finden, die aber eben so schnell wieder 
verschwindet, jedoch sich sehr oft erneuert; oder tritt 
Ohnmacht dabei ein, so kommt sie sehr schnell und 
fällt sogleich auf eine bedeutende Tiefe, geht aber 
nicht allmählig, sondern ebenfalls sehr schnell wieder 
ia den Zustand vollkommener Besinnung über; der 
Zustand des Hirns scheint mehr dem des Schwindels, 
als dem der Ohnmacht nahe zu kommen, wiewohl der 
Grund desselben im Herzen liegt, in welchem die 
Kranken auch zunächst ein unbestimmtes, widernatür- 
liches Gefühl anklagen. Anders artet sich der Ohn- 
machtszustand wieder bei der sogenannten Brustbräune; 
selten kommt es hier bis zur Bewußtlosigkeit und zum 
Umfallen, ein Schmerzgefühl unterm Brustbein und 
Beengung um das Herz nöthigt die Kranken stehen zu 
bleiben, e« bricht ein kalter Schweifs aus, sie fühl«« 



— 329 — 

sich kalt an, holen tief und seufzend Athem und s© 
geht der Anfall vorüber, bei welchem Herz- und 
Pulsschlag sehr schwach und unregelmäfsig sind. End- 
lich ist auch die Art, wie bei der Blausucht, von off- 
ner Gommunication der Herzhöhlen besonders, die 
Ohnmacht einhertritt, charakteristisch. Die Kranken 
holen äufserst schnell und keichend Athem, wobei 
Herz- und Pulsschlag heftig und unordentlich sind; 
mit einem Male bleibt der Athem aus, oder das Ath- 
men besteht in sehr seltnen, aber sehr tiefen sowohl 
Ein- als Ausathmungen und mit einem tiefen Seufzer 
erwachen sie zum Leben. 

Zweiter Artikel. 
Von der Angst, als Zeichen der Herzkrank- 
heiten. 

Die Layen in der Arzneikunde sprechen von Her- 
zensangst, ohne zu wissen, wie das Herz fähig sey, in 
dem Gemüth eine Vorstellung dieser Art zu erwecken, 
weil jedermann recht wohl fühlt, dafs bei jeder Angst 
eine besondere Veränderung in der Gegend des Her- 
zens vorgeht. So wie die moralische Angst, d. i. die 
Ahndung der Seele von einem drohenden Uebel, eine 
so besondre und eigne Empfindung in der Gegend des 
Herzens erweckt, so wird umgekehrt Angstgefühl 
auch von gewissen Krankheitszuständen im Gemüth er- 
regt, oder mit andern Worten, die letztern spiegeln 
sich im Hirn auf eine Weise ab, dafs Ahndung dro • 
hender Vernichtung und Unruhe im Gemüth die Folge 
davon ist. Der Weg, wodurch Krankheiten von ir- 
gend einem Theile des Körpers Angst in dem Gemüthe 
erwecken können, sind nun immer die Nerven, und 
wir sehen bei mancherlei Krankheiten verschiedener 
Theile des Körpers Angst entstehen, z. B. bei drohen- 
dem Brand, bei Unterleibs -Krankheiten, sowohl hitzi- 



gen, entzündlichen, als chronischen und ganz vorzüg- 
lich bei denen, welche das Athernholen hemmen; die 
An^st ist aber auch oft reiner Nervenzufall, d. h. das 
Nervensystem kann für sich in einer so erhöhten Stim- 
mung sich befinden, dafs die Seele aus der Wahrneh- 
mung dieses abnormen Zustandes der Nerven, Verder- 
ben der Maschine ahndet; es spiegelt sich in der Seele 
das eigne Leiden des Nervensystems ab ; diese Angst 
begleitet die ächten Nervenfieber und die nervöse Me- 
lancholie. Es ist daher eine recht nützliche und zweck- 
inäfsige Eintheilung, wenn man die Angst in prakti- 
scher Hinsicht in die nervöse, in die vom Unterleib 
kommende, und in die von der Brust abstammende 
eintheilt. Die begleitenden Symptome müssen ent- 
scheiden, von welchem Systeme die Angst ausgehe. 
Was die letzte Art nun anlangt, so ist wohl gewifs, 
dafs Hindernisse des Athemholens sie erzeugen, und 
man mufs sie folglich als Zufall der Brustorgahe übers 
haupt "ansehen; sie ^begleitet die verschlossenen Ab- 
scesse der Lungen und die Ansammlungen von Feuch- 
tigkeiten in der Brusthöhle; es ist auch begreiflich, 
dafs von drohender Erstickung in dem Gemüthe die 
Ahndung von Vernichtung erweckt werden müsse; in- 
defs scheint doch die Angst dem kranken Zustande 
des Herzens noch näher verwandt zu seyn, als selbst 
den Lungen; wenn nämlich auch schon Angst die 
Krankheiten beider Organe nothwendig begleiten mufs, 
weil gehemmte Exspiration auf das Herz und gehemmte 
Circulation durch das Herz auf die Lungen nothwen- 
dig zurückwirkt, so lehren doch mehrere Umstände, 
dafs das Herz mehrern Antheil an der Erzeugung des 
Angstgefühls habe, als die Lungen. Denn selbst bei 
Lungenkrankheiten klagen die Kranken die Herzgegend 
als den Sitz der Angst an; es giebt auch viele Lungen- 
übel, mit denen gar keine Angst verbunden ist; hin- 



— 33i — 

gegen keine eigentliche Herzkrankheit, wo sie fehlte; 
sie begleitet die Entzündungen, die Erweiterungen, die 
Verengerungen und alle Metamorphosen, wenigstens 
in den periodischen Anfällen dieser Uebel; und wenn 
das biosliegende Herz nur leise berührt wird, so ist, 
wie dergleichen Versuche gezeigt haben, Angst und 
banges Ohnmachtsgefühl die sicherste Folge. Angst 
scheint daher das Symptom zu seyn, wodurch sich die 
abnorme Vitalität des Herzens wesentlich ausspricht. 

Ich habe schon bei der Erörterung der Beklem- 
mung bei Herzkrankheiten gezeigt, dafs gerade Lungen- 
und Herzkrankheiten dadurch sich unterscheiden, dafs 
Angst und Beklemmung in beiden im umgekehrten 
Verhältnisse stehen, grofse Beklemmung mit relativ ge- 
ringer Angst bei Lungenkrankheiten; eine eigne kaum 
sichtbare Beklemmung mit der höchsten innern Angst 
bei Herzkrankheiten. 

Die Angst ist daher als ein höchst wichtiges Sym- 
ptom bei Herzkrankheiten zu beachten und vollendet 
die Diagnose, wenn andre charakteristische Symptome 
iioch schwach ausgedrückt sind und Zweifel übrig las- 
sen könnten. Sehr wichtig ist aber auch ein andrer 
Umstand, dafs nämlich bei sehr heftigen Symptomen 
des Herzens, die nicht von Herzkrankheit, sondern von 
einer dem Herzen fremden Ursache herrühren, diese 
Angst nicht eintritt ; so sagt Lettsom von seinem Kran- 
ken, der das fürchterlichste Herzklopfen mit Beklem- 
niung u. s. w. litt} deren Grund eine Balggeschwulst 
zwischen der Aorta und der Luftröhre war, dafs der 
kleine Kranke Tage, ja Wochen lang, sehr munter und 
heiter gewesen sey; ich selbst habe einen Fall von 
SteatQm in dem vordem Mittelfell gesehen, der das 
Herz verdrängt hatte, und einen von einem Abscefs 
ebendaselbst, wodurch das fürchterlichste Brustpochen 
die Folge war^ allein in beiden Fällen war keine ei- 



232 



gentliche Herzensangst dabei. Höchst charakteristisch 
ist umgekehrt die Beschreibung, welche Herzkranke 
oft von ihren Empfindungen geben, wovon ich so oft 
ein trauriger Augenzeuge war. Ich will hier nur kürz- 
lich anführen, wie sich die unglückliche Kranke eines 
von Jahn *) sehr gut beschriebenen Falls von Erweite- 
rung des Herzens ausdrückte. Das Gefühl, was sie in 
den periodischen Anfällen ihrer Krankheit habe, sey 
weit trauriger, als jenes des nahen Todes; sie möge 
gleich jeden, den sie je beleidigt habe, auf den Knieen 
um Verzeihung bitten; es sey ihr, als habe sie das 
gröfste Verbrechen begangen ; der ärgste Bösewicht 
müsse dabei besser werden ; es sey die schnellste 
Mittheilung einer edlen Stimmung; hiebei mufste sie 
oft tief Athem holen und gähnen, was sie erleichterte. 
Die Beachtung dieses Zufalls ist daher sehr wichtig, 
um einfache mechanische Uebel des Herzens und 
fremdartige Ursachen , die seine Verrichtung stören, 
von eigentlichen Herzkrankheiten zu unterscheiden. 

Dritter Artikel. 

Von dem Trübsinn und der hypochondri- 
schen Gemü_thsstimmung der Herz- 
kranken. 
Der Ausdruck Hypochondrie bezeichnet zunächst 
ein Leiden, welches seinen Sitz im Unterleibe unter 
den Ribben hat, und man verstand früher rorzfiglich 
diejenigen Krankheiten des Unterleibes darunter, wel- 
che ihren Grund iri Fehlern der Verdauungsorgane 
haben; da diese sehr häufig mit einer düstern, unzu- 
friedenen, ängstlichen Gemüthsstimmung verbunden 



•) Hufelands Journal für prakl. Heilkunde, 23. Band. 3. Stück, 
S. 5j u. folg. 



— 333 — 

sind, bei welcher die Kranken jeden Znfall als wich- 
tig und Gefahr drohend anzusehen pflegen, so verband 
man mit diesem Ausdruck bald die Nebenidee, dafs 
diese Krankheiten oft eingebildete und nicht reell wä- 
ren; eine neue Vorstellungsart, die man sich später 
von dieser Krankheit machte, indem man sie von ei-» 
ner kranken Stimmung der Nerven ableitete, begün- 
stigte noch mehr diese Idee, dafs dergleichen Kranke 
mehr klagen, als wozu sie eigentlich der wahre Zu- 
stand ihres Krankseyns berechtigen könne; so ist es 
denn endlich dahin gekommen, dafs Hypochondrie und 
eingebildete Krankheit gegenwärtig fast für gleichbe- 
deutend genommen werden. Wenn Layen diese Be- 
griffe auf die angezeigte Weise verwechseln, so ist es 
ihnen zu verzeihen, weil es ihnen vorkommen mufs, 
ein Mensch sey ein eingebildeter Jyranker, welcher 
alle Tage sich dem Tode nahe zu seyn glaubt, und 
dieses eine lange Reihe von Jahren so treibt, ohne 
sichtbar sqhr krank zu werden oder zu sterben; allein 
ganz unverzeihlich ist es, wenn Aerzte, welche das 
Verbältnifs kranker Gefühle zu gewissen Krankheits- 
zuständen besser zu würdigen verstehen müssen, nicht 
verständiger urtheilen, und ich gestehe, es zerschnei-, 
det mir jedesmal das Herz, wenn ich einen Arzt leicht- 
sinnig über einen sogenannten hypochondrischen Kran- 
ken absprechen und die Leiden desselben als eingebil-t 
dete fast verlachen höre. Höchstens kann man doch 
»ur von Hypochondristen sagen, dafs sie sich in der 
Beurtheilung fier Wichtigkeit und Gefahr ihrer Leiden 
täuschen; aber man kann ihnen doch wahrhaftig nicht 
ihre eigenen innern Gefühle absprechen, man kann 
sich auch nicht selbst überreden wollen, dafs sie 
Selbstqual zu einer Art von Zeitvertreib machten. Ein 
verständiger Arzt wird einsehen, dafs so gar stark aus- 
gedrückte Gefühle von Krankseyn, wie der Hypochon- 



— 334 — 

drist sie klagt, ihren physiologischen Grund haben 
müssen, und wir kennen denselben auch hinlänglich 
aus der Erfahrung; er liegt nämlich in einer abnor- 
men Stimmung der Nerven, welche dem Gemeingefühl 
vorstehen, d.h. der Empfindung, welche die Seele 
von dem Zustande ihres Körpers und seiner Theile 
überkommt, und wir wissen, dafs Unterleibsfehler, wel- 
che die Verrichtung der Eingeweide desselben ein* 
schränken, vorzugsweise diese Stimmung begünstigen, 
Aliein man hat darüber eine andere Quelle solcher 
erhöhter kranker Gefühle zu beachten vernachlässigt, 
von welcher aus sie vielleicht weniger häufig, aber 
gerade in ihren höchsten Graden hervorgehen, und 
dies sind eben gerade die Herzkrankheiten. Es ist 
sehr begreiflich, wie bei dem Leiden dieses wichtigen 
Centralorgans das Gemeingefühl krank seyn müsse, 
und die Angst, von der wir so eben gesprochen ha- 
ben, ist ja eigentlich als der Gulminationspunkt dieser 
Gefühle anzusehen; wie viel mehr werden demnach 
die niedere Grade von kranken Gefühlen, die wir Un- 
muth, oder Mangel an frohem Gefühl, AengstHchkeit, 
Verstimmung, traurige Stimmung, in sich gekehrt seyn, 
Unruhe, ärgerliches Wesen oder Aufgelegtheit zum 
Zorn u. s. w. nennen, bei Herzkrankheiten Statt finden 
müssen? Dies ist denn auch wirklich der Fall, Nimmt 
man nun noch hinzu, dafs die Zeichen r'er Herzkrank- 
heiten sogar versteckt und schwierig sind, dafs der 
gröfste Theil der Aerzte sich gar nicht darauf versteht, 
sie zu erkennen, so wird man einsehen, wie unwürdig 
das Benehmen eines Arztes sey f welcher es sich erlau- 
ben kann, leichtsinnig oder in spottendem Tone über 
die Leiden eines Hypochondristen abzusprechen. Lei- 
der! haben dergleichen Unglückliche nur zu oft sehr 
reellen Grund zu klagen, indem hinter solchen Ge- 
fühlen nur zu oft die wichtigsten und selbst die un- 



— 335 — 

heilbarsten Uebel stecken, die der sorgfältige Arzt 
Wird entdecken und wenigstens lindern können; öfters 
aber auch selbst heilen. Ich halte es gerade für den 
höchsten Triumph, der dem Arzt als Künstler und 
Mensch werden kann, wenn er so tief versteckt lie- 
gende Uebel durch seinen sorgsamen Fleifs entdeckt 
und endlich heilt, und möchte schon um dieser höch- 
sten Belohnung willen, welche uns die Kunst in sol- 
chen Fällen gewährt, die Arzneikunde mit keiner an- 
dern vertauschen, wenn dies überhaupt möglich wäre. 
Schwermutb, Verstimmung* und Neigung zum Zorn 
sind nun aber in der That sehr regelmäßige Begleiter 
der Herzkrankheiten. Von der Verwachsung des Herz- 
beutels mit dem Herzen haben es mehrere Beobachter 
angeführt, Corvisart hat (S. 34) einen Fall, wo ein 
Apothekerlehrling, der immer in sich gekehrt und 
traurig gewesen war, nach einem schon mifslungenen 
Versuch, sich mit Opium vergiftete, in dessen Leich- 
nam man keinen andern Fehler als diesen fand» Auch 
Mekel der erste fand bei einem 26jährigen Soldaten, 
der immer über Angst geklagt und sich endlich ersäuft 
hatte, eine sehr starke Verwachsung des Herzbeutels 
mit dem Herzen *}. Einen ähnlichen Fall erzählt 
Testa (S. 173) von einem düstern, in sich gekehrten 
trägen Menschen, der sich während einer Fieberkrank- 
heit in einen Brunnen stürzte; man fand die Lage des 
Herzens abnorm; es stand senkrecht auf dem Zwerg- 
muskel auf? die Grundfläche zur rechten, die Spitze 
zur linken gewendet, und die rechte Herzhäffte war 
sehr erweitert. Lancisi **) nennt den Zustand des Kano- 
nikus Pelaggi hypochondrisch, welcher zugleich aa 



*) Memoirs de Berlin 1755- P- 7$~ 
•») D* aneurisrhat. prop. 55. p. 8a. 



— 336 — 

Herzklopfen und aussetzendem Pulse litt, und bei wel- 
chem er die Aorta verengt und die Klappen derselben 
verknöchert fand. Testa erzählt mehrere Fälle und 
findet die Verwandtschaft der Hypochondrie und der 
Herzkrankheiten so grofs, dafs er sagt, er sey geneigt 
zu glauben* dafs bei den meisten Hypochondristen, 
deren Krankheit den dienlichsten Mitteln widerstehe, 
unheilbare Fehler des Baues der Werkzeuge des Blut- 
umlaufs in Betrachtung kommen. iß. i55.) 

Wenn auch dies zu weit gegangen ist, so findet der 
umgekehrte Fall doch immer Statt, dafs Herzübel hy- 
pochondrische Stimmung begünstigen; ich habe dies 
ebenfalls beständig beobachtet. Einer meiner Kranken, 
der an Erweiterung der linken , Herzhälfte und der 
Aorta litt, war 20 Jahre lang von seinem Arzte als 
ein eingebildeter Hypochondrist genommen und be- 
handelt worden; dieser Kranke, der ein denkender 
Kopf War, hatte aber bei Zeiten den Entschlufs genom- 
men, nie wieder Arzneien zu nehmen; ich sah ihn nur 
im letzten Zeitraum, wo überhaupt wenig Linderung 
zu geben ist, und es hielt auch dann schwer, ihm Mit- 
tel beizubringen, weil er, und zwar mit Recht, keinen 
Glauben daran hatte, so schrecklich auch seine Qualen 
waren. Bei einem andern hatte sich die Herzkrank- 
heit ohnstreitig in einem hitzigen Fieber entsponnen, 
was er 24 Jahr vor seinem Tode gehabt hatte; von 
der Zeit an war ihm ein beschwerliches Gefühl unter 
den Ribben der linken Seite und eine hypochondrische 
Stimmung geblieben; in einem Wechselfieber entwik- 
kelte sich ein halbes Jahr vor seinem Tode die Herz- 
krankheit, und die Oeffnung bestätigte mein Urtheil, 
dafs Vergröfserung des Herzens mit Verstärkung der 
Substanz zum Grunde lag. Anhaltende Neigung zu 
Schwermuth und Betrübnifs beobachtete ich ferner ein- 
mal bei einer Dame, wo die Communicationsöfinung 

der 



— 337 — 

der rechten Vorkammer und Kammer ungemein er- 
weitert gefunden ward. Doch genug davon. Ich ma- 
che besonders junge Aerzte aufmerksam, bei anschei- 
nender Hypochondrie um so mehr adf jede Spur von 
einer Herzkrankheit aufmerksam zu seyn. 

Vierter Artikel. 
Von den schmerzhaften Gefühlen, welche 
die Herzkrankheiten begleiten. 
Das Herz spricht seinen kranken Zustand weit 
mehr durch Angst und Unruhe, als durch lebhafte 
Schmerzen aus; selbst Verwundungen des Herzens sind 
nicht gerade sehr schmerzhaft; der Verwundete wird 
vielmehr bleich, leichenkalt, ohnmächtig oder verfällt 
in den Zustand von Todesangst; es ist auch ganz irrig, 
wenn die Schriftsteller einen starken und fixen Schmerz 
in der Herzgegend als ein Symptom der Herzentzün- 
dung angeben; es findet nämlich meistentheils eine so 
unbestimmte und dumpfe schmerzhafte Empfindung am 
Herzen dabei Statt, dafs sie die Kranken kaum genau 
angeben, oder dafs der Arzt auf sie wenig rechnen 
würde, wenn er nicht schon davon unternehmet wäre, 
dafs dies Regel, ist; man wird bei den Schriftstellern 
auch, wenn man sie mit Aufmerksamkeit lieset, finden, 
dafs sie als Anfang einer organischen Krankheit zwar 
oft Schmerzen nennen, dafs sie diese aber für Rheuma 
der Brust oder Pleuresie erklären; gewifs war in die- 
sen Fällen Entzündung des Herzens oder seiner Häute 
da gewesen, aber man hatte sie verkannt , eben weil 
der Schmerz bei der Herzentzündung kein starker und 
kein scharf bezeichneter ist; ich bin der Meinung, dafs 
ein gewisser Schmerz zwar immer dabei zugegen ist, 
dafs er aber nur sehr leicht falsch 'gedeutit, und spä- 
terhin von den höhern Empfindungen der Angst ganz 
verschlungen wird. Indef* sind doch schmerzhafte G*> 

i [ 22 ] 



— 338 — 

fühle bei Herzkrankheiten nicht etwa etwas unerhör- 
tes; vielmehr kommen Schmerzen von verschiedener 
Art theils in der Herzgegend, theils in der Nähe, theils 
auch in der Entfernung vom Herzen, vornehmlich in 
irgend einem einzelnen Eingeweide, oder an der Spitze 
des linken Schulterknochens, oder und am häufigsten 
im rechten Arm, als regelmässige Begleiter vor, und 
wir müssen uns von der Art und Weise, wie dieselben 
zu Stande kommen , richtige Begriffe zu verschaffen 
suchen. 

• Bei der Entzündung des Herzens habe ich Schmer- 
zen im ganzen Körper, die den rheumatischen ähnlich 
waren, beobachtet, und darüber bei der Auseinander- , 
setzung meiner Ansicht von der Gicht mehreres ge- 
sagt. Sehr wichtig ist aber das, was uns Burns von 
den Schmerzen entfernter Theile mittheilt, welche die 
schleichende Herzentzündung begleiten; er bemerkte 
in einem Falle heftige Schmerzen im Magen mit Er- 
brechen, in einem andern in der Nierengegend mit 
völliger Harnverhaltung, in einem dritten in der Ge- 
bärmutter, ohne dafs man den geringsten Krankheits- 
zustand in diesen Th eilen bei der Section gefunden 
hätte; dies mufs uns denn aufserordentlich aufmerksam 
machen, um nicht durch solche consensuelle Leiden 
von der Hauptkrankheit ganz abgezogen zu werden, 
und es bestätigt, was ich früher sagte, dafs man jedes 
stark hervortretende Symptom bei einer jeden Krank- 
heit mit einem gewissen Mistrauen ansehen, und um 
sich sehen solle, ob sein Quell nicht ein ganz entfern- 
ter sey. — Auch Schmerzen an der Spitze des linken 
Schulterknochens kommen bei der Herzentzündung 
nach Burns (S. 90) und Corvisart (S. 266) vor. Ferner 
führen die Beobachter auch Schmerzen an, als Beglei- 
ter der Verwachsung des Herzbeutels mit dem Her- 
zen. Hier klagen die Kranken meist über Schmerz in 



— 339 — 

der Herzgrube und im Magen , was wohl zum Theil 
Folge des Ziehens an dem Zwergfell soyn könnte *)• 
"allein man darf nicht vergessen, dafs diese Verwach- 
sung während des Verlaufs einer Entzündung sich biU 
det und von dieser der Schmerz zunächst abhängen 
mag, z. B. in einem von Lieutand **) erzählten Falle, 
wo das Herz mit dem Herzbeutel verwachsen, aber 
noch mit einer fettigen flockigen Materie bedeckt ge- 
funden ward; er betraf ein Mädchen, welche nach Un- 
terdrückung der Regeln Fieber mit Schulterschmerz, 
Hüsteln, Beklemmung bekam und schnell starb, nach- 
dem Magenschmerz und Brechen dazu gekommen war. 
Ein sehr interessantes Beispiel erzählt Bums (S. 92), 
wo Verwachsung des Herzbeutels, mäfsige Erweiterung 
der rechten Herzhöhlen, sehr bedeutende aber dr 
linken, nebst ihrer CommunicationsöfFnung gefunden 
ward; diese Kranke litt nicht 'nur an Schmerzen an 
der Spitze des Brustbeins, sondern auch an der linken 
Schulterspitze und in dem linken Arm, von welchem 
aus sie sich längs dem Schlüsselbein nach dem Halse 
erstreckten. 

Erweiterungen des Herzens und der Aorta ver* 
Ursachen sehr oft Schmerzen, und zwar theils unter 
dem Brustbein, theils an der linken Schulterspitze, 
theils in dem linken Arm, oder in allen diesen Theilen 
zugleich. Testa (S. 339) erzählt so ein Beispiel von 
einem grofsen Aneurisma der Aorta, dessen 
Hauptzufälle lebhafter stechender Schmerz unter dem 



*) Dies ist wohl der Fall, wenn die Verwachsung' von altem Da- 
tam her ist, z. ß. in einem Falle, den Lower de Corde, be- 
schreibt. 

•*) Historia anatomico- medica observ. 469. o. Nr. 406 , ein 
«us Fantoni response* ec curationes gekommener ähnlicher 
Fall. 



— 34o — 

Brustbein, besonders unter dem schwertförmigen Knor- 
pel, Gefühl von Ameisenkriechen und Schmerzen im 
linken Arm, Ohnmächten, Gefühl von Zuschnürung der 
Brust waren, die sich bei schnellem Gehen oder Trep- 
pensteigen sogleich einstellten *), Pulteney **) er- 
zählt einen Fall von gleichmäfsig und höchst er- 
weitertem Herzen mit Verdünnung der Wände, die 
welk und schlaff waren bei einem Manne, welcher 
nach einer Brustentzündung heftiges Reifsen in 
den Gliedern, Herzklopfen, Beängstigung auf der Brust, 
Erstickungszufälle, Husten mit Blutauswuif bekommen 
hatte, und nach hinzugekommenen Wasseransammlun- 
gen gestorben war. Am häufigsten scheinen bei Er- 
weiterungen der rechten Herzhälfte Schmer- 
zen in den Gliedern überhaupt, und besonders auch 
in dem linken Arme vorzukommen. Es ist merkwür- 
dig, dafs schon der erfahrne und gründliche Forscher 
Albertini ***) Schmerzen an dem obern Theile der 
Brust, welche die Kranken gewöhnlich einen Fluls 
nennen, an den Schultern, und zwar solche, welche 
von hier bis in die Mitte des einen oder andern Arms 
oder beider sich erstrecken, mit unjter die Zeichen der 
Erweiterungen rechnet; so scheint Senac ****) auch 
von dieser Thatsache ganz überzeugt zu seyn; denn 



*) Ein ähnliches Beispie] von heftigem Reifsen in den Gliedern 
bei Aneuii.sma der Aorta hat Villesauye in den Fränki- 
schen Sammlungen, a. Bd. a. St. S, 510. Testa* hat auch 
S. 33a u. folg. noch einige Fälle ton Vergröfserung und Ver- 
dünnung des Herzens. I 

**) Philosoph, transactions, Vol. LIT. P. I. pag. 344. 

••*) Acta Bononiensia anni 1731, T. I. p. 328- HippoliU 
Franc Albertini Animad-versiones super (juibusdatn difficilis 
respirationis vitiis a laesa cordis et praeoordiorum structura 
pendentibus. 

••••; l. ir. chap. ir. §. 4. p. 3*3. 



— 34 1 — 

er sagt, es finde dabei immer ein Rückfalls des Blutes 
nach den Schlüsselbeinvenen Statt, und er wisse den 
Grund nicht, warum dieses Ereignifs so oft mit Schmerz 
oder Einschlafen eines Arms verbunden sey? Ich darl 
nicht vergessen, hierbei wiederum an den oben (S. 3 19) 
angeführten sonderbaren Fall des Morgagni *) zu er- 
innern, wo alle Arterien so heftig pulsirten und doch 
bei der Section keine organische Krankheit in dem 
Herzen oder Gefäfsen entdeckt werden konnte, in so 
fern auch bei diesem ein reifsender Schmerz in dem 
rechten Arme Statt fand. 

Was die Verknöcherungen im Herzen anlangt, so 
werden auch diese meist von mehr oder weniger 
Schmerz in der Brust begleitet; ich habe bemerkt, dafs 
die Kranken ihren Schmerz dann wie einen brennen- 
den, wie durch glühende Kohlen veranlafsten beschrei- 
ben; merkwürdig ist es aber, dafs in solchen Fällen 
wo die Herzsubstanz selbst verknöchert war (und die 
verknöcherte Höhle folglich als ganz untüchtig zur 
eignen Bewegung und wie ein todter Kanal angesehen 
werden mufs) Schmerz in einem Arme kaum als Zu- 
fall angeführt wird. Ich finde z. B. dieses Umstandes 
in keinem der von Corvisart beschriebenen Fälle er- 
wähnt; umgekehrt aber bemerkt Burns ausdrücklich 
in zwei Fällen, dafs dies Symptom nicht Statt gefunden 
lrabe, und zwar S. i5o. bei dem Falle einer ungemein 
starken Verknöcherung beider Kammern, und S. 196. 
bei einer Verengung des Eingangs in die linke Kam- 
mer durch Verknöcherung der Mitralvalvel, wobei die 
linke Vorkammer an vielen Stellen verknöchert und 
das rechte Herz sehr ausgedehnt war. Es scheint mir 
dies um so mehr merkwürdig, da Schmerzen im linken 



») Epist. XXIV. arl. 5 4« 



— 342 — 

Arme fast immer als ein Zufall der Brustbräune ange- 
geben werden und wirklich diese Krankheit gemeinig- 
lich begleiten. Iadefs bemerke ich ausdrucklich, dafs 
der Armschmerz bei dieser Krankheit nicht wesentlich 
ist, und dafs Parry (S. 38) Fälle aus seiner Erfahrung 
sowohl als der von andern, z. B. Heberden anführt, 
wo er fehlte ; hingegen klagen diese Kranken immer 
Über einen Schmerz unter dem Brustbein, bald höher, 
bald tiefer, meist mehr nach der linken Seite, manch- 
mal seibst wie quer über die Brust in einer Linie mit 
beiden Brüsten. Diesen Schmerz beschreiben die Kran- 
ken wie eine Zusammenschnürung, und den Arm- 
schmerz wie einen stechenden, der von der linken 
Brust aufwärts steigt und längs dem innern Theile des 
linken Arms bis nach dem Ellenbogen, manchmal bis 
in die Fingerspitzen sich erstreckt; der Arm kann da- 
bei so empfindlich werden, dafs, er die leiseste Berüh- 
rung nicht verträgt. 

Ich habe absichtlich eine Menge von Beobachtun- 
gen zusammengestellt, welche zeigen, dafs Schmerzen 
verschiedener Art theiJs in der Brust, theils im ganzen 
Körper, theils in einzelnen entfernten Theilen, beson- 
ders in der linken Schulter und im linken Arm oder 
in der Hergrube mit verschiedenartigen Krankheiten 
des Herzens verbunden seyn können, theils aus dieser 
Zusammenstellung vielleicht gewisse Momente zur Er- 
klärung der Entstehung dieser Art von Schmerzen her- 
auszufinden, theils auch um unnütze Streitigkeiten zu 
schlichten, wozu in Hinsicht der Brustbräune der Arm- 
schmerz Gelegenheit gegeben hat. 

Die Schriftsteller haben sich wenig Mühe gegeben, 
die Schmerzen bei Herzkrankheiten zu unterscheiden 
und genau zu würdigen, noch auch, ihr Causalverhält- 
nifs zu prüfen. Morgagni,, gewohnt über die beson- 
dern Erscheinungen in Krankheiten nachzudenken, er- 



— 343 — 

klärt sowohl in dem angezogenen Falle des 24. Briefs, 
als in einem andern des 4 2 « Briefs 15. Artikel, wo 
äufserst heftiger Magenschmerz mit Unempfindlichkeit 
im linken Arm und Herzklopfen Folge von Nieren- 
steinen war, die Palpitation nebst den Folgen als Wir- 
kungen mitgetheiher Nervenreitzung ; die spätem 
Schriftsteller sind ihm dann gefolgt; allein dergleichen 
Erklärungen sind zu allgemein und darum oft falsch. 
Auch pafst die Erklärung nicht , welche Parry dem 
Morgagni auch zuschreibt, (die ich aber in der ange- 
zogenen Stelle wenigstens nicht finden kann), der 
Schmerz rühre von dem Druck des Bluts in dem -Bo- 
gen der Aorta auf die Nerven her, welche den Ur- 
sprung der linken Schlüsselbeinschlagader begleiten; 
denn, wie wir gesehen haben, kommt dieser Schmerz 
in vielerlei Zuständen des Herzens vor, wo diese Art 
von Druck nicht gerade Statt findet, und er erstreckt 
sich auch oft in den rechten Arm; eben so wenig 
kann man mit Parry (S. i3g) glauben, dieser Schmerz 
rühre von einem vermehrten Andränge des Blutes her, 
weil er durch Ursachen veranlafst werde, welche die 
. Circulation vermehren ; denn das letztere ist nicht 
richtig, und dieser Schmerz begleitet ja gerade die 
Stockungen und Hemmungen des Blutes in dem Her- 
zen und der Aorta am vorzüglichsten, nämlich die 
Aneurismen der letztern und Erweiterungen des rech- 
ten Vorhofs, so wie die Brustbräune, bei welcher das 
Herz dem Stillstehen nahe ist. 

Ueberlegt man alle Umstände, unter denen Schmer- 
zen im Herzen und in dessen Entfernung bei Herz- 
krankheiten entstehen, so scheinen sie wohl insgesammt 
zunächst aus der gesteigerten Sensibilität oder 
dem erhöhten Gemeingefühl des kranken 
Herzens und des Gef äfssystems hervorzugehen, 
und lassen sich am ungezwungensten daraus erklären. 



— 344 — 

Es ist sonderbar, dafs man die Gefäfse nur immer als 
fast unempfindliche (ja früher fast als unthätige kaum 
belebte) Röhren zu betrachten gewohnt ist, Es ist nun 
wohl wahr, dafs die grofsen Arterien nicht gerade 
viele und die Venen noch weniger Nerven in ihren 
Häuten besitzen; darum aber sind sie nicht unempfind- 
lich , und das Herz sowohl als beide Arten von Ge- 
fäfsen sprechen im kranken Zustande sich durch Ge*» 
fühle von ganz eigner Art in dem Gemüthe aus. Man 
berühre und drücke nur ein blosgelegtes Blutgefäfs 
in einem lebendigen Thiere oder auch Menschen bei 
einer Operation, und man wird bald bemerken, dafs 
dies einen peinlichen durchdringenden Schmerz ver- 
ursacht; eben so ist die Berührung des blos liegenden 
Herzens der Kranken wahrhaft peinlich und führt 
leicht Ohnmacht herbei *). Sind ferner das Gefühl 
wie von heifsem Wasser an einzelnen Stellen der Ar- 
terien, worüber Vollblütige klagen, oder auch ein 
gleiches Gefühl im Herzen bei Freude etwas anderes, 
als Resultate des eigenen Gemeingefühls, was den Ge- 
fäfsen zukommt? Noch mehr aber kann man die Em- 
pfindungen eines Brennens wie von glühenden Koh- 
len, welches bei Stockungen in der Pfortader theils 
im Unterleibe, theils in der Brust Statt findet, die 
Schmerzen entzündeter Hämorrhoidalgefäfse selbst, 
wohl für etwas anderes als für Ausdrücke des Gemein- 
gefühls erklären, welche dem kranken Zustande der 
Gefäfse eigen sind ? Warum sollen wir also den Grund 
der Schmerzen, den Herzkranke in der Gegend des 
Herzens oder ihrer eignen Aussage nach, im Herzen 



) Senac am angef. Orte F. //. p, 343. Parry S. 83- Har- 

▼ ey s Kranke fühlte nichts, wenn man die Stelle berührte, 
allem das Herz war hier mit verdicktem Zellgewebe bedeckt, 
•welches freilich unempfindlich ist. 



— 345 — 

selbst fühlen, nicht wirklich als aus ihm selbst entste- 
hend annehmen, da jedermann wohl sein Herz mehr 
als einmal selbst gefühlt haben wird, wenn er von ei- 
ner Gemütsbewegung ergriffen war ? Dieses Princip 
vorausgesetzt, lassen sich nun die Schmerzen, welche 
verschiedenartige Herzkrankheiten begleiten und an 
verschiedenen Stellen des Körpers sich melden, erklä- 
ren, wenn man dabei nicht nur auf das Arterien- son- 
dern auch auf das Venensystem Rücksicht nimmt. 

Bei Entzündungen des Herzens also, vorzüglich 
seiner Substanz oder seiner Häute, in so .fern die 
Entzündung immer mehr oder weniger in die Sub- 
stanz hinüber streift, ist der Schmerz unter dem Brust- 
bein Folge der erhöhten sensiblen Stimmung und diese 
kann sich dann in dem ganzen Laufe des Arteriensy- 
stems und folglich auch in einzelnen Eingeweiden als 
Schmerz aussprechen; daher ist es kein Wunder, wenn 
bei einer Wöchnerin die Herzentzündung unter der 
Maske einer Entzündung der Mutter täuschte in dem 
Falle des Burns, oder ein andermal, wie ein Magen- 
übel sich verhielt, da der Magen an sich mit dem Her- 
zen viel Gemeinschaft hat, wie wir sehen Werden, oder 
wenn die Krankheit unter der Form eines Rheuma der 
Brust, oder einer Pleuresie, oder einer allgemeinen 
Gicht die Aerzte hinterging, was in der That in äu- 
fserst vielen Fällen geschehen seyn mag, und diese 
Kunde mufs uns für die Zukunft desto aufmerksamer 
machen. 

Was die Schmerzen anlangt, welche mit Erweite- 
rungen des Herzens oder der Aorta verbunden sind, 
so sind diejenigen, welche im Herzen selbst dabei 
Statt finden, kaum anders als aus der Ausdehnung der 
Häute selbst durch das angehäufte lastende Blut zu 
erklären. Dies ist um so gewisser, da nach einem je- 
den heftigen, Paroxysmus solcher Krankheiten, welche 



— 346 — 

immer Bestrebungen sind, der Last sich 2u entledigen, 
diese Schmerzen auf einige Zeit sich vermindern; das- f 
selbe Verhältnifs findet bei der Brustbräune Statt, in- 
dem das Blut dabei in dem Herzen fast ganz in Still- 
stand kommt. Auf gleiche Weise entstehen auch ziem- 
lich starke und eigne bange Schmerzen in Aneurismen, 
welche entfernt vom Herzen vorkommen und schon 
Albertmi (Seite 38 erklärt diese als Folgen der 
Streckung und Dehnung der Arterienhäute, oder weil 
ein Nervenstamm u. s. w. gewaltsam gegen einen Kno- 
chen durch ihre starken Bewegungen angeprallt werde. 
Wahrscheinlich ist eben um deswillen kein bedeuten- 
der Schmerz mit grofsen Verknöcherungen des Her- 
zens verbunden, weil das Gemeingefühl dadurch auf- 
gehoben werden mufs. 

Was ist nun aber von den Armschmerzen zu hal- 
ten? Dafs die Arterien an diesen kaum Schuld haben 
können, in so fern um die linke Schlüsselbein -Schlag- 
ader sich Nervengeflechte schlingen, habe ich schon 
erinnert. Allein sehr natürlich lassen sich diese Schmer- 
zen aus dem gehinderten RückHufs des Bluts aus den 
Armvenen in die Halsvenen erklären, mit denen sie 
einen geraden Winkel machen. Die Hohlader nämlich 
wird nicht nur bei Erweiterungen der rechten Vor- 
kammer, sondern auch bei Aneurismen des Bogens 
der Aorta nach auisen und nach rechts gar sehr an 
der Entleerung ihres Blutes gehindert, und es mufs 
der Einflufs des Bluts aus der linken Armvene in die- 
selbe vorzugsweise gestört werden; dies sieht man 
ganz deutlich aus einer andern noch vielmehr entschei- 
denden Erscheinung, nämlich aus einer Art von Pul- 
siren, welches Homberg*) gleichzeitig in den Venen 



•) Memoirs de l'acacl. de sciences de Paris, ann. 1704 p. 15g, 
und bei Lttncisi de aneurismat. propos. 57. p. 141. 



. — 347 — 

des Halses und beider Arme bei einer Erweiterung 
des Herzens beobachtete. Die Annvenen werden dem- 
nach entweder beide, oder am leichtesten die der lin- 
ken Seite mit Blut überladen, und daher entsteht denn 
so wohl in den genannten Fällen, als auch bei der 
Brustbräune, wo das Herz schnell in einen Zustand 
von Stillstand versetzt wird, das schmerzhafte Gefühl, 
oder auch eine Art von Ameisenkriechen, dasselbe, was 
man empfindet, wenn durch Druck des Arms die Cir- 
culation gehemmt wird, und darum kann es sich selbst 
bis in die Fingerspitzen erstrecken. Dasselbe beweist 
eine Erscheinung, die Parry *) beobachtete, wenn er 
die Halsschlagader eine Zeitlang zusammendrückte; die 
Kranken bekamen davon Herzklopfen und Angstge- 
fühl, ja manchmal auch Schmerzen in den Armen, 
Vielleicht hat der Umstand, daß der Milchbrustgang 
sich in die linke Schlüsselbeinvene öffnet, Antheil an 
diesem Schmerz, in so fern das Blut dieser Vene, zu- 
mal nach der Verdauung, eine fremdartige Mischung 
hat, wovon bei gehinderter Entleerung in die rechte 
Vorkammer wohl ein Schmerzgefühl in derselben er- 
regt werden könnte? Daraus ergiebt es sich auch, 
warum selbst Krankheiten entfernter Theile, sobald 
sie das Herz consensuell afFiciren und vorübergehend 
seine Thätigkeit hemmen, auch diesen Armschmerz 
erwecken können, wovon uns Morgagni ein Beispiel 
in dem Falle aufbewahrt hat, wo Nierensteine die Ur- 
sache dieses Zufalls waren, so wie in dem tödtlichen 
Falle jenes Schusters, der an allgemeinen Palpitationen 
starb, ohne dafs ein organischer Fehler gefunden 
ward-' 1 *). 



•) Memoirs of the med. society of London. Vol. III, p. yj, 
und Samml. für prakr. Aerzte i6ter Band ates Stück S. 31a. 

**) Sehr belehrend sind die eignen Angaben Ton Jahn's Patien- 
tin tu Hufelands Journal; ajiler Band 5tes Stück Seite Gl. 



— 348 — 

Auf gleiche Weise dürften vielleicht viele andre 
consensuelle Schmerzen, die wir nur zu leicht auf 
Rechnung des Nervenconsensus schreiben, ihren Grund 
in dem eben so weit verbreiteten Gefäfssystem haben 
und ich bin geneigt auch den Schulterschmerz! davon 
abzuleiten, ob ich gleich nicht den unmittelbaren Zu? 
samnlenhang einsehe. 



Fünftes Capitel. 

Von den Zufällen dea Gehirns und Nervensystems bei Herz- 
krankheiten. 



r Die drei letzten Capitel umfassen eigentlich die 
wesentlichsten Symptome der Herzkrankheiten; allein 
viele andre sind, wenn auch nicht mit allen und im- 
mer, doch sehr oft, und mit gewissen Herzkrankheiten 
wesentlich verbunden; diese beziehen sich nun, tlreils 
auf das Hirn und die Nerven, theils auf die Verdau- 



Der Schmerz war in der heftigsten Periode der Krankheit nicht 
allein bleibend im linken Arme, sondern nahm auch den rech- 
ten Arm und endlich sogar die Fiifse ein; sie beschrieb solche, 
als ob «lies Blut darin stocke; manchmal steche es auf kleinen 
Punkten, wo man durchaus etwas sehen müsse, und manch- 
mal glaubt Jahn kleine Flecke, wie Flohstiche bemerkt zu ha» 
ben. Das leidende Glied hatte auch wirklich die Farbe, als 
ob es am obern Ende stark gebunden wäre. — Ferner S. 66, 
«ie empfinde Taubheit, Schwere, Vollheit in dem leidenden 
Gliede, manchmal scheine es ihr, als ob Jemand df«n linken 
Arm gleich unter dem Ellenbogengelenk umfasse und drücke, 
ao dafs sie in Furcht sey, es möge an der Stelle, wo an der 
innern Seite des Vorderarms die Blutgefäfae gehen, etwas auf- 
platzen. 



— 349 — 

ungs Werkzeuge, vorzuglich den Magen und die Leber 
theils auf das Gefäfssystem, besondersauf' die Enden der 
Blutgefäfse und das mit ihnen zur Einheit der Function 
verbundene Lymphsystem, und unsre Beurtheilung der 
Herzkrankheiten wird erst dadurch vollständig werden 
können, wenn wir das Causalverhältnifs dieser Zufälle 
mit den Herzkrankheiten sowohl, als ihr semiotisches 
einer sorgfältigem Prüfung werden unterworfen haben. 
Wir machen denn mit den oben genannten den An- 
fang. 

Wir nehmen im Gefolge der Herzkrankheiten vie- 
lerlei Zufälle wahr,, welche man gewohnt ist Ner- 
venzufälle zu nennen; z. B. um von den schwächsten 
Graden auszugehen, eine Eingenommenheit des Kopfs, 
Wüstheit desselben, heftigen Kopfschmerz, Ohrensau- 
sen und Schwerhörigkeit, selbst Blindheit mitten •im 
Verlaufe einer Herzkrankheit; ferner aber auch soge- 
nannte hysterische Krämpfe oder Anf lle von convul- 
sivischen Zufällen in den will- und unwillkührlichen 
Systemen der Muskeln, ja selbst epileptische, catalep- 
tische Zustände, Abwesenheit der Besinnung und sogar 
Delir, endlich Schlagfiufs. 

Ich mache mit der Betrachtung des Schlagflusses, 
als der höchsten Stufe der Hirnleiden, den Anfang, 
Weil die Kenntnifs des Verhältnisses, in welchem der- 
selbe zu den Herzkrankheiten steht, uns die besten 
Aufschlüsse über die Verhältnisse der übrigen genannten 
Zufalle giebt, die als niederere Grade von Leiden des 
Hirn- und Nervensystems angesehen werden können.] 

Ich habe früher bei Betrachtung der Wirkungen 
der AiFecte gesagt, dafs sie zuweilen schleunig durch 
Veranlassung einer Zerreifsung des Herzens oder ei- 
ner Lähmung desselben tödten. Man könnte glauben, 
dafs die Fälle der letztern Art mehr eigentliche Schlag- 
fiüsse wären. Wenn man sich aber au«h dadurch, dais 



— 35° — 

Herzkranke sehr leicht in einem Act einer Gemüths* 
bewegung plötzlich sterben, schon von dem Gegen- 
tlieil überzeugen könnte, so dürfte doch die Erörte- 
rung, welche wir jetzt über die Verhältnisse des Schlag- 
flusses zu den Herzübeln geben werden, alle weitern 
Zweifel zu vertilgen im Stande seyn. Ich bemerke 
demnach zuförderst, dafs die Herzübel selbst ganz und 
gar nicht geeignet scheinen, die besondere und ei- 
genthüinliche Anlage zu dem Schlagflufs zu befördern" 
oder leicht zu entwickeln, und zweitens, dafs der 
Schlagflufs, wenn er sich zu Herzkrankheiten gesellt, 
'einen ganz eignen Charakter hat, welcher den obigen 
Satz bestätigt. Man sollte allerdings im allgemeinen 
sich zu der Annahme berechtigt glauben, dafs Herz- 
krankheiten, wegen der Unregelmäfsigkeit, womit der 
Kreislauf nach dem Hirn und zurück von Statten geht, 
mehr als eine andre Abnormität im Körper geeignet 
wäre, Schlagflüsse vorzubereiten und herbei zu führen. 
Die Erfahrung scheint aber das Gegentheil zu lehren. 
Man findet nämlich allerdings bei Morgagni und Lieu- 
taud und den neuern Schriftstellern über Herzkrank- 
heiten mehrere Fälle von tödtlichen Schlagflüssen in 
Folge der erstem aufgezeichnet, wo Ausleerungen von 
Blut im Gehirn die Todesart hinlänglich beweisen. 
Der berühmte Malpighi starb auf diese Weise, nach- 
dem er lange Zeit an Herzklopfen, an Gicht und 
Steinbeschwerden gelitten hatte ; Baglivi fand sein Herz 
erweitert und an zwei Pfund Blut in dem rechten Seiten- 
ventrikel des Hirns angehäuft; drei Monate vor sei- 
nem Tode hatte er schon einen Anfall von Schlagflufs 
erlitten, von dem er sich jedoch in so weit erholte, 
dafs Schwäche des Gedächtnisses und des Urtheilsver- 
mögens übrig blieb. Noch merkwürdiger ist die Ge- 
schichte der Krankheitsumstände des berühmten Ram- 
mazzini, welche uns Morgagni in des dritten Briefes 



— 35i — 

acLten und neunten Artikel aufbewahrt bat; dieser be- 
kam als Greis heftiges Herzklopfen und halbseitiges 
Kopfweh ; was a,ber höchst merkwürdig war, bestand 
darin, dafs sich in dem Alter von 70 Jahren, zu Folge 
des letztern, die Näthe des Schädels auseinander be- 
gaben ; ferner stellten sich nach jenen Zufällen auch 
zwei Aneurismen von der Gröfse einer Bohne an dem 
Winke], welchen der Anfang des Daums und des Zei- 
gefingers machen, an beiden Händen zugleich ein; 
nachdem Herzklopfen und Kopfweh nachgelassen hat- 
ten, ward er erst auf einem dann auf dem andern 
Auge blind und starb endlich am Schlagflusse inner- 
halb zwölf Stunden. Sehr Schade ist es, dafs die Jbe» 
chenöffnung nicht gemacht worden ist. Höchstwahr- 
scheinlich war in dem Kopfe Blut ausgetreten, zu Folpe 
aneurismatischer Erwe terungen. Ali ein obgleich auch 
Wepfer und Lancisi uns selbst mehrere Leicheuöff- 
nungen von Schlagflüssigen aufgezeichnet haben, wel- 
che von Fehlern des Herzens abgehangen zu haben 
scheinen, so beweist dies immer noch nicht, dafs die- 
ser Ausgang einer der gewöhnlichen bei Herzübeln sey; 
vielmehr wenn man die Sache umgekehrt nimmt, und 
fragt, ob Anhäufungen von Flüssigkeiten in dem Ge- 
hirn und Hemmungen dps Bluts in den Gefäfsen des 
Hirns immer oder sehr leicht Schlagflufs bewirken, so 
müssen wir gestehen, dafs der innere Wasserkopf so- 
wohl, als Verknöcherungen der Hirnarterien und der 
Blutbehälter, die doch gewiß Blutstockung im Hirn 
verursachen, erst nach und räch und sehr langsam 
Schlagflufs herbeiführen. Da Herzkrankheiten nur auf 
ähnliche Weise den Schlagflufs begünstigen können, 
so ilöfst schon diese Vergleichung einen Zweifel ein, 
ob der Schlagflufs eine häufige Folge der Herzkrank- 
heiten sey, und das Beispiel des Rammöz«mi bestärkt 
uns darin. Aber noch wichtiger ist die Bemerkung, 



— 352 — 

welche Corvisart (Seite 178 u. folg.) mitgetheilt bat,, 
dafs er selbst nicht ein einzigesmal den Schlagflufs als 
offenbare Folge von Herzkrankheiten, und auch nie- 
mals ausgetretenes Blut in der Substanz des Hirns, 
oder in seinen Höhlen bei seinen vielfältigen Sectio- 
nen von an Herzkrankheiten gestorbenen Personen be- 
obachtet habe; wohl aber habe er oft Wasserergie- 
fsungen auf dem Grunde der Hirnschale oder in den 
Hirnhöhlen, oder zwischen der weichen und Spinne- 
webenhaut, so wie in den letzten Tagen oder Stunden 
des Lebens einen halb schlagflüssigen Zustand bei Herz- 
kranken gesehen. Ich selbst habe in einem Falle ei- 
ner ungemein bedeutenden Vergrößerung des Herzens 
mit Verstärkung der Substanz, wobei auch Vergröfse- 
rung der Leber Statt fand, den Tod schnell und Blut 
in den Hirnhöhlen ergossen gefunden, und Testa fuhrt 
drei Beispiele dieser Art an (Seite i540* Was ich bis- 
her vorgetragen habe, beweist nur so viel, dafs zu 
Folge von Krankheiten des Herzens Austretungen von 
Blut in dem Gehirn entstehen können, von welchen letz- 
tern ein Schlagflufs immer die nothwendige endliche 
Folge ist. Andre Umstände aber und vorzüglich der 
eigne Charakter des Schlagflusses und der Lähmungen 
die wir als Folge von Herzkrankheiten beobachten, 
und wovon wir nun handeln wollen, beweisen auf 
eine mehr directe Weise, dafs Schlagflufs und Herz- 
krankheiten in gar keinem directen Verhältnisse ste- 
hen. Ich selbst habe nämlich Schlagflufs und daran 
gränzende Zustände in sieben verschiedenen Fällen bei 
Herzkrankheiten eintreten sehen, wovon nur der eine 
so eben erwähnte plötzlich tödtete; in drei andern 
aber verschwanden wieder innerhalb weniger Tage 
die eigentümlichen Zufälle des Schlagflusses, die Be- 
täubung und Lähmung, obgleich bei zweien die Herz- 
krankheit in ihrem letzten Zeiträume begriffen war 

und 



— 353 — 

und im dritten Falle lebte der Kranke noch ein. 
ganzes Jahr ohne Lähmung und ohne Kopfzufäfie, die 
übrigen drei Fälle waren kein vollständiger SchlaglJufs, 
daher ich hier nichts weiter von ihnen sagen will.. 
Dasselbe war bei Rammazzini der Fall; Testa ( S, 6z.) 
hat einen ähnlichen Fall, wo bei Verhärtung der Mi- 
tralvalvel und Erweiterung des rechten Herzens nebst 
Lungenarterie, Schiagflufs mitten in der Schwanger- 
schaft eintrat, die Kranke aber genas und erst meh- 
rere Jahre nachher im dritten Monat einer neuen sech- 
sten Schwangerschaft am Schiagflufs starb; auch Burns 
erzählt einen solchen von einem Frauenzimmer, das 
trotz der Herzkrankheit den Schiagflufs überstand und 
mit einer unvollkommenen Lähmung noch eine ge- 
raume Zeit lebte. Corvisart aber theilt (S. 70.) die 
Geschichte eines Falles einer 25jährigen Nätherin mit* 
welche zu Folge einer Vergröfserung des Herzens, be- 
sonders der linken Kammer mit Verdickung der Sub- 
stanz und Erweiterung der Oeffnung in die Vorkam- 
mer eine langsam kommende, aber vollständige Läh- 
mung der ganzen linken Seite erfuhr, und zwar auf 
der Höhe ihrer Krankheit, gleichwohl aber erst 17 Tage 
nachher starb; bei dieser fand man die rechte Hirn- 
hälfte in einem Zustand von sehr deutlicher Zerset- 
zung ; die Farbe des Hirns war aschgrau, die Consi- 
stenz desselben aber wie die von gekochtem Rind- 
fleisch* und doch hatte diese Herzkranke selbst diesen 
Zustand noch 17 Tage überlebt. Sehr interessant ist 
endlich auch der von Filling*) erzählte Fall eines 
aAiährieen Mannes in Wien, bei welchem man nach 
dem Tode Verknöcherung der Mitralvalvel fand, die- 
ser hatte periodisch an den heftigsten Anfällen von 



*) Hufelands Journal der prakt. Heilk. 15. Bd. i.HeftS.354« 

x. 1*1 



— 354 — 

plötzlicher Erstickung, welche immer auf Aderlässe ge- 
wichen waren, so wie an Husten und Blutauswurf ge- 
litten: endlich hatte ihn ein Schlagflufs mit Lähmung 
befallen, Weshalb er in das Hospital gebracht ward; 
auf eine kühlende Behandlung aber ward sein Zustand 
in einigen Wochen besser, die Lähmung verschwand 
und sein Athem ward leichter; er starb aber nach sie- 
ben Wochen plötzlich, nach einer lebhaften Unterhal- 
tung mit seinem Bruder, unter Zufällen der Erstickung. 

Aus diesen Beobachtungen fliefst nun so viel mit 
Gewifsheit, dafs Herzkranke selbst auf der Höhe ihrer 
Krankheit einen Schlagflufs noch überleben, ja von 
den Folgen desselben, als Lähmung, sogar noch her- 
gestellt werden können. In dem einen Falle, den ich 
beobachtete, und den ich sogleich als einen Fall von 
consecutivem Schlagilufs zu beurtheilen im Stande war, 
sagte ich sogleich voraus, dafs ich hoffe, der Schlag? 
flufs werde weichen., aber der Kranke werde darum 
doch bald an seinem Herzübel sterben; in der That 
wich die Betäubung nicht nur, sondern sogar diesLäh- 
mung der linken Seite innerhalb drei Tagen und der 
Kranke nebst den Seinigen hofften nun auf Genesung; 
nur ich durfte diese weder mir noch der Gattin ver- 
sprechen und in der That kehrte schon am vierten 
Tage der Schlagflufs und zwar mit Lähmung der rech- 
ten Seite und der Zunge zurück, und doch lebte er 
noch 9 Tage in diesem kläglichen Zustande, in wel- 
chem noch täglich vier schwere Paroxysmen von höch- 
ster Angst und Unruhe zu unterscheiden waren. Sollte 
man nun nicht berechtigt seyn, $us diesen Erscheinun- 
gen zu schliersen, dafs, wenn der Schlagflufs, der zu 
einer Herzkrankheit sich gesellt, nicht einmal in Ver- 
bindung mit dieser den Tod schleunig zu bewirken im 
Stande ist, obgleich Spuren von Zerrüttung durch aus- 
getretenes Blut noch lange nachher bei der Leichen- 



— 355 — 

Öffnung gefunden werden; dafs, sage ich, SchlagHufs 
und Herzübel zwei weit von einander gelegene Mo- 
mente sind, die zunächst gar nichts mit einander zu 
thun haben ; sollte uns dies nicht aufmerksam machen, 
über die wahre Natur des Schlagflusses weiter nach- 
zudenken, welche, diesen Vergleichungen des Einflus- 
ses der Herzkrankheiten auf den SchlagHufs zu Folge 
ohnmöglich in der Regel in Druck des Gehirns von 
ergossenem Wasser oder Blut zunächst gegründet seyn 
kann; sondern eine gana eigne, uns noch nicht be- 
kannte, innere Abnormität des Hirnwesens voraussetzt. 
Müssen wir aber auch die Zustände, wo Lähmung und 
Betäubung zu Folge von Zusammendrückung des Hirns 
durch Blut oder Wasser, der Gleichheit der Erschei- 
nungen wegen, SchlagHufs nennen, so wird ein solcher 
immer nur ein consecutiver seyn und heifsen müs- 
sen und wir werden die Bedingungen des primitiven, 
der auch ohne alle Spuren von Ergiefsung und Druck 
vorkommt, erst besser zu ergründen suchen müssen. 

Ich wünsche, dafs diese Bemerkungen besonders 
von jungen Aerzten beherziget werden möchten, da- 
mit sie daraus ersehen, wie schwer es sey, aus der 
Form einer Krankheit ihre Natur richtig zu beur- 
th eilen und damit sie sich von der Nichtigkeit einer 
sogenannten philosophischen Deduction der Krankhei- 
ten überzeugen lernen. Die Vergleichung des Eingrei- 
fens einer primitiven Krankheit eines wichtigen Or- 
gans in ein anderes, ist ohnstreitig am geeignetsten 
uns zu belehren, wie eine und dieselbe Form bald ein 
primitives, bald ein consecutives Leiden eines bestimm- 
ten Organs, und wie sie von dem entgegengesetztesten 
Character seyn könne. Höchst wichtig müfste die 
•Durchführung einer erfahrungsmäfsigen Deduction des 
Üintlusses der primitiven Han- und Nervenkrankheiten 
auf die des Gefäfssystems seyn; wir glauben etwas 



— 356 — 

Nützlich es zu thun, wenn wir Winke 2Ur bessern Be- 
urtheilung des Einflusses der Herzkrankheiten auf die 
des Hirns und der Nerven nach unsern geringen Kräf- 
ten zu geben versuchen. 

Uebrigens dürften wohl die Fälle von verstärkter 
Herzsubstanz, so wie die Anlage zu Aneurismen, wel- 
che bei manchen Personen im ganzen Arteriensystem 
vorwaltet, am meisten geschickt seyn, einen solchen 
Schlagflufs bei Herzkranken zu erzeugen. 

Wenn wir aus den angestellten Betrachtungen den 
Schlufs ziehen, dafs die Herzkrankheiten das Hirn nur 
indirect afficiren, und dafs gerade aus der/ genauem 
Ansicht der Verhältnisse der Krankheiten dieser beiden 
Centralorgane des Körpers die Selbstständigkeit und 
Unabhängigkeit des einen von dem andern am klar- 
sten hervorgeht, so werden wir auch die niedern Grade 
von Leiden des Kopfs und der Nerven, die bei Herz- 
krankheiten vorkommen, richtig beurtheilen, wenn wir 
dieselben Grundsätze auf sie anwenden. 

Das Hirn und die Nerven leiden demnach bei 
Herzkrankheiten consecutiv, in so fern gleichmäfsige 
Circulation eine wesentliche Bedingung der Unterhal- 
tung ihrer Thätigkeit und Kräfte ist. Die Störungen 
der Thätigkeit derselben werden daher in verschiede- 
nen Graden und Schätzungen bei Herzkrankheiten 
vorkommen können, je nachdem die Störung der Blut- 
vertheilung selbst verschieden ist, z. B. zu starker An- 
drang nach dem Kopf bei verstärkter Herzsubstanz 
oder gehinderter Rüekflufs des Bluts aus dem Kopfe, 
oder je nachdem schon Anlagen zu Hirn- und Nerven- 
leiden in diesen Organen zufällig liegen. Immer aber 
werden die Nervenleiden, wenn sie Folgen von Herz- 
krankheiten sind, ganz anders behandelt werden müs- 
sen, als die primiriven. Aus diesen Sätzen lassen sich 
nun die mancherlei zum Theil ganz sonderbaren Er- 



— 357 — 

scheinungen des Gemüthszustandes erklären, die wir 
bei Herzkrankheiten beobachten. 

Ich habe schon mehrmals des eignen ohnmacht- 
ähnlichen Zustande« gedacht, wo die Kranken ohne 
Fähigkeit sich zu bewegen da liegen, aber sich ihrer 
bewufst sind. Beispiele von epileptischen Zufällen ha- 
ben Morgagni (64. Epistel Art. 5.;, Lancisi*), Testa 
(S. 139.) aufgezeichnet. Von Blindheit, welche ganz 
unerwartet im Verlaufe einer Herzkrankheit entstand, 
hat Corvisart ein Beispiel, so wie ich eins von Taub- 
heit sähe, welche indefs wechselt; beide sind wohl 
Folgen von Druck von ausgedehnten Gefäfsen oder 
Blutergiefsungen; eben so ist der heftige Schmerz im 
Hinterkopf zu erklären, oder das halbseitige Kopfweh, 
was man gar nicht selten bei Herzkrankeiten findet. 
Ist es ferner zu verwundern, wenn zärtliche Frauen- 
zimmer, welche an Fehlern des Herzens leiden, man- 
nigfaltige Nervenzufälle davon zu erleiden haben, da 
sie schon eine natürliche Anlage dazu haben? Man 
hat sich um so mehr in Acht zu nehmen, bei dem 
weiblichen Geschlechte ni ht gleich jeden Nervenzu- 
fall für Folge eines primitiven Nervenleidens zu halten,, 
weil die irrige ^eurtheilung höchst nachtheilige Folgen 
haben mufs. Welche arge MifsgrifFe lehrt in dieser 
Hinsicht nicht die einseitige .rownische Lehre,* die nur 
Schwäche in Krämpfen sieht und wie viele Opfer mö- 
gen dieser unsinnigen Vorteilung gebracht worden 
seyn? Wie grofsen Einflufs eine vorwaltende Energie 
des Gefäfssystems auf die Nerven habe, sähe ich ein- 
mal bei den schrecklichsten epileptischen Zufällen ei- 
nes jungen Mädchens, das sonst gar keine Zeiche 
von Voliblütigkeit verrieth* und auch angefangen hatte 
ihre Regeln zu bekommen; meine g^h den Mittel 



*) De mortibus subitan. p. 113. de aneurism. L. II- prop. 53 
p. 8a. 



— 358 — 

halfen gar nichts, die Anfälle kamen immer in kleinern 
Zwischenräumen und setzten am vierten Tage gar nicht 
mehr ab; ich liefs mitten unter den schrecklichsten 
Convulsionen eine Ader öffnen und ein Pfund Blut 
herauslaufen; bald hörten die Convulsionen auf und 
kamen in seltnem Anfällen wieder, aber die Kranke 
genas vollkommen innerhalb acht Tagen. 

Bei verschiedenen Herzkranken habe ich sonder- 
bare Abnormitäten des Gemüthszustandes beobachtet 
Bei einem derselben hatte die Ausbildung der Herz- 
krankheit mit einer schnell gekommenen Abwesenheit 
des Geistes auf der Strafse begonnen; er hatte sich 
durchaus nicht besinnen können, wo seine Wohnung 
sey, und war wie in der Irre in der Stadt her- 
umgelaufen : ein anderer, der nach einer scheinbaren 
Genesung von einer Herzkrankheit schnell zurückfiel, 
verfiel auch sogleich in ein anhaltendes Delir; doch 
kannte er mich, als ich ihn auf dem Lande besuchte, 
freute sich, wie es schien, meiner Ankunft und sagte 
nur immer, „der schleppt ihn noch einmal durch," indem 
er auf mich wiefs ; ein dritter alter Greis, bei welchem 
schon lange Wasserergiefsungen in den Schenkeln bis 
an den Leib und selbst in diesem eingetreten waren, 
fieng mit einemmale beim Essen an in sonderbaren 
Lauten, aber ganz mit der Miene der Besonnenheit zu 
sprechen; seine Hanptworte waren, perl, ferl, merl 
n. s. w. die er aber den Anschein nach mit Besinnung 
in eine zusammenhängende Rede fugte, dafs man glau- 
ben konnte, er lege diesen Worten besondre Begriffe 
unter und die Zunge versage ihm nur ihren Dienst, 
um sie mit den richtigen Worten auszusprechen; allein 
als man ihm eine Tafel mit Schieferstift gab, so schrieb 
er mit unglaublicher Hast dieselben Worte vielfältig 
auf dieselbe und man sähe, dafs er bewufstlos war. 
Merkwürdig war der Fortgang dieses scblagflufsarti- 



— 359 — 

gen Zustandes bei diesem Manne; er lebte noch 17 
Tage, kam aber nie wieder zur Besinnung, er afs und 
trank 8 l^ge durchaus gar nichts und widersetzte sich 
mit Wuth jedem Versuch ihm etwas beizubringen, er 
schlug auch um sich herum und verletzte die Perso- 
nen, die sich ihm näherten; eben so merkwürdig war 
bei ihm, dafs er von dem Tage nach dem Eintritt des 
Schlagflusses an, eine so ungeheure Menge Urin liefs 
und gleichzeitig eben so heftig schwitzte, dafs nach 24 
Stunden alle Geschwulst, die sehr bedeutend war, aus 
dem Leibe und von der Haut verschwunden, der Kör- 
per wie in einen ansgedorrten Leichnam verwandelt 
war und das Wasser nicht nur alle Betten durchdrun- 
gen hatte, sondern sogar wie ein kleiner Bach quer 
über das Zimmer lief. Nie habe ich wieder einen ähn- 
lichen Zustand beobachtet, den ich mir nur als Resul- 
tat der letzten Anstrengung der Thätigkeit des Gefäfs- 
und Lymphsystems denken kann, die vielleicht durch 
eine Squilla-Arznei hervorgerufen worden war, wovon 
man ihm am ersten Tage einigemale einen EfslöfFel 
voll beigebracht hatte. 



Sechstes Capitel. 
Von den Zufällen des Verdauungssystems bei Herzkrankheiten. 



Gewissermaßen stehen alle Organe des Unterleibes 
mit dem Herzen in naher Verbindung und können da- 
her bei Krankheiten des letztern leiden; vorzüglich 
aber le den dabei der Magen, die Leber und die Werk- 
zeuge des Schlingens, und zwar auf eine Weise, dafs 
die Herzkrankheit durch die Zufälle dieser Theilemas- 



— 36o — 

kirt werden und der nicht recht aufmerksame oder 
kundige Arzt getäuscht werden kann; wir wollen da- 
her von den Zufallen dieser Theile besonders, handeln. 

Der Magen steht durch seine Nerven, die zu dem 
Gangliarsystem gehören, mit dem Herzen in naher 
Verbindung. Schon die Ucbelkeit und das weichliche 
unangenehme Gefühl im 'Magen, welches der Ohn- 
macht vorhergeht, beweifst dies; noch weit mehr äu- 
fsert sich diese Sympathie in Krankheiten. So wie bei 
Magenleiden leicht Herzklopfen eintritt, so werden 
Herzabel sehr häufig von Magenzufällen begleitet und 
man mufs dieses Verhältnifs kennen, um sich nicht 
durch Magenzuf.'ille blenden und von der Auffassung 
der Hauptkrankheit abziehen zu lassen; z. B. selbst 
Herzentzündung. * 

Die Magenzufälle bei Herzkrankheiten bestehen in 
Uebel'keiten, Schmerzen, Erbrechen, Aufstofsen, Unfä- 
higkeit zu essen bei Hunger, oder auch Abneigung da- 
gegen, zuweilen auch in beständigem Hunger und Er- 
leichterung der Beschwerden auf Befriedigung dessel- 
ben und sie kommen bei der Herzentzündung sowohl 
als bei chronischen Leiden des Herzens vor. 

Schmerzen in der Herzgrube kommen vorzüglich 
bei der Herzentzündung vor; indefs ist es wohl nicht 
immer der Magen, in welchem die Schmerzen ihren 
Sitz haben, sondern es kann auch das Zwergfell oder 
die herabgedrängte Leber seyn. So ist die Gegend 
der Herzgrube auch empfindlich bei grofsen Erweite- 
rungen des Herzens, ohnstreitig aus gleicher Ursache^ 

Entzündungen des Herzens sind auch zuweilen mit 
einem stürmischen Erbrechen verbunden, was auf kein 
Mittel weicht; eben so werden aber auch Lungenent- 
zündungen manchmal niaskirt, wie ich mehrmals ge- 
sehen habe; und der Arzt kann sich außerordentlich 
leicht durch ein solches Leiden täuschen lassen, weil 



— 36i — 

I 

die Krankheitsgefühle, die aus dem Magen kommen,, 
so gar angreifend für den Kranken sind, dafs er nur 
diese dem Arzte klagt und andre minder stark in sei- 
ner Empfindung hervortretende verschweigt-''-). Ferner 
stellt sich Erbrechen ein im Gefolge von Aneurismen 
in der Wurzel der Aorta, wo es Bums mehrmals sah 
(S. 202.), ganz vorzüglich aber als gefährliches Sym- 
ptom manchmal ganz plötzlich und unvermuthet so- 
wohl bei diesem Aneurisma, als auch bei Erweiterung 
des Herzens mit Verdünnung. Im letztern Falle sähe 
ich es einmal und der Kranke starb denselben Tag, 
es war der letzte Act seines Lebens; Burns erzahlt ei- 
nen ähnlichen Fall (S.267. ), der Kranke ward nach- 
dem er sich sehr ermüdet und darauf gegessen hatte, 
plötzlich von einer Empfindung befallen, als stecke 
ihm ein Knochen in der Kehle und er sprang schnell 
vom Stuhle auf, mit starren Augen und einer Ohn- 
macht nahe; die Hände wurden kalt, der Puls unregel- 
mäfsig und kaum zu fühlen, der Buk hatte etwas frem- 
des; er bracJi sich mehrmals und ward erleichtert, acht 
Tage darauf aber starb er plötzlich. Man fand das 
rechte Herz erweitert, und den Vorhof zerrissen, zu 
gleich ein Aneurisma an der Wurzel der Aorta bis an 
den Ursprung der ungenannten Arterie. Ohnstreistig 
war acht Tage früher die Zerreifsung der innern Ar- 
terienhäute eingetreten. 

Blofse Uebelkeit im Magen oder ein weichliches 
Gefühl in demselben kommt sehr häufig bei Herzübeln 
vor, vorzüglich wo das Zwergfell herabgedrängt wird, 
2. B. bei Erweiterugg des Herzens und bei Verwach- 
sung Herzbeutels. 

Merkwürdig ist das Aufstofsen von Luft aus 



•) JuiQUtaud hist. anat. med. obs. 46g. und Burns Seite 7g. 



— > 362 — 

dem Magen, welches die Paroxysmen mancher chroni- 
schen Herzübel begleitet, vorzüglich die Brustbiäune 
und die Erweiterungen des Herzens und der Aorta 
mit Verdünnung der Wände; mitten in den Angstbe- 
schwerden dieser Anfälle bemerkt man auf einmal ein 
Poltern im Unterleibe von Blähungen, worauf sich 
mehrmaliges Aufstofsen einstellt und der Kranke fühlt 
sich dadurch erleichtert. Daher geschieht es denn 
auch, dafs dergleichen Kranke ihr Uebel gern im Ma- 
gen suchen, und ein unkundiger Arzt, der seinen Blick 
kaum auf etwas Weiteres als auf das hervorstechend- 
ste Symptom richtet, kann auch dadurch getäuscht 
werden. Morgagni hat an mehrern Stellen seiner herr- 
lichen Briefe, als dem XVII. 16. Art., dem XVIII. 
17. Art., XXVI. 11. Art. Fälle dieser Art beschrieben, 
wo eine Erweiterung der Aorta Schuld war; noch be- 
ständiger ist diese Erscheinung bei der Brustbräune, 
und Kranke sowohl dieser als jener Art leiden gemeiniglich 
auch nach und nach immer mehr an ihrer Verdauung, 
verlieren den Appetit und können wenig vertragen. 
Diese Erscheinungen sind offenbar das Resultat der 
weitern Ausbreitung des Einflusses der Herzkrankheit 
auf alle übrigen Verrichtungen; im Anfange aber kön-r 
neu sie blos als Störungen der Functionen des, Ma- 
gens und der Därme durch Mitleidenheit angesehen 
werden; wenn man sich aber auch die Erleichterung, 
welche das Aufstofsen, von Luft gewährt, in Fällen von 
Erweiterungen als Wirkung des verminderten Drucks 
vom Unterleibe aus denken wollte, so mufs man doch 
zugeben, dafs in andern Fällen und so bei der Brust- 
bräune, das Aufstofsen selbst schon Folge des nachlas- 
senden Anfalls, und wiederkehrender normaler Action 
des Magens ist. Ganz eigen ist aber noch eine andre 
Erscheinung, die andre z. ß. Corvisart (S. 38i.) und 
auch ich einmal bei Fällen von grofser Erweiterung 



— • 363 — 

gesehen habe, wo die Verdauung am Ende ganz dar- 
nieder zu liegen pflegt, dafs nämlich die Kranken nicht 
nur sehr an Hunger leiden, sondern dafs die öftere 
Befriedigung desselben ihnen sogar eine vorübergehen- 
de, aber wahre Erleichterung bei ihren namenlosen 
Qualen gewährt. Vielleicht dafs in diesen Fällen der 
Magen, wenn er in eine mäfsige Action versetzt wird 
das Lasten der aus der Brusthöhle herunterdrängenden 
Theile und des Zwergfells etwas vermindert; so viel 
ist wenigstens gewifs, dafs diese Art von Hunger nicht 
eine blofse Phantasie oder krankes Gefühl eines Be- 
dürfnisses ist, indem eine sehr deutliche Erleichterung 
auf einigen Genufs folgt. 

Ich komme auf die Zufälle, welche bei Herz- 
krankheiten von der Leber herrühren. Ich bemerke 
sogleich, dafs man zweierlei Arten von harten Ge- 
schwülsten in der rechten Oberbauch- und Magen- 
gegend unterscheiden müsse, welche bei Herzkrank- 
heiten vorkommen; beide rühren von der Leber her, 
die man mehr oder weniger weit unter die Ribben 
herabgetrieben fühlt; die eine Art ist eine Vergrölse- 
rung der Leber mit oder ohne Härte ; diese begleitet 
die Herzkrankheiten ziemlich oft, und wir müssen un- 
tersuchen, in welchem Causalverhältnisse die letztern 
zu ersteren stehen; die andre Art aber ist ein Phäno- 
men, welches von Herabsenkung der Leber abhängt und 
bei gewissen Zuständen der Herzkrankheiten manch- 
mal schnell eintritt, daher es sehr leicht täuschen 
kann; und wir müssen es genau zu würdigen wissen» 
Ich will mich zuerst mit diesem beschäftigen. 

Ich habe diese Erscheinung zuerst bei einem Kran- 
ken wahrgenommen, der zu Folge früherer Herzfehler 
in eine schleichende Entzündung des Herzens und end- 
lich Schlagflufs verfallen war; ich gestehe, dafs sie 
mich täuschte,, in so fern ich sie für eine chronisch© 



— 364 — 

Stockung der Leber hielt, die so oft die Herzkrank- 
heiten begleitet; die Section, bei der ich eine Quer- 
lage des entzündeten Herzens fand, aber auch nicht , 
den geringsten Fehler der Leber, belehrte mich über 
meinen Irrthum. Nachher habe ich ganz dieselbe Er- 
scheinung bei Erweiterungen der Adrta und des Her- 
zens beobachtet, und finde, dafs auch andere Beob- 
achter dieselbe anFühren , ohne sich über den Zusam- 
menhang derselben mit der Hauptkrankheit herauszu- 
lassen. Einen dem meinigen sehr ahnlichen Fall er- 
zählt Burns (S. 203 u. folg.)," auch hier war zwei Jahre 
vorher eine schleichende Entzündung vorhergegangen, 
Welche Beklemmung und andere Symptome eines 
chronischen Herzfehlers zurückgelassen hatte ; eine 
neue Entzündung tödtete die Kranke, und man gab 
ihr in der Krankheit, nachdem man bei der Unter- 
suchung eine Vergröfserung der Leber bemerkt hatte, 
Quecksilber, ohnstreitig in der Idee, dals dieses Organ 
entzündet oder doch mitleidend sey. Einen ähnlichen i 
Fall erzählt derselbe S. 97 u. folg. und einen dritten 
S. 129, bei welchem merkwürdig seyn dürfte, dafs 
hier gerade der Fehler in einer ungemein abnormen 
Kleinheit des Herzens lag. Ich mache auf diese Er- 
scheinung um deswillen aufmerksam, damit man nicht 
die Hauptkrankheit in solchen Fällen in der Leber 
suche., die hier immer nac}i dem Tode ganz gesund 
gefunden wird ; der Grund der fühlbaren Geschwulst 
mufs daher in einem Herabsinken der Leber liegen, 
und das Moment, welches die Leber dazu bestimmt, 
kann nicht- immer Druck seyn, da jene Erscheinung 
bei abnormer Kleinheit des Herzens vorkommt, und 
da, wie es scheint, dieses Sinken schnell vor sich 
gehen kann; ich bin daher auf die Idee gekommen, 
ob die Hauptursache nicht in einer Erschlaffung des 
Zwer^fells liegen möchte, die bei Herzkrankheiten 



— 365 — 

durch consensuelle Affectiori erzeugt wird ? Auf alle 
Fälle ist die Erscheinung selbst für die Beuitheilung 
der Herzkrankheiten nicht gleichgültig. 

Was die zweite Art von Geschwulst in den Magen- 
und Oberbauchgegend anlangt, die von deutlich fühl- 
barer Vergrößerung der Leber abhängt und chroni- 
sche Herzübel begleitet, so haben schon alte Beobach- 
ter das Zusammenseyn beider Krankheitszustände häufig 
angemerkt, allein Corvisart hat zuerst das wahre Ver- 
hältnifs derselben angegeben. Er sagt (S, 448): die 
Leber erleide in den Fällen von Herzkrankheiten, wo 
die untere Hohlader nur mit Schwierigkeit ihr Blut in 
das rechte Herzohr entladen könne , besondere Ver- 
änderungen, welche dann besonders, wo allgemeine 
Wassersucht zugleich Statt findet, leicht täuschen könne. 
Fast in allen Herzkrankheiten werde sie der Sitz von 
Blutanhäufungen oder Stockungen, und nehme daher, - 
besonders in den letzten Zeiträumen dieser Krankheit, 
ganz aufserordentlich an Umfang zu, so dafs ihr unte- 
rer Rand tief unter den Wänden der Brust iühlbar 
Werde, indefs ihre convexe Fläche hoch in die Brust 
hineinrage. Er warnt daher die Aerzte, dafs sie in 
solchen Fällen nicht etwa die Wasseransammlungen als 
Folge einer Leberverhärtung, oder die Vergröfserung 
dieses Organs als Symptom einer Entzündung dessel- 
ben ansehen sollten. In der That ist diese Vorstel- 
lungsart ganz der Natur gemäfs und stimmt mit mei- 
lien Beobachtungen vollkommen überein. Indefs hat 
Testa Zweifel darüber erhohen, und ßrera *) will gar 
die Zufälle der Brustbräune von der Leber, nämlich 



*) Della Stenocordia, malattia volgarmente conosciuta sotto il 
nome di angina pectoris. Verona 1310, und im i5- Band 
der Abhandlungen der Italienischen Gesellschaft der Wissen- 
««haften. 



— 366 — 

ihrer Vergröfserung herleiten, wodurch das Herz aus 
seiner Lage gedrängt und zusammengedrückt werde. 
Testa selbst bemerkt (S. 65 u. folg.). er habe in den 
Leichen derer, die an Herzkrankheiten gestorben wa- 
ren, meistens eine widernatürlich grofse Leber gefun- 
den, und führt als Ausnahmen einige Fälle an, wo die 
Leber klein und hart bei Herzkrankheiten gefunden 
ward. Indefs, meint er doch, in vielen Fällen von 
Herzkrankheiten, die nicht angeboren waren, und nicht 
lange gedauert hatten, habe er die Leber nicht ver- 
gröfsert gefunden, sondern nur in denen, welche von 
besondern Ursachen sich erzeugt hatten; dies sowohl, 
als die Betrachtung, dafs er von Anschwellung der 
Leber so unendlich oft Zusammendrückung der Lun- 
gen und Fehler der Eingeweide der Brust habe ent- 
stehen sehen, lasse ihn glauben, dafs die Herzkrank- 
heiten vielmehr oft durch die Leberfehler bewirkt 
werden. Er erzählt zugleich einen Fall von Milzver- 
gröfserung, der tödtlich ablief, und wo man eine Er- 
weiterung des rechten Herzens fand. Allein man kann 
wohl dreist behaupten, dafs Vergröfserung der Leber 
ein häufiges Produkt der Herzkrankheiten sey ; denn 
dieser Zustand ist in der Regel gar keine eigentliche 
sogenannte Verstopfung, sondern mehr eine gröfsere 
Entwicklung dieses Organs ohne alle Härte; daher 
Jfliefst eine grofse Menge Blut heraus, wenn man nur 
einen oberflächlichen Einschnitt in dasselbe macht, 
und was wohl am meisten beweist, die Kranken leiden 
bei diesem Zustande nicht an den Verdauungsbe- 
schwerden, welche von wahrer Leberverstopfung im- 
mer bewirkt werden ; man darf sich auch darüber nicht 
wundern, wenn die Leber in solchen Fällen empfind- 
lich ist und beim Druck schmerzt, denn wie sollte 
dies bei der grofsen Blutanhäufung anders seyn kön- 
nen ? In der That kann man sich die Anschwellung 



— 367 — 

der Leber bei gehindertem Einflufs des Blutes in das 
rechte Herz nicht anders, als noth wendig erfolgend 
denken, wenn man sich erinnert, dafs dieses schwam- 
mige Eingeweide aufserordentlich leicht zu Auftretun- 
gen geneigt ist; aber nicht blos der mechanische Zu- 
sammenhang der Leber mit dem rechten Herzen ver- 
mittelst der Hohlader, sondern auch die organische 
Verbindung der Lungen und der Leber läfst uns ein- 
sehen, dafs, wo das wichtige , zwischen beiden befind- 
liche Organ, nämlich das Herz krank ist, die Function 
der Leber so sehr gestört werden müsse, als die der 
Lungen; wenn die Ausbildung der Lungen und der 
Leber im ganzen Thierreicfoe in einem umgekehrten 
Verhältnisse steht, und wenn es wahrscheinlich ist, dafs 
die Leber dem Blute Kohlen- und Wasserstoff ent- 
zieht, so läfst sich begreifen, wie bei Herzkrankheiten 
dadurch, dafs die Oxydation des Bluts durch das 
Athemholen vermindert ist, ein Th eil dieser Verrich- 
tung auf die Leber gewalzt werden müsse, wie im 
Leben des Fötus, und dafs sie sich schon um deswil- 
len mehr entwickeln müsse. Dies scheint aber selbst 
bei den angebornen Herzfehlern der Fall zu seyn. 
Mekel, welcher (in seiner pathol. Anatomie i. B. S. 444) 
die Beobachtungen der Schriftsteller darüber verglichen 
hat sagt, der Zustand der Leber sey selten beachtet, 
Wenigstens nicht angegeben worden, indefs wird Ver- 
eröfserung derselben in einem von Obet *) erzählten 
Falle genannt. Ich bemerke noch, dafs der von Testa 
angeführte Fall gar nicht für ihn beweisend ist; er 
säet selbst, die Anschwellung der Milz sey bereits um 
die Hälfte vermindert gewesen, als auf einmal Ver- 



•^ Harles Annalen der ausländischen Medizin und Chirurgie 
%. Ta. »• fc» Nürnberg 180$. 



— 368 — 

Schummerung der Zufälle, nämlich heftiger Husten, 
Blutauswurf, gröfsere Beengung, Blutungen eingetre- 
ten, und in vier Tagen der Tod erfolgt sey; also Ver- 
schlimmerung der Symptome, bei Verminderung der 
Ursache; allein so geht ed, wenn man einmal etwas 
sehen will; jene Verschlimmerungen sind der ganz ge- 
wöhnliche Gang von Erweiterungen des rechten Her- 
zens ; . zu Gunsten einer Vorstellung soll aber hier 
doch die schon halb geheilte Milz verstärkten Druck 
auf das Herz und den Tod bewirkt haben. Man mufs 
übrigens wissen, was ich unzähligemale in Italien sähe, 
dafs Milzvergröfserungen unter dem gemeinen Manne 
in Oberitaiien eine äufserst gemeine Sache sind ; da- 
her solche Gomplicationen in diesem Lande sehr häufig 
zufällig mit Herzkrankheiten vorkommen mögen; al- 
lein der sehr verdiente Professor Rezia hat schon vor 
vielen Jahren in einer kürzlich von neuem abgedruck- 
ten Abhandlung durch anatomische Untersuchungen 
solcher Zustände der Milz und der Leber bewiesen, 
dafs bei ihnen durchaus gar keine Verstopfungen Stau 
finden, und dafs sie nichts anders, als krankhafte Ent- 
wickeln gen dieser Organe sind. Uebrigens kann es 
auch geschehen, dafs eine .andre wahre Krankheit der 
Leber oder der Milz mit Herzkrankheiten zusammen- 
trifft; allein was den Einflufs dieser Organe auf Er- 
zeugung von Herzkrankheiten anlangt, so kann ich 
denselben nur als einen sehr entfernten ansehen. Wir 
werden bei Betrachtung der Ursachen der Brustbräune 
davon mehr zu sagen haben, wo Brera's Meinung ei- 
ner Kritik zu unterwerfen ist; hier bemerke ich nur 
soviel , dafs wohl die schlaffen Lungen weit mehr als 
das starke Herz von der vergröfserten Leber zusam- 
mengedrückt werden müfsten, dafs aber bei der Brust- 
bräune schlechterdings gar keine wahre Beengung des 
Athmens Statt findet; dort werde ich zeigen, dafs ' 

Brera 



— 369 — 

Brera die Wirkungen abnormer Herzzustände ganz 
und gar nicht, und eben so wenig einmal das Verhal- 
ten der wahren Brustbräune kennt, sondern die ver 
schiedenartigsten Zustünde mit einander vermengt. 
Höchst wichtig aber ist die richtige Beurtheilung des 
Verhältnisses der Vergrößerung der Leber zu den 
Herzkrankheiten für die Behandlung; wenn auf der 
einen Seite auflösende Mittel oder gar Aderlässe einen 
Kranken, dessen Herzkrankheit weit vorgerückt ist, 
leicht tödten könnten und Würden, im Fall sie in der 
Idee gebraucht wurden, es sey Entzündung der Leber 
vorhanden; so wird durch eine zweckmässige Behand- 
lung, welche der Krankheit des Herzens entspricht, 
der ganze Zustand des Kranken erleichtert werden, 
und ich selbst habe z. B. beim Gebrauche des Fingej» 
huts in solchen Fällen die Verdauung sich bessern ge- 
sehen, obgleich sonst dieses Mittel allein im Stand© 
ist, den Magen zu belästigen. 

Ich füge diesen Betrachtungen noch einiges über 
das erschwerte Schlingen bei Herzkrankheiten 
hinzu. Dieser Zufall kommt nicht selten bei ihnen 
vor; ich habe schon früher bemerkt, dafs Aneurysmen, 
der Aorta, sobald sie sich am Bogen derselben befin- 
den, die Speiseröhre zusammendrücken, und es ist 
daher die Kenntnifs dieses Zufalls für die Diagnose 
dieser Krankheit wichtig; ich habe ferner schon früher 
von dem Consens des Halses mit dem Herzen gespro- 
chen und bemerke daher hier nur, dafs Entzündun- 
gen des Herzens und der grofsen Gefäfse nicht selten 
mit einer Bräune sich verbinden; allein diese Mitlei- 
denheit des Halses und der Speiseröhre bei Herz- 
krankheiten änfsert sich auch nicht selten in der Form 
eines Krampfes; ich habe die Art von Halskrampf da- 
bei gesehen, wobei derselbe schnell aufschwillt, aber 
auch ein durch Krampf gehindertes Schlingen, was 

CM } 



— 370 ~ 

periodisch war, und zwar nicht im obern, sondern 
vielmehr im untern Theile der Speiseröhre nahe an 
der Mündung in den Magen von dem Kranken be-' 
merkt ward; es war dies in Fällen von Erweiterung 
des Herzens und der Aorta, allein demohngeacbtet 
konnte Druck derselben nicht Schuld seyn, da die 
Hemmung in der Speiseröhre weit tiefer bemerkt 
ward. Dieser Zufall kann bei zärtlichen Frauenzim- 
mern, welche demselben so leicht unterworfen sind, 
einen unkundigen Arzt tauschen, und eine Herz- 
krankheit für eine krampfhafte ansehen lassen, daher 
ich seinen Zusammenhang mit den Herzübeln an- 
führe. 

Ich darf auch nicht vergessen zu bemerken, dafs 
man in einigen Fällen gehindertes Schlingen in Ver- 
bindung mit Herzklopfen und Sufrbcationszufällen zu 
Folge einer eignen Abweichung der Vertheilung der 
grofsen aus der Aorta abgehenden Gefäfsstämme be- 
merkt hat. Einen Fall dieser Art erzählt Autenrieth *), 
wo die rechte Schlüsselbeinarterie linker Hand aus 
der Aorta entsprang, und nun zwischen der Luft- und 
Speiseröhre nach der rechten Seite gieng; einen ähn- 
lichen hat Bayford **) , wo sie eben so entsprang und 
hinter der Speiseröhre zum rechten Arme gieng. 



*) Autenrieth et Pfeiderer Dissert; de dfsphagia lusoria* 
Tubingae i8oö. 

*•) Memoirs of the med. tociety of London. Tom. II. 1789« 



— 3?i — 
Siebentes Capitel. 

Von einigen Zufallen der Herzkrankheiten, welche sich auf 
der Oberfläche des Körpers zeigen. 



Ich fasse hier noch einige Symptome der Herz- 
krankheiten zusammen, welche sich vorzugsweise auf 
der Oberfläche des Körpers abspiegeln und als cha- 
rakteristisch angesehen werden müssen. Dahin gehört 
i) die blaue raarmorirte Hautfarbe , welche bei man- 
chen Herzübeln ein wesentliches Symptom ist, weshalb 
man selbst eine besondre Form von Herzkrankheit un- 
ter dem Namen von Blausucht aufgestellt hat; 2) die 
Blutungen aus der Nase und Ergiefsungen von Blut 
in Höhlen des Körpers; 3) die Ergiefsungen von serö- 
sen Feuchtigkeiten theils auf der ^Oberfläche, thsils 'in 
innere Höhlen; 4) wu *l * cn des Brandes der Glied- 
mafsen noch gedenken, der als Produkt mancher Herz- 
übel manchmal beobachtet worden ist; 5) etwas über 
die Lage und Stellung sagen, welche Herzkranken 
eigen oder gewöhnlich sind. 

1. Die Blausucht. 

Man hat dieses Symptom eben so unrechtmäfsiger- 
weise zu der Würde einer specielien Herzkrankheit zu 
erheben angefangen, wie man es früher mit dem Herz- 
klopfen, und der Ohnmacht gemacht hat. Ich habe 
dieses Zufalls mehrmals gedacht und bei der tabella- 
rischen Aufstellung der wesentlich verschiedenen ab- 
normen Zustände des Herzens habe ich bereits der 
angebornen Fehier der Bildung des Herzens gedacht, 
Wovon diese Erscheinung oft abhängt. Allein da nicht 
nur diese und andere Herzfehler, welche sich erst im 
Verlaufe des Lebens erzeugen, ein bleibendes blaues 



— 372 — 

und marmorirtes Ansehen der Oberfläche des Körpers 
begründen, sondern dasselbe Phänomen von andern 
Krankheitszuständen abhängen kann, die nichts mit 
dem Herzen zunächst zu thun haben, so müssen wir 
den Namen Blausucht, in so fern er eine besondre 
Form von Herzkrankheit bezeichnen soll, verwerfen; 
es ist aber hier der schicklichste Ort, das Verhältnifs 
eines blaulichten Ansehens der Haut zu den verschie- 
denen Krankheitszuständen, bei welchen es als Folge 
erscheint, zu entwickeln und die Umstände zu erläu- 
tern, unter welchen es Symptom und Zeichen einer 
Herzkrankheit seyn wird. 

Bekanntlich wird das Gesicht bald blau und auf- 
getrieben beim Husten, bei engen Halsbinden u. s. w., 
also bei gehindertem Rückflufs des Blutes nach dem 
Herzen durch das Strotzen der Venen; daher begleitet 
denn ein blaues Ansehen ganz vorzüglich die Krank- 
heiten der Lungen, und erster es steht immer mit dem 
Grade der Hemmung des Blutes in den Lungen in 
gleichem Verhältnifs. Dieser Zustand ist indefs vor- 
übergehend, z. B. bei asthmatischen Zufällen oder der 
Lungenentzündung, oder es folgt der Tod, wenn die 
Ursache der Hemmung nicht gehoben werden kann, 
gemeiniglich bald, "%? B. bei Brustwassersucht, bei ver- 
schlossenen Abscessen in den Lungen, bei allgemeiner 
Wassersucht, wenn das Zwergfell sehr hoch in die 
Brust herauf gedrängt wird. Allein es giebt auch Zu- 
stände der Lunge, wobei das Leben lange bestehen 
Kann, welche von diesem blauen Ansehen anhaltend 
begleitet werden. Solche Fälle sind von Lentin *), 
Trotter #*) und Maacet ***,) beschrieben worden. 



•) Beiträge zur prakt. Arzneiwissenschaft, a. Band. S. 68. 

••_) Sammlungen auserl. Abhandl. f. pr. Aerzte, 17. Bd. S. ioj. 

• M ) Med. and turgival Journal of Edinbourg «805. >S;.l. p. 412, 



— 373 — * 

In diesen Fällen fand besonders eine sehr starke und 
feste Verwachsung des Ribbenfells mit den Lungen 
und de.m Zwergfell Statt, und zugleich waren die Lun- 
gen schadhaft. Man hat aber auch manchmal in Fie- 
berkrankheiten eine blaue Hautfarbe als ein regel- 
mäfsiges Symptom beobachtet, wo man gar keine Spur 
eines Lungen- oder Herzleidens entdecken konnte» 
Diese Bemerkungen lehren nun, dafs in Fällen von 
habitueller blaulichter Hautfarbe man immer zuerst 
untersuchen müsse, ob dieselbe von einem Fehler der 
Lunge oder des Herzens abstamme. 

Wenn dieser Zufall aber, wie es allerdings noch 
öfter geschieht, Fehler des Herzens begleitet, so sind 
dies in den meisten Fällen angeborne; allein dieser 
Krankheitszustand kann auch Produkt von erworbenen 
und während des Lebens erst entstandenen Fehlern 
des Herzens seyn. Von beiden Fällen haben wir da- 
her das Nöthige zu erörtern. Es lassen sich aber die 
Misbildungen des Herzens., wovon Blausucht herrührt, 
auf zwei Klassen bringen; die erste begreift solche 
Fehler, welche das Einströmen des Bluts in die Lun- 
gen durch Fehler des Ursprungs der Lungenarterie, 
z. B, Verwachsung, Verknöcherung ihrer Klappen, oder 
wegen Verengung dieser Schlagader in ihrem Verlauf 
sehr einschränken; oder umgekehrt die regelmäßige 
Entladug der Lungenvenen in den linken Vorhof we- 
gen Verengung des Eingangs in die linke Kammer, 
z. B: durch VerknöclierUng, Ver wachsung . Ausartung 
der Mitralvalvel hindern, In beid. n Fällen kann in 
einer gegebenen Zeit bei weitem nicht so viel Flut 
•durch die Lungen umfliefsen und folglich ge>äuert 
werden, als wo diese Wege aus dem Herzen oder in 
dasselbe .zurück frei sind, und es mufs ein grobes 
Mifsverhältnifs zwischen dem großen und kleinen Krfeis- 
lauf eintreten. Diese beiden Krankheitszustände sind 



— 374 — 

wohl kaum je angeboren , sondern erzeugen sich zw 
Folge dynamischer Krankheiten des Herzens, beson- 
ders von Entzündungen. Andere Ursachen der Blau« 
sucht aber liegen in angebornen ßildnngsfehlern des 
Herzens , und man kann sie auf folgende zurück- 
fuhren. 

i) Entweder dauert die Fötalbildung des Herzens 
in dem selbstständigen Leben fort, z. B. das eirunde 
Loch öcfer der Botallische Gang, oder eins von bei- 
den bleibt offen, anstatt dafs sich beide nach- und 
rw ch schliefsen, beide Herzhälften selbstständig wer- 
den und ganz von einander geschieden seyn sollen, 
so dafs auf diese Weise das durch die Hohladern zu- 
rückkehrende venöse Blut zum Theil sogleich wieder 
in den linken Vorhof oder durch jenen Gang in die 
Aorta getrieben wird, ohne vorher in den Lungen ge- 
reinigt zu werden; in diesem Falle ,wird folglich eben- 
falls bei weitem weniger Blut in einer gegebenen Zeit 
gesäuert, als wo kein Theil der Blutwelle sogleich 
wieder aus dem rechten Herzen in das linke abgeleitet 
wird *), oder 

2) die Ausbildung des Herzens im Mutterleibe er- 
reicht nicht einmal jenen Grad von Vollkommenheit, 
bis zu welchem es der Regel gemäis im Mutterleibe 
, ausgebildet werden soll. Beobachtungen am mensch- 
lichen Fötus nämlich und noch genauere am bebrüte- 
ten Eie v haben gelehrt, dafs das punctum saliens oder 
der Keim des Herzens anfangs einfach ist, nur aus 



*) Falle dieser Art beschreiben Vieussens t'raite da coeur, Chap. 
x6. Morgagni tp; XV II. art. 12. Tocconi commentar. in- 

- stituti Bononiensis anni 17SV T. VI. Seiler in Horns Ar- 
chiv ö. Band S. 204. Spry Mem. of the medical joe. of 
London, T. VI1J. p. 157. Auch Bums und Testa, wiewohl 
letzterer den dadurch hervorgehenden Kraukheitszustand nicht 
gehörig gewürdigt hat. 



— o/o ■— 

dem linken Herzen besteht, und dafs das rechte Herz 
erst später gleichsam aus diesem herauswächst und sich 
an das linke ansetzt; wird nun diese Bildung durch 
innere Ursachen gehemmt, und bleibt dieselbe in Mut- 
terleibe auf einer niedern Stufe stehen, so wird ein 
menschliches Wesen geboren, dessen Herz einen weit 
einfachem Bau hat als das Leben, wozu der Mensch 
bestimmt ist, erheischt. Nach dieser Ansicht nun*kann 
man folgende zwei Hauptarten Von Mifsbildungen un- 
terscheiden, welche Gelegenheit zur Blausucht geben 
und wobei das Leben aufser der Gebärmutter längere 
oder kürzere Zeit, wenn auch sehr eingeschränkt, be- 
stehen kann. 

a) Das Herzbesteht biosaus einer Vorkammer und aus 
einer Kammer; es gleicht demnach wirklich dem 
Herzen der Thiere aus der niedern Reptilien Ord- 
nung, oder der Batrachier. Einen solchen Fäll be- 
schreibt Wilson*). Aus der einzelnen aber sehr gro- 
fsen Kammer entsprang die Aorta und diese gab 
nur für die Lungen ihre Zweige ab, was aber 
• . noch weit merkwürdiger fast war, das Herz lag 
hier im Unterleibe in einer Höhle der Leber, nur 
von einem dünnen häutigen Sack umgeben, indem 
die eigentlichen Hautbedeckungen vom Ende des 
Brustbeins an, bis zur Mitte des Unterleibes 
fehlten, und doch lebte dieses ausgetragene Kind 
sieben Tage lang und starb an dem Brande jenes 
Sacks. Aehnliche Beispiele haben Standen**) und 
Tiedemann***) beschrieben. 



f) Reil's Achiv für Physiologie 4' Band, S. 448 aus dem Phi- 
losoph, transactions vom Jahre 1798. 

*S\ Harlcs und Ritter neues Journal für ausländ, mediz. Littera r 
tur 7. Band 1. Heft, aus den Philosoph, transact. vom Jahre 

♦••) Zoologie 1. Band, 1. Stück Seite 177 ' 



— 376 — 

b) Das Herz besteht aus zwei Vorkammern und aus 
einer Kammer; es gleicht also der höhern Form 
der P«.ep tilienb erzen. Diese Fälle sind häufiger 
und bestehen eigentlich zunächst in der Misbil- 
dung, dafs sich die Scheidewand zwischen den 
Kammern entweder gar nicht oder in verschiede- 
nen Graden unvollkommen ausbildet, so dafs im- 
mer eine Verbindung zwischen beiden Kammern 
bleibt, je nachdem diese Scheidewand sich mehr 
oder weniger ausgebildet hat. In eben diesem 
Verhältnisse scheint die Aorta entweder ganz oder 
zum Theil aus dem rechten Herzen zu entstehen; 
die OefFnung zwischen den Kammern befindet sich 
fast immer nach unten zu und ist von ganz ver- 
schiedener Weite. Hunt er konnte seinen Daumen 
hineinstecken, Corvisart nur den kleinen Finger. 
Es ist dabei zn merken, dafs' die Gefäfsvertheilung 
bei dieser Misbildung des Herzens verschieden ist; manch- 
mal nämlich ganz so, wie bei den Reptilien, dafs die 
3Lungenarterien als Aeste aus der Aorta entspringen, 
die doppelt -aus den Herzkammern entspringt, wovon 
ein Theil die aufsteigende, der andre die absteigende 
Aorta macht, von welcher die Lungenarterien abge- 
hen.^ Einen solchen höchst merkwürdigen Fall sähe 
ich selbst und werde ihn im zweiten Theil beschreiben. 
Meisten theils entspringt jedoch die Lungenarterie für 
sich aus dem Herzen*). Eine andre Bemerkung, die 
wir hier zu machen haben, besteht darin, dafs, wenn 



*) Fälle «lieser Art haben beschrieben Pulteney medic. transact. 
Vol. III, p. 339., Hunter med. observ. and inq. V. VI., 
Sammlung f. pr . Aerzte 17. Bd. S. 475., Sand if ort observ. 
anatom. pathol. L. I. r. 1. p. 299., Nevin Med. comment. 
by Duncan Dec. IL Vol. IX. u. X. , Abernetry chir. u. phy- 
siolog. Versuche a. Bd., Bniliie Samml f. pr. Aeme 20. Bd. 
( hier entstand die Aorta aus dem rechten und die Lungen- 



~~ 377 —• 

bei angebornen Fehlern der Art, wie wir sie betrach- 
tet haben, entweder sogleich nach der Geburt oder 
doch in den ersten Wochen, Monaten oder Jahren des 
Lebens, nach Beschaffenheit der Gröfse des Fehlers, 
Krankheitssymptome als Folgen davon zum Vorschein 
kommen, gleichwohl auch zuweilen eine Verbindung 
der rechten und linken Seite des Herzens durch Of- 
fenseyn der Scheidewand der Vorkammern in den 
Leichnamen der Erwachsenen beobachtet worden ist, 
welche erst mitten im Verlaufe ihres Lebens dieselben 
Symptome von Krankheit erfahren hatten. Es läfst 
sich daher kaum zweifeln, dafs das eirunde Loch zwi- 
schen den Vorkammern sich wiederum im Verlaufe 
des Lebens eröffnen könne. Abernetty ist dieser Mei- 
nung, zumal da er in einem Jahre bei i5 Personen 
diese Oeffhung so " weit offen fand, dafs er bequem 
einen Finger einbringen konnte, und leitet die Wieder- 
eröffnung vorzüglich von Lungenfehlern her, wodurch 
die rechte Vorkammer mit Blut überladen wird. Tac- 
coni glaubt auch, dafs in seinem v Falle ein Fall von 
einer Höhe die Veranlassung dazu gewesen sey, und 
in dem Falle eines Postillons, welcher nach Corvisarts 
Bericht nach zweimal erlittenen Gewaltthätigkeiten 
auf der Brust an Herzleiden starb, die mit Blausucht 
verbunden waren, scheint die aufser andern Fehlern 
gefundene Oeffhung in der Scheidewand der Herzvor- 
kammern ebenfalls auch entstanden zu seyn. 

Bei allen diesen verschiedenen Bildungsfehlern des 
Herzens bemerkt man als bleibende Folge eine blaue 
Farbe der Haut, womit sich viele andre Beschwerden 



arterie aus dem linken Herzen), Corvisart u. Mekel in ReiTa 

Archiv für Physiol. 9. Bd. 1. Hefr., Prochaska Bulletin de la. 

Societe de Med. de Paris 1801. p. i53-> Cailliot und Dural 
ebendaselbst u. mehrere. 



— 373 — 

verbunden. Wir haben hier nur von dem Causalzu- 
sammenhange dieses blaulichten Ansehens mit verschie- 
denen Krankheitszuständen des Körpers zn sprechen, 
und ich habe nur darum schon hier die anatomischen 
Bedingungen dieser abnormen HautbeschafFenheit hier 
aufgestellt, um eine klare Einsicht der Verhältnisse zu 
bekommen, bei welchen Blausucht von Herzkrankhei- 
ten abhängen kann. Die Erörterung der ganzen Krank- 
heit, die daher entspringt, versparen wir bis auf den 
zweiten Theil, rdern die ange?eigten Bildungsfehler 
des Herzens ein eignes für sich bestehendes Hauptmo- 
ment von Herzkrankheit ausmachen, nach welchem 
Eintheilungsgrunde wir dort die Herzkrankheiten be- 
trachten werden. 

Die nächste Folge der genannten Bildungsfehler 
kann nun keine andere seyn, als dafs schwarzes oder 
venöses Blut, ohne durch die Lungen zu gehen, so- 
gleich wieder in das linke Herz und in die Aorta ge- 
führt, folglich hier mit dem aus den Lungen zurück- 
kehrenden und gesäuerten Antheil von Blute vermischt 
den Kreislauf durch den Körper von neuem beginnt; 
bei diesem Zustande kann bei weitem keine so grofse 
Menge Blut in einer gegebenen Zeit durch das Athem- 
holen gesäuert werden, als wo die beiden Herzhälften 
von einander ganz abgesondert sind, und wir lernen 
die Folgen dieser unvollkommenen Säuerung des Blu- 
tes, die sich zunächst durch das blaue Ansehen der 
Kranken verräth, aus dieser eignen Art von Misbil- 
dung des Herzens genauer kennen. Die Betrachtung 
aller andern gehört jedoch an einen andern Ort; die 
blaue Farbe der Oberfläche aber rührt eben daher, 
dafs die Venosität im Blute vorwaltet; daher das Blut 
solcher Kranken auch immer schwarz erscheint, wenn 
es aus der Ader gelassen wird und nicht hellroth, son- 
dern ins Dunkle spielend, wenn man das Arterienblut 



— 379 — . 

splcher Kranken prüft; es ist zu gleicher Zeit aufge- 
löst und wenig gerinnbar, so dafs man auch die Nei- 
gung solcher Kranken zu Blutungen davon hergeleitet 
hat. Jedoch von dieser Erscheinung werden wir zu- 
nächst, von der Unterscheidung der Blausucht aber, 
je nachdem sie von Fehlern der Lungen oder des 
Herzens abhängt, in dem speciellen Theile mehr sa- 
gen-). 

2) Neigung zu Blutungen. 

Man kann die Neigung zu Blutungen unter die 
gewöhnlichsten und charakteristischen Zufälle der Herz- 
krankheiten zählen und sie verdienen daher hier eine 
nähere Betrachtung. Im Grunde gehört dahin schon 
der Schlagflufs und der Bluthusten, wovon wir bereits 
gesprochen haben. Eben so kommen aber auch Blut- 
ergiefsungen in andre innere Höhlen bei diesen Krank- 
heiten vor. Corvisart erzählt den Fall einer Erweite- 
rung des rechten Herzens mit Verengung der OeiF- 
nung der linken Herzkammer, wobei sich ein anhal- 
tender blutiger Durchfall eingefunden hatte, den der 
Kranke für Dysenterie hielt und weshalb er eigentlich 
in das Hospital kam,, denn er hatte vom Winter an 
bis Anfang Junius daran gelitten. Früher hatte er sehr 
häufiges und heftiges Nasenbluten gehabt (S. 201.). So 
bemerkt derselbe ferner dafs er den Magen solcher 
Personen, welche an Herzkrankheiten gestorben waren» 
oft mit Blutpfröpfen von dunkler Farbe angefüllt ge- 



*) Die Hauptverdienste um die nähere Kennrnifs der Bedingung 
gen der Blausucht haben sich ohnstreitig Mekel der 3te und 
Kasse erworben, der erstere in anatomischer, der letztere in 
physiologischer Hinsicht, in den schon angeführten Schriften, 
letzterer zuerst in ReiTs Archiv für Physiologie ior Bd. 2tes 
Heft, und im Anhange zu Eurns Schrift 'über die Herzkrank- 
heiten. 



— 38o — 

funden hkhe, die sich sogar durch alle dünne Därme 
fortsetzten; er ist der Meinung, welcher man völlig 
beistimmen kann, dafs dies Blut nicht nach der ge- 
wöhnlichen Meinung von den vnsis brevibus herrühre, 
indem er nie eine Spur von Ausdehnung in diesen 
habe entdecken können, sondern vielmehr aus der Le- 
ber unmittelbar durch Uebergang in die Gallenwege 
komme, da die Leber fast immer bei diesen Krankhei- 
ten mit Blut überladen sey. Ja darselbe fand sogar, 
dafs wenn er nach dem Tode einen kleinen Stich in 
die angeschwollenen Halsvenen machte, das Blut in 
einem ununterbrochenen Strome zu mehrern Tellern 
herauslief, wie es bei einem Aderlafs am Halse kaum 
im Leben der Fall ist. 

*Tes ta rechnet die Blutungen unter die wichtigsten 
Kennzeichen der Herzkrankheiten (S. 382) und For- 
lani-') hat den Zusammenhang der Erweiterungen des 
Herzens mit varicösen Zuständen des Venensystems 
ebenfalls nachgewiesen. Burns führt zwar Blutungen 
als Begleiter dieser Krankheiten an, hat sie aber kei- 
ner besondern Betrachtung gewürdigt, ja er scheint 
mir sogar zu irren, wenn er das Bluthusten, welches 
bei Erweiterung des rechten Herzens oft vorkommt, 
von einer vermehrten Thätigkeit des Herzens und folg- 
lich einem vermehrten Einströmen von Blut herleitet (ß.6 1 ), 
denn das .ausgeworfene Blut ist immer schwarz, leimartig, 
dick, es mag ein Hindernifs des Rückflusses aus den 
Lungen (wie bei Burns S 33.) in dem linken Her- 
zen, oder eine Erweiterung der rechten Herzhälfte die 
"Veranlassung seyn, wie bei Corvisart (S. 102 u. 108) 
oder beides wie bei Burns (S. 198) da seyn; der 
Bluthusten ist daher bei Herzkrankheiten wohl immer 



*) Rariores observat. med. pract. Dec. I. p. 75- Senis 176g. 



— 38* — 

ein venöser, und es streitet auch mit der Natur einer 
Ausdehnung und Verdünnung der Herzwände, dafs 
diese zu einer vermehrten Kraftäufserung fähig seyn 
sollten. Entsteht also Lungenblutflufs bei Erweiterung 
des rechten Herzens nach Reitzungen des Blutumlaufs, 
so strömt darum nicht mehr Blut in die Lungen, viel- 
mehr weniger, weil die Thätigkeit des kranken Her- 
zens dadurch nur noch unregelmäfsiger wird; hinge- 
gen wird der Umlauf in den Venen der Lungen gleich- 
zeitig noch mehr gestört, und sie pressen nun Blut 
durch ihre Wände hindurch durch einen Actus von 
Krampf oder rückgängiger Bewegung. Eben so ist es 
zu erklären, wenn man nach dem Tode von Herzkran- 
ken so oft blutiges Wasser im Herzbeutel findet, ohne 
dafs ein Rifs aufzufinden ist, und eben so der Blut- 
husten, welcher das Aneurisma der Aorta gemeiniglich 
begleitet. 

Aeufserst häufig kommen Blutflusse bei der Blau- 
sucht von Bildungsfehlern des Herzens vor; Nasse hat 
im* Anhange zu Burns (S. 5<Si) eine Menge Beispiele 
gesammelt, welche dieses beweisen ; allein es wäre Irr- 
thum, wenn man glauben wollte, dafs die Neigung zu 
Blutungen nur diesem kranken Znstande des Herzens 
eigen sey. Ich selbst habe diese Neigung zu Blutun- 
gen bei Herzkrankheiten ebenfalls sehr häufig beobach- 
tet, so dafs ich bei habituellem starkem Nasenbluten, 
Was Kindern häufig gemein ist, gern mein Augenmerk 
auch auf das Herz richte; ich habe aber auch bemerkt, 
dafs dasselbe in der That die Herzkrankheiten schon 
begleitet, wenn sie sonst noch keine deutlichen Zu- 
fälle machen, und es scheint mir, als ob die Natur 
sich in der That dieses Mittels bediene, um die Wir- 
kungen der Abnormitäten des Herzens >-weniger fühl- 
bar zu machen und die Statt findende Disproportion 
auszugleichen. Wirklich erleichtern auch dergleichen 



— 38s — 

Blutflusse meistentheils auf einige Zeit, und daher 
kommt es, dals die Kranken und oft ihre Aerzte sich 
darüber freuen, indem sie sich einbilden, die Ursache 
der Krankheit habe blos in Hämorrhoiden gelegen, 
von welchen unverstandige Aerzte überhaupt nur zu 
viel Folgen herzuleiten und daher oft höchst zur 
Unzeit diesen Blutfiufs zu treiben gewohnt sind. 

Ich habe in einem Falle von Herzerweiterung bei 
einer Frau im mittlem Alter, deren Regeln im Aus- 
bleiben begriffen waren, den stärksten Blutverlust durch 
-die Blase erfolgen sehen, und sie ward doch »och da- 
von erleichtert. 

Was nun den Grund dieser Blutflüsse anlangt, so 
ist Nasse's Meinung, die Venosität des Blutes selbst 
sey die Hauptursache ; ein solches sey zugleich sehr 
flüssig, z. B. das der Fische, des menschlichen Fötus 
und der winterschlafenden Thiere; wirklich habe man 
sogar scorbutische Zufälle am Zahnfleische bei solchen 
Kranken bemerkt» Gewifs ist nun wohl, dafs sich das 
Blut blausüchtiger Personen vorzugsweise durch einen 
hohen Grad von Venosität auszeichnet; und man kann 
wohl annehmen, dafs es diesem Zustande sich in al- 
len chronischen Herzkrankheiten mehr oder weniger 
nähert. Indefs scheint mir die Vorstellungsart, dafs 
das Blut wegen seiner gröfsern Flüssigkeit leichter die 
Gefäfsenden durchdringe und deshalb den Hauptgrund, 
der Blutungen bei diesen Kranken ausmache, zu me- 
chanisch; gewifs hängt das Nichtauslauf en des Blutes 
aus seinen Gefäfsen unter allen Umständen des Lebens 
von der Dichtigkeit und der lebendigen Spannung sei- 
ner Gefäfse ab ; eine dicke oder dünne Feuchtigkeit, 
z. B. Oel oder Honig, bahnt sich doch einen Weg 
durch ein sonst gut gearbeitetes Fafs, und so würden 
es auch die thierischen Feuchtigkeiten bei jedem Grade 
don Consistenz zu thun im Stande seyn. Da nun aber 



— 333 — 

bei allen Herzkrankheiten, der Grad der Venosität 
mag dabei grofs oder gering seyn, Blutungen an al- 
len Orten des Körpers vorkommen, da das Venen- 
system, wegen Unvollkommenheit der Herzthätigkeit 
selbst für dasselbe vicariren rnufs , und immer mit ei- 
ner gröfsern Menge von Blut überladen wird, als es 
der Norm gemäfs führen sollte, so kann es nicht feh- 
len, dafs auch die Vitalität dieses Systems nach und 
nach angegriffen und überwältigt wird. Erinnert man 
sich an dasjenige, was ich von dem kranken Leben 
der Venen und der Steigerung ihres Lebens zu Folge 
mancher Krankheitszustände früher gesagt habe, so 
wird man mir vielleicht eher beistimmen, wenn ich 
diese Blutungen als Resultate eines abnormen Thätig- 
keitsacts der Venen ansehe, die durch rückgängige 
freiwillige Bewegung von den Stämmen nach den 
Aesten sich der Ueberladung zu entledigen streben» 

3) Von dem wäfsrigen Auftreten des Ge- 
sichts und der Füfse, und den Anhäufungen 
Wäfsriger Feuchtigkeiten in den Höhlen 
des Körpers. 

Wir haben bei Beschreibung des Verlaufs der 
chronischen Herzkrankheiten bereits gesagt, dafs in 
Folge dieser Uebel fast regelmässig Anhäufungen von 
wäfsrigen Feuchtigkeiten eintreten; wir wollen jetzt 
das Verhalten derselben näher prüfen. Ich mufs aber 
mit der Würdigung einer ähnlichen Erscheinung den 
Anfang machen, welche sich sehr bald vom Anfange 
hitziger Krankheiten des Herzens und seiner Häute 
bemerkbar macht, und diese besteht in einer Aufge- 
dunsenneit des Gesichts, wozu sehr bald ähnliche 
leichte Anschwellung der. Füfse in der Gegend der 
Knöchel sich geseilt. Diese letzte Erscheinung ist bei 
Entzündungen des Herzens sehr constant, Und man 



— 384 — 

findet sie bei allen sorgfältigen Beobachtern bemerkt; 
ich selbst habe sie immer so treu in den ersten Tagen 
der Entzündungen der Häute des Herzens beobachtet, 
dafs ich auf sie als ein wichtiges Zeichen dieser höchst 
Versteckten Krankheiten besonders aufmerksam mache.« 

Allgemein bekannt ist die Neigung zu Oedem und 
Wasseransammlungen im Unterleibe in den spätem 
Zeiträumen der Herzkrankheiten; auch in der Brust- 
höhle häuft sich dann oft Wasser an, und selbst im 
Herzbeutel. Umgekehrt aber geschieht es nicht leicht, 
dafs bei Wassersuchten von andern Ursachen sich 
Wasser in dem Herzbeutel anhäuft, und selbst die 
Brustwassersucht gesellt sich nicht leicht zu der des 
Unterleibes, und entsteht mehr für sich aus eignen 
kranken Verhältnissen; eben so die Wassersucht des 
Herzbeutels, welche eine der häufigsten Folgen der 
Herzentzündung und alsdann wie eine hitzige Wasser- 
sucht zu beurtheilen ist. 

Diese Sätze kann man als gewisse Thatsachen an- 
nehmen; nur mufs man sich wohl in Acht nehmen, 
wenn bei Herzkrankheiten sich Beklemmungen auf der 
Brust, kurzer Athem und Angstanfälle einstellen, so- 
gleich die Existenz von Wasseranhäufung in der Brust 
anzunehmen, sobald etwa zugleich ein Oedem Statt 
findet; diese Verwechselung der Brustwassersucht mit 
den eigenthümlichen Zufällen der Herzübel in den 
spätem Zeiträumen wird von Aerzten, welche sich 
nicht auf die Unterscheidung der Herzkrankheiten ver- 
stehen, sehr häufig begangen; allein dieser Zustand 
tritt wirklich am Ende meist ein. 

Hingegen ist das Verhalten der Wasseransamm- 
lungen in den Höhlen sowohl, als in der Haut ganz 
anders bei Herzkrankheiten, als wenn Wassersucht von 
andern Ursachen entsteht; in dem ersten Falle näm-' 
lieh ist sie reines Symptom der Herzkrankheit, und' 

darin 



— 385 — 

darin liegt wohl der Grund, dafs sie auf harntreibende 
Mittel sehr schnell weicht. Dies ist sehr merkwürdig 
und für die Diagnose sogar sehr wichtig. Unkundige 
Aerzte und Quacksalber glauben in solchen Fällen 
eine glückliche Kur einer Wassersucht gemacht zu ha- 
ben, und ahnden nicht, dafs sie blos ein lastiges ge- 
fährlich scheinendes Symptom einer unheilbaren Herz- 
krankheit verscheucht haben; die Täuschung ist aber 
um so leichter dauernd, da solche Heilungen in der 
Regel immer lange genug aushalten, da bei der ge- 
wöhnlichen Wassersucht die durch diuretische Mittel 
bewirkte Hülfe nicht lange aushält und auch weit lang- 
samer eintritt, als bei Wassersucht von Herzübeln. Als 
Beweis will ich statt einer Menge anderer einen merk- 
würdigen Fall aus Burns (S. 191 u. folg.) anführen. 
Ein Mann von 30 Jahren, der von jeher an einiger 
Dyspnoe und Palpitation gelitten hatte, und bei dem 
man nach dem, 10 Jahre vom ersten ernsten Ausbruche 
der Herzkrankheit an erfolgten, Tode ungemeine Ver- 
gröfserung des rechten Herzens, der Lungenarterie und 
Vene nebst aufserordentlicher Verunstaltung derMitral- 
valvel und einiger Verknöcherung des linken Vorhofs 
gefunden hatte, ward nach mehrmaligen Anfällen von 
Bluthusten kränker; er litt cpJahre vor seinem Tode 
weit mehr an Dyspnoe und Herzklopfen, zwei Jahre 
lang, dann schien sein Uebel den Tod zu drohen ; die 
Beine schwollen schon , und die Haut am ganzen Kör- 
per so, dafs man Gruben hineindrücken konnte; er 
konnte nicht anders athmen, als dafs er safs und nach 
vorn übergelehnt sich auf ein Kissen des Tisches vor 
ihm stützte, (eine Stellung, die den Herzkranken über- 
haupt oft eigen ist); sein Puls- und Herzschlag waren 
im höchsten Grade unordentlich, der Urinabgang sehr 
sparsam • gleichwohl liefsen die schlimmsten Zufälle 
schon in drei Tagen auf den Gebrauch der Suuille 
t t *5 ] 



— 386 — 

und eines Blasenpflasters, das auf die Brust gelegt 
ward, nach, allniählig verlieis ihn die Geschwulst, die 
Palpitation und Beengung verminderten sich allmählig 
und bittere Mittel, nebst gelind abführenden, vollende- 
ten die Kur, dafs er zwar ein schwächliches, aber doch 
kein krankes Leben führte, sobald er sich nur vor Be- 
wegung des Körpers und des Gemüths in Acht nahm, 
welche seine Zufälle sogleich rege machten. Er be- 
hielt nur einen schnellen, aussetzenden, beständig wech- 
selnden, kleinen Puls- und starken doppelt so schnel- 
len Herzschlag, unruhigen Schlaf, wobei er mehr auf- 
recht sitzen mufste, livide Farbe des Gesichts und 
einige Geschwulst am Fufsgelenk. So lebte er 7 Jahre 
noch, erst dann verschlimmerten sich die Zufälle von 
neuem, und die Mittel halfen nun nichts mehr. In 
,der That ist es auffallend, dafs in diesem Falle eine 
symptomatische Kur sieben Jahre lang Erleichterung 
verschaffte und zwar bei einem sehr grofsen Herzübel; 
allein die schnelle scheinbare Hülfe bei Wasseransamm- 
lungen, die von Herzübeln herrühren, ist in der That 
Kegel, so lange nicht das letzte tödiliche Stadium der- 
selben eingetreten ist, wo nichts mehr erleichtert; ich 
habe einen Kranken ein Jahr lang in einem- sehr er- 
träglichen Zustande so erhalten, den ich mit allgemei- 
ner Geschwulst und grofser Abmagerung übernahm; 
in solchen Fällen ist die Digitalis ein wahrhaft gött- 
liches Mittel und leistet gana dasselbe, was das Opium 
in Nervenleiden da leistet, wo es wahrhaft angezeigt 
ist, und noch weit mehr, weil die Wirkung derselben 
weit bleibender ist. Die symptomatische Wassersucht, 
welche die Lungensucht begleitet, ist die einzige, wel- 
che ebenfalls von harntreibenden Mitteln oft schnell 
vescheucht wird, nur dauert die Hülfe nicht so lange, 
wie bei Herzübeln. Merkwürdig ist auch der Umstand, 
daf« die iftatnr zuweilen die Wassersucht bei Herzkran- 



— 387 — 

ken in den allerletzten Tagen des Lebens schnell ver- 
treibt, wovon ich vor kurzem ein Beispiel angeführt 
habe. 

Anders mm ist dos Verhalten der Gedunsenheit 
des Gesieh ts und der Füfse in dem Verlauf einer hit- 
zigen Herzkrankheit; diese stellt sich schon den zwei- 
ten oder dritten Tag der Krankheit ein, und bleibt 
dann ohne sich sehr zu verstärken und ohne auch vor- 
übergehend sehr abzunehmen, und sie ist ein Zeichen 
der Fortdauer der Hauptkrankheit, so lange sie nicht 
verschwindet; man mufs vielmehr einer schnellen ge- 
fährlichen Verschlimmerung der Krankheit entgegen 
sehen, sobald dieser Zufall hartnäckig bleibt, und kann 
dann mit Gewißheit Ergiefsung von plastischer Lymphe 
unä Blutwasser durch die Gefäfse der entzündeten 
Fläche mit ihren Folgen erwarten. » 

So wie dieses besondre Verhalten der Wasser- 
ansammlungen bei Herzkrankheiten ein eignes Ver- 
hältnifs derselben zu den letztern andeutet, so erhellet 
daraus auch die Verschiedenheit der Aufdunstung oder 
Anschwellung des Gesichts und der Gegend der Knö- 
chel, die bei hitzigen Herzübeln so schnell eintritt, von 
den bedeutenden Wasseransammlungen in dem spätem 
Verlaufe der chronischen Herzübel. Beide Arten von 
wäfsrigen Anhäufungen haben ihren Grund zunächst 
obnstreitig in dem Verhälmifs des Herzens zu den Ge- 
fäfsendigungen und dem lymphatischen System; es ist 
mir wahrscheinlich, da fs die erste Art Folge einer ver- 
mehrten Ausschwitzimg von wäfsrigem Dunst, zu Folge 
der vermehrten Erregung des Herzens ist, und wenn 
es überhaupt merkwürdig ist, dafs sich auf diese Weise 
das Leiden des Centrums durch Zufälle an den peri- 
pherischen Enden des Blutsystems ausspricht, so ge- 
winnt diese Erscheinung noch ein höheres Interesse, 
wenn man sieht, dafs die beiden entgegengesetzten 



— ■■ 388 — 

<* l ' ' 

Pole, nämlich der Kopf und die Füfse vorzugsweise 
diese Anschwellungen äufsern. Der Grund der Wasser- 
ansammlungen bei chronischen Herzleiden dürfte wohl 
mehr der Disproportion der Kräfte entsprechen, die 
sich nun auch dem lymphatischen System mittheilt, 
nachdem das Blutgefäfssystern immer tiefer gesunken 
ist; so dafs nun das Einsaugungsgeschäft sich vermin- 
dert, was früher nur mit der verstärkten Ergiefsung 
nicht gleichen Schritt halten konnte; gleichwohl dürfen 
wir diesen Zustand kaum als den reinen Erfolg ihrer 
Schwäche ansehen; denn dieser Ansicht widerspricht 
die schleunige Hülfe, welche oft in verzweifelt schei- 
nenden Fällen noch gewisse, die Thätigkeit des Blut- 
gefäfs- und des lymphatischen Systems erhöhende Mit- 
tel gewähren, bis endlich nicht nur alle Harmonie der 
Systeme aufgehoben, sondern auch das Ganze so ge- 
sunken ist, dafs kein Mittel mehr Linderung ver- 
schafft. 

In diagnostischer Beziehung hat die Kenntnifs der 
Wasseransammlungen bei chronischen Herzkrankheiten 
mehr einen negativen als positiven Werth; sie mufs 
lins nämlich abhalten zu glauben, dafs eine Brustwas- 
sersucht da sey, wo ähnliche Zufälle der Brust bei 
äufserlicher ,Gesch willst sich einstellen, indem viele 
Herzübel an sich schon dergleichen Zufälle bewirken; 
übrigens müssen wir aber die Hauptkrankheit früher 
erkannt haben, als diese Anschwellungen sich zeigen. 

4. Von dem Brande, als Folge von Herz- 
krankh eiten. 

Senac ist der erste, welcher den Brand de#' Glied- 
maßen als Folge und Zeichen von Herzfehlern, nach 
einer Beobachtung von Fabricius von Hilden aufge- 
stellt hat; nach diesem fand man in der Leiche einer 
schwächlichen, ganz abgezehrten, nach langen Leiden 



— 389 — 

an Lnngen- und Herzufallen verstorbenen Frau, ein 
ganz kleines Herz mit Erweiterungen der Lungenarte- 
rie und Zerstörung in den Lungen; sie hatte einige 
Zeit vor dem Tode Lähmung der linken Hand erfah- 
ren, wozu sich der Brand gesellte, der auch durch die 
Amputation nicht gestillt ward. Gegen die Folgerung 
nun, dafs der Brand hier Wirkung der Herzkrankheit 
gewesen sey, macht Corvisart {S. 175) gegründete Ein- 
würfe, denen auch Testa (S. 378) beistimmt, indem die 
Zerrüttungen in diesem Körper so grofs und mannich- 
faltig waren, dafs der Brand eher das Resultat aller 
als einer einzelnen seyn konnte. Allein ersterer sah 
den Brand nicht in einem einzigen Falle als Begleiter 
einer Herzkrankheit, und ist der Meinung, man müsse 
mehrere Beobachtungen sammeln, ehe man über den 
Causalzusammenhang des Brandes mit Herzkrankheiten 
etwas Gewisses bestimmen könnte ; er führt indefs 
noch zwei Beispiele an, welche von Giraud im Hotel- 
Dien beobachtet worden sind, in welchen bei Erwei- 
terungen des Herzens und der grofsen Gefäfse, die in 
einem Falle nach der Spitze des Herzens zu Statt fand, 
Brand mit den heftigsten, nicht zu besänftigenden 
.Schmerzen eintrat, die Amputation half aber auch hier 
nicht, Testa hat aber nicht nur mehrere eigene Beob- 
achtungen angeführt, wo Brand und bösartige Ge- 
schwüre zu Folge von Herzkrankheiten entstanden, 
sondern auch noch mehrere aus andern entlehnt ; un- 
ter denen die des Vesalius *) gehören, welcher schon 
100 Jahre vor Fabriz bemerkt hat, dafs Beispiele von 
Brand, veranlafst durch Fehler der Gefäfsstämme, gar 
nicht selten seyn ; Lancisi #*) erzählt auch einen nicht 



*) Examen observatlonum Fallopii p, 796. 
••) De aneurismat. prop. 53. p. 82. 



— ■ 390 — 

unwichtigen Fall dieser Art von dem Kanonikus Pe- 
laggi. Akenside *) will den Brand sogar bei schlei- 
chenden Entzündungen des Herzens beobachtet haben, 
und mehrere englische Wundarzte, z. B. White, zwei- 
feln nicht an der Richtigkeit der Annahme, dafs Fehler 
des Systems des Kreislaufs, besonders Verknöcherun-. 
gen der Gefäfse,, eine Ursache des Brandes seyn. In 
der That kann man bei so vielen Thatsachen nicht 
an der Richtigkeit jener Folgerung zweifeln, und die 
Erklärung der Art des Zusammenhangs ist nicht schwer, 
da auch auf Unterbindungen der Blntgefäfse der Brand 
In dem Gliede erfolgt, in welchem die Circulation auf- 
gehoben ist. Indefs beruht die Entstehung des Bran- 
des allerdings auf der Verbindung mehrerer Bedingun- 
gen, die wir noch nicht so ganz vollständig kennen, 
und auch ich bin der Meinung, dafs die Entdeckung, 
der Brand könne von Fehlern des Herzens und der 
Gefäfse bedingt werden, eher zu einem Mittel, die in- 
nern Bedingungen des Brandes näher zu erforschen, 
dienen könne, als dafs umgekehrt unsere bisherigen 
Einsichten in die Natur des Brandes durch diese be- 
stätigt worden wären. Uebrigens habe ich selbst den 
Brand der Glieder niemals im Gefolge von Herzkrank- 
heiten entstehen sehen 

Man könnte vielleicht noch eine Bestimmung der 
Lagen und Stellungen des Körpers, welche 
Herzkranke am liebsten annehmen, oder die ihnen un- 
bequem oder gar unmöglich werden, von mir hier er- 
warten. Allein es läfst sich im allgemeinen nicht viel 
davon mit Sicherheit sagen, indem die Regel sich zu 
oft nach Nebenumständen abändert. Ich will indefs 
einige allgemeine Bemerkungen darüber mittheilen. 



*) Philo s. transaciion* Vol. U.U. p. 754. 



— 39i — 

Herzkranke können meistentheils gleich gut auf 
beiden Seiten liegen, am liebsten aber liegen sie auf 
dem Rücken und mit der Brust etwas erhaben. Nur 
zu oft aber können sie eine von beiden Seitenlagen 
nicht vertragen, z. B. nicht die auf der linken Seite 
bei grofsen Erweiterungen einer Vorkammer mit den 
daran hängenden Venenstämmen, weil diese dann zu 
sehr geprefst werden, und selbst die Arterienstämm© 
mehr pressen,, dasselbe ist der Fall bei ungemein vie- 
len andern besondern Zustanden; daher kann die Un- 
fähigkeit auf einer Seite zu liegen, wenigstens nichts 
lehren, um Lungenkrankheiten von Herzkrankheiten 
zu unterscheiden. 

Sehr "häufig geschieht es, dafs Herzkranke in einer 
nach vorn übergebückten Lage, die Arme auf die 
Knie und die Hände an das Gesicht gestützt, Tag und 
Nacht aufser dem Bette auf einem Stuhl init herunter 
hängenden Füfsen zubringen müssen, und so, zwar 
fürchterlich leidend, aber doch noch am erträglichsten, 
zubringen; man könnte diese Stellung als eine den 
Herzkrankheiten eigenthümliche annehmen. Man beob- 
achtet sie besonders bei Entzündungen nach erfolgten 
Ergiefsungen, aber auch bei organischen Fehlern. 

Eigen ist auch den Herzkranken, dafs sie oft beim 
Beginnen, z. B. einer Entzündung, noch mehr beim 
Eintritt der Angstperioden, plötzlich aus dein Schlafe 
erwachen und von der Angst und Beengung, wie durch 
einen Zauber ergriffen, in einem Augeublick aus dem 
Bette springen und sieb, aufser demselben vorwärts ge- 
bückt setzen. 

Die Art der Lage, welche die Kranken vorziehen, 
hängt oft v° n dem Zustande der Luftröhre ab; daher 
müssen solche Kranke besonders sehr hoch, und kön- 
nen gar nicht auf dem Rücken liegen, wo diese bei 
einein Aaeuxisma. der Aorta sehr gedrückt wird. Das 



— 302 — 

über sich langen mit beiden Armen vertragen Herz- 
kranke auch nicht gut, indem dadurch der Eintritt des 
Bluts in die Armschlagadern gehemmt wird. 

Bei Entzündung und Wassersucht des Herzbeutels 
scheint bald die eine, bald die andre Seitenlage von 
den Kranken vorgezogen zu werden, oder sie wech- 
seln sehr oft in beiden, weil jede unbequem ist und 
nicht lange ausgehalten werden kann. Kranke die an 
Erweiterungen litten, habe ich oft gern ganz gerade 
ausgestreckt liegen sehen. Wenn ein Herzkranker aber 
eine Lage, die er vorher nie ertragen konnte, auf ein- 
mal leicht erträgt und sie selbst wählt, so steht es 
meist schlecht um ihn, und der Tod ist nicht weit 
entfernt ; der Grund liegt wohl in dem Nachlassen des 
Gemeingefühls des Herzens selbst. Doch ich will hier- 
mit schliefsen, und werde mehreres, was diesen Um- 
stand betrifft, lieber bei der Betrachtung der einzelnen 
Arten der Herzkrankheiten näher angeben. 



*il